Ausgabe 
4.6.1905
 
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Seite 6.

Mitteldeutsche Sountags⸗Zeitung.

Nr. 23.

Von Nah und Lern.

Raubmord an einem Kinde!

Kaum hat sich die Erregung über das große Brandunglück in Offenbach einigermaßen gelegt, so ruft 00 wieder ein anderes gräß⸗ liches Ereignis bei der Offenbacher Einwohner⸗ schaft begreifliches Entsetzen hervor. DerFrkftr. Ztg. wird darüber folgendes mitgeteilt:Am Sonntag half die elfjährige Rosa Lückert ihren Onkel Fleck Wochenbeiträge für denNeuen Verein Ceres einsammeln. Da sie mittags nicht nach Hause kam, befürchtete ihr Onkel, dem Mädchen sei ein Unfall zugestoßen, und ließ durch die Polizei Nachforschungen anstellen. Man ermittelte, daß das Kind zuletzt in das Haus Biebererstraße 69 gegangen, aber nicht mehr herausgekommen war. Das Haus wurde durchsucht. Abends 10 Uhr fand der Kriminal⸗ schutzmann Hechler die Leiche des Mädchens unter dem Dach auf dem Boden liegen. Das Kind war mit einem Strick und einem Handtuch erdrosselt und der gesammelten Gelder etwa 87 Mk. beraubt worden. Als der Tat verdächtig wurde die 30 Jahre alte Frau des Glasers Lotz, die im dritten Stock des Hauses wohnt, verhaftet. Sie legte in der Untersuchung nach anfänglichem Leugnen ein Geständnis ab und gab an, ihr Bruder, der Taglöhner August Brückner, habe ihr bei dem Mord Beihilfe geleistet. Brückner ist geflohen und wird von der Polizei gesucht. Auch in Gaugrehweiler (Pfalz) wurde die Leiche eines 10 jährigen Mädchens gefunden, an dem ein Lu stmord begangen worden war. Der Täter wurde verhaftet. Neueren Nachrichten zufolge hat die Mörderin in einem Verhör am Dienstag eingestanden, die Tat allein begangen zu haben. Trotzdem wird nach ihrem Bruder, der seit Sonntag flüchtig ist, gefahndet. Die gerichtliche Obduktion der Leiche ergab, daß die Mörderin ihrem Opfer auch schwere Verletzungen am Unterleib und im Rücken beibrachte, die anscheinend von Fußtritten herrührten.

Brandkatastrophe in Offenbach.

Ueber das furchtbare Brandunglück berichten Augenzeugen noch das Folgende:Jener Häuserkomplex, in welchem das Feuer entstand, besteht aus sechs bis acht getrennten und doch aneinandergehängten Gebäuden, die unten Stallungen, oben Heuboden, Futter- lager und Wohnungen sind! Die Wohn⸗ räume sind derartig baupolizeiwidrig, daß den Mietern sechsundzwanzig Familien! auf den ersten Juni gekündigt war. Die Familien Fisch und Röninger sollten an

dem Unglückstage die Wohnung räumen. Es

sind arme Leute, die nichr einmal die Miete für diese gesundheitsschädlichen Räume, die schlechter sind als die schlechtesten Mansarden, aufbringen lonnten. Unter den Stiegen lag Heu und Stroh aufgestapelt! Der gefährliche Wind trieb mächtige Bündel glühen⸗ den und brennenden Heus weit über die Dächer der Nachbarhäuser, die glücklicherweise verschont blieben. Auch die Treppen waren sehr primitiv und selbst am Tage nur mit einer Laterne gangbar.

Angesichts dieser keineswegs übertriebenen Schilderungen muß man sich wundern, daß der Brand nicht noch mehr Opfer gefordet. Hätten die Leute freilich ein besseres Einkommen gehabt, so würden sie nicht in diesen Todesfallen über Pfer deställen und eingepfercht zwischen Heu- und Strohvorräten gehaust haben.

Liebe deinen Nächsten wie dich selbst,

lehrt der katholische Pfarrer Ambros Weber in Hochgreuth bei Kempten und er packte am 29. Januar in Gemeinschaft mit mehreren Bauernburschen den alsFremden zur Braut⸗ schau ins Dorf gekommenen Brauereibesitzer Otto Riepp am Kragen, zog ihn ins Pfarrhaus, hielt ihn gewaltsam fest und verhaute ihn ganz exemplarisch. Wegen Nötigung, Freiheitsbe⸗ raubung und gefährlicher Körperverletzung er⸗ hielten der Pfarrer und die DBurschen je zwei . Gefängnis und müssen 150 Mk. Buße zahlen. 0

Würde des Menschen.

