Mitteldeutsche Sountags⸗Zeitung.
Nr. 49.
Schillers geistige Entwicklung.“) Dr. R. Strecker.
Rh.-M. V. Schon früh regten sich in dem Sohn des Wundarztes und späteren Hauptmanns Kas⸗ par Schiller diejenigen beiden geistigen Interessen, welche das ganze Innenleben des großen Dichters bis zuletzt beherrschen sollten, und deren Ver⸗ einigung so oft den tiefer angelegten Geist ge⸗ kennzeichnet hat. Vom Vater, der selbst in den Kriegen Friedrichs des Großen mitgefochten hatte, wurde er auf die Geschichte hinge⸗ wiesen, während die Mutter ein tiefreligiöses Empfinden pflegte, aus dem später die Neigung und Anlage zur Philosophie hervorging. Schon im 14. Lebensjahre ahmte Friedrich Schiller in christlichen Trauerspielen Klop⸗ stock nach.
Die nafürliche Entwickelung des jungen Genies wurde aber durch einen landesfürstlichen Eingriff, der in diesem Falle wohl der lächer⸗ lichste, je vorgekommene Mißgriff war, zerrissen und aus der Bahn gebracht. Herzog Karl Eugen von Württemberg verfügte 1773 die Aufnahme des Knaben in die später sogenaunte hohe Karlsschule und legte dem innerlich zur Theologie Neigenden das Studium der Rechts⸗ wissenschaf: auf. Freilich, eine starke Persön⸗ lichkeit läßt sich auch durch Kasernierung, pe⸗ dantische Disziplin und völlig unangemessene geistige Nahrung nicht ersticken; wenn es offiziell verboten war, die Dichter der Zeit, Lessing und Goethe zu lesen, so wurden sie dafür heimlich nur um so eifriger studiert, und Plutarch und Shakespeare wirkten nicht weniger als sie. Aber ohne Eindruck auf die empfindliche Seele konnte ein so gewaltsamer Druck erst recht nicht bleiben, vielmehr erklärt nur er den ganzen von tiefster Empörung durchzitternden Freiheitsdrang des mißhandelten Dichterherzens. Nur eine geringe Lockerung der beengenden Fesseln war es, als neben dem Rechtsstudium auch wenigstens die Medizin gestattet war, der sich dann Schiller zuwandte. Es hat etwas Rührendes zu sehen, wie er mühsam in das aufgezwungene geistige Joch seine angeborene philosophische Anlage zu fügen sucht, was die eine seiner Abschlußarbeiten schon im Titel verrät:„Ueber den Zusammenhang der tierischen Natur des Menschen mit seiner geistigen.“ Uebrigens ließ ihn sein Eifer und seine Begabung auch mit dem ihm innerlich fernliegenden Studium ausgezeichnet fertig werden, und seit
) Die folgenden Skizze schließt sich eng an die aus⸗ gezeichnete kleine Literaturgeschicht e(2.50 M.) von Dr. Gotthold Klee, Professor am Gymnasium zu Bautzen, an. Das Werkchen zeichnet sich vor manchem populären besonders durch seinen gediegenen philosophischen Unter⸗ grund aus, der allein eine allseitig gerechte Beurteilung literarischer Schöpfungen, zumal eines philosophischen Dichters wie Schiller, ermöglicht. Uebrigens sollte auch in keinem guten deutschen Bürgerhause und in keiner Bibliothek, wo es die Mittel gestatten, eine ausführliche Biographie unserer beiden Dichterfürsten fehlen, denn aus ihrem Leben heraus nur sind ihre Werke völlig zu verstehen. Für Goethe ist die von Bielschowsky(Bd. I 6 M., Bd. II 8 Mh, für Schiller die von Kühnemann (6 Mk.) zu empfehlen.
Ende 1780 konnte er als Regimentsmedikus in Stuttgart etwas mehr von der schwer ent⸗ behrten Freiheit genießen, die seiner Dichter⸗ kraft wie Luft und Licht zur Entfaltung nötig war.
