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Mitteldentsche Sountags⸗Zeitung.
Seite 7.
1 2 Es geht auch ohne Asuig. Der König rief:„Nein!“— Das Volk rief:„Ja!“ Sonst ward nicht viel gesprochen. Nun sitzt das Tand ohne König da; Das Bündnis liegt zerbrochen. Und sieh: Kein Gott zur Erde kam, Den gräßlichen Frevel zu rächen. Sum Teufel nur ging der höfische Kram, Das Volk muß weniger blechen. Sonst aber rauschen die Ströme all' Wie früher mit tosender Schnelle, Es bricht in den Fjorden mit Donnergeprall Am Fels sich die brandende Welle. Die Gletscher glitzern in gleißender Pracht, Als wäre nichts geschehen. Und hoch in der düster prangenden Nacht Sieht man das Vordlicht stehen. Und aller und jener Ehrfurcht bar Umtollt der Seehund die Schäre; Still über den Bergen kreist der Aar, Als ob's noch beim Alten wäre. Und auch der Frühling grünt und blüht, Es sprießt an allen Enden. Auf's Meer manch tanzende Barke zieht, Gelenkt von nervigen Händen. Und weiter die Sonne das Cand erhellt. Schier illoyal und höhnisch, Als wollte sie künden der staunenden Welt: „Es geht auch ohne König!“
(Aus d. Südd. Postillon.)
Auf dem Holzweg. Humoreske von Viktor Lenz. „(Schluß.
„Ich denke, jetzt müssen wir ihnen erst recht zuvorkommen,“ begann er.„Ueberlegen Sie einmal, was daraus entstehen kann, wenn wir sie nicht abfangen.“
„Vielleicht ist es möglich, es so einzurichten, daß sie diese... diese... Bomben, oder was es ist, für einen Augenblick hinlegen und inzwischen unschädlich gemacht werden,“ meinte der Bürgermeister.
„Jedenfalls müssen wir uns besser be⸗ waffnen— ich hole auf alle Fälle meine Jagd⸗ flinte,“ sagte der Apotheker.
Der Kandidat stand zähneklappernd da und sagte gar nichts. Das Herz war ihm plötzlich in die unterste Etage gefallen.
„Vor Allem die anderen nichts merken lassen!“ flüsterte der Bürgermeister.„Wir rücken geschlossen nach der Waldschenke vor, be⸗ setzen dieselbe und warten ab, was kommt. Wer ein Gewehr besttzt, kann es holen.“
Gesagt, getan. Eine halbe Stunde später war die Waldschenke besetzt. Drei Mann mit Gewehren waren als Vorposten im Gehölz auf⸗ gestellt. Außer den vier Anführern hatte Nie⸗ mand eine blasse Ahnung von den Dingen, die da kommen sollten. Viertelstunde auf Viertel⸗ slunde verrann in banger Erwartung. Es war ein köstlicher Herbsttag, heilige Ruhe lag über Wald und Flur. Nur in den Herzen dieser Menschen sah es wild aus und finster.
Endlich, kurz vor neun Uhr, wurden drei Gestalten auf der Landstraße sichtbar.
„Da sind sie!“ rief der Apotheker, der sie zuerst erblickte.
Ja, da waren sie— und sie trugen in der Tat Jeder etwas Rundes, in weißes Papier Gehülltes in der Hand. Und wie sie dabei lustig schwatzten und lachten— die entsetzlichen Menschen! 111 23 4
Schon überlegten die drei Scharfschützen, ob sie nicht anlegen und die Frevler, so lange ste noch nicht ganz dicht heran waren, ganz ein⸗ fach niederschießen sollten— da geschah etwas ganz Unerwartetes und unter den augenblick⸗ lichen Umständen schier Unerhörtes: Die drei Burschen legten die runden, weißen Gegen⸗ stände auf dem Straßenrande nieder und be⸗
gannen wie ein paar muntere Schuljungen über den Chausseegraben zu springen!
