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Mitteldeutsche Sonntags⸗Zeitung.
Nr. 36.
wobei aber letztere regelmäßig schlecht weg⸗ kommt.
In einer Riesenversammlung ant⸗ wortete unser Genosse Bebel am Sonntag auf die Anschauungen, welche die christlichen Zentrumsleute auf dem Katholikentag zum Besten gegeben hatten. Etwa 8000 Menschen drängten sich in der Westmarkthalle, um unseren alten Bebel zu hören, Tausende mußten jedoch umkehren, weil sie keinen Platz in dem kolossalen Raume mehr finden konnten. Es war eine wundervolle Veranstaltung, eine Versammlung, wie sie Straßburg noch nie erlebt hat. 8000 Menschen hatten sich zusammengefunden, nicht aus äußerem Zwang, nein, getrieben durch innere, fest gegründete Ueberzeugung, um den verehrten Führer der Sozialdemokratie zu hören. Auch von Orten der Umgebung waren viele Gäste eingetroffen. Schon bei den Begrüßungs⸗ worten Böhles zeigte sich die Freude und die Begeisterung über die Versammlung. Als aber Bebel die Tribüne betrat, erschollen stürmische, nicht endenwollende Beifall⸗ und ⸗Hochrufe. Mit gespannter Aufmerksamkeit folgten die Massen nun den zweieinhalbstündigen Aus⸗ führungen unseres Genossen. Mit überzeugender Gewalt und oft starker Leidenschaft geißelte der Redner die Politik des Zentrums. Das Wort bestätigte sich wieder vom jugendlichen Greis. Denn wie verstand es unser prächtiger Redner, das Publikum zu packen! Bebel kennzeichnete treffend und unter brausendem Beifall das Christentum der Zentrumsherren, wie es sich namentlich in der Arbeiterpolitik zeigt. Auch die von dem Abg. Gröber auf dem Katholiken⸗ tag verteidigte„gottgewollte Ordnung“ charak⸗ terisirte der Redner meisterhaft, ohne zu über⸗ gehen, daß für die Kirche immer diejenige Ordnung die„gottgewollte“ gewesen sei, die ihren Zweck genützt habe. Im Gegensatz zur Zentrumspolitik begründete Bebel dann unter jubelnder Zustimmung der Versammlung die Auffassungen und Forderungen der Sozialdemo⸗ kratie. So konnte er treffend und glücklich das Christentum der Reichen und das Christen⸗ tum der Armen scheiden, von dem aber immer die Armen Schaden haben.„Ich bin überzeugt, wenn der Christengott die Wahl hätte zwischen Sozialdemokratie und Zentrum, dann wählte er die Sozial demokratie, zwar einfach deshalb, weil die Sozialdemokratie die Grundsätze des Christentums, die Befreiung und Hebung der
Armen und Elenden am schärfsten vertritt.“
„Internationale Vaterlandsverräter sollen wir sein. Dabei sagt der Präsideut des Katholiken⸗ tags, der Erbprinz von Löwenstein:„Ich bin ansässig in Bayern, in Hessen, in Baden und zweimal in Oesterreich. Und wenn es mir hier noch weiter so gut gefällt, so werde sch auch noch Elsässer, vorausgesetzt, daß die Steuern hier nicht zu hoch sind“. Ich verstehe nicht, wie ein so furchtbar reicher Mann wie der Erbprinz von Löwenstein so etwas sagen kann.“... Ja ähnlicher Weise wurden mit eindringlicher Wucht die einzelnen, auf dem Katholikentag erfolgten Darlegungen kritisch erörtert. Der Wider spruch zwischen den Ausführungen unter sich und zwischen den Reden und den Taten des Zentrums trat unter dem steten Beifall, der Menge in das hellste Licht. An der Hand dieser Dar⸗ legung schilderte Bebel dann die gesamte politische Situation.„In der Schule lehrt man uns: Ohne Gottes Willen fällt kein Haar vom Haupte. Ja, wenn das richtig ist, dann hat das auch der liebe Gott gewollt, daß Sozialdemokraten in der Welt und wir die stärkste Partei in Deutschland geworden sind. Dann brauchte das christliche Zentrum nicht so sehr über die Sozialdemokratie zu zetern. Wir sind selbst unter dem Aus nahmegesetz stark und groß geworden. Ja, das Sozialistengesetz ist uns gut bekommen, daß es nicht wenige Sozial⸗ demokraten giebt, die sich ein neues Ausnahme⸗ gesetz wünschen.“ 5