Die„Räuber“ wurden vollendet, die, wie mangelhaft auch ihre Charakteristik der Personen ist, doch so hinreißend wirken durch die wasser⸗ sturzartig aufschäumenden Aeußerungen tiefster leidenschaftlicher Empfindung. Aehnliches gilt von den überschwänglichen Lauraoden, deren Gegenstand, eine kokette Hauptmaunswitwe, nur ganz äußerlich Anlaß zu den dichterischen Er⸗ güssen des noch jugendlich ungeklärten Fühlens geben konnte. Wir ermessen aus diesen Schöpfungen leicht, wie schwer das Ringen des Jünglings gegen sein eigenes heißblütiges Na⸗ turell gewesen sein muß. Eine düstere ver⸗ bitterte Stimmung breitete sich infolge dieser inneren Disharmonie über die Seele des Dich⸗ ters aus(Kindsmörderin, Elegie auf den Tod eines Jünglings, Gruppe aus dem Tartarus u. a.), nur noch gesteigert durch die Schicksale der nächstfolgenden Zeit.
Am 13. Januar 1782 waren zwar die „Räuber“ mit großem Erfolge am Hoftheater in Mannheim(Karl Theodor von Kurpfalz und Bayern) aufgeführt worden. Aber dem Dichter zog sie nur die Ungnade seines Landes⸗ herrn zu. Bei Strafe der Kassation sollte er in Zukunft uur noch über medizinische Dinge schriftstellern dürfen. Die Mißstimmung des Herzogs Karl Eugen mag begreiflich sein; dieses Verbot wird trotzdem von der ungewollten Ironie, die es enthält, nichts verlieren. Nur durch Desertion vermochte der in seiner geistigen Existenz bedrohte Dichter sich zu retten. (Fortsetzung folgt.)
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Wir Roten? Verteuert das Fleisch und verteuert das Brot, Und erhöht die Steuern der Schwachen! Und schnoddrige Worte noch über die Wot— Dann könnt ihr von Herzen lachen. Das Daterland ist ja in euer Hut, Und alles ist wohl getan, was ihr tut. Verbrecher sind nur wir Roten— Noch hurrah die Patrioten!
Stumpft ab die Herzen und knebelt den Geist In der Dunkelmännerschule!
Was Lessing, Schiller und Goethe heißt, Ersäuft im lichtscheuen Pfuhle!
Das Vaterland ist ja in eurer Hut,
Und alles ist wohl getan, was ihr tut. Verbrecher sind nur wir Roten—
Noch hurrah die Patrioten!
Wir Roten wir wollen„Gerechtigkeit“, Wir fordern„Menschenrechte“. Doch das ist ja Sünde! Das ist nur der Neid! Gott ist nur mit eurem Geschlechte. Das Vaterland gab er in eure Nut Und alles ist wohl getan, was er tut. Verbrecher sind nur wir Roten. Hoch hurrah die Patrioten! 5 555
Aus unseren Tagen. Von Gerard Keller.
3(Fortsetzung.)
Aber ein Besuch in den Ministerien und sonstigen Staatsgebäuden würde ein sehr un⸗ angenehmes Unternehmen gewesen sein, da es nicht wenig Mühe macht, in diesem Irrgarten von Gängen, Türen und Treppen sich zurecht zu finden. Malvine schien den Weg schon einige Mal gemacht zu haben, wenigstens fand sie sich sehr leicht zurecht, und erreichte ohne Schwierig⸗ ketten die nummerierte Tür, die zu dem Zimmer
führte in welchem ihr Vater seine Tage zu⸗ brachte.
