Ausgabe 
4.6.1905
 
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Deutschland lasse die Maifeier viel zu wünschen

Seite 4.

Mitteldentsche Souutags⸗ Zeitung.

Nr. 23.

lung des Genossenschaftswesens ausspricht, ein⸗ stimmig zur Annahme. Es wurden ferner Beschlüsse gefaßt, die sich auf die Organisation der Genossenschaftskartelle beztehen. Um hreit⸗ Berlin spricht sich noch für Arbeitskammern aus, worauf sich der Kongreß auf Donnerstag vertagt. In der Donnerstagssitzung setzte Umbreit sein Referat über Arbeits kammern, denen er das Wort redet, fort, während der Korreferent Hué für Arbeiterkammern eintritt. Bei der Abstimmung entscheiden sich 48 Delegierte, die 379 431 Stimmen vertreten, für Arbeitskammern die übrigen 151 Delegierten, die 771663 Mit⸗ glieder vertreten, stimmen für Arbeiterkammern. Der Kongreß hat sich also für Letztere entschieden. Der nächste Punkt der Tagesordnung betrifft: Stellun der Gewerkschaften zum Gen eralstreit. Referent ist Reichstagsabge⸗ ordneter Bömelburg, welcher sich gegen den Generalstreik ausspricht. In der sich hier anschließenden Diskusston meint Abg. v. El m, der Generalstreik sei nicht im Stande, die soziale Frage zu lösen; es dürften aber Zeiten ein⸗ treten, in denen man von dieser Waffe Gebrauch machen müsse. Die anderen Redner waren auch der Meinung, daß die Möglichkeit eines Generalstreiks ins Auge gefaßt werden müsse; man müsse aber die Arbeiter vor Putschen be⸗ wahren. Es gelangt schließlich mit allen gegen 7 Stimmen ein Antrag Bömelburg zur Annahme. Danach erklärte der Kongreß, daß die Taktik für etwa notwendig werdende Kämpfe zur Verteidigung von Volksrechten sich nach den jeweiligen Verhältnissen zu richten habe. Der Kongreß hält daher alle Versuche, durch die Propagierung des politischen Massenstreikes eine bestimmte Taktik festlegen zu wollen, für ver⸗ werflich; er empfiehlt der organisterten Arbeiterschaft, solchen Versuchen energisch ent⸗ gegenzutreten. Den Generalstreik, der von Anarchisten und Leuten ohne jegliche Erfahrung auf dem Gebiete des wirtschaftlichen Kampfes vertreten wird, hält der Kongreß für undis⸗ kutabel. Er warnt die Arbeiterschaft, sich durch die Aufnahme und Verbreitung solcher Ideen von der täglichen Kleinarbeit zur Stär⸗ kung der Arbeiterorganisatton abhalten zu lassen. Ueber Gewerkschaften und Maifeier referierte Robert Schmidt Berlin, welcher ausführte, daß die Maifeier im Auslande all⸗ mählig anfange abzuschwächen, aber auch in

übrig. In England sei die Malfeier auf den Sonntag verlegt worden. Dadurch verliere die Maifeier ihren demonstrativen Charakter. Es sei aber kein Zweifel, wenn die wirtschaftlichen Verhältnisse einen Rückgang erfahren, dann werde auch folgerichtig die Maifeier in Deutsch⸗ land eine weitere Abschwächung erfahren. Refe⸗ rent empfahl eine diesbezügliche Resolution, welche später jedoch wieder zurückgezogen wurde. Nach einer sehr lebhaften Diskussion, in welcher sich die Delegierten teils für, teils gegen die Arbeitsruhe aussprechen, erklärt Vorsitzender Bömelburg: Anträge liegen nicht vor. Nach meiner Auffassung bleibt damit der Beschluß des Amsterdamer Kongresses für uns maßgebend, so daß wir die Maifeier genau so, wie bisher, begehen, und die Gewerkschaften für verpflichtet halten, im Rahmen des Beschlusses dafür zu sorgen, daß die Arbeitsruhe nicht weniger, sondern mehr als bisher eingeführt wird. Widerspruch gegen meine Feststellungen ist nicht erhoben worden; der Kongreß hat demnach so beschlossen. Die Resolution der Fünfzehnerkommission über Streikunterstützung wird darauf ange⸗ nommen, ebenso die Resolution betreffs Ar⸗ beiterkammern. Ein Antrag Blum, die Generalkommission möge der Frage der ge⸗ werkschaftlichen Unterrichts kurse näher treten, wird einstimmig angenommen, ebenso ein Antrag Timm⸗München, der die General⸗ kommission beauftragt, im Sinne der Beschlüsse des Heimarbeiterschutzkongresses zu wirken. M assi n i⸗Berlin teilt die Wahlen zur Generalkommisston mit. Gewählt sind: Legien(Holzarbeiter)

