Seite 6.
Mitteldentsche Sonutags⸗Zeitung.
Nr. 6.
Der fromme Helfer.
Eine medizinische Treibjagd, peranstaltet von einem Arzte. Schluß.
Wir wollen nun ganz davon absehen, daß wir von Herrn Semmel nichts über die Größe des zu bohrenden Loches erfahren haben; es hält einigermaßen schwer, zu glauben, daß eine solche Arbeit so schnell verrichtet werden konn, daß nicht nur„der kranke Arm“, sondern auch „die Seite“(offenbar die kranke Seite, und zwar die ganze) in den Boden gesteckt werden kann; dann hätten wir also schon mehr eine regelrechte Grube.
Angesichts des offenbaren, sich hieraus er⸗ gebenden Unsinns sollte man eigentlich nicht erst in eine Beurteilung der Semmel'schen „Entdeckung“ eintreten, wenn nicht, wie die tägliche Erfahrung tausendfach beweist, viele Menschen überall an noch viel düm mere Dinge glaubten und— zu ihrem und vor allem ihrer Kranken Unglück darnach handelten! Daher mag Folgendes genügen: Angenommen, der Betreffende wäre wirklich an„Blutvergiftung“ erkrankt, so wäre z. B. der Arm stark entzündlich geschwollen, d. h. mehr oder weniger hochrot, verdickt und sehr schmerzhaft; an irgend einer Stelle findet sich eine kleine Wunde, die, zuerst kaum beachtet, als sichere Eingangspforte den Bakterien diente; diese erregten jene Entzündung. Es besteht ferner Appetitlosigkeit, Fieber, allgemeine Schwäche usw. Die Wirkung an dem in den Boden gesteckten kranken Arm wird uns sofort klar, wenn wir einen gesunden Arm längere Zeit ruhig herabhängen lassen: die Blutadern werden bald stark anschwellen, der Arm, nament⸗
lich die Fingerspitzen, werden sich kalt anfühlen,
alles deshalb, weil das Blut, welches zum Herzen fließen soll, sich staut(etwa gleich der Schleusenwirkung). Ein entzündlich ge⸗ schwollener Arm, in welchem der Blut- umlauf durch die Schwellung schon von vorn⸗ herein erheblich geschädigt ist, muß durch das Hängenlassen oder„In ⸗den⸗ Boden: stecken“ noch viel mehr leiden; die Durchströmung eines solchen Armes mittelst frischen Blutes, also seine Ernährung, vermindert sich immer mehr; die Entzündung geht in Eiterung über, und der Kranke stirbt schließlich an einer wirk⸗ lichen Blutvergiftung— wenn er nicht vorher infolge der gräßlichen Schmerzen Herrn Semmel ausgerückt ist und ärztliche Hilfe in Anspruch genommen hat.
Außerdem aber enthält der Boden zahllose Bazillen(kleinste Lebewesen, welche schlimme Infektionskrankheiten, wie Typhus, Tuberkulose, Ketten⸗ und Kugelbazillen, vor allem Wund⸗ starrkrampf erzeugen); diese lassen sich, trotz Herrn Semmel, die Gelegenheit nicht entgehen, ihren Spezialbetrieb schnellstens zu eröffnen,
d. h. sie erzeugen eine jener Krankheiten, unter denen der Wundstarrkrampf die gegenwärtig furchtbarste ist: ein sicheres Mittel gegen diese Krankheit gibt es noch nicht; die Mehrzahl dieser Patienten geht in wenigen Tagen elend zu Grunde. So würde, nach Herrn Semmels „Auffassung“, die„heilbringende“ Wirkung des schnell gegrabenen Lehmloches aussehen.
Indes, der fromme Mann hat ein zu gutes Herz, als das er, wie wir schon wissen, nicht auch den allbekannten Rheumatismus mit Lehm kurieren möchte. Vermutlich verdankt der Gute sein neues„Mittel“ höchstwahrschein⸗ lich allein dem Umstand, daß seine Füße, wie schon vor ihm diejenigen vieler Menschenkinder, irgend einmal bei Regenwetter in einer Lehm⸗ schicht einsanken. Und da dieses Erdmaterial hierbei einen recht dicken Brei gibt, so dachte unser frommer Helfer, es einmal in diesem Zustande, so wie die Natur ihn gelegentlich darbietet, bei rheumatischen Personen anzu⸗ wenden.
