Ausgabe 
3.12.1905
 
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Nr. 49.

Mitteldeutsche Sonntags Reitung.

Seite 8.

auf Wahrheit beruhen. Der Lumpazius würde nicht den Mut haben, uns zu verklagen! Allgemein ist in der Partei bekannt, daß gerade Dr. Adler sein ganzes Vermögen der Partei geopfert hat. In derselben Nummer druckt das Kreisblatt nochMerlsprüche für Genossen ab, die ebenfalls auf Schweinburg'schem Miste gewachsen sind. Hier einige Beispiele davon:

Was der Singer spricht, was der Bebel tut, Das befolge stumm,

Frage nicht warum.

Wo man nicht überzeugen kann,

Da wende man die Knute an.

Genosse nennt man einen Mann,

Der wie ein Hund parieren kann.

Diese Sprüche könnte man mit vollem Rechte auf dieOrdnungs⸗Parteien und dle Kriegervereine anwenden! Die Arbeiterschaft(und überhaupt alle an⸗ ständigen Leute) in Alsfeld und Umgebung sollten die Kampfesweise jener Preßbanditen beantworten, wie es sich gehört, nämlich das Schandblatt aus dem Hause hinauswerfen. Dann würde ihm bald die Puste aus⸗ gehen.

p. Versammlung in Alsfeld. Ueber den Wert der Konsum vereine sprach am Sonntag Frau Gisela Michel 8⸗Marburg in einer gut besuchten Versammlung im Stadtpark. Rednerin wies zunächst auf die sündhafte Verteuerung der Lebensmittel durch Zölle und indirekte Steuern hin, wie dem ärmsten Arbeiter bei jedem Stückchen Brot, jedem Pfund Salz, jedem Hering, jeder Zigarre ein ganz erheblicher Prozentsatz des Preises als Steuer abgepreßt werde. Aber noch elne weitere Verteuerung finde durch den Zwischenhandel statt. Jede Ware geht durch sou idsoviel Hände und jede will daran verdienen. Der Konsument muß nartür⸗ lich schließlich den Gewinn des Zwischenhandels bezahlen. Durch den Konsumverein könne wenigstens ein Tell dieser Kosten erspart und den Mitgliedern zugeführt werden, indem die Waren direkt bezogen würden. Der Marburger Konsumverein wurde mit nur 60 Mit⸗ gliedern gegründet und habe sich jetzt zu einer blühenden Genossenschaft entwickelt. Nach dem mit Beifall auf⸗ genommenen Referat wurde die Gründung eines Vereins beschlossen und zur Statuten⸗Vorberatung eine Kommission gewählt. Sonntag findet eine Mitgliederversammlung im Stadtpark statt, in welcher der Vorstand gewählt werden soll.

Aus dem Nreise Wetzlar.

DerOber von Wetzlar. In der Apotheke des WetzlarerOberbürgermeisters, des Herrn 1. Beigeordneten Siegmand Hiepe ereignete sich dieser Tage ein Vorfall, der gewiß einer kurzen Erwähnung verdient. Kommt da ein Polizei⸗ Sergeant mit einer Düte voll Nah⸗ rungsmittelproben herein, welche er dem Herrn Apotheker zur Untersuchung übergeben soll. Diesem war die Zeit aber anscheinend höchst ungelegen vielleicht war er auch noch miß mutig über den ihm kürzlich entgangenen nach seiner Ansicht verdienten(9) Seminar ⸗Orden oder mögen ihm die Melchtor⸗Pillen wieder Leib⸗ schmerzen verursacht haben denn er kanzelte den armen Polizeimann vor allem Publikum im Kasernenhoftor derart ab, daß kein Hund mehr ein Stück Brot von ihm genommen hätte und die Zuhörer Mund und Nase aufsperrten.