150, Döblin(Buchdrucker) mit 140, Ku o 11 (Steinsetzer) mit 135, Robert Schmidt (Holzarbeiter) mit 119, Cohen(Metallarbeiter) und Schumann(Transportarbeiter) mit je 116 und Drunsel(Töpfer) mit 101 Stimmen. Hierauf erhält BDömelburg das Schluß⸗ wort: Wir stehen am Ende unserer Arbeiten. Wir hatten zwei Fragen zu erörtern, bei denen die Gefahr nahe lag, daß wir in einen Gegen⸗ satz zur Partei gerleten. Aber wenn auch sach⸗ liche Meinungsverschiedenheiten vorkommen können, Partei und Gewerkschaft sind doch eins. (Lebhafter Beifall.) Wenn wir auseinandergehen mit dem festen Vorsatz, in drei Jahren die 2 Millionen Mitglieder erreicht zu haben, können wir getrost in die Zukunft sehen. Die Einig⸗ keit muß unsere Parole sein! Hoch die Einigkeit der deutschen Arbeiter- bewegung! Stürmischer Beifall.)

Der Kongreß ist geschlossen. Der nächste Kongreß findet 1908 in Hamburg statt. Generalstreik. In Solingen beschloß eine von 2000 Personen besuchte Gewerkschafts⸗ versammlung den Genera lstreik aller bei der Stahlwarenfirma Hammesfähr be⸗ schäftigten Arbeiter wegen Lohn⸗ und Tarif⸗ streitigkeiten.

Aussperrungen. Am Samstag Abend wurden 4000 Zigarettenarbeiterinnen in Dres⸗ den wegen der Weigerung aus dem Tabak⸗ arbeiterverband auszutreten, gekündigt. Wenn die Dortmunder organssierten Bauarbeiter nicht bis zum 30. Mai die verhängte Bausperre aufheben wird mit jeuem Tage laut Beschlusses des Arbeitgeberverbandes 30,000 Bauarbeitern in Rheinland⸗Westfalen gekündigt.

Von Nah und Fern.

Hessisches.

Der Großherzog hat den hessischen Eisenbahnbeamten nun auch für 25⸗ bezw. 40⸗ jährige Dienstzeit ein Erinnerungszeichen gestiftet. Ob speziell den niederen Eisenbahnbeamten eine Anerkennung in Gestalt einer Gehaltsaufbesse⸗ rung nicht lieber gewesen wäre?

Der jetzige Landtag soll am 15. Juli geschlossen werden. Am 15. Juni wird er, wie unser Mainzer Parteiblatt 11 zu seiner letzten Tagung zusammen⸗ treten.

Die Wahlrechtsvorlage kann als gescheitert angesehen werden. Es verlautet jetzt bestimmt, was wir in der vor⸗ letzten Nummer als Vermutung mitteilten, daß der Gesetzgebungsausschuß der Ersten Kammer die unveränderte Annahme der Regierungs⸗ vorlage vorschlagen wird. Stimmt dem die Erste Kammer zu woran kaum zu zweifeln ist so ist damit die ganze Wahlreform in's Wasser gefallen, da bekanntlich die Zweite Kammer für die Regierungsvorlage nicht zu haben ist. Für unsere Parteigenossen erwächst unter diesen Umständen die Aufgabe, die un⸗ fassendsten Vorbereitungen für die Neuwahl zu treffen, alle Hebel in Bewegung zu setzen, um die Wahl von Wahlrechts und Volksfeinden zu verhüten.

Zum hessisch⸗preußischen Lotte⸗ rie-Abkommen wird aus Darmstadt be⸗ richtet: Zwischen den Regterungen von Preußen, Hessen und den Thüringisch⸗Anhaltischen Staaten ist nunmehr eine Verständigung dahin zustande gekommen, daß die Hessisch⸗Thüringische Staatslotterie nach Ablauf der 7. Lotterie (1. Juni 1906) gegen Zahlung einer Rente seitens der Preußischen Regierung eingestellt wird. Ob der Vertrag sonst als für Hessen vorteilhaft angesehen werden darf, wird sich erst erkennen lassen, wenn er in der Form der Regierungsvorlage dem Landtag zugeht. Die Kollekteure der Hessisch⸗Thürin⸗ gischen Staatslotterie hielten am Diens⸗ tag in Mainz eine Versammlung ab, in welcher dieselben gegen das Preußisch⸗Hessische Lotlerie⸗ Uebereinkommen Stellung nahmen.

