Ausgabe 
5.3.1905
 
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Seite 4.

Mitteldeutsche Sonutags⸗Zeitung.

* Nr. 10

30 Wochen mußten damals die Tischler kämpfen, und um ihnen den Sieg zu entreißen, verlangten die Unternehmer der Baubranche von den übrigen Bauarbeitern, daß diese die Tischler zur Wiederaufnahme der Arbeit bewegen sollten. Als dies nicht geschah, sperrten die Unternehmer saͤmtliche Bauarbeiter aus, eine Scharfmachertat, die mit einer schweren Niederlage der Unter⸗ nehmer endete.

von Rah und Fern.

Hessisches.

Der Landtag beschäftigte sich in seinen letzten Sitzungstagen noch mit der Einzelbera⸗ tung des Etats. Dienstag und Mittwoch kam der Eisenbahnetat zur Beratung, bei welcher Gelegenheit verschiedene Abgeordnete ihre Eisen⸗ bahnschmerzen vorbrachten.

Vergebliche Mühe. In Bürgel bei Offenbach wurden bei der letzten Gemeinde⸗ rats wahl drei sozialdemokratische Kandidaten gewählt. Von gegnerischer Seite wurde gegen die Gültigkeit der Wahl reklamiert und merk⸗ würdigerweise wurde dem Protest vom Kreis⸗ ausschuß auch stattgegeben, in erster Linie, weil auf einer Anzahl sozialdemokratischer Stimm⸗ zettel in Folge zu starken Druckes die Namen der Kandidaten auf der Rückseite sichtbar waren wenn auch nur sehr schwach, kaum erkennbar. Gegen das Urteil des Kreisausschusses wurde Rekurs beim Provinzialau schuß in Darmstadt eingelegt, der die Wahl am Samstag für gültig erklärte.

Einen schönen Sieg erfochten unsere

Genossen in Urberach bei einer Gemeinderats⸗

Nachwahl. Trotz ungeheurer Anstrengung der Schwarzen vom Zentrum wurde der sozial⸗ demokratische Kandidat Schwab mit 177 von 339 abgegebenen Stimmen gewählt. Schwab's bereits früher erfolgte Wahl war für ungültig erklärt worden; es gelang aber den Gegnern nicht, uns das Mandat zn entreißen.

Die reine Kosaken⸗Gesinnung bekundet das Friedberger Antisemiten Organ, das seinem TitelVolkswacht wirklich sehr wenig Ehre macht. Als die zarischen Bestien in Petersburg Tausende wehrlose Menschen nieder⸗ knallten, hatte das famose Organ desVolks⸗ vertreters Hirschel kein Wort des Tadels. Desto mehr beschimpft es aber diejenigen, die ihr Leben für die Freiheit des russiscken Volkes einsetzen. Kein Wort ist zu roh und gemein, mit dem Hirschel's Sudelblatt nicht die russischen Freiheitskämpfer belegt und in gleicher Weise schimpft es natürlich gegen unsere Partei. Nun, wir wünschen allen Menschen Gutes, auch unsern Gegnern und Herrn Hirschel. Ihm wünschen wir höchstens, und zwar im Interesse der Allge⸗ meinheit, daß er bei Wahlen zum Reichs⸗ oder Landtage durchfallen möge, weil er eben zum Volksvertreter nichts taugt. Angesichts seiner Verunglimpfungen der russischen Revolutionäre wünschten wir ihm aber, daß er einmal nur ein paar Wochen in die Behandlung russischer Polizisten käme, dann würde er jedenfalls zu anderer Meinung kommen. Im Uebrigen ist es ja ganz gleichgültig, was der Jammer⸗ Wisch seinen paar Lesern über unsere Partei und die russische Bewegung erzählt. Wir wollten nur auf die niedrige Gesinnung hin⸗ weisen, die in jenem Papier zu tage tritt und die davon sind wir fest überzeugt auch von keinem nur einigermaßen vernünftigen Bauer geteilt wird.

Gießener Angelegenheiten.

In der Stadtverordneten⸗ sitzung am Donnerstag kam u. a. der schauerliche Zustand des Brandplatzes, der bei dem jetzigen Wetter einfach unpassierbar ist, zur Sprache. Der Oberbürgermeister er⸗ klärte, daß man hier nichts tun könne, weil der Platz dem Staate gehöre. Hoffentlich käme er bald in den Besitz der Stadt.(In mancher Straße siehts übrigens nicht viel besser aus als auf dem Brand.) Die Straßen⸗Absperrungen bei Aken der Hausanschlüsse an die Kanalisation sind sehr mißlich. Es wird gerügt, daß Unternehmer ohne polizeiliche Genehmigung