„Jetzt oder nie!“ dachten die drei Mann auf Vorposten, und indem sie die Gewehre in die Luft abschossen und mit dem Kolben nach oben kehrten, stürzten sie mit lautem Hurrah! auf die Ahnungslosen ein. Und aus allen Winkeln der Schenke krochen nun auch die Anderen hervor und stürmten mit lautem Kampfgeschrei auf die Wahlstatt. Im Nu waren die drei Wanderer umzingelt, und unbarmherzig hieben die Biedermänner von Dingsdahausen auf die Wehrlosen ein, indem sie dieselben mög⸗ lichst von den drei„Bomben“ weg nach dem Wald zu drängen suchten. Im Hintergrund aber stand Bürgermeister Wansterl und rieb sich die Hände:„Das wär' soweit gelungen,“ sagte er im Stillen—„die kommen stcher nicht wieder.“
Aber die Bomben, die Bomben— was mit denen beginen?
Mit scheuem Blick wandte er sich nach den gefährlichen Dingern um, da— sieh, was war das?— traten drei verschleierte Damen aus dem Gehölz ihm entgegen, und er erkannte zu seinem höchsten Erstaunen. seine Töchter!!
„Nelli— Polli— Walli— was ist das?!“ stieß er mit dem Ausdruck des äußersten Be⸗ fremdens hervor.
„Um Gotteswillen, Papa, die Herren wollten ja.. zu unt!“ schrie Walli ganz außer sich vor Schrecken, und ohne eine weitere Erklärung des entsetzten Papas abzuwarten, stürzte ste sich mit den beiden Schwestern in das Kampfge⸗ tümmel. Hieb auf Hieb sauste auf ihre zarten Körper nieder, aber ste achteten dessen nicht, sondern zogen eine Jede ihren Herzgeliebten aus dem Knäuel der Kämpfenden hervor und nach dem Chausseerande zu, wo der verblüffte Papa mit offenem Munde stand und einer leblosen Bildsäule gleich nach der seltsamen Szene hin⸗ starrte. g „Das ist ja Herr Müller aus Flinsdorf, Papachen— Studiosus Müller!“ stellte Walli unter heißen Tränen ihren Auserwählten vor, den der Kandidat so jämmerlich verbläut hatte, daß ihm das Blut aus Mund und Nase her⸗ vorquoll.
„Und das Herr Feldmesser Meyer aus Grimmingen,“ wimmerte Polli, indem sie einen jungen Mann vor den gestrengen Herrn Papa führte, dem das ganze Gesicht braun und blau geschlagen war. f
„Und das Herr Bahnasststent Schulze aus Flinsdorf,“ brachte Nellt schluchzend heraus, wobei ste auf ein bis zur Unkenntlichkeit zuge⸗ richtetes Menschenantlitz wies.
Die Männer von Dingsdahausen, vom heißen Kampfe noch ganz erregt und gerötet, standen ganz verdutzt um den bestürzten Stadtvater und die drei Paare herum. 5
„Ein Mißverständnis, meine Herren— ein schreckliches Mißverständnis!“ murmelte endlich im Tone tiefsten Schuldbewußtseins Herr Wansterl, indem er den armen Opfern seines schlau angelegten Planes die Hand reichte, während gleichzeitig der Doktor, der Apotheker und der Kandidat sich an den Köpfen der Verwundeten zu schaffen machten.„Der Biskup ist an Allem schuld. Wo steckt er?“
„Hier bin ich, Herr Bürgermeister,“ versetzte der Poltzeisergeant, der soeben auf dem Kampf⸗ platze angelangt war.„Und hier sind die „Puketts“ für die jungen Damen— wohl ein Präsent von die Herren da!“.
Mit pfiffiger Miene reichte er den tiefbe⸗ trübten Mägdlein die von der weißen Umhüllung befreiten„Bomben“.
Der Bürgermeister maß ihn von oben bis unten mit einem vernichtenden Blicke.
„Sie sind ein Esel, Biskup,“ brachte er endlich hervor—„ein ganz gewaltiger Esel!“ * 1 *
Was aus den drei Pärchen weiterhin ge⸗ worden, das mögen unsere verehrten Leserinnen, wenn es ihnen Spaß macht, sich selber aus⸗ malen.
