Ausgabe 
3.9.1905
 
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Seite 4.

Mitteldentsche Sonuntags⸗Zeitung.

Mr. 36.

kommen wir nicht weiter, der allzu Bescheidene(J) wird zurückgedrängt. Das provisorische Komitee fordert zur Ausgabe von Anteilscheinen à 20 Mk. auf, um die Gründung zu finanzieren. Die in Frage kommenden Arbeiter haben allen Anlaß, auf der Hut zu sein und ihr Bollwerk gegen Unternehmer⸗Herrendünkel, die Organi⸗ sation, zu stärken.

Unterschrieben ist der Aufruf u. a. von C. Frick in Friedberg, Chr. Nölcke und Ed. Leister in Kassel.

Wie der Kapitalismus das Familien⸗ leben zerstört, zeigen die Auslassungen des oldenburgischen Gewerbeaufsichtsbeamten über die Mittagspausen. Es ist in den Arbeiter⸗ familien, in denen die Frau mit auf die Arbeit geht, zur Gewohnheit geworden, die gekochten Speisen abends zu bereiten und am folgenden Mittag aufgewärmt zu genießen. Natürlich wird nur allzuoft auf die Herrichtung gekochter Speise verzichtet, man begnügt sich auch mittags mit etwas Zukost(Wurst oder Käse) zum Schwarzbrot. Hier werden gerade die ärmsten Arbeiter am härtesten durch die Fleischteuerung betroffen. Wer bereitet den Kindern das Mit⸗ tagsmahl? Niemand; sie finden, wenn sie aus der Schule kommen, den ihnen zugemessenen Teil der kalten Spetsen zu Hause und werden ihn wahrscheinlich auch kalt verzehren. In einer Arbeiterwohnung fand der Gewerbein⸗ spektor ein achtjähriges Mädchen mit einem jüngeren Knaben mittags allein zu Hause. Es erzählte auf Befragen, daß seine Eltern in der Fabrik seien, die Kinder bekämen gewärmte Suppe, wenn dergroße Bruder, nach Hause komme. Dergroße Bruder der die Suppe kochen mußte, war aber selbst erst elf Jahre alt.

Pon Nah und Fern.

Gießener Angelegenheiten.

Die Teuerung aller Lebens⸗ mittel hat einen Grad erreicht, wie noch nie vorher in den letzten Jahrzehnten. Das Fleisch ist für einen großen Teil der Bevölkerung zum seltenen Genuß geworden. Butter kostet trotz des Futterreichtums 1,25 bis 1,30 Mk. das Pfund; für Eier werden 89 Pfg. ver⸗ langt, vor wenigen Jahren waren sie um diese Jahreszeit für die Hälfte des Preises zu haben. Ein großer Teil des Volks muß tatsächlich hungern, es tritt in weit schlimmerem Maße als bisher Unterernährung ein! Und dies in⸗ folge der unverschämten agrarischen Wucher⸗ politik, die von der unter dem Einfluß der ostelbischen Junker stehenden Reichsregierung betrieben wird. Das Volk muß sich gegen eine solche Ausraubung zur Wehr setzen, Maßregeln zur Abhülfe des Notstandes verlangen! Des⸗ halb beruft die Gießener Parteileitung auf Dienstag den 5. September, abends /9 Uhr eine Protestversammlung auf Lonys Bierkeller ein, zu welcher Männer und Frauen der Gießener Bevölkerung und be⸗ sonders der Arbeiterschaft recht zahlreich er⸗ scheinen wollen. Voraussichtlich wird Abg. Dr. David über die Fleischnot und ihre Ursachen sprechen.