In der Tat will unser neuer Gesundheits⸗ apostel feuchten Lehm anwenden; aber— o Graus!— seine Kranken würden ihm keinen Dank wissen ob der fürchterlichen Kälte seines neuen„Mittels“, denn bei wirklichem Rheuma⸗ tismus sind Umschläge, Bäder und ähnliche
Prozeduren bekanutlich nur in warmem Zustande nützlich. Ich will also das Gedanken⸗ labyrinth unseres„Frommen“ schnell verlassen und also annehmen, es handele sich um das Auflegen oder Umlegen feuchtwarmen Lehmes. Genaue Versuche, die ich darüber anstellte, ergaben: Lehm mischt sich mit warmem Wasser nur langsam bei stetem Um⸗ rühren und gibt dann einen dicken Brei, der sich aber sehr schnell des ihm aufgezwungenen Wassers entledigt und sich, soeben auf 85, Celstus erwärmt, in wenigen Sekunden bis gegen 60 Celstus abkühlt, auch wenn man ihn so schnell wie möglich in dicke Tücher hüllt. Wenn er wie bei allen warmen Umschlägen, mit dicken wollenen Tüchern(ich nahm sehr dicke Watte⸗ lagen) umgeben wird, dann sinkt die Temperatur z. B. von 69 Celsius nach 5 Minuten auf 620 Celsius, nach weiteren 5 Minuten beträgt sie 57 und fühlt sich eben noch warm an, ist aber schon halbfest; nach 17 Minuten, also 2 Minuten nach einer Viertelstunde, ist er deut⸗ lich lauwarm(52 Celsius!); in einem anderen Versuche fand ich fast genau dieselbe schnelle Erniedrigung der Wärme von 60 C. auf 540, 480, 435, 400; letztere Zahl nach 19 Minuten. Man müßte also mindestens alle 10 Minuten den sehr unbequemen Lehmbrei er⸗ neuern, d. h. mit heißem Wasser übergießen, eine sehr unsaubere und höchst umständliche Arbeit. Bestimmte Blechdosen, mit warmem Wasser(40 vis 60 C.) gefüllt, sog. Termophore, leisten weit mehr, denn sie bleiben mindestens 2, ja 3 und mehr Stunden sehr warm, auch trockener heißer Sand, der mindestens 3 Stunden seine starken Hitzegrade beibehält. Schon die bekannten Lein⸗ samen⸗ und Kartoffelbreiumschläge spenden min⸗ destens doppelt so lange Wärme, als Semmel⸗ scher Lehm; Termophore und heißer Sand halten die Hitze sogar 12, ja 24 mal läuger zurück als Lehm.
Außerdem finden sich viel Steine und große Mengen von Stroh und Schmutz in diesem Erdmaterial; und endlich ist Lehm bekanntlich nicht überall zu haben. g
Herr Semmel verkündet aber noch weitere Heilmittel; er behauptet, daß„die gichtischen und rheumatischen Schmerzen verschwinden werden“, wenn man„sich im Sommer mit entblößtem Körper auf die blanke Erde legt und sich von der Sonne bescheinen läßt“. Gewiß, sehr dankenswert; aber dieses„Sonnen- bad“ ist schon lange vor Herrn Semmel's Ankündigung bekannt gewesen, wenn auch nicht Jeder den Mund so voll nimmt, wie unser frommer Helfer, der unter Anderem auch mit der Sonne die gichtischen und rheumatischen Qualen des Menschen sicher(?) zu beseitigen behauptet.
Herr Semmel verspricht aber noch viel mehr. Man lese und staune:„Auch die Nierenkrank⸗ heiten und die damit im Zusammenhang stehen⸗ den Leber⸗ und Gallensteinleiden können durch Auflegen von feuchtem Lehm günstig beeinflußt werden.“ Dagegen ist einfach vom sachver⸗ ständigen, hier also vom ärztlichen Stand⸗ punkt aus zu sagen, daß es zahlreiche Nieren⸗ kranke gibt, die nie an einer Leber⸗ oder Gallen⸗ steinkrankheit gelitten haben, und umgekehrt. Und was wir vom„feuchten Lehm“ zu halten haben, wissen wir ja bereits.
Am Schlusse des inhaltsleeren Berichtes heißt es im Wetzlarer Anzeiger:„Diese Krank⸗ heiten(nämlich die Nieren-, Leber⸗ und Gallen⸗ steinkrankheiten) kämen übrigens daher, wenn dem Körper zu viel Flüssigkeit zugeführt werde.“ Auch hier ist Herrn Semmel das Mißgeschick passiert, einen platten Unsinn vom Stapel zu lassen. Allerdings leiden zahlreiche Alkoholiker, die Herr S. vielleicht meint, an Leber⸗, Nieren⸗ und noch vielen anderen Krankheiten, weil sie große Mengen Alkohol zu sich nehmen und der chronische Magenkatarrh ist zugleich eine Folge der großen Wassermengen, die gleichzeitig dem Magen einverleibt werden. Dagegen haben wir Aerzte noch niemals gewußt, daß große Flüssig⸗ keitsmengen auch Gallensteinleiden hervorrufen können. Erst die leichtbeschwingte Phantasie des Herrn Semmel hat jene„Enkdeckung“ her⸗ vorgebracht. Herr S. ist aber anscheinend so sehr lehmbegeistert, daß er an andere Ursachen
jeuer Uebel gar nicht denkt! Außerdem kennen 5
wir keineswegs in jedem Falle die Ursache jener Krankheiten.