Und nun ist es nicht recht begreiflich, wie ein städtischer Angestellter sich eine derartige Be⸗ handlungs weise, die doch gewiß nicht geeignet ist das Ansehen des vlelgepriesenen Beamten- standes zu heben, gefallen lassen kann. Die Leute sollten doch wissen, daß dieser Mann nicht mehr ist als jeder gewöhuliche Bürger; daß er vielleicht nur dann etwas zu sagen hat, wenn er vom Bürgermeister in Behinderungsfällen ausdrücklich mit seiner Vertretung oder Aus⸗ führung einzelner Geschäfte beauftragt ist. Daß dies nur ganz geringfügige Funktionen sein können, liegt auf der Hand. Da ähnliche Fälle schon öfter vorkamen, muß man annehmen, daß Herr H. sich über die Grenzen seiner Macht- befugnisse im Unklaren befindet und es sollten ihm diese mit möglichster Dentlichkeit bezeichnet werden. In voriger Nr. unseres Blattes haben wir den Stadtväter an's Herz gelegt für die Linderung der Schmerzen, des Herrn Hiepe auf dem Gebiete der Repräsentation Sorge zu tragen. Auch hier in diesem Falle könnten die Stadtväter ihm etwas nachhelfen durch Be⸗ willigung des Knigge'schen BuchesUmgang mit Menschen. Ob es was helfen wird, ist allerdings fraglich.

h. Ein schwerer Unglücksfall ereignete sich schon wieder in der Karolinenhütte. Der an der Bolzenscheere beschäftigte Arbeiter Dern wollte am Mittwoch Abend einen Riemen reparieren und suchte ihn zu diesem Zweck über eine Nachbarschelbe zu heben; dabei kam er mit dem linken Arm an den daraufliegenden Riemen, der ihm drei⸗ bis viermal förmlich den Arm durchschnitt. Allem Anschein nach wird Dern den Verlust des Armes zu beklagen haben. In dem Raume ist eine so schlechte Beleuchtung, daß man oft die Hand vor den Augen nicht sehen kann. Da auch noch sonstige Miß⸗ stände in dem Betrieb vorhanden sind, wird es gut sein, wenn der Fabrlkinspektor mal nachsteht. Auch in der Druckerei Waldschmidt passterte ein Unfall. Ein Lehrling wurde vom Riemen der Maschine erfaßt und zur Decke geschleudert und erheblich verletzt.

b. Frommer Lüstling. Vor einiger Zeit teilte derWetzl. Anz. mit, daß ein hiesiger Geschäfts⸗ mann wegen Sittlichkeitsvergehen verhaftet worden sei. Es handelte sich um den unverheirateten Tapezierer F., der nebenbei Mitglied des katholischen Gesellen vereins ist. Er versuchte, als er in einem Privathause Tape⸗ zierer⸗Arbeiten auszuführen hatte, das dort in Stelle befindliche 16 jährige Dienstmädchen zu vergewaltigen. Als das Mädchen sich wehrte und schrie, floh er und ließ die Arbeit im Stich. Das Limburger Landgericht hat jedoch den Betreffenden außer Verfolgung gesetzt, weil, wie es in dem Gerichts⸗Beschlusse heißt, das Mädchen dem Versuche einen ernstlichen Widerstand nicht entgegengesetzt habe. Ueber diesen Ausgang der Sache sind die Eltern des Mädchens außerordentlich entrüstet. Sie find von der Sittenreinheit ihrer Tochter überzeugt und meinen, daß letztere nur auf die Fragen des Unter⸗ suchungsrichters nicht klar und richtig zu antworten ge⸗ wußt habe. Deshalb wollen sie gegen den Beschluß des Limburger Gerichts Beschwerde führen.

* Eine Anfrage. Aus Wetzlar werden wir angefragt, warum denn vor dem Hause des Stadt⸗ verordneten Htepe immer die städtischen Arbeiter das Trottoir reinigen, während sonst alle Haus besitzer selbst für die Reinigung vor ihren Häusern sorgen müßten. Wir wissen darauf keine Antwort zu geben

und müssen dem Fragesteller raten, sich mal bei der

Stadtverordneten⸗Versammlung darüber zu erkundigen. Vielleicht zahlt Herr Hiepe jährlich einen gewissen Betrag dafür, er wird gewiß nichts umsonst verlangen, so wenig wie er selber etwas umsonst tut. Und von der Stadt⸗ verwaltung aus werden doch sicher alle Bürger gleich⸗ mäßig behandelt.

