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5.2.1905
 
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Nr. 6.

Mitteldeutsche Sonntags⸗Zeuung.

Seite 7.

Eine russische Freiheitskümpferin.

Ungewöhnliches Interesse, so lesen wir in derLeipz. Volksztg., erweckt augenblicklich in Amerika eine russische Frau, Katharina Bresh⸗ kowskaja, die die Hauptstädte der Vereinigten Staaten bereist, überall politische Versamm⸗ lungen abhält und durch ihre feurige Beredsam⸗ keit das tiefste Interesse für den geistigen Be⸗ freiungskampf der russtschen Nation wachruft. Wo sie auch sprach, in Newyork, in Boston, in Chilago, überall wandten sich ihr, wie Womans Journal berichtet, die Sympathien der besten Männer und Frauen zu, bildeten sich Zweig⸗ vereine der Liga derFreunde der russischen Freiheit und flossen ihrem Hilfsfonds reiche Geldspenden zu.

Katharina Breshkowskaja ist eine der vielen Märtyrerinnen, die die Liebe zu ihrem Volke mit unaussprechlichen Leiden bezahlen mußte. Aus vornehmer Familie und voll hoher Bildung, widmete sie ihr Leben dem Unterricht und der Aufklärung der Bauern. Für diesVerbrechen wurde sie nach Sibirien verschickt und mußte dort viele Jahre im Kerker verbringen. Ihre Verbannung währte 25 Jahre. Vor 8 Jahren kehrte sie nach Rußland zurück und begann sofort ihre Arbeit von neuem. Sieben Jahre lang durchreiste sie Rußland kreuz und quer, überall lehrend und organisierend. Der Haß der Autokratie gegen sie war noch nicht erschöpft, man verfolgte sie von neuem.

Aber obgleich die Regierung fast eine Million für ihre Ergreifung ausgab, gelang es ihr doch stets, zu entkommen, da ste so beliebt bei den Bauern ist, daß, obgleich Tausende sie kennen, niemand sie verrät. Im letzten Jahre bereiste die Breshkowskaja das Ausland, um dort Sympathien für die russischen Freiheitsbestreb⸗ ungen zu erwecken. In Kürze hofft sie, nach Rußland zurückzukehren.

Auf die jetzt so viel umstrittene Frage, ob das russische Volk für die politische Freiheit reif sei, antwortet sie mit folgendem Beispiel:

Es gibt in Rußland zwei Provinzen, Viatka und Perm, in denen gar keine Edelleute wohnen, und in denen Bauern ihre N heiten selbst verwalten. Diese beidenBauern⸗ provinzen haben die besten Wege, die besten Schulen, die bestbezahlten Lehrer und die größte Anzahl Bibliotheken und technischer Schulen von allen russischen Landesteilen. Jede Stadt in Viatka enthält eine höhere Mädchenschule, und sie würde ebenfalls ein Knabengymnasium haben, wenn die Regierung es erlaubte. Aber diese gestattet nur ganz wenige höhere Knaben⸗ schulen.

Die Bauerntöchter, die das Gymnasium mit Auszeichnung durchmachen, und die die Abgangs⸗ prüfungen bestehen, werden Lehrerinnen, Kranken⸗

pflegerinnen, Wundärztinnen usw. Aber nach⸗

dem alle verfügbaren Plätze in den höheren Berufen besetzt sind, bleibt noch eine große Anzahl gebildeter Mädchen übrig. Diese heiraten ungebildete Landwirte.Aber, sagt Katharina Breshkowskaja,das Bemerkenswerte ist, daß solch gebildete Frau in ihrem Hauswesen stets peinliche Ordnung und Sauberkeit hält und ihre Kinder, Söhne wie Töchter, gut erzieht.

Diese Bauern, fährt sie fort,erledigen ihre Gemeindeangelegenheit mit sehr viel gesundem Verstand und Besonnenheit, in starkem Gegen⸗ satz zu der stumpfsinnigen, verschwenderischen und korrumpierten Art, in der die Regierung die Gelder ausgibt and alle Geschäfte von der verkehrten Seite angreift.

An das Beer der Arbeit!

Sünde doch an allen Scken

An dein rotes, heilges Feuer,

Daß die Lohe schlag' zum Himmel,

Daß zerfall' das morsch' Gemäuer! Casse deine roten Fluten

Ueber alle Cänder gehen,

Schwemm' der Feinde Burgen weg, Laß' sie stürzen, untergehen!