absperrten. Dem Unfug soll in Zukunft gesteuert werden. Für das Klärbecken wird die Anschaffung eines Dampfkessels für die Schlammpumpe beschlossen. Preis; 12000 Mk. Bei dieser Gelegenheit bemerkte der Herr Bau⸗ rat, daß die Preise aller Materialien gewaltig steigen, durch Syndikate in die Höhe getrieben werden. Das vorjährige Jugendfest schloß finanziell günstiger ab, als das vorher⸗ gegangene. Das Defizit beträgt nur 1103 Mk. Wird bewilligt. Das Elektrizitätswerk zeigt gute Entwickelung. Für die Kriminalpolizei wird ein zweites Fahrrad bewilligt. Die Räumlichkeiten im Bürgermeisterei⸗ Gebäude erweisen sich als unzugänglich. Es soll durch einen Neu⸗ oder Umbau Abhilfe geschaffen werden, doch wird darüber noch kein Beschluß gefaßt. l

Das Schwurgericht der Provinz Oberhessen tritt am Montag, den 6. März 9/ Uhr vorm. unter Vorsitz des Landgerichtsrats Koch zusammen. Es liegen ihm nur drei Fälle zur Aburteilung vor. Am Montag wird verhandelt gegen die Witwe Faitz aus Ilbes⸗ hausen wegen Meineid; Dienstag gegen Paul Becker, Knecht aus Schlitz wegen Sittlichkeits⸗ verbrechen; Mittwoch gegen Chr. Faust aus Uellershausen wegen Meineid. Bei Durch⸗ sicht der Geschworenen⸗Liste fällt auf, daß fast sämtliche Geschworenen Bauern sind. Wie das wohl kommen mag? Und warun nicht einmal auch ein Arbeiter als Geschworener herange⸗ zogen wird? Wir haben wenigstens noch nie einen auf der Liste verzeichnet gefunden. Hier müssen doch die Arbeiter als gleichberechtigte Bürger angesehen werden.

Den Schulzensuren wird von vielen Eltern eine viel zu große Bedeutung beigelegt und oft genug werden die Kinder bestraft, wenn sie schlechteNoten nach Hause bringen. Demgegenüber verweisen wir auf das, was darüber in dem ArttkelZensuren in der vorigen und dieser Nummer ausgeführt wird. Wir empfehlen allen Eltern, denselben genau durchzulesen und die nötigen Nutzanwendungen daraus zu ziehen.

d. Denunziationen der Arbeits⸗ kollegen gegen einander sind ganz besonders häßliche Sachen. Wenn ein Arbeiter dadurch seine Lage zu verbessern sucht, daß er sich bei dem Arbeitgeber herausstreicht, seine Neben⸗ arbeiter aber anschwärzt und diese dadurch schädigt, so wird das jeder anständige Mensch als Aus fluß niedriger Gesinnung und in jeder Beziehung verwerflich finden. Mit Recht werden diese Leute von ihren Kollegen möglichst gemieden. Glücklicherweise gibt es noch Arbeitgeber, die Angebereien kein Gehör schenken. Der in einer hiesigen Brauerei beschäftigte Fahrbursche Th. Simon gertet mit einem Brauer, gegen den er durchaus unberechtigte Vorwürfe erhob, in Streit und es kam schließlich zur gerichtlichen Klage. Die Sache drohte aber für den Angeber un⸗ günstig zu verlaufen, er suchte sich deshalb mit dem Schwindel herauszureden, daß er die organisterten Brauer als gewalttätige Menschen hinstellte, die ihn den ganzen Tag chikanierten. Also der berühmteTerrorismus. Diese freie Erfindung und schofle Verdächtigung konnte als unwahr sofort zurückgewiesen werden und ver⸗ fehlte ihren Zweck vollständig. Bei dem Personal der Brauerei hat aber der Fall derartige Auf⸗ regung hervorgerufen, daß allgemein öffentliche Zurückweisung in der Sonntags⸗Zeitung ver⸗ langt wird. Dem betreffenden Angeber wäre zu raten, statt sein Geld zu den Rechtsanwälten zu tragen, es lieber seiner Familie zukommen zu lassen. Außerdem möge er, wie alle der Arbeiterbewegung gleichgültig Gegenüberstehen⸗ den erkennen, daß die organisierten Arbeiter auch für sie Vorteile durch Schaffung besserer Arbeitsbedingungen erkämpft haben.

