Ausgabe 
5.2.1905
 
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Seite 4.

Mitteldentsche Sountags⸗Zeitung.

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Nr. 6.

gierung die Kreisblätter monopolisiere, weil, wie es jetzt üblich, einigen wenigen Per⸗ sonen alleszugeschustert würde.

Dann folgte nach weiteren Ausführungen ein kleiner Vorstoß gegen unser Fortbil⸗ dungsschulwesen. Müller⸗Roßdorf wünschte, daß die Fortbildungsschulen ganz abges chafft werden. Köhler weist auf die Mängel dieser Schulen hin, die nicht nach richtigen pädagogi⸗ schen Grundsätzen geleitet würden, auch die Ackerbauschulen genuͤgten nicht. Der Bürger⸗ meister von Hungen wies darauf hin, daß das Kreisamt Gießen Beschwerden wegen der un⸗ zweckmäßigen Lage der Stunden des Fortbil⸗ dungsunterrichts kurzer Hand abgewiesen habe. Ein Beschluß wurde in dieser Angelegenheit nicht gefaßt.

Da ist ja mal wieder nettes Zeug von den Herren verzapft worden. Hat denn der Bürger⸗ meister nur bäuerliche Interessen wahrzunehmen? Existieren die andern Menschen nicht für ihn?

Gießener Angelegenheiten.

Herein in die Parteiorganisa⸗ tion! Mancher, der sich als Sozialdemokrat bezeichnet, glaubt seine Pflicht erfüllt zu haben, wenn er bei den Wahlen seine Stimme abgibt, hier und da einen Geldbeitrag leistet, sich aber sonst um nichts kümmert. Allerdings ist die finanzielle Unterstützung der Partei zweifellos eine Bedingung der Ausbreitung der sozialisti⸗ schen Ideen, aber sie ist nicht die einzige. Die Geldmittel allein können eine Partei nicht vor⸗ wärts bringen; sie bieten nur die Möglichkeit zu einer planmäßigen Werbearbeit. Besser und wirksamer kann agitiert werden durch das ein⸗ mütige Zusammenwirken aller Parteiangehörigen, wie es im Zusammenschluß, in der Vereinigung erzielt wird. Die Parteivereine sind die äußere Form der Partei, sind ihre materielle Grundlage. Die Parteiorganisationen sind gleich Wurzeln, die neue Kräfte der Partei heranziehen. Die Organisationen müssen die Parteimitglieder heran⸗ und ausbilden und alle zusammenfassen, die sich in den Dienst der Partei stellen. Wie überall, so liegt auch für die Sozialdemokratie die Macht in der Organisation. Daher muß mit aller Kraft auf den weiteren Ausbau der sozialdemokratischen Wahl- und Arbeitervereine hingearbettet werden. Insbesondere soll jeder Leser der Parteipresse sich organisteren und in seinen Bekanntenkreisen für die Ideen des Sozialismus und die sozialdemokratischen Orga⸗ nisationen werben. Jeder Parteigenosse soll organisiert sein!

Zu der Besichtigung der Biblio⸗ thek am Sonntag hatten sich die Gewerkschafts⸗ mitglieder sehr zahlreich eingefunden. Herr Dr. Tavernier hielt zunächst einen kurzen Vortrag über die Geschichte und die Entwicklung der Bibliothek, die jetzt etwa 200000 Bände umfaßt. Zirka 30000 kommen alljährlich zur Ausleihung, so daß durchschnittlich jedes Buch in sieben Jahren einmal ausgeliehen wird. Es folgten dann weitere Mitteilungen über den Bau selbst, der durchaus zweckentsprechend ein⸗ gerichtet und in seiner inneren Ausstattung künstlerisch vollendet ist. Sehr geschmackvoll und vornehm ist der in Marmor ausgeführte Treppenaufgang gehalten. Die Kosten des Baues belaufen sich auf 526000 Mk. Nach dem Vortrag wurde der Rundgang angetreten. Die Herren Dr. Koch und Tavernier gaben dabei in liebenswürdiger Weise die nötigen Erläuterungen. Für ihre Mühe und Entgegen⸗ kommen sei den Herren hiermit Dank gesagt!

