Ausgabe 
3.12.1905
 
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Seite 4.

Mitteldentsche Sountags⸗Zeitung.

Nr. 49.

meinen das nach den Wahlmännerwahlen vor⸗ aussichtliche Ergebnis gehabt. In den ober⸗ hessischen Bezirken Büdingen, Nidda, Homberg, Alsfeld, Ulrichstein und Hungen wurden die bisherigen bauernbündlerischen Vertreter ohne. Gegenkandidaten wiedergewählt, in Gießen⸗ Land und Vilbel gegen die Stimmen der sozial⸗ demokratischen Wahlmännner. In Nauheim tritt an Stelle Windeckers der Bündler Breiten⸗ bach. Fast einstimmig wurden unsere Genossen Berthold im Kreise Groß-Gerau und Dr. Fulda in Isenburg⸗Sprendlingen gewählt. Genosse Raab stegte in Pfung⸗ stadt mit 22 gegen 21 nationallib. Stimmen. In Bessungen erhielt der Freisinnige Noack 43, Friedrich(Soz.) 11 Stimmen. Mainz⸗Land behaupteten die Zentrumsleute(Dr. Schmitt) mit 34 gegen 22 sozlalistische Stimmen. Der Bündler Wolf unterlag im Bezirk Wörr⸗ statt dem Freistnnigen Christ mit 15 gegen 17 Stimmen. Im übrigen wurden die bis⸗ herigen Vertreter wiedergewählt, so daß sich in der Kammer eine wesentliche Veränderung nicht ergiebt. Sozialdemokraten und Freisinnige haben je einen Sitz gewonnen, die National- liberalen zwei verloren.

r. Watzenborn⸗Stein berg. Wie das Resultat bei der verflossenen Landtagswahl zeigt, haben wir in unserem Orte für unsere Partei im Vergleich zu früheren Wahlen eine erheblich geringere Stimmenzahl aufgebracht. Zieht man die hiesigen Verhältnisse, die scham⸗ lose Kampfesweise unserer Gegner und die Lax⸗ heit eines Teils der hiesigen Arbeiter in Be⸗ tracht, dann erscheint derSieg, den unsere Gegner über uns davon getragen haben, keines- wegs so glänzend, als es von ihnen ausposaunt wurde. Schon wochenlang vor der Wahl wurde mit allerhand schofeln Mitteln gegen uns ge⸗ arbeitet. Man scheute vor keiner Lüge und Verleumdung zurück. So log man z. B. vielen vor, daß von diesem Jahre ab, die erwerbs⸗ tätigen Frauen Gemeindesteuer zahlen müßten, daran seien nur die im Gemeinderat sitzenden Sozialdemokraten schuld. Obwohl diese Sache mit der Landtagswahl rein gar nichts zu tun hat, wurde dies Mittel doch gegen uns ausge⸗ spielt und leider haben sich auch eine Anzahl damit einfangen lassen und gegen uns gestimmt. Auch an Beeinflussungen aller Art hat es nicht gefehlt. Sogar die Wahlmänner der Gegner, obwohl dieselben eigentlich nicht recht gewußt haben, was sie als Wahlmänner für eine Funktion auszuführen hatten, liefen in der Woche vor der Wahl von Haus zu Haus und bettelten um Stimmen. Ferner konnte man am Tage der Wahl beobachten, welche fieberhafte Tätigkeit die Gegner entfalteten. Alles was sie aufzutreiben vermochten, alle Mucker die sonst bei keiner Wahl zu sehen waren, schleppten sie herbei. Der Polizeidie ner lief von Haus zu Haus und im Wahllokal Trepp auf Trepp ab, und rief dabei wie ein Marktschreier:Bitte, meine Herren, Stimmzettel für Leun! Daß eine derartige Agitation durch den Ortspoltzisten, der von den Steuerzahlern der ganzen Ge⸗ meinde bezahlt wird, durchaus unzulässig ist und einen Wahlprotest begründet, kann keinem Zweifel unterliegen. Eine Person ver⸗ dient noch besondere Würdigung. Als bauern⸗ bündlerischer Wahlmann fungierte der ehemalige erste sozialdemokratische Gemeindevertreter Johs. Schäfer XI., Lackierer in Steinberg. Dieser Ergenosse hatte im vorigen Jahre von der hiesigen Arbeiterschaft bei der Gemeinderats⸗ wahl infolge seines zweifelhaften Verhaltens, den verdienten Fußtritt bekommen. Um sich nun in seiner ganzen Charakter⸗Größe zu zeigen, ist er, wie wir hören, zu den Gegnern gelaufen und hat sich diesen als Wahlmann angeboten! Es zeigt das, wie richtig er von den hiesigen Genossen beurteilt wurde, als sie ihm das Gemeindevertreteramt nicht mehr übertrugen. Jede weitere Bemerkung über derartige Ge⸗ sinnungslumperei ist natürlich überflüssig. Eine große Anzahl unserer Wähler machten ferner von ihrem Wahlrecht keinen Gebrauch und ferner standen eine ganze Reihe nicht in der

Wählerliste, was beweist, wie notwendig die Kontrolle der Wählerlisten ist, die leider von

Unter solchen Umständen ist unsere Niederlage sehr erklärlich. Wir werden dafür sorgen, daß bei der nächsten Wahl die Scharte wieder aus⸗ gewetzt wird. 2

Gießener Angelegenheiten.