Ueber Konsumgenossenschaften und ihre Bedeutung wird demnächst in einer vom Konsumverein für Gießen und Umgegend einzuberufenden Versammlung Herr Professor Staudinger⸗Darmstadt einen Vortrag halten. Voraussichtlich findet diese Versamm⸗ lung Mittwoch, den 15. März in Lon y's Bierkeller statt. Zu der Versammlung, in

welcher zugleich die Geschäftsleitung des ge⸗

nannten Konsumvereins über die Entwickelung desselben berichten wird, hat jedermann Zutritt. Der Braumeister Jos. Wester⸗ mayer der Brauerei Friedel und Asprion ist am Mittwoch früh plötzlich verstorben. Er ö erfreute sich allgemeiner Beliebtheit, auch, was man nicht oft findet, bei den ihn unterstellten Arbeitern, denen er stets eine vernünftige und anständige Behandlung angedeihen ließ und die ihn deshalb hochschätzten. Er dürfte auch das Vertrauen der Arbeitgeber im vollsten Maße genossen haben und es wird nicht leicht sein, für ihn vollen Ersatz zu finden. Von einem schweren Unglück wurde vorigen Freitag unser Genosse Muhl in der Bahnhofstraße betroffen. Sein Töchterchen fiel bei Bekannren, wohin es seine Mutter mit- genommen hatte, in einem unbewachten Augen⸗ blicke in einen mit heißem Wasser gefüllten Topf und verbrühte sich so schwer, daß es am andern Tage seinen Verletzungen erlag. Das Frankfurter Gewerkschafts⸗ haus hat im vergangenen Jahre, wie aus dem kürzlich veröffentlichten Geschäftsberichte hervorgeht, wiederum ein ganz erfreuliches Resultat aufzuweisen. Der Reingewinn ist allerdings im Verhältnis zu dem riesigen Umsatz als mäßig zu bezeichnen, doch das Unternehmen zielt ja auch nicht darauf ab, große Ueberschüsse zu erzielen, als vielmehr darauf, den das Gewerkschaftshaus aufsuchenden Gästen und Fremden bei möglichst niedriger Berechnung gute und preiswerte Waaren zu liefern. Der Umsatz belief sich im abgelaufenen Jahre auf 306,000 Mk., der Reingewinn beträgt 13,382,738. Mark, also etwa Prozent vom Umsatz. Dieser Ueberschuß wurde, wie im Vorjahre, zun Schuldentilgung benutzt. Im Vorjahre betrug der Reingewian 13,795,30 Mark. Die Umsätze ö der beiden letzten Jahre sind ziemlich gleich geblieben; der Bier⸗, wie auch der Schnaps⸗ umsatz ist etwas zurückgegangen. Dagegen hat der Umsatz an Speisen wiederum ganz ansehnlich zugenommen. Aus dem Bericht ist besonderns erwähnenswert, daß im vergangenen Jahre die Beköstigung, sowie das Biergeld der Kellner abgeschafft worden ist; die Kellner erhalten nur noch Baarlöhne. Die Ablösung der Beköstigung, erfolgte nach den Sätzen der für die Gäste üblichen Preise. Es übernachteten im ver⸗ flossenen Jahre 27747 Personen im Gewerk⸗ schaftshaus, fast genau soviel als im Vorjahre. Augesichts dessen, daß das Gewerkschaftshauns mit seinen gut eingerichteten Räumlichkeiten einen sehr angenehmen Aufenthaltsort für Arn⸗ beiter bietet, könnte der Verkehr, wie der Berichet meint, noch lebhafter sein. Unsere Partei⸗ 4

freunde, welche gelegentlich nach Frankfurt kommen, sollten nicht versäumen, das Gewerk- schaftshaus am Schwimmbad in der Nähe der Allerheiligenstraße aufzusuchen. Und wann wird sich die Gießener Arbeiterschaft. 1

ein eigenes Heim schaffen?

Aus dem Areise gießen.

Die Tabakarbeiter⸗Versammlungen in Heuchelheim und Wieseck finden nicht, wie neulich irrtümlich in der M. S.⸗Ztg. mitgeteilt wurde, diesen Sonntag, sondern erst am 19, März statt. 8

Aus dem Rreise Iriedberg⸗Büdingen.

v. Eine Parteikonferenz für den südlichen Bezirk des Wahlkreises Friedberg⸗Büdingen tagte am Sonntag in Nieder⸗Wöllstadt. 37 Delegierte und Vertrauensleute waren vertreten. Vor Eintritt in die Tagesordnung wurden die in Petersburg gefallenen 5 Arbeiter durch Erheben von den Sitzen geehrt. Zum ersten Punkte: Agitation macht dann Repp⸗Friedberg längere Ausführungen und gibt Anregungen, wie nach seiner Meinung praktisch agitiert werden könne. Vor ö allem sollten sich die Parteigenossen über das Partei⸗ programm klar sein und darüber in den Vereinsver⸗ sammlungen diskutieren. Die BroschüreGrundsätze und Forderungen von Kautsky biete hierzu einen wert⸗ vollen Leitfaden. Bezüglich der Maife ier wird be⸗ schlossen, dieselbe wieder in Vilbel abzuhalten, außerdem sollen in den einzelnen Orten natürlich Versammlungen stattfinden. Schließlich referiert Kühn⸗Friedberg über die Landtagswahlen. Er bespricht die ein⸗ zelnen Bestimmungen des Wahlgesetzes und die Voraus⸗ setzungen des Stimmrechts. In der Diskusston bemerkt Repp, daß man darauf sehen müsse, als Wahlmänner