Ein Metallarbeiterstreik ist bei der Firma Schaffstaedt am Montag ausge⸗ brochen. Es sind im ganzen 27 Arbeiter beteiligt, meistens Dreher und Monteurschlosser, einige Kupferschmiede und Schleifer. Die Forderungen, welche die Arbeiter stellten und deren Nichtbe⸗ willigung den Ausstand nach sich zog, sind außer⸗ ordentlich mäßige und man muß sich wirklich wundern, daß Herr Schaffstaedt es deswegen zum Streik kommen ließ. Zunächst muß be⸗ tont werden, daß bei Schaffstaedt die Löhne im allgemeinen niedrige sind und deshalb eine mäßige Erhöhung derselben sowie eine Regelung der Lohn⸗ und Akkordoerhältnisse gefordert wurde. Die weiteren Wünsche betrafen die Ab⸗ stellung einer Reihe von Mißständen im Betriebe, die geeignet sind, die Gesundheit der Arbeiter empfindlich zu beeinträchtigen. Bezüglich der Mißstände sagte die Firma bei den gepflogenen Verhandlungen möglichste Abhülfe zu, doch lehnte sie wegen Regelung der Löhne jede Ver⸗ handlung ab.

Deshalb blieb den Arbeitern

nichts anders übrig, als in den Ausstand zu treten. Bisher ist es ihnen vollständig gelungen, Streikbrecher fernzuhalten und es dürfte der Firma sehr schwer fallen, für ihre alten und eingeühten Leute Ersatz zu finden. Sie ist denn auch bemüht, dafür zu sorgen, daß diese ander⸗ wärts keine Arbeit bekommen und hat folgendes Schreiben an die Arbeitgeber der Branche ge⸗

richtet: Gießen, 28. Augnst

Ich mache Ihnen hierdurch die Mitteilung,

daß ein Teil der in meinem Betriebe be⸗

schäftigten Eisen⸗ und Metalldreher, Schleifer,

Fräser und Schraubstockarbeiter wegen Ab⸗

lehnung ungerechtfertigter und unerfüllbarer

Forderungen vorgestern die Arbeit niederge⸗

legt hat. Im Interesse des Rechts und der

Autorität der Arbeitgeber überhaupt richte

ich das dringende und höfliche Ersuchen an

Sie, Leute aus meiner Fabrik, die sich etwa

bei Ihnen melden sollten, nicht einzustellen,

sowie eventuelle diesbezügliche Engagements sofort wieder rückgängig zu machen.

Mit Hochachtung

H. Schaffstaedt.

Wir meinen, dieses Schreiben charakteristert die Firma derart, daß wir nur wenig hinzuzu⸗ fügen brauchen. Natürlich, die Forderungen der Arbeiter sind stetsunberechtigt undun⸗ erfüllbar und wean sie nur einen Pfennig mehr Tagelohn fordern. Unerfüllbar! Dabei bietet die Firma den Leuten, die ste zum Ersatz der Streikenden von auswärts heranzuziehen suchte, fast den doppelten Lohn, den sie ihren Ar⸗ beitern bisher zahlte! Tatsächlich bot sie aus⸗ wärtigen Arbeitern 60 70 Pfg. Stundenlohn. Ihre alten, eingeübten seit Jahrzehnten im Ge⸗ schäft tätigen Leute speiste sie mit 3036 Pfg. ab und läßt sie nicht nur in den Ausstand treten, sondern versucht ihnen auch noch die Existenzmöglichkeit abzuschneiden. So belohnt der Unternehmer die Treue in der Arbeit. Sollte Herr Schaffstaedt, der sich augenblicklich in einem Schweizer Bade befindet, davon Kenntnis haben? Er, der als humaner Mann gelten will und bedeutende Summen für den Theaterbau übrig hatte? Am Donnerstag Abend fand eine sehr stark besuchte Metallarbeiter⸗Versammlung imPfau statt, die den Streikenden ihre Sympathie bekundete.

Die hessische Konsumgenossen⸗ scchaften hielten am Sonntag in Darmstadt eine Konferenz ab, zu welcher 90 Vertreter von 24 Vereinen erschienen waren. Es wurde hauptsächlich über die vom Landtage beschlossene Besteuerung der Konsumvereine verhandelt und dagegen entschieden protestiert. Barth⸗Mün⸗ chen sprach über genossenschaftliche Verwaltungs⸗ grundsätze; Frau Dr. David über Manipu⸗ lation der Gegner in Deutschland und Eng⸗ land; Prof. Dr. Staud inger über die Be⸗ steuerung der Konsumvereine in Hessen. Eine Protestresolution gegen die Besteuerung fand einstimmige Annahme. Vom Konsum⸗ verein Gießen waren ebenfalls zwei Vertreter in Darmstadt, die jedenfalls darüber in der am Sonntag in Restaurant Albold stattfinden⸗ den Generalversammlung Näheres berichten. Zu dieser Versammlung, welche um 3 Uhr nachm. beginnt, wird zahlreicher Besuch der Mitglieder erwartet.