Wir sind am Schlusse angelangt.
Unsere Jagdbeute ist groß, aber nicht er⸗ freulich 3 denn es ist betrübend, daß ein Amts⸗ blatt sich im 20. Jahrhundert zur Aus- breitung eines offenbaren Schwindels überhaupt hergibt. Und damit der helle Unsinn auch noch eine höhere Weihe erhielte, entblödete sich unser frommer Helfer nicht, die Versammlung mit Gebet() zu schließen.(im Bericht steht: „Darauf wurde mit Gebet die Versammlung geschlossen“); vorher aber erdreistete er sich noch, „die Anwesenden zu dem Besuch der Vorträge aufzufordern.“
Wir haben also noch eine reiche Ausbeute an Unsinn und Gewissenlosigkeit zu erwarten. Vielleicht aber kommen wir den Beweggründen, die Herrn Semmel zu seinem blöden Auftreten veranlassen, ein Stück näher, wenn wir an⸗ nehmen, daß Herr S.— nur 3 Stunden zu schlafen pflegt, wie er dies ja bekanntlich auch von Anderen fordert.
Allen aber, Kranken wie Gesunden, gebe ich den dringenden Rat, in Krankheitsfällen nur sachgemäße, d. h. ärztliche Hilfe zu suchen und allen Lockungen irgend welcher „Prediger“ zur Wiederherstellung der Gesund⸗ heit kein Gehör zu schenken, zum eigenen Wohle wie zu dem der Mitmenschen.
Uah und Fern.
Versammlungs, freiheit“ im Goetheländchen.
Die Erfurter Tribüne publiziert ein neues Versammlungsverbot. Es ist ein ortho⸗ graphisches und stilistisches Kuriosum, das buchstäblich und wörtlich wie folgt lautet:
Die auf heute anberaumte Oeffentliche Volksver⸗ sammlung wird, wie hiermit geschied, untersagt, da deren abhaltung und die Behandlung durch Sozialsche Agitator des Themas, gerade an den heutigen Tage an welchen Kirchlich der so früh heimgegangenen Landesherrin ge⸗ dacht wird, den Gefühlen der Ortsbevölkerung geradezu ins Gesicht schlagen, und daher hiermit eine dringende Gefahr für die öffentliche Ruh, und Ordnung in sich schließen würde.
Neunhofen den 22. 1. 05.
Der Gemeindevorst. Werther.
Angemeldet war ein Vortrag des Tischler⸗ meisters Hohl in Neustadt a. O. über das Thema: Welches Recht hat der Ar⸗ beiter in Staat und Gemeinde, das, wie man sieht, im Goetheländchen wirklich rech zeitgemäß ist.
Krieger vereinliches.
In Ottendorf⸗Okrilla(Sachsen) sind die Konsumvereiustöter ganz närrisch geworden. So erhielt dieser Tage ein Mitglied des Krieger vereins die Aufforderung, aus dem Militär verein auszutreten, weil sein Sohn— Mitglied des Konsumvereins ist. Man muß dabei bedenken, daß der Sohn gar nicht bei seinem Vater wohnt, sondern einen vollständig selbständigen Haushalt führt. Der mit dem Schreiben beglückte„Kamerad“ hat es natürlich abgelehnt, seinem Sohne Vorschriften zu machen und lieber seinen Austritt erllärt. So kommt die ganze Treiberei nur dem Konsumverein zu gute.
Elend in Warschau.
In den ersten drei Wochen dieses Monats mußte der Rettungswagen in Warschau in 22 Fällen requiriert werden, wo Personen in⸗ folge Hungers auf offener Straße entkräftet hingestürzt waren. Eiver jeden dieser Personen wurde nicht nur entsprechend ärztliche Hilfe er⸗ teilt, sondern es wurden denselben vom Arzte des Rettungswagens auch zehn Bons zum Er⸗ halt von unentgeltlichen Mittagessen und ebenso viel Billets zum unentgeltlichen Nachtlager in dem Nachtasyl verabreicht. Was soll aber dann weiter mit den Unglücklichen werden?— Dieses schauderhafte Elend zu einer Zeit, wo viele hundert Millionen für den nutzlosen Krieg verpulvert werden!
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