Aus dem Nreise Marburg⸗Rirchhain.

Im Wahl verein hielt am Samstag Gen. Michels ei en Vortrag überUnsere Rechtspflege, der mit lebhaftem Beifall aufge⸗ nommen wurde. Hierauf wurde das neue Organisationsstatut für Hessen⸗Nassau beraten. Im Allgemeinen war man mit dem vom Frankfurter Agitationskomitee vorgelegten Ent⸗ wurf einverstanden. Zur Stadtverordneten. Stichwahl wurde folgender Antrag beschlossen: In Anbetracht, daß keiner der in Stichwahl stehenden Kandidaten zur Stadtverordnetenwahl unsere Forderungen auf dem Rathause ernstlich zu vertreten im Stande ist, beschließt die heutige Versammlung Stimmenthaltung. Mit der von uns aufgebrachten Stimmenzahl könnten wir zufrieden sein, nur wurde getadelt, daß mehr⸗ fach Arbeiter nur 12 unserer Kandidaten wählten, während die übrigen Stimmen den Bürgerlichen gutkamen. Sogar ein früherer Vertrauensmann unserer Partei(E.) verleugnete seine Gesinnung und wählte nicht einen unserer Kandidaten. Im weiteren Verlauf der Ver⸗ sammlung wurde beschlossen, daß am Sonntag, den 3. Dezember, eine Kalenderverbrei⸗ tung im ganzen Wahlkreise stattfindet. Des⸗ gleichen findet am Sonntag, den 10. Dezember eine öffentliche Protestversammlung gegen die Fleischnot stat.. Zum Schluß kam man auf die Presse zu sprechen. Es sei bedauer⸗ lich, daß einige Genossen noch immer das Volksblatt, die nationalsoziale Hessische Landes⸗ zeitung, lesen. Was dieses edle Streikbrecher⸗ vermittelungsblatt in der letzten Zeit über unsere Partei zusammengeschmiert hat, ist haar⸗ sträubend. Aufgabe der Genossen muß es end⸗ lich sein, Blätter dieses Schlages aus dem Hause herauszuwerfen.

Mehrere Bauunfälle sind in den letzten Tagen auf hiesigen Baustellen vorgekommen. Vorige Woche stürzte ein Maurer aus Marburg beim Neubau des Kammergebäudes am Kämpfrasen so unglücklich vom Gerüste, daß er st ar b. Am Montag Nachmittag fielen

bel einem Neubau der Lander⸗Hellanstalt der Spengler⸗

meister Geidt, sein Gehilfe und sein Lehrling infolge eine Gerüstbruches zwei Stockwerk hoch hinab. Alle drei wurden schwer, wenn auch nicht lebensgefährlich verletzt. Ob in diesen Fällen die gesetzlichen Vor⸗ schriften beachtet worden sind, dürfte jedenfalls not⸗ wendig sein, durch eine gründliche Untersuchung feststellen zu lassen.

O Freigesprochen wurde von der hiesigen Strafkammer am Freitag ein Steinbruchpächter Gabriel aus Gießen und sein Obersteiger Kirchner aus Steden von der Anklage, in ihrem Kalksteinbruche bei Bleber die gesetzlichen Vorsichtsmaßregeln nicht beachtet und da⸗ durch den Tod eines Arbeiters Krauskopf aus Krumbach verschuldet zu haben. In der Beweisaufnahme bekundet ein Arbeiter, man habe sich nicht getraut, etwas zum Obersteiger zu sagen, der Unglücksfall hätte bei einiger Vorsicht verhütet werden können. Das Gericht konnte sich jedoch nicht von der Schuld der Angeklagten über⸗ zeugen, da ver Stein, welcher den Arbeiter verletzte, erst 20 Minuten nach dem Abschießen sich losgelöst habe, und erkannte auf Freisprechung.