Kürzlich brachten Berliner Zeitungen folgende Notiz:

Drei Wochen tot in seiner Woh⸗ nung gelegen hat der 47 Jahre alte Arbeiter Adolf Mahrenholz, ein Witwer, der für sich allein im Keller des Hauses Solms⸗ straße 43 in einer Stube hauste und in einer Papierfabrik beschäftigt, zuletzt aber arbeits⸗ los war. Der Mann war schon seit dem 15. vorigen Monats nicht mehr zum Vorschein gekommen, es kümmerte sich aber nie⸗ mand um ihn. Erst als gestern der Hauswirt die Miete holen wollte, fand man den M. halb angekleidet, tot und schon stark verwest in seinem Bette liegen.

Zur selben Stunde, da in Berlin hundert Redner Schiller als den Sänger der Menschen⸗ würde feierten, stieß man in einem Kellerloch auf die Leiche eines verhungerten Mannes. Drei Wochen lang hatte niemand den Weg zu ihm gefunden, an dem Ueberzähligen hatte die kapitalistische Welt kein Interesse mehr. Das einzige Ausbeutungs verhältnis, in dem er noch stand, führte erst zur Entdeckung seines Leich⸗ nams. Sein einziger Wert bestand ja darin, daß er einem Hauswirt tributpflichtig war, sonst wäre er weiter liegen geblieben wie eine tote Ratte!

Die Masse der Menschen existiert für diese Gesellschaftsordnung nur soweit, als ste Lohn⸗ sklaven, Mieterkunden, Schuldner sind; der Mensch an sich ist ihr gar nichts. Der arme Mahrenholz verhungerte, als er nicht mehr Lohnsklave war; als man sich dessen erinnerte, daß er Mieter sei, begrub man ihn. So geschah es hundert Jahre nach dem Tode eines Mannes, der gelehrt hatte, daß der Mensch der einzige Zweck des Staates sei.

Der Orden vom heiligen Grabe.

Mit ungeheuerer Begeisterung ist von einem gewissen Teile der Presse die Nachricht aufge⸗ nommen worden, daß Wilhelm II. kürzlich eine neue Auszeichnung, den Orden vom heiligen Grabe, erhalten hat. Wie nun der Pariser Matin mitteilt, ist es nicht weit her mit der Ehre, Ritter dieses Ordens zu sein. Erstlich ist's überhaupt kein sogen.Ritterorden, daher ihn auch kein Staat der Weltanerkannt hat. Ja, es ist nicht einmal ein offizieller katholischer Orden, sondern eine Art Mönchsdekoration, die und das dürfte das Beste an der ganzen Sache sein von jedem Beliebigen für 1000 bis 3000 Franks gekauft werden kann! Bisher hat sich noch kein Monarch bemußigt gesehen, die Insignien des zweifelhaftenheiligen Ordens anzunehmen. Wenn das Alles erst bekannt wird, dürfte es vielleicht am Ende gar noch zu einer Majestätsbeleidigungsklage gegen den Herrn Patriarchen von Jerusalem kommen.

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Der Verbrecher aus verlorener Ehre. Eine wahre Geschichte von Friedrich Schiller.

3.(Fortsetzung.)

Jetzt floh ich waldein wärts. Ich nußte daz, das Half sich vier deulshe Meilen nurb⸗ wärts erstreckte und dort an die Grenzen des Landes stieß. Bis zum hohen Mittage lief ich atemlos. Die Eilfertigkeit meiner Flucht hatte meine Gewissensangst zerstreut; aber sie kam schrecklicher zurück, wie meine Kräfte mehr und ermatteten. Tausend gräßliche Gestalten gingen an mir vorüber und schlugen, wie schneidende Messer in meine Brust. Zwischen einem Leben voll rastloser Todesfurcht und einer gewalt⸗ samen Entleibung war mir jetzt eine schreckliche Wahl gelassen, und ich mußte wählen. Ich hatte das Herz nicht, durch Selbstmord aus der Welt zu gehen, und entsetzte mich vor der

Aussicht, darin zu bleiben. Geklemmt zwischen die gewissen Qualen des Lebens und die unge⸗ wissen Schrecken der Ewigkeit, gleich unfähig zu leben und zu sterben, brachte ich die sechste Stunde meiner Flucht dahin, eine Stunde, vollgepreßt von Qualen, wovon noch kein leben⸗ diger Mensch zu erzählen weiß.