Arbeiter und Krieger vereine. In den letzten Jahren machen die Kriegervereine immer größere Anstrengungen, um die entlasse⸗ nen Reservisten als Mitglieder zu gewinnen. Es ist ja bekannt, daß in Hessen den Reser⸗ visten gleich das Statut desHassia⸗Verbandes in den Militärpaß beigelegt wird. Als Lock⸗ mittel müssen dabei ferner dietreue Kamerad⸗ schaft und die Unterstützungseinrichtungen des deutschen Kriegerbundes dienen. Von den po⸗ litischen Aufgaben der Kriegervereine ist in der Regel bei der Werbung von Mitgliedern nicht die Rede. Begreiflicherweise! Denn so⸗ bald ein gewesener Soldat aus der Arbeiter⸗ klasse sich darüber klar würde, daß er durch den Beitritt zum Kriegervereine sich gewisser⸗ maßen verpflichtet, keine eigene poli⸗ tische Meinung mehr zu haben und bei Lohnkämpfen den Streikbrecher zu spielen, würde er, sofern er ein ehrenhafter Charakter ist, sich vor dem Beitritt wohlweislich hüten. Das von der Kriegervereinsleitung erlassene Gebot an alle Kriegervereinsmitglieder:Ihr sollt keine sozialdemokratische Gesinnung hegen undIhr dürft keiner freien Gewerkschaft an⸗ gehören, verrät den wahren Zweck der Militär⸗ vereine. Sie sollen dazu dienen, der deutschen Arbeiterbewegung das Rückgrat zu brechen. Denn zur Pflegetreuer Kameradschaft bedarf es solcher Gebote nicht und überdies wird ge⸗ rade in den freien Gewerkschaften die beste Kameradschaft gepflegt, wie auch die Unter⸗ stützungseinrichtungen der Berufsverbände weit⸗ aus bessere sind, als die der Militärvereine. Der richtige Platz für den vom Militär ent⸗ lassenen Arbeiter ist also nicht derpatriotischen Zwecken dienende Kriegerverein, sondern der Gewerksckaftsverband. Bei jeder Gelegenheit zeigen die Kriegervereine ihren arbeiterfeind⸗ lichen Charakter. Deshalb muß sich jeder frei⸗ denkende und aufgeklärte Arbeiter von ihnen fernhalten und sich nicht zum Verräter an seiner eigenen Sache hergeben.

r. In der Generalversammlung der Ortskrankenkasse waren 47 Vertreter der Kassenmitglieder und 3 Vertreter der Arbeit⸗ geber anwesend. Zur Prüfung der Jahres⸗ rechnung wurden die Herren Sickert, Gentner und Wiegand bestimmt. Die ausgeschiedenen Vorstandsmitglieder(Dahmer, Bing, Volz und Gentner von Seiten der Kassenmitglieder und Wiegand und Nauheimer von Seiten der Arbeit⸗ geber) wurden wiedergewählt. Zum Schlusse erstattete der Geschäftsführer Fourier aus. führlichen Bericht über die Versammlung des Zentralverbandes deutscher Ortskrankenkassen zu Dresden sowie diejenige der freien Vereinigung hess. Krankenkassen zu Alzey.

Wahl zur Ortskrankenkasse. Nächsten Dienstag, den 5. Dezember findet von mittags 12 Uhr bis abends 8 Uhr im Post⸗ keller die Wahl der Vertreter zur General- Versammlung der Ortskrankenkasse statt. Für die Kassenmitglieder hat das Gewerkschaftskar⸗ tell eine Liste aufgestellt, welche mit Amend an⸗ fängt und mit Zipp endigt. Es ist Pflicht der Arbeiterschaft sich recht zahlreich an der Wahl zu beteiligen, damit sich auf diese Liste eine hohe Stimmenzahl vereinigt. Anch die weiblichen Mitglieder können ihr Wahlrecht ausüben.

Wir ersuchen in allen Arbeitsstellen für eine zahlreiche Beteiligung agitieren zu wollen, da ÜUeberraschungen nicht ausge⸗ schlossen sind.

Omnibus Gießen⸗Altenbuseck. Herr Eschstruht in Altenbuseck macht bekannt, daß er vom 1. Dezember ab einen Omnibus für Personenverkehr täglich zweimal von Alten⸗ buseck über Wieseck und zurück gehen lassen werde. Diese Einrichtung dürfte vielen willkommen sein

Fahrpreise erschwingliche sind. Zureden hilft. In den letzten Tagen bemüht man sich, in den Straßen der

und stark benutzt werden, vorausgesetzt, daß die

Den Erfolg dieser Bemühungen lann man

stele in einigen Straßen mit Genugtuung fest⸗ ellen.