O Eine öffentliche Verhöhnung ihrer Vorgesetzten und deren juristischen Urteile dürfen sich unsere Herrn Studenten schon leisten. Am Montag nachmittag wurde ein zu Karzerstrafe verurteilter Student von seinen Saufkumpanen in lustiger Kaval⸗ kade vierspännig zurVerbüßung seiner Strafe be⸗ gleitet. Für solche öffentliche Verhöhnung der Justiz erhalten die Herrchen höchstens ein paar Mark Geld⸗ strafe wegen Abhaltung eines nicht angemeldeten Umzuges. Wenn ein sozialdemokratisches Blatt oder ein Redner aber in der Kritik nicht peinlich genau seine Worte ab⸗ wägt, setzt es Monate Gefängnisstrafe ab Klassen⸗ justiz!

O Seinen kargen Lohn wollte ein beim Bahnbau der Strecke Treysa Hersfeld beschäftigter ita⸗ lienischer Arbeiter dadurch aufbessern, daß er den Lohn⸗ zettel fälschte. Statt 3.50 Mk. Mehrlohn für nicht ge⸗ leistete 10 Arbeitsstunden brachte ihm diese verfehlte Manipulation drei Wochen Gefängnis eln, welche ihm die hiesige Strafkammer am Freitag zudiktierte.

Das flüchtige Gemein deo berhaupt. Der Bürgermeister Weber aus Amöneburg, der be⸗ kanntlich nach Unterschlagung von 10,000 Mk. sich vor einigen Monatendünn gemacht hat, ist jetzt endlich vom Bezirksausschuß seines Amtes enthoben worden.

Drei Monate Gefängnis wegen Dieb⸗ stahl von Holz im Werte von 102 0 Pfg. erhielt ein Einwohner aus Frankenberg vom dortigen Schöffen⸗ gerichte, welches Urteil am Dienstag in der Berufungs- instanz von der hiesigen Strafkammer bestätigt wurde. Der Mann warrückfälliger Verbrecher am geheiligten Eigentümer und die erkannte Strafe für solche Misset äter das gesetzliche Mindestmaß und unseregöttliche Welt⸗ ordnung verlangt, daß in solchem Falle, auch wenn es sich um ein fast wertloses Objekt handelt, auf diese unverhältnismäßig hohe Strafe erkannt wird.

Partei-Uachrichten.

Parteitag für Hessen⸗Nassau.

Am Sonntag fand ein außerordentlicher Parteitag sür Hessen⸗Nassau im Frankfurter Gewerkschaftshause statt, der von 83 Delegierten besucht war. Es wurde nach eingehenden Beratungen ein Organisations⸗ statut für die Provinz Nassau beschlossen, nach welchem zwei Agitationsbezirke Frankfurt und Kassel ge⸗ schaffen werden. Wir werden das Wesentlichste daraus demnächst veröffentlichen. Am Schlusse des Parteitags wurde eine Resolutlon angenommen, die die Sympathie für die russischen Freiheitskämpfer ausspricht und im Anschluß daran eine Sammlung für die Opfer des Zarismus veranstaltet.

Versammlungskalender.

Samstag, 2. Dezember. Sozialdem. Wahlverein. Abends

Gießen. Vortrag.

9 Uhr Versammlung bei Orbig. Zahlreich erscheinen! Steinberg. Wahlvevein. sammlung im LokaleZur Wilhelmshöhe. Zahl⸗

reich erscheinen!

Hausen. Arbeiter⸗ Verein. Abends Uhr Mitgl. Versammlung bel Wirt Wallbott. Heuchelheim. Arbeiterbild ungsverein. Abends

1/9 Uhr Versammlung bel Wirt Karl Stumpf.

Sonntag, den 3. Dezember. Krosdorf⸗Gleiberg. Wahlvereln. Nachmittags ½4 Uhr Versammlung bei Gastwirt Feu ser⸗Gleiberg. Gießen. Maschinisten und Heizer. Nach⸗ mittags 4 Uhr Versammlung imWiener Hof.

Dienstag, den 5. Dezember. Gießen. Gewerkschaftskartell. Abends 9 Uhr

Abends ½9 Uhr Ver⸗

Sitzung bei Orbig.

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