Zu Differenzen im Schneider⸗ gewerbe wäre es in den letzten Tagen beinahe wiederum gekommen. Die Arbeitgeber legten einen Vertrag vor, den die Gehilfen zu unterschreiben sich weigerten. Eine sehr stark besuchte Schneiderversammlung am Montag beschloß jedoch, zu unterschreiben und so . der Konflikt vermieden. Wir kommen noch darauf zurück.

* Volkskultur. Mit der theoretischen und praktischen Weiterentwicklung der Volkskulturarbeit im Rhein⸗Main⸗Gebiete befaßte sich der Vorstand des Ver⸗ bandes für Volks vorlesungen und verwandte Bestrebungen in seiner letzten Sitzung. Die Schiller⸗ spende, deren Ertrag durch die Mainzer Hauptversamm⸗ lung den allgemeinen Aufgaben der Volksbildung in unserem weiteren Heimatgeblete zur Verfügung gestellt wurde, soll zunächst der Förderung der praktischen Arbeit dienen, indem mit ihrer Hilfe eine Rhein⸗mainische Volksakademie ins Leben gerufen werden soll, um organisationswillige und bildungsfreudige Leute aus den verschiedensten sozlalen und Blldungsschichten in die

Gedanken und Praxis der Voltskulturarbeit nach den Grundsätzen des Verbandes einzuführen. Dabei sollen mehrere in innerem Zusammenhang stehende Vortrags⸗

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reihen aus verschiedenen Wissensgebieten und damit ver⸗

bundene landes⸗ und volkskundliche Führungen statt⸗ finden, sowie musikalische und deklamatorische Abende, eine Ausstellung von Kunstreproduktionen, Erläuterung und Handhabung von Veranschaulichungsmitteln(Licht⸗ bilderapparaten usw), die Ausstellung einer Muster⸗ Dorfbibliothek mit heimatlichem Gepräge, gelegentliche Uebungen der Teilnehmer in der freien Rede usw, statt⸗ finden. Solchen Teilnehmern, die sich der praktischen Volkskulturarbeit an ihrem Wohnorte annehmen wollen, soll auf Verlangen kostenfreier Aufenthalt gewährt werden, während für Interessenten und Leute, die ihrer persönlichen Bildung wegen kommen, ein Aufenthalts⸗ geld von etwa 2 Mark für den Tag berechnet werden soll. Die Geschäftsstelle des Rhein⸗mainischen Verbandes für Volksvorlesungen und verwandte Bestrebungen(Frank⸗ furt a. M., An der Schmidtstube 7) nimmt Meldungen entgegen und gibt alle gewünschten Auskünfte. Nach Schluß der ersten Volksakademie beab ichtigt der Verband die Einberufung eines allgemeinen deutschen Volkskultur⸗ tages zu veranlassen, zu dem Vertreter aller verwandten deutschen Körperschaften behufs Verständigung in theore⸗ tischen, organisatorischen und praktischen Arbeitsfragen eingeladen werden sollen.

Aus dem Rreise gießen.