Casse wilde Steppenstürme

Alle dunklen Wolken teilen,

Dulde keine Hindernissel! f Eil' den Pfad des Sieges! 3 13

Der Gottlole. Eine Dingskircher, Geschichte von K. H. Diefenbach.

Fortsetzung.

Stand sie darauf im Privatzimmer des Gutsbesitzers und brachte ängstlich ihre Bitte vor. Der Herr setzte seinen Kneifer auf und betrachtete sich lächelnd das in abgetragenem aber sauberen Kleide vor ihm stehende Weib, das auch in seiner Armut die Anmut des Weibes sich bewahrt hatte. Er lud Luise ein, näher zu treten.

Luise tat es rasch aber sprang sie zurück, denn der Herr wollte seinen Arm um sie legen und lächelte sie so eigentümlich an, daß sie in⸗ stinktiv fühlte, das Lächeln gelte dem Weibe und nicht der Bittstellerin.

Ihre Bitte wurde ihr darauf rundweg ab⸗ geschlagen; ja noch mehr: Eine Unzufriedene könne er nicht brauchen, sagte der Herr, und sie könne morgen daheim bleiben. ie Unzu⸗ friedenheit der Arbeiter sei eine Pest, die man im Keime ersticken müsse, wenn ste nicht folgen⸗ schweren Umfang annchmen solle.

Dies war am Freitag und am Sonntag saß der Gutsbesitzer auf der Herrenbank in der Kirche, spielte mit der goldenen Uhrkette nnd sang aus voller Lunge:Liebe, dir ergeb' ich mich. In ihrem Stübchen aber saß um die⸗ selbe Zeit ein armes Weib, reichte ihrem Kindlein die leere Brust und weinte bitterlich. Da ging der Flickschuster einen Bündel auszubessernder Schuhe unter dem Arme tragend, an dem Häuschen Luisens vorbei. Er hörte das jäm⸗ merliche Schreien des Kindes und dachte:Ich muß doch einmal gucken, was die arme Frau eigentlich macht.

Er trat über die Schwelle, und die Armut, die er da sah, zerriß dem Armen das Herz.

In meinem Hause ist ein Stübchen frei, sagte er,und wenn du willst, so will ich dir einen Vorschlag machen. Du packst gleich jetzt deine steben Sachen zusammen und ziehst zu mir. Das Kleine wird meine Ammie versorgen, und es kostet dich nichts. Du bist frei und kannst, ohne dich um das Würmchen zu ängstigen, ein paar Mark in der Woche verdienen.' ist wahr, mein Haus wimmelt von Kindern; jedoch, wo das siebente ist, wird auch das achte nicht verhungern. Du verkaufst dein Haus, das du ja doch auf die Dauer nicht wirst halten können, bezahlst deine Schulden, und was du übrig be⸗ hältst, legst du deiner Kleinen auf Zinsen an. Mich dünkt, so wäre dir zu helfen. Willst du dich dabei meiner Trabanten ein bißchen an⸗ nehmen, so soll ihnen das auch nichts schaden.

Wie der Flickschuster sagte, so geschah es, und es war gut so. Der Schuster aber ging nicht in die Kirche.

21 50 den Mann eines Tages der Pfarrer rufen.

Er steckte sein Maß in die Tasche und machte stich auf die Sohlen.Schuster, sagte der Pfarrer,ich muß einmal ein ernstes Wort mit euch reden. Schon das stebente Jahr ist es, seit ich in dieser Gemeinde- meines Amtes walte, und ich habe euch noch nicht einmal in der Kirche gesehen. Hätte ich nicht vor sechs Jahren Euer Jüngstes getauft und Eure Frau darnach christlich beerdigt, ich dächte wahrhaftig ihr wäret ein Heide.

Der Schuster war kein Redner. Er sagte: Fünfzehn Jahre find's her, Herr Pfarrer, seit ich mein Handwerk treibe. Damals, als ich angefangen, dachte ich: Sechs Tage will ich arbeiten und den siebenten Tag der Ruhe pflegen. Doch das läßt sich nicht so machen. Für's erste kann ich in sechs Tagen nicht so viel verdienen, daß ich davon sieben Tage mit den Meinen zu leben hätte, und für's zweite gibt's in Dingskirchen der Leute genug, die am Montag barfuß laufen müßten, wollte sich der Schuster Sonntags in die Kirche setzen.