Es war ein nicht sehr großer, aber ziem⸗ lich hoher Raum mit geweißten Wänden und und ohne Fußteppich, denn das kleine Stück einer Decke, welches vor dem Schreibtische lag, konnte kaum erwähnt werden. Dieses Pult und ein Tisch nebst einem großen Feuerungs⸗ kasten, drei Stühlen, einem Papierkorb und einer Wasserflasche mit zwei Gläsern waren die einzigen Gegenstände, die sich in dem Raume befanden. Die beiden Fenster gewährten die Aussicht auf den sonnigen Hof, wo man die Fenster des Regierungsrates auf der entgegen⸗ gesetzten Seite sehen konnte und die Tauben des Portiers girren hören konnte. In den Stunden, wann keine Schule war, konnte man wohl auch die Kinder des Portiers spielen sehen, bis sie von der Mutter hereingeholt wurden; aber in der Regel sah man nur die 444 blauen Steine des Hofpflasters, wovon 14 zerbrochen waren, die zur Abwechselung einige Grasbüschel durchließen. Des Sommers waren alle Gardinen an den Fenstern, welche auf den Hof gingen, geschlossen, und des Winters waren alle Scheiben gefroren, so daß Herr Morsen, der am Pulte saß, und Herr Werner, der am Tisch saß, weder im Sommer noch im Winter eine besondere heitere Aussicht hatten. Beide Herren reinigten gerade ihre Federn, um, Morsen mit der Zeitung in der Hand, und Werner, indem er auf die 444 blauen Steine starrte, ihre halbstündige Pause zu machen— als an der Tür geklopft wurde.„Herein!“ rief Morsen, der, wie sein Pult bereits verriet, hier der Erste war; aber als er Malvine eintreten sah, beschränkte er sich auf einen halblauten
Gruß und tauchte seine Feder wieder ein.
„Ich bin angenommen, Vater!“ flüsterte Malbine, indem ste sich über Werners Arm⸗ stuhl lehnte.
„So, Kind!“ entgegnete dieser,„nun das ist gut, sehr gut.“ Und gedankenlos tauchte auch er seine Feder in das Tintenfaß.
„Wenn du etwas Näheres wissen willst—“
„Freilich, freilich, sehr gern.“ Und er be⸗ gann einige Akten zu sortieren.
„Könntest du nicht heute einmal auf ein halbes Stündchen nach Hause kommen?“
„Ja, ja, das wäre so übel nicht. Laß ein⸗ mal sehen: ein Viertel vor Zwölf. Nun das läßt sich machen.“
„So laß uns gleich gehen.“
„Gleich? Ja das läßt sich machen.“ Aber Werner blieb bei seinen Akten beschäftigt, bis er plötzlich, wie aus einem Traum erwachend, aufstand und frug:„Was wolltest du mir er⸗ zählen, liebes Kind?“
Malvine war es bei ihrem Vater gewohnt, daß er sprach, ohne zu wissen, was er wollte und antwortete auf Dinge, die er gar nicht verstanden hatte. Ohne die geringste Empfind⸗ lichkeit, die doch wohl erklärlich gewesen wäre, erzählte ste ihm nochmals, daß sie angenommen sei, und daß er jetzt mit ihr nach Hause kommen solle, um alles ausführlich zu vernehmen. Werner zog dann seinen alten abgetragenen Rock aus, holte seinen sorgfältig aufgehobenen guten Rock zum Vorschein, strich seinen Hut allmählich glatt, reinigte dann mit der Hand sein Beinkleid und die Aermel und verließ dann das Bureau mit der Bemerkung, daß er Nach⸗ mittags eine halbe Stunde früher kommen werde. 8
„Dieser Werner wird nachlässig,“ brummte sein unmittelbarer Vorgesetzter.„Der Mann wird eben auch alt.“ Und mit einer gewissen Selbstzufriedenheit warf Morsen einen Blick in den kleinen Spiegel, den wir unter dem vorhandenen Mobilar zu nennen vergaßen, strich seinen Backen⸗ bart, setzte seinen Knelfer auf und fand, daß kein Mensch ihn auf Vierzig schätzen werde. Im Vergleiche zu ihm war Werner ein uralter Mann, obgleich sie nur zwei Jahre ausein⸗ ander waren. Ueberdies, obgleich sie in der⸗ selben Nummer saßen, stand er doch einen Rang höher als sein Zimmergenosse, welchen Sprung er einem Verwandten zu verdanken hatte, der vorübergehend eine Zeit lang an der Spitze gestanden hatte. Werner hatte einen Haushalt mit sechs Kindern, Morsen dagegen war nicht verheiratet und besaß nebenbei ein
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