Gießener Angelegenheiten.

mit 182, Sassenbach Fir mit 176, Ku le(Zimmerer) mit 179, Silber schmidt (Maurer) mit 180, Sabath(Schneider) mit

[ Zum Fall Schädel und der Be⸗ schwerde des Gymnastalprofessors Dr. No ack⸗

Gießen gegen den Geh. Oberschulrat No d⸗ nagel wird geschrieben:

Es steht richtig, daß Professor Noack eine solche Beschwerde gegen den Großh. Geh. Oberschulrat Nodnagel erhoben hat. Wegen dieser dem Inhalt nach unbegründeten, der Form nach ungehörigen und beleidigenden Eingabe wird sich Prof. Noack disziplinär zu verantworten haben.

Herr Prof. Dr. Noack beschuldigte den Oberschulrat Nodnagel, daß er im Landtag bei der Verhandlung über den Fall Schädel das Aktenmaterial über die ministerielle Unter⸗ suchung des Falles objektiv nicht den Tat⸗ sachen entsprechend wiedergegeben habe.

Zum Scheiderstreik. DieKuhhaut

der über den Schneiderstreik stets soobjektiv berichtete und seine Informationen nach eigener Angabe aus zuverlässigster Quelle schöpfte, präsentierte in einer der letzten Nummern seinen Lesern die Nachricht, daß der Schneiderstreik sich seinem Ende zuneige, weil die Arbeiter ihr Unrecht eingesehen und bei den Arbeitgebern ein pater peccavi gemacht hätten. Wie genau die Kuhhaut informiert war, erhellt aus der Tatsache, daß die Streikleiter in Gießen in der angeführten Weise wegen Aufhebung des Streiks bei den Arbeitgebern überhaupt nicht vorstellig wurden. Der Streik hat vielmehr seit Montag eine Wendung genommen, denn nachdem in verschiedenen von der Aussperrung betroffenen Orten einsichtsvolle Arbeitgeber mit den Ver⸗ tretern der Arbeitnehmer zwecks Beilegung der Differenzen in Unter handlungen getreten waren,

die Vorschläge aber stets die Billigung jener

von Zäsarenwahn besessenen Herren des Vor⸗ standes vom Arbeitgeberverbande nicht fanden, ist im Angesicht der Scharfmacherpläne vom Vorstand und Ausschuß des Verbandes der Schneider und Schneiderinnen der Beschuß gefaßt worden, daß, falls bis Montag früh die Vorstände der verschiedenen Ortsgruppen des Arbeitgeberverbandes ihre Hauptleitung in München nicht beauftragt haben, daß jene Herren betreffs Beilegung der Differenzen in Gießen in Unterhandlung treten, die Ar⸗ beit bei sämtlichen Firmen des Arbeitgeber verbandes eingestellt wird.(Ist bereits geschehen.) Und warum das alles? Seit Wochen lagen die Schneider in Leipzig und Gießen im Streik. Während in Leipzig seit 14 Tagen die Arbeit wieder aufgenommen ist, beharren die Gießener bei ihrer Forderung. Wiederholt haben sie den Weg der Verständigung beschritten, noch am Dienstag vergangener Woche die Vermittlung des Gewerbegerichts angerufen. Statt nun mit den Arbeitern in Unterhandlungen einzu⸗

treten, will man ihnen einen Tarif aufdringen,

welcher teil weise Verschlechterungen gegenüber den bisherigen Lohnsätzen enthält.Bedingungs⸗ lose Annahme! so lautet der Befehl. Stadt auf Stadt ist in diesem Frühjahr in Mitleiden⸗ schaft gezogen. Um die Schneider lahmzulegen, wurde eine Aussperrung inszeniert, welche an den wahnwitzigen Plan der Alphabet⸗Aus⸗ sperrung, den Herr Menck-Altona ersann, er⸗ innert. Nicht die Alphabet⸗Aussperrung der Arbeiter trat in Wirklichkeit, sondern es wurde diktiert, diese oder jene Stadt hat auszusperren, während andere Städte verschont beiben, um die dringende Arbeit zu bewältigen. Diesen Plan zu durchkreuzen, ist nun Aufgabe geworden.

witziger Herren, welche in dem Arbeiter nicht den gleichberechtigten Menschen erkennen, gilt diesmal der Kampf. Um den Sieg ihrer guten Sache braucht es den Schneidern nicht bange zu sein. Interessant ist auch eine Zu⸗ schrift des Verbandes christlicher Schneider und Schneiderinnen, welche besagt: Eine jüngst veröffentlichteErklärung des Arbeitgeber⸗ verbandes widerspricht in einigen Punkten den Tatsachen. Zunächst werde die Aussperrung damit begründet,daß in zahlreichen Städten von den Gehilfen unberechtigterweise Streiks

der öffentlichen Meinung.

in der Schulstraße alias Gießener Anzeiger,

Den brutalen Scharfmachergelüsten einiger wahn⸗ 1

angezettelt wurden. Das sei eine Irreführung Tatsache sei, daß außer in Gießen in keiner einzigen Stadt ein selbständiger Streik bestehe. In allen anderen