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Mitteldeutsche Sonntags⸗Zeitung.
Nr. 36.
Von Nah und Fern.
Eine Spielhölle in Mainz.
Vorige Woche hatte sich vor der Mainzer Strafkammer der Restaurateur Eugen Ulrich, Besitzer einer Bodega„auf der Insel“ in Mainz, wegen Duldung des Glücksspiel zu verant⸗ worten. Aus der Verhandlung ging hervor, daß die Bodega eine Spielhölle ersten Ranges ist. Besonders O ffiziere spielten stark und namentlich Husarenoffiziere. Aber auch Zivilisten beteiligten sich, so ein Rechts⸗ anwalt aus Lauterbach, an den der Wirt selbst 1000 Mk. verlor und noch zu zahlen hat, und andere aus der„besseren Gesellschaft“. Der Buchhalter einer Brauerei, der kürzlich nach Unterschlagung von 15000 Mk. flüchtig geworden, war gleichfalls eifriger Spieler. Es wurde wie bei Ruhstrat in Oldenburg„ge⸗ pokert“, die„lustige Sieben“ und„Sieb- zehn vier“ gespielt. Der Angeklagte wurde zu 200 Mk. Geldstrafe verurteilt.
Verhafteter Kassierer.
In Bensheim im Odenwald wurde vorige Woche der Rechner der dortigen Ortskranken⸗ kasse, Adler verhaftet und in das Amtsge⸗
richtsgefängnis eingeliefert. Er wird be⸗ schuldigt, Kassengelder in Höhe von 4300 Mark unterschagen zu haben. Adler
war Ordnungsstütze, Kriegervereinler und Zentrumsmann. Vor einigen Tagen machte er noch einen Ausflug nach Norddeutschland mit dem Kassenvorsitzenden. Bei der letzten Ver⸗ treterwahl verdächtigten auch in Bensheim die Ordnungsblätter auf alle mögliche Art und schrieen, die Sozialdemokraten wollten die Kasse
ruinieren. Jetzt sieht man, wer die Kasse ruiniert. N
Vorsicht mit Petroleum!
Ein schreckliches Ende haben im Jahre 1904 zweihundert Personen in Deutschland deshalb gefunden, weil ste leichtsinnig genug waren, aus gewöhnlichen Kannen oder Flaschen Petroleum oder Spiritus nachzugießen. Diese Tatsache sollte allen, vor allem aber den Hausfrauen und Dienstboten zur Warnung dienen. Leider wird trotz aller Mahnung zur Vorsicht immer wieder die Unsitte geübt, Petro⸗ leum oder Spiritus ins Feuer oder in die noch heißen Kochapparate zu gießen, so daß die Mög⸗ lichkeit einer Explosion, die ganz erhebliche Ge⸗ fahren herbeiführen kann, nie ausgeschlossen ist.
Fortsetzung von Seite 3 des Berichts des Parteivorstandes.)
Wahlrechtser weiterung und Wahl⸗ rechtsraub. In Bayern, Württemberg, Ba⸗ den und Hessen wurden in den letzten Jahren Gesetze, betreffend Erweiterung des Wahlrechts, beraten und in Baden dieses Gesetz zur An⸗ nahme gebracht, so daß daselbst in diesem Herbst zum ersten Mal ein Landtag auf Grund des allgemeinen, gleichen Wahlrechts gewählt wird.
In den unter Einfluß der Scharfmacher stehenden Staaten ging Sachsen voran und raubte bereits 1897, indem es das von Bis⸗ marck als elendeste aller Wahlsysteme bezeichnete Dreiklassenwahlsystem einführte, den Arbeitern jeden Einfluß auf die Landesgesetzgebung. Die⸗ ser Wahlrechtsraub hatte eine Wirkung, die von den Großkapitalisten weder vorausgesehen och gewollt ist. Man brachte den Industrie⸗ staat Sachsen unter eine agrarische Gesetzgebung. Wohl wollten die Großkapitalisten die Arbeiter ron der Gesetzgebung ausschließen. In dem blinden Haß gegen die Arbeiter übersahen sie bie weitere Wirkung des Wahlrechtsraubs. Die Sozialdemokratie in Sachsen wurde aber nicht geschwächt, sondern gestärkt, weil vielen sonst indifferenten Leuten die Augen geöffnet wurden, die nun einsahen, daß die sogenannte Gerechtig⸗ keitsliebe bei den Herrschenden im Klassenstaat völlig fehlt.