Volksvorlesungen. Ein kürzlich

ier zusammengetretenes Komitee ist bemüht, olksvorlesungen, wie sie schon seit Jahren in Frankfurt, Offenbach, Wetzlar ꝛc. abgehalten werden, hier zu Stande zu bringen. Diese Bestrebungen sind zu begrüßen und verdienen

alle Unterstützung.

Bürgerverein. Unserer letzten Notiz über die konstituierende Versammlung des Bürgervereins, muß noch hinzugefügt werden, daß bei der Statutenberatung Herr Lehrer Knaußvaterländische Gesinnung als Voraus⸗ setzung der Mitgliedschaft mit in das Statut aufgenommen wissen wollte. Das wurde zwar abgelehnt; es zeigt aber, in welcher Richtung

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man diese Vereinigung zu steuern gedenkt. Denn nach dem heutigen Sprachgebrauche hätte der Zusatz nichts anderes als antisozialistisch bedeutet. Trotz der Ablehnung des Antrages Knauß' sind wir nicht im Zweffel darüber, daß

der Verein über kurz oder lang in dieses Fahr

wasser geraten wird. Die Zeit wirds lehren! Eine Redeblüte sei noch erwähnt, die sich Herr Bäckermeister Frey in jener Versammlung leistete. Er sagte:Es kann einer freisinnig oder nationalliberal und doch ein guter Bürger sein. Demnach sind also Freisinnige und Nationalliberale in der Regel schlechte Bürger!

p. In einer Metallarbeiter ver- sammlung, die am Sonntag im Lokale Orbig stattfand und einen recht guten Besuch aufwies, sprach Bezirksleiter Ehrler ⸗Frank⸗ furt über das Unterstützungswesen im Verband. Besonders führte er den Auwesenden die Vor⸗ teile vor Augen, welche die Vorlage des Haupt⸗ vorstandes biete, auch in agitatorischer Hinsicht. Durch die Krankenunterstützung, die danach noch zur Arbeitslosen⸗Unterstützung hinzugefügt wer⸗ den solle, sei es leichter möglich, die an der Rohstoff⸗Produktion in der Metallindustrie be⸗ schäftigten Arbeiter(Hüttenleute ꝛc.) zum Ver⸗ bande heranzuziehen. Dies sei aber jetzt die wichtigste Aufgabe des Verbandes, mit diesen Arbeitern im Verbande sei man in der Lage, nachdrücklicher als bisher dem Unternehmer⸗ verbande Widerstand zu leisten. Außerdem liege in den Gebieten, die hier in Frage kom⸗ men, das Krankenkassenwesen sehr im Argen und erheische unbedingt Besserung. Nach kurzer Aussprache wurde ein Antrag, welcher sich für

Annahme der gesamten Vorlage des Haupt⸗

vorstandes aussprach, einstimmig angenommen. Aus dem Bericht des Delegierten von der am 22. Januar in Mainz abgehaltenen Bezirks⸗ konferenz des 8. Bezirks ist noch hervor⸗ zuheben, daß die Mitgliederzahl in 83 Ver⸗ waltungsstellen jetzt 10053 beträgt. Auch die Gießener Verwaltungsstelle ist in erfreulicher Entwickelung begriffen und zählt jetzt 129 Mitglieder.

Konzert. Drei streikende Bergleute aus dem Ruhrrevier geben Samstag Abend im Lokale Orbig ein Bandonion⸗Konzert. Sie sollen, wie uns von sachverständigen Beurtetlern versichert wird, auf diesen Instrumenten Aus⸗ gezeichnetes leisten und wir empfehlen daher und des guten Zwecks halber den Besuch.

Aus dem Rreise gießen.

n. Wahlverein in Wieseck. Nach Beschluß der letzten Generalversammlung finden die Vereinsver⸗ sammlungen fortan jeden zweiten Samstag im Monat statt. Die Mitglieder werden ersucht, dies zu beachten. Die nächste Versammlung wird Samstag, den 11. Febr., abends 9 Uhr im Lokale bei B. Wacker abgehalten. Bemerkt sei noch, daß in der erwähnten Generalversamm⸗ lung eine erfreuliche Zunahme der Mitgliederzahl des Vereins konstatiert wurde. Der bisherige Vorstand wurde wiedergewählt.