Hm, hm, meinte der Pfarrer.Es mag sein, wie Ihr sagt, aber nichts destoweniger ist Eure Rede keine Entschuldigung. Wenn's das Seelenheil gilt, muß der Mensch immer Zeit haben. Doch habe ich Euch noch'was zu sagen Ihr gebt den Dingskirchern ein schlechtes Beispiel. Es erregt Anstoß, daß Ihr mit der Maurers⸗

witwe zusammenwohnt. Man munkelt so aller⸗ lei es ist vielleicht nicht so schlimm wie die Leute sagen, aber immerhin man soll kein Aergernis geben. Ihr versteht mich wohl?

Und ob, sagte der Schuster.Ich habe getan, was ein Christ tun soll. Ich habe mich mich einer Verlassenen angenommen. Deshalb bin ich in den Augen der Christen ein Uebel⸗ täter. Gut, was liegt mir dran. Ich bin aber ein so verstockter Christ, daß ich nicht ge⸗ willt bin, dem Gerede der Leute wegen das Weib auf die Straße zu setzen. Wir wohnen zusammen wie Bruder und Schwester, und das übrige ist mir gleichgiltig.

Bald darauf wurde der Schuster zum Bürgermeister beordert.

Ich habe vernommen, die Maurerswitwe will ihre Hütte verkaufen, redete er ihn an. Wollt ihr das Weib heiraten?

Fällt mir nicht ein, ich will ihr nurzdas Fortkommen ein bißchen erleichtern. Allein bringt sich die Frau nimmer durch.

Der Bürgermeister sah den Mann zwei⸗ felnd an.

So, so. Wenn man's nur glauben könnte! Aber man glaubt's nicht. Und daß ich's Euch sage, eine Haushälterin zu halten, das gestatten Euch Eure Verhältnisse nicht folglich wird das Weib wohl etwas mehr sein, als Eure Haushälterin. N

Was soll sie denn sonst noch sein?

Der Bürgermeister zögerte mit der Antwont. Endlich sagte er:Eure Konkubine.

So, das wollt' ich nur wissen. Das Wort soll Euch teuer zu stehen kommen, Herr Bürger⸗ meister.

Der Schuster klagte gegen das Ortsoberhaupt wegen Beleidigung.

Die Sache kam vor das Gericht.

Ob er seine Behauptung beweiskräftig machen könne, fragten die Richter den Bürgermeister.

Nichts leichter als das, behauptete dieser und ließ halb Dingskirchen vor den Richterstuhl kommen.

Die Zeugen waren noch nicht zur Hälfte vernommen, da sagten die Richter, es genüge, was man vernommen habe, um auf Grund dessen ein gerechtes Urteil fällen zu können.

Das Urteil lautet auf Freisprechung des Beklagten, die Kosten der Geschichte mußte der Schuster tragen.

Die Zeugen hatten alle Anstoß an dem Zu⸗ sammenleben Luisens und des Schusters ge nommen. Nur einer, der Baldusphilipp, hatte gemeint, er sei immer der Meinung gewesen, der Schuster habe ein gutes Werk getan, das er sich der von Gott und den Menschen ver lassenen Frau angenommen habe. Er verkehre öfter bei dem Manne, aber nie habe er etwas Unrechtes in dem Verkehr der beiden Leute be⸗ merkt; sie seien zu einander wie Bruder und Schwester.

Nach dieser Aussage war der Pfarrer auf⸗ gerufen worden, und man hatte ihn gefragt, ob er etwas Näheres über den Leumund des Zeugen melden könne.

Eine übelberüchtigte Persönlichkeit, erklärte der Pfarrer, sei der Baldusphilipp. In der Kirche sei er gar nicht zu sehen, auch habe der Zeuge einmal wegen Jagdfrevels im Gefängnis gesessen.(Schluß folgt.)

Humoristisches

Aus demSimplieissimus

Das siebenjährige Fritzchen kommt eiligst zu Mama gelaufen und ruft:Mama, Mama komm mal schnell, beim Fräulein ist ein fremder Mann im Zimmer und küßt sie! Entrüstet eilt Mama, Fritzchen immer voran, zu Fräuleins Zimmer. Da, an der Türe angekommen, klatscht Fritzchen vergnügt in die Hände und ruft jubelnd aus:April, April, April! Es ist ja gar kein fremder Mann, es ist ja der Papa!

*

Der kommandierende General, Mitglied des Königs⸗ hauses, inspiziert den Schießstand und schaut einem Einjährigen, der sehr gut schießt, längere Zeit zu. Sichtlich befriedigt über die hervorragenden Schießresul⸗ tate, wendet er sich an den Hauptmann mit der Frage, wie der Einjährige heiße.Veilchenstock, Herr General! meldet der Hauptmann.Veilchenstock, Veilchenstock, hm, hm, macht nichts, schießt doch gut.