Als Bebel über die Marokkoangelegenheit sprach, unterbrach ihn der überwachende Polizei⸗ beamte und meinte, diese Sache gehöre nicht zum Thema, das„die politische Situation und der Katholikentag“ hieß. Die von Bebel in geist⸗ voller Weise gegebene Antwort erweckte wieder
stürmischen Beifall, namentlich als er aus diesem Vorkommnis den Schluß zog: Wir müssen gegen alle kirchliche und welt⸗ liche Autorität zu Felde ziehen. Uns gegenüber stützt man sich auf die Kanonen und Bajonette. Schließlich könnten auch die Ba⸗ jonette auch einmal zu denken anfangen. Stürmischer Beifall.) Wir wollen nicht die äuste, sondern helle Köpfe. Nicht die katholische Kirche, sondern wir Sozialdemokraten treten in allen Parlamenten gegen die Ausbeutung und Unterdrückung des Volkes auf. Wir Sozial⸗ demokraten sind die Partei der Armen und Elenden, die der wirtschaftlichen Ausbeutung und politischen Unterdrückung ein Ende machen werden! Die imposante Versammlung stimmte Bebels Worten mit stürmischem Beifall zu und schloß mit einem begeisterten Hoch auf die inter⸗ nationale Sozialdemokratie.
Zur Fleischnot.
Minderwertiges krankes Fleisch für die Armen! In Ulm beantragte ein Polizeirat in der Stadtverwaltung, als stie darüber beriet, wie die Fleischnot für die ärmere Bevölkerung gelindert werden könne, die Anschaffung eines Apparats, womit das Fleisch, das für die Freibank nicht mehr taug⸗ lich ist und bisher verscharrt werden mußte,„gedünstet“ wird, so daß es für die ärmere Bevölkerung ein sehr billiges Nahrungsmittel abgeben könne. Der größte Teil der Stadträte konnte sich aber für diese Lösung der Fleischteuerung nicht recht erwärmen. Ein Stadtrat, der Fleischer von Beruf ist, meinte, es sei das Fleisch auf der Freibank schon nichts mehr wert und er möchte selbst der ärmeren Bevölkerung nicht zumuten, noch schlechteres zu essen. Das sei ein Fleisch, welches schon Ekel errege, wenn man es bloß ausehe! Die Stadtverwaltung beschloß schließ⸗ lich, einmal eine Probe mit solchem Fleisch zu machen bzw. machen zu lassen. Selber wollen die Stadtväter diese Leckerbissen natür⸗ lich nicht kosten. Aber das hungernde Volk — so hoffen sie— wird sich auf das Aas stürzen.—
Mittelstandsrettung der Landwirts⸗ bündler.
Bei der gegenwärtigen Fleischteuerung lernt der Mittelstand die agrarische Mtttel⸗ standspolitik am eignen Leibe kennen. Die so⸗ genannte Mittelstandsvereinigung hat sich bei den Reichstagswahlen den Junkern mit Haut und Haar verschrieben. Dieses Zusammengehen droht jetzt in die Brüche zu gehen. Das sieht man an einer Versammlung der bayrischen Mittelstandspartei in München, die gegen die Vieh⸗ und Fleichverteuerung protestierte. Gegen nur wenige Stimmen wurde eine Reso⸗ lution angenommen, in der als Ursache der Kalamität neben dem Fleischbeschaugesetz die ungerechtfertigte Grenzsperre und die Be⸗ strebungen des Junker⸗ und Agra⸗ riertums, sich ein felsenfestes Monopol zu schaffen, hingestellt werden. Da diese Be⸗ strebungen von seiten des preußischen Landwirt⸗ schaftsministers von Poddielski auf das kräftigste „und zwar anscheinend in seinem eigenen Interesse“ gefördert werden, der Landwirt⸗ schaftsminister aber zum allgemeinen Wohl des Volkes und nicht für Sonderinteressen bestellt ist, so ersucht die Resolution das bayerische Ministerium, beim Bundesrat die Einfuhr von lebenden Schweinen aus dem Auslande und eine Suspension der Zölle auf lebendes Schlachtvieh während der gegenwärtigen Krists zu erwirken. Wenn die Herren vom Mittel; stand ihre Augen ordentlich öffnen, so werden ste sehen, daß nicht nur in dieser Frage ihre Interessen denen des Agrariertums schnurstracks entgegenlaufen— daß es Wahnsinn ist, wenn Gewerbetreibende mit der junkerlichen Sippschaft gemeinsame Sache machen.