In Lollar hielt am Dienstag Abend Genosse Dr. Michels seinen dritten geschichtlichen Vortrag vor sehr gut besuchter Versammlung im Gasthaus zum Schwanen. Mit großer Aufmerksamkeit lauschten die Versammelten, fast nur Arbeiter, den klaren und inter⸗ essanten Ausführungen des Vortragenden. Dleser ent⸗ wickelte zunächst die Ursachen der französischen Revolution und schilderte in großen Umrissen ihren Verlauf, dabei besonders die sozlalen Verhältnisse des damaligen Frank⸗ reichs betonend und erläuternd. Es ist eine sehr schwere Aufgabe, eine große und bedeutende geschichtliche Epoche in einem kurzen Vortrage zu behandeln, aber, es muß gesagt werden, daß es Michels sehr gut verstand, ein verständliches und abschließendes Bild der Geschichte dieser großen Tage zu geben, wobei er auch auf deutsche und heutige Verhältnisse Streiflichter warf.

b. Staufenberg. Auf das Winterfest des Volks vereins, das diesem Samstag, 4. Februar, von ½8 Uhr abends ab im Lokale des Herrn Vogel stattfindet, machen wir nochmals aufmerksam und bitten die Mitglieder, sich nebst ihren Verwandten und Freunden zahlreich zu beteiligen.

r. Watzenborn⸗Steinberg. Der sozial⸗ demokratische Wahlverein hält Sonntag, den 5. Febr, abends 8 Uhr im Lokalezur Wetterau seine General⸗ versammlung ab. Die Tagesordnung lautet: 1. Vor⸗ stands⸗ und Kassenbericht; 2. Bericht des Bibliothekars; 3. Wahl des Vorstandes. Die Mitglieder werden ersucht, pünktlich und vollzählig zu erscheinen. Ferner wollen diejenigen, welche noch Bücher aus der Bibliothek haben,

Weise über den Wert des Turnens, inbesondere für die

diese bis Sonntag 10 Uhr vorm. bel dem Bibliotheloer

abliefern. f ö Aus dem Nreise Alssesd⸗Cauterbach.

* Genosse Dr. Michels⸗Marburg spricht diesen Samstag(4. Febr.) in Groß⸗Felda, Sonntag Nach? mittag 4 Uhr in Fris born, Abends 8 Uhr in Anger sbach über:Was wollen die Sozialdemokraten!

r. Turnerisches aus Alsfeld. Am vergangenen

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Sonntag fand imStadtpark eine allgemeine Ver⸗ 1 1

sammlung zu dem Zwecke statt, die Gründung eines Arbeiter⸗Turnvereins in die Wege zu leiten. Die Ver⸗ sammlung wies einen außerordentlich starken Besuch auf: es waren ca. 120 Personen erschienen, die sich zu etwa/ aus den Mitgliedern des alten Turnvereins rekrutierten, welche die Gründung eines Konkurrenzvereins verhindern wollten. Dabei spielten wohl auch einige materielle Gründe mit, denn es galt, den alten Verein, der, beiläufig bemerkt, an die Stadt noch 10000 Mk., die s. Zt. zum Turnhallenbau geliehen wurden, zurück⸗ zuzahlen hat, vor Erschütterungen durch Austritte u bewahren. N Auf Einladung war Turngen. Böttger von der Fr. Turnerschaft Gießen erschienen, der in sachlicher

arbeitenden Klassen sprach und sich dann mit der Deutschen Turnerschaft beschäftigte. Sei diese bis zu den 70er Jahren bemüht gewesen, nach dem Vorbilde Jahns und seiner Anhänger die Jugend zu freien, rück!