Kreiskonferenz des Wahlkreises Gießen. Die am Sonntag im Lokale Orbig in Gießen abgehaltene Kreiskonferenz wurde kurz nach 10 Uhr von dem Vorsitzenden des Kreisvereins Gen. Beck⸗ mann eröffnet. Sie war stärker besucht als ihre Vor⸗ gänger; es sind 40 Delegierte aus 15 Orten anwesend. Zu Vorsitzenden werden Beckmann und Häuser⸗Stein⸗ berg gewählt. standes und weist darauf hin, daß im verflossenen Jahre die Zahl der organisterten Parteigenossen sich erfreulich erhöht habe und Ende Juli 820 betrug. der Verein in Li sch wegen Lokal⸗ und anderer Schwierig⸗ keiten ein, doch es wurden neue Vereine gegründet in Bersrod, Lindenstruth, Reiskirchen und Garbenteich, die sich gut entwickeln. Ende vorigen Jahres wurden 12 000 Landkalender verteilt. Ferner wurden eine Anzahl Versammlungen abgehalten und außerdem war der Vorstand bemüht, darauf hinzuwirken, daß die nichthessischen Parteigenossen sich möglichst in den hessischen Staatsverband aufnehmen lassen und war bei Erledigung der Formalitäten vielfach behülflich. Der nach einem früheren Konferenzbeschlusse bei dem Kreis⸗ amt gestellte Antrag auf Errichtung eines Gewerbege⸗ richts für den Kreis Gießen hat den Erfolg gehabt, daß Erhebungen angestellt werden, die Errichtung eines Ge⸗ richts in Aussicht stellten. Das Kreisfest verlief aufs beste, doch ergab sich ein kleiner finanzieller Mißerfolg, ein Defizit von 29 Mk. Verschuldet ist das Defizit zum Teil durch das Regenwetter, dann aber auch durch ver⸗ hältnismäßig hohe Ausgaben für Umzäumung ꝛc. Der Kassenbericht vom 1. August 1904 bis 21. Juli 1905 weist eine Einnahme von 1055,92 Mk. und eine Ausgabe von 857,26 Mk. auf. Es verbleibt demnach ein Bestand von 198,66 Mk. Die Sterbekasse ver⸗ zeichnet 263,63 Mk. Einnahme und 248,30 Mk. Aus⸗ gabe. Das angelegte Vermögen beträgt 368,60 Mk. An den Bericht schloß sich eine sehr lebhafte Diskussion. Wacke r⸗Wieseck cegte an, für die Kreisfeste eine trans⸗ portable Tribüne zu beschaffen. Vetters und Fourier wünschen, daß zur Winterszeit lebhaftere Agitation ent⸗ faltet werde, außerdem regt ersterer an, ob es sich nicht empfehle die Funktionen des Vertrauensmannes dem Vorsitzenden des Kreis wahlvereins zu übertragen. Dagegen spricht sich Krumm aus, der im übrigen der Meinung ist, daß in Bezug auf Agitation genügend geleistet worden wäre. Man könne auch nicht, alles vom Vor⸗ stand verlangen, die einzelnen Parteigenossen müßten auch das ihre tun. lich eine Gemeindekonferenz abzuhalten. Bock meint, daß in Gießen selbst noch für Agitation ein weites Feld sei. Die Kalender könnten auch nicht allzufrüh herausgegeben werden. Häuser tritt für Schaffung einer Bezirkseinteilung zur besseren Agitation ein. Beck⸗ mann geht im Schlußwort auf die einzelnen Kritiken ein. Der Vorstand habe getan, was in seinen Kräften gestanden. Der Antrag Wackers betr. Anschaffung einer Tribüne für das Kreisfest wird abgelehnt, derjenige von Häuser(Einberufung einer Gemeindevertreter⸗Kon⸗ ferenz) angenommen. gewählt: Beckmann, Vetters, Bock, Diehl, Steinmüller⸗ Heuchelheim, Haas⸗Steinberg, Becker⸗Altenbuseck.

Hierauf folgte eine längere und sehr lebhafte Debatte

über die Presse, die mit Annahme einer Resolution

endete, in welcher der Kreisvorstand ersucht wird, die

Schaffung eines täglichen Blattes in Erwägung zu

ziehen. Im weiteren werden 3 Revisoren zur Prüfung

der Jahresrechnung gewählt. Zur bevorstehenden Land⸗

lagswahl sprach Gen. Beckmann einige einleitende Ausführungen. Er weist besonders darauf hin, wie

Ersterer erstattet den Bericht des Vor⸗

Leider ging

Häuser⸗Steinberg beantragt alljähr⸗

In den Vorstand werden

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