In mich gekehrt und langsam, ohne mein Wissen den Hut tief ins Gesi ht, als ob mich dies vor dem Auge der leblosen Natur hätte unkenntlich machen können, hatte ich unvermerkt einen schmolen Fußsteig verfolgt, der mich durch das dunkelste Dickicht führte als Plötzlich eine rauhe, befehlende Stimme vor mir her: Halt! rief. Die Stimme war ganz nahe, meine Zerstreuung und der heruntergedrückte Hut hatten mich verhindert, um mich herumzu⸗ schauen. Ich schlug die Augen auf und sah einen wilden Mann auf mich zukommen, der eine große, knotige Keule trug.

Seine Figur ging ins Riesenmäßige meine erste Bestürzung wenigstens hatte mich dies glauben gemacht und die Farbe seiner Haut war von einer gelben Mulattenschwärze, woraus das Weiße eines schielenden Auges bis zum Grassen hervortrat. Er hatte, statt eines Gurts, ein dickes Seil zwiefach um einen grünen, wollenen Rock geschlagen, worin ein breites Schlachtmesser bei einer Pistole stack. Der Ruf wurde wiederholt, und ein kräftiger Arm hielt mich fest. Der Laut eines Menschen hatte mich in Schrecken gejagt, aber der Anblick eines Bösewichts gab mir Herz. In der Lage, worin ich jetzt war, hatte ich Ursache, vor jedem red⸗ lichen Mann, aber keine mehr, vor einem Räuber zu zittern.

Wer da? sagte diese Erscheinung.

Deinesgleichen, war meine Antwort,wenn du der wirklich bist, dem du gleich stehst!

Dahinaus geht der Weg nicht. Was hast du hier zu suchen?

Was hast du hier zu fragen? versetzte ich trotzig.

Der Mann betrachtete mich zweimal vom Fuß bis zum Wirbel. Es schien, als ob er meine Figur gegen die seinige und meine Ant⸗ wort gegen meine Figur halten wollteDu sprichst brutal, wie ein Bettler, sagte er endlich.

Das mag sein. Ich bins noch gestern gewesen.

Der Mann lachte.Man sollte darauf schwören, rief erdu wolltest auch noch jetzt für nichts Besseres gelten.

128 ur etwas Schlechteres also Ich wollte weiter.

Sachte, Freund! was jagt dich denn so? Was hast du für Zeit zu verlieren?

Ich besann mich einen Augenblick. Ich weiß nicht, wie mir das Wort auf die Zunge kam;das Leben ist kurz, sagte ich langsam, und die Hölle währt ewig.,

sein, sagte er endlich,oder du bist irgend an einem Galgen hart vorbeigestreift.

Das mag wohl noch kommen. Also auf Wiedersehen, Kamerad!

Topp, Kamerad! schrie er, indem er eine zinnerne Flasche aus seiner Jagdtasche hervor⸗ langte, einen kräftigen Schluck daraus tat, und mir sie reichte. Flucht und Beängstigung hatten meine Kräfte aufgezehrt, und diesen ganzen entsetzlichen Tag war noch nichts über meine Lippen gekommen. Schon fürchtete ich, in dieser Waldgegend zu verschmachten, wo auf drei Meilen in der Runde kein Labsal für mich zu hoffen war. Man urteile, wie froh ich auf diese angebotene Gesundheit Bescheid tat. Neue Kraft floß mit diesem Erquicktrunk in meine Gebeine und frischer Mut in mein Herz, und Hoffnung und Liebe zum Leben. Ich fing an zu glauben, daß ich doch wohl nicht ganz elend wäre; soviel konnte dieser willkommene Trank. Ja, ich bekenne es, mein Zustand grenzte wieder an einen glücklichen, denn endlich, nach tausend fehlgeschlagenen Hoffnungen, hatte ich eine Kreatur gefunden, die mir ähnlich schien. In dem Zustande, worein ich versunken war, hätte ich mit dem höllischen Geiste Kameradschaft ge⸗ trunken, um einen Vertrauten zu haben.

ich tat ein Gleiches.

Er sah mich stier an.Ich will verdammt

Der Mann hatte sich aufs Gras hingestreckt,d