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gradfesten Männern zu erziehen, so sei man heute in

diesen Kreisen hiervon abgekommen. Heule sei die Deutsche Turnerschaft nichts anderes, als der Tummel⸗

platz der sog.nationalen, staatserhaltenden Parteien, 4

die bei allenpatriotischen Anlässen die Turner zur Staffage, Hurra kreischen ꝛc. mißbrauchten Vor 11 Jahren und früher sei nun gegen sozialdemokratisch ge⸗ sinnte aber auch nur im Geruche freiheitlicher Gesinnung stehende Arbeiter eine Hetze losgebrochen, die auch heute noch anhalte und die sich nur mit den Verfolgungen und Bedrückungen Jahns und seiner Anhänger ver- gleichen lasse. Die Ausgeschlossenen aus jenen Vereinen gründeten vor mehr als 11 Jahren den Deutschen Arbeiter⸗Turner⸗Bund, um allen Denen, die der Chikanen überdrüssig, denTeutschen Valet sagten oder ausge⸗ schlossen worden waren, ein Heim zu bieten. Es traten sofort 4000 Mitglieder dem Bunde bei. Daß die Gründung des A.⸗T.⸗B. eine Notwendigkeit war, gehe schon daraus hervor, daß der A.⸗T.⸗B heute bereits über 60 000 Mitglieder zähle. Wie auf wirtschaftlichem Gebiete, hätten die Arbeiter auch hier gelernt, sich auf eigene Füße zu stellen; deshalb sei auch den Alsfelder Arbeitern zu empfehlen, sich nicht länger als Mitgliedern zweiter Klasse behandeln zu lassen und durch Gründung einer freien Turnerschaft sich dem Deutschen A.⸗T.⸗B. anzuschließen. In der sich anschließenden Diskussion glaubte Herr Buchhalter Er nst, der sich großer Sachlich yt

keit befleißigte und anerkannte, daß wohl in der Deut⸗ 9 19

schen Turnerschaft Politik getrieben werde, dies sei jedoch

im Alsfelder Turnverein nicht der Fall. Es sei auch

nicht richtig, daß, wie in der Mitteld. S.⸗Ztg. behauptet

werde, im Statut stehe, daß Arbeiter nicht aufgenommen würden.(Anmerkung d. Red. Der betr. Satz ist in der Alsfelder Notiz in letzter Nr. in der Tat unrichtig 0 wieder gegeben. Er sollte richtig lauten, daß früher

sich im Statut derartige Bestimmungen befanden. Später wollte Herr Ernst, als ihn Böttger auf das Zugeständnis von wegen der Politik im Deutschen

Turnerbund festnagelte, dieses wieder zurücknehmen. Ein Herr Malermeister Martin redete sich arg in die Hitze und sprach von der erwähnten Einsendung in der M. S.⸗Ztg. als einemhundsgemeinen Schmähartikel in dem Gießener Hetzblättchen und suchte durch einen Schwulst bombastischer Phrasen die für die deutschen Turner unangenehmen Behauptungen zu widerlegen. Böttger, den man wiederholt niederzubrüllen suchte, wies die Beschimpfungen der Arbeiterpresse zurück und forderte die anwesenden Arbeiter auf, die Quittung darauf in Gestalt des Beitritts zum Deutschen A.⸗T.⸗B. und Gründung einer Freien Turnerschaft Alsfeld zu erteilen. Dies geschah denn auch. 32 Anwesende zeichneten sih in die Mitgliederliste ein. dem jungen Verein in Aussicht, und rufen wir ihm, zu festem Zusammenhalt mahnend, ein kräftigesFrei Heil! zu.

h. Das Gewerbegericht Wetzlar hatte nach dem vor kurzem veröffentlichten Bericht im Jahre 1904 57 Streitsachen erledigt. Es wurden im ganzenn 43 Sitzungen abgehalten, jedoch nur 6 unter Zuziehung von Beisitzern. Durch Vergleich oder Zurücknahme der Klage erledigten sich 44 Sachen, 12 durch Versäumnis: und andere Endurteile, eine Klage wurde wegen un⸗ zuständigkeit abgewiesen. In 12 Fällen waren Arbeit? ö geber die Kläger, in 45 Arbeitnehmer. und zwar in 37 Fällen wurde wegen Entlassung oder Verlassens der Arbeit ohne Kündigung geklagt. Von den 12 Endesurteilen ergingen 5 zu Gunsten des Klägers,

N 0 Aus dem Nreise Wetzlar. 1

Ein weiterer Zuwachs stet

Am meisten 0