Pücklerei.
Mit dem Dreschgrafen Pückler, dem berühmten Anttisemitenheros wird sich demnächst die Oeffent⸗ lichkeit wieder einmal zu beschäftigen haben.
Gegen ihn wird am 26. September wegen Auf⸗ reizung zum Klassenhaß, begangen durch eine Rede in Bernau verhandelt werden. Umfang⸗
reicher wird aber ein darauf folgender großer Prozeß sich gestalten, der dem Grafen wegen seiner letzten Berliner Reden und vor allem auch wegen der auf den Straßen verteilten Flugblätter gemacht wird. Es handelt sich hier um vier vom Grafen Pückler verfaßte Flug⸗ schriften. Um die Drucker und Verbreiter fest⸗ zustellen, waren die Vorstands mitglieder der Pücklervereinigung vernommen worden. Vor Kurzem wurde das Gräflein von der Glogauer Strafkammer zu 200 Mk. Geldstrafe verurteilt, weil er eine Reiter⸗Attacke auf— eine Dresch⸗ maschine ausgeführt und den dabei beschäf⸗ tigten Aufseher beleidigt hatte. Später hatte der neue Don Quichote eine Kolonne Land⸗ arbeiterinnen, die auf dem Felde bei demselben Aufseher arbeiteten, ebenfalls mit seiner Reiter⸗ schaar attacktert und einige verletzt. Vor Ge⸗ richt legte er so recht seine Junkermanieren an
den Tag und das Gericht übte große Nachsicht.
Krieg im Frieden.
Auf dem Truppenübungsplatz Senne ist blutig Krieg gespielt worden. Ein bayrisches Ula nenregiment hat das hesstsche Dragoner⸗ regiment Nr. 23 bei einer schneidigen Attacke so überrannt, daß eine Anzahl von Offizieren und Mannschaften schwerer oder leichter verletzt vom Platze getragen werden mußte. Der Komman⸗ deur der Hessen stürzte von seinem Pferde und erlitt eine schwere Beinverletzung. Einer der Angreifer stürzte gleichfalls und erlitt eine Ge⸗ hirnerschütterung. Andere kamen mit geringeren Verletzungen, Knochenbrüchen und Fleischwunden davon: über ihre Zahl ist nichts Näheres be⸗ kannt, denn eine amtliche Verlustliste wird nicht veröffentlicht. Acht bis zehn Pferdeleichen be⸗ deckten das Schlachtfeld.
Dinge dieser Art waren schon öfters da. Diesmal scheint aber die Katastrophe einen so bedenklichen Umfang angenommen zu haben, daß ein Vertuschen unmöglich ist. Diese Ka⸗ vallerie⸗Schauspiele, wie sie jetzt bei den Manö⸗ vern häufig aufgeführt werden, haben bekannt⸗ lich nicht den geringsten Wert für die kriegs⸗ mäßige Ausbildung; unabhängige Militär⸗ schriftsteller ergehen sich in den respektlosesten Bemerkungen über die Siege dieser heldenhaft stürmenden Kavalleriemassen, von den im Ernst⸗ falle das feindliche Schnellfeuer keinen Mann und kein Roß lebendig ans Ziel kommen ließe. Und es ist nicht minder bekannt, daß diese zwecklosen Uebungen die an ihnen beteiligten Mannschaften in hohem Maße gefährden, daß es zumeist bei diesen Attacken eng zusammen⸗ gedrängter Reitermassen, wenn es noch leidlich gut abläuft, immer doch ein paar gebrochene Kniescheiben gibt. Trotzdem hat keine Kritik weder in der Presse noch im Reichstag gegen diesen Paradeunfug etwas auszurichten ver⸗ mocht. Jedenfalls