Zum Schluß nur noch ein Wort von den Leuchtenburger Genossen, welche die Agitations⸗
Unbehelligt laugten sie mit dem zweiten Zuge im Städtchen an, wo sie bereits ein paar Freunde erwarteten und sogleich„in die richtige Schmiede“ geleiteten. Es war ein erfolgreicher, fröhlicher Tag für Gastgeber und Gäste. Niemand kümmerte sich um sie, die„Stützen der Gesellschaft“ hatten an der einen Blamage genug. Nicht Dynamit und Gewalt, nicht Aufruhr und Empörung wurden da gepredigt, sondern wahres Menschentum und Menschen⸗ würde, edle Brüderlichkeit und echter Geistes⸗ fortschritt. In aller Stille wurde das Samen⸗ korn in den frisch bestellten Acker gelegt, und die Zeit wird es lehren, daß selbst in Dings⸗ dahausen das Licht die Finsternis siegreich überwindet.
Splitter.
Das untrüglichste Armutszeugnis für eine gesellige Unterhaltung liegt dann vor, wenn sie auf Kosten anderer geführt wird. Klatsch jeder Art dokumentiert nicht allein leere Herzen, sondern auch hohle Köpfe.
Reichel. *.
* Dies über alles: sei dir selber treu, und daraus folgt, so wie die Nacht dem Tage Du kannst nicht falsch sein gegen irgend wen. Shakespeare.
Humoristisches
Lieber nicht! Anläßlich der Diskusston über die Einrichtung des Befähigungsnachweises für Handwerker wurde von bürgerlicher Seite vorgeschlagen, auch den Antritt eines Ministerpostens gesetzlich von einem Nach⸗ weis der Befähigung abhängig zu machen. Sämtliche feudalen Familien Preußens haben sich jedoch mit einem überaus heftigen Protest gegen diesen Vorschlag gewandt.
Kindermund. In der Familie kritisiert man den Ausspruch eines„hohen Herrn“ über den„inneren Feind“ und merkt plötzlich, daß das Söhnchen Zeuge des Gespräches geworden ist. Um nun zu hören, was es von dem Gespräch„aufgeschnappt“ hat, fragt man es: l
„Nun, Freddy, welches ist der innere Feind?“
„Der Band wurm!“
Wenn Zwei dasselbe tun. Ver⸗ teidiger: Das Zeugnis dieser Frauensperson kann meinen Klienten, den Herrn Kommerzien⸗ rat Schürzenjäger durchaus nicht belasten, denn ein Weib, das sich für bares Geld dem ersten Besten zur Verfügung stellt, ist unter allen Umständen unglaubwürdig.— Zeugin: „Ach, sind's doch ruhig, Herr Rechtsauwalt! Wie Sie der Herr Kommerzienrat nich gut be⸗ zahlen tät, tätens auch nich an seine Unschuld glauben!“
Das Uhren- und Goldwarengeschäft von D. Kaminka
befindet sich jetzt
Marktplatz 11
am Kriegerdenkmal.
Literarisches.
Dem sozialdemokratischen Parteitag ist das Septemberheft der„Sozialistischen Monats⸗ hefte“ gewidmet. Es enthält u. a. folgende Artikel: Eduard Bernstein: Zum sozialdemokratischen Partei⸗ tag in Jena.— Adolf v. El: Partei und Gewerk⸗ schaft.— Richard Calwer: Weltpolitik und Sozial⸗ demokratie.— Max Schippel: Die französische Handels⸗ politik in den Kolonieen. Ein Beitrag zu Marolkofrage. — Wolfgang Heine: Politischer Massenstreit im gegenwärtigen Deutschland?— Paul Kampfmeyer: Zur Maifeierfrage.— Dr. Hugo Lindemann: Zentralismus und Förderalismus in der Sozialdemo⸗ kratie.— Paul Hug: Der Entwurf eines neuen Organisationsstatuts für die sozialdemokratische Partei. — Otto Hue: Berggesetzgebung und Zentrums politik. — Wilhelm Kolb: Ueber das Zentrum und die Sozialdemokratie. Robert Schmidt: Ein Ausblick auf die nächste Zukunft unserer Sozialpolitik.— Julius Fräßdorf: Die Selbstverwaltung der Krankenkassen. Das 112 Seiten starke Heft kostet 50 Pfg. und ist bei der Expeditlou der Mitteldeutschen Sonntags⸗Zeitung
reise nach Dingsdahausen unternommen hatten. zu beziehen.