Das Schwurgericht für Oberhessen

1 diesen Montag mit seinen Verhand- ungen.

Aus dem Rreise gießen.

zl. Heuchelheim. Der Arbeiter Bildungsverein hält am Samstag Abend bei Wirt K. Stumpf seine Mitgliederversamm⸗ lung ab, auf welche hiermit besonders aufmerk⸗ sam gemacht sei. Die Genossen werden ersucht vollzählig zu erscheinen, da für unsere Partei⸗ organisation sehr wichtige Punkte zur Beratung stehen. Ueberheupt müßte sich unter unseren hiestgen Parteifreunden eine größere Regsam⸗ keit zeigen.

Kriegervereinliches aus Klein⸗ Linden. Am Samstag feierte der Krieger⸗ verein in Klein⸗Linden Großherzogs⸗Geburtstag. Bei solchen Festen wird aber nicht nur ge⸗ trunken und Hoch geschrieen, sondern vielfach gibts zum Schlusse kriegerische Schauspiele, in denen die Festteilnehmer aktiv mitwirken. So auch in Klein⸗Linden. Wie uns berichtet wird, erprobten die Krieger ihren Kampfesmut und lieferten sich eine regelrechte Schlacht. Wer den Sieg davon getragen wissen wir nicht, doch steht fest, daß die Nase des ganz unbeteiligten Wirtes stark in Mitleidenschaft gezogen wurde Und was war die Ursach'? Die leidige Politik Die vertrackte Sozialdemokratie! Sie hat es darauf abgesehen, wie der Lehrer und Patriot Keil dem Gießener Amtsblatt schrieb, in die Kriegervereine Uafrieden zu bringen und hat auch dort einen Krieger ohne sein Wissen und Willen als ihren Wahlmann aufgestellt. Herr Keil sollte lieber für gute Erziehung der Jugend und auch der Krieger sorgen, als daß er Unwahrheiten wie die obigen in die Welt setzt.

In Großenlinden sprach am Sonntag in einer im Lokale Weigandt abge⸗ haltenen ziemlich gut besuchten Versammlung Gen. Häuser über:Politische Rechte und Pflichten. Er beleuchtete die heutigen poli- tischen und wirtschaftlichen Verhältnisse und wies besonders darauf hin, wie durch die in⸗ direkte Steuergesetzgebung dem arbeitenden Volke schwere Lasten auferlegt, ihm aber politische Rechte vorenthalten würden. Diese zu erkämpfen, sei Organisation nötig. Im Anschluß daran wurde die Gründung eines Arbeiter⸗Bildungs⸗ vereins beschlossen, dem sofort 20 Mann hei⸗ traten. Sonntag, den 3. Dezember soll nach⸗ mittags im gleichen Lokale wiederum eine Ver⸗ sammlung stattfind en, in welcher der Vorstand gewählt werden soll.

Aus dem Nreise Alsfesd⸗Cauterbach.

* Was für gemeiner Schwindel über die Sozialdemokratie dieOrdnungspr e sie⸗ ihren Lesern austischt, dafür liefert folgende Notiz, die sich kürzlich im Alsfelder Kreisblatt be⸗ fand, ein Beispiel. Sie wird uns von einem dortigen Genossen zugesandt und lautet:

Wo wandern die Arbeitergro schen. hin? Es berührte eigentümlich als neulich die Notiz durch die Blätter ging, in Jena habe eln Zi⸗ garrenhändler noch nie so viel Havanna⸗Importen verkauft als zur Zeit der sozlaldemokratischen Tagung. So lesen wir von einem österreichischen Arbeiterführer, Dr. Adler, dessen Genosse in Montecarlo gesehen hat, als er an der Ronlette mit blanken Goldstücken sein Heil versuchte. Sein Genosse hat es selbst weiter erzählt und hervorgehoben, daß Adler als armer Mensch zur Partei gekommen war. Ja, die Ar⸗

beiter haben noble Führer.

Wer nur ein llein wenig mit unseren Parteiver⸗ hältnissen und ⸗Personalien vertraut ist, weiß ja ganz genau, daß obige, aus der Korrespondenz des edlen Viktor Schweinburg der nach gerichtlicher Feststellung jährlich fünf z ehntausend Mark vom Bunde der Industriellen bekommt, damit er jede Woche einen Schimpfartikel gegen bie Sozialdemokratie liefert abgedruckte Notiz elende Lüge ist. Das w ei ß auch derjenige, der sie in das Amtspapler aufge⸗ nommen hat. Der Bursche lügt bewußt. Er ist also ein ganz erbärmlicher Schwindler und Verleumder. Leider wissen wir seinen Namen ncht, sonst würden wir ihn unter Na mens nen nung Lügner

uuseren Leuten noch oft genug versäumt wird.

Stadt einigermaßen Sauberkeit herzustellen.

heißen, solang er nicht be w eist, daß seine Angaben

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