Man hätte erwarten können, daß das Bei⸗ spiel Sachsens die Scharfmacher in anderen Staaten stutzig gemacht hätte, da sie meistens keine rein agrarische Herrschaft wollen. Dumm⸗ heit und Brutalität gehen bei den Scharf⸗
machern Hand in Hand und deshalb ließen sie nicht nach, auch in anderen Staaten ihre Zwecke zu verfolgen. Ein Hauptversuchsstaat für scharf⸗ macherische Gewaltpolitit ist Lübeck. Dort brachte man es zuerst fertig, den Erpressungs⸗ paragraphen gegen streikende Arbeiter anzu⸗ wenden; dort wurde auch das vom Reichsgericht aufgehobene Streikpostenverbot erlassen, also dieser Boden eignete sich vorzüglich für die Saat der Scharfmacher. Zwar hat Lübeck für seine Landesgesetzgebung kein besonderes moder⸗ nes Wahlrecht. Denn, obwohl bei der letzten Reichstagswahl 55,1 Prozent der Stimmen für den Kandidaten unserer Partei abgegeben wur⸗ den, ist es unseren Genossen bisher noch nicht gelungen, auch nur einen einzigen Vertreter in die Bürgerschaft zu bringen. Als nun die Ar⸗ beiter begannen das Bürgerrecht zu erwerben und dafür 30 Mk. opferten, wurden sie plötzlich um die ersparten Gelder betrogen, indem man den 1200 Mk.⸗Zensus einführte. Später machte man den Wahlrechts raub vollständig und man schaffte ein Wahlgesetz, wonach 14500 Reichs⸗ tagswähler mit weniger als 1200 Mark Jahres⸗ einnahme gar kein Wahlrecht haben. 6000 Bürger mit 1200 bis 2000 Mk. Jahreseinnahme wählen 15 Mitglieder und die 2000 Bürger mit mehr als 2000 Mk. Jahreseinnahme wählen 105 Mitglieder in die Gesetzgebung der Geldsacks⸗ republik. Hier zeigt sich auch der Freisinn wieder als Wahl rechtsräuber. Die früheren freisinnigen Reichstagsabgeordneten Poertz und Stiller und die lange Reihe der Freisinnsgrößen Lübecks traten für den Wahlrechtsraub ein. Das Schamgefühl ist bei den Vertretern der Geldsackspartei völlig geschwunden. Sie hören selbst auf, noch Heuchelei mit den Worten Gerechtigkeit und Freiheit zu treiben und zeigen mit brutaler Offenheit den wahren Charakter der Bourgeoiste. Der Staat ist für sie eine Institution zur persönlichen Bereicherung und Förderung ihrer Klasseninteressen. Das wurde hier ziemlich unverblümt zugegeben, indem man durch diese Gewaltmittel diejenigen aus der Gesetzgebung fern zu halten sucht, von denen man annimmt, daß sie für das Gemeinwohl eintreten werden. Lübeck fand bald in Ha m⸗ burg einen Nachahmer. Das reine Patrizier⸗ regiment hat Hamburg schon furchtbaren Schaden zugefügt. Die unter Oberleitung der Haus⸗ agrarier stehende Mißwirtschaft hat jene Zustände geschaffen, die im Jahre 1892 durch die Cholera aus Licht gezogen wurden und damals das Entsetzen der ganzen Welt erregten. In der Erregung hatte man damals etwas nachgegeben und eine geringe Verbesserung eintreten lassen. Der Bericht bespricht dann die Hamburger Wahlrechtsraub⸗Vorlage eingehend, die sich be⸗ kanntlich noch im Stadium der Beratung befindet. Fortsetzung folgt.)
Kirche und Religion.
Es wird so viel über die Gott⸗ und Religions⸗ lostgkeiten unserer Zeit geklagt. Brachte es doch neulich ein kath. Geistlicher sogar übers Herz, am Grabe der verunglückten Bergleute der„Borussia“ in seine Trostrede den Ge⸗ danken einzuflechten, die Gottlosigkeit der Menschen fördere derartige Unglücksfälle als Racheakte des zürnenden himmltschen Gebieters heraus! Lassen wir einmal die Frage beiseite, ob das Bild, das sich dieser Priester von seinem Gott macht, wirklich allgemeiner, religtöser Verehrung würdig wäre. Dann erübrigt noch die zweite Frage: Woher wissen die Geistlichen, die mit solchen Vorwürfen freigebig sind, daß die Menschen so religionslos geworden seien? Haben sie etwa allen in die Herzen geschaut? Oder können sie etwa so genau nachweisen, daß die Summe von Schlechtigkeiten und Verbrechen so sehr zugenommen hätte? Man lese nur einmal was der heilige Gregor von Tours von seinem christlichen Gebieter, dem König Chlodwig erzählt! Man denke an die ewig weitherzige Moral, wie sie am Hofe Karls des Großen herrschte! Man versetze sich einmal in die Zeiten des allerchristlichsten Königs Ludwig XIV. Nach dem allen die fortschreitende Gottlostgkeit unserer Zeit beweisen zu wollen, das dürfte so
leicht nicht sein. Aber freilich die Herren Theologen haben einen besonderen Maßstab, an dem sie die Frömmigkeit der Menschen messen. Es ist die Kirchlichkeit. Sie sehen, daß die Leute immer weniger zu ihnen in die Kirche
kommen, das wachet—(um mit Wilhelm Busch zu reden)— die böse Zeit, man höret nicht auf die Geistlichkeit. Und wenn
man dann die Kirche mit der Religion einfach gleichsetzt, dann ist freilich der Schluß leicht ge⸗ ae And die unkirchlichen Leute auch unreli⸗ giöse sind.
Dieser Schluß aber ist falsch und eine bittere Ungerechtigkeit gegen viele, echt religtöse Menschen, weil seine Voraussetzung falsch ist. In Wahr⸗ heit ist die Kirche gar nicht die Religion selbst, sondern eine von menschlichem Denken geschaffene, daher auch eine unvollkommen und stets wieder reformbedürftige Ausdrucksform derselben. Auch im schwarzen Rock des Priesters steckt doch immer nur ein menschliches Herz und ein menschlicher Verstand. Daß das Wort„Priester⸗ hochmut“ so sehr geläufig geworden ist, ist leider ein Zeichen dafür, daß nicht alle Vertreter dieses Standes mit jener einfachen Tatsache sich be⸗ scheiden mochten. Nur allzuoft treten sie auf, als ob jeder Strich ihres Weltbildes eine gött⸗ liche Eingebung und eine unbedingte Wahrheit sein müsse. Sie lassen vor sich und vor andern nur zu gern außer acht, daß die Formulierung eines jeden Glaubenssatzes ihre Geschichte daß Alles was ste als geheiligte Weis⸗ heiten lehren, nur als Ergebnis von Streit und Widerstreit menschlicher Ansichten auf Synoden und Konzilen, in Büchern und Er⸗ lassen zu Stande gekommen ist. Was aber so
wird auch im Lauf der Zeiten wieder ver⸗ schwinden, was sich gestern und vorgestern ge⸗ ändert hat, das wird auch morgen und über⸗ morgen nicht stille stehn. Und wo eine Geist⸗ lichkeit zu starr an veralteten Formeln festhält, fordert sie dadurch nur eine um so rücksichte⸗ losere Revolution gegen sich heraus. So ent⸗ stand die protestantische Kirche neben der katholischen, so entstanden auch andere Ab⸗ splitterungen noch, die Sekten. Dabei könnte es fast komisch wirken, wenn es nicht so traurige, moralische Folgen hätte, daß nun jeder abge⸗ splitterte Teil für sich die wahre Religion zu besitzen in Anspruch nimmt, ähnlich, wie jeder feh eines zerstückelten Wurms das Leben esthält. 5 Ein wirklich religiös empfindender Mensch wied sich die ewige, unendliche, göttliche Macht doch wohl erhaben vorstellen müssen, sowohl über die einzelnen entwicklungsgeschichtlichen Abschnitte der Kirche, als auch über die engeren oder weiteren Schranken der Sekten und Kon⸗ fesstonen. Jedes Volk hat dieses allgemeine religiöse Ahnen, in jedem Volk finden wir dann aber auch das Bestreben, dieses Ahnen und Fühlen in äußere Formen eines Bekenntnisses und Kultus zu bringen. Und diese Formen haben wiederum Alle eine Neigung: sich zu ver⸗ härten. Sie halten nicht leicht Schritt mit der übrigen Kulturentwicklung der Völker. Zere⸗ monien sollen erfüllt werden, bei denen der Mensch doch nichts mehr zu fühlen vermag, Lehren sollen geglaubt werden, bei denen sich ein fortgeschrittener Geist beim besten Willen nichts mehr denken kann. So kommen aus tiefinneren Naturnotwendigkeiten, ja gerade aus der tiefstempfundenen Religtösttät heraus, die Anstürme und Kämpfe gegen das nur noch künstlich erhaltene Gebäude. So tritt Buddha auf in Indien gegen den Kastenstolz der Brah⸗ manen, so weist Sokrates vor den glänzenden Marmortempeln der Grtechen auf die Gottheit hin, die im Herzen des Menschen wohnt, so vertreibt Christus Pharisäer und Schriftgelehrte aus dem himmlischen Zion, um es Zöllnern und Sündern einzuräumen. (Schluß folgt.) Bemüht
Parteifreunde!
nach besten Kräften für die immer weitere Verbreitung Eueres Blattes, der
Mitteldeutschen Sonntags⸗Zeitung!
im Laufe der Zeiten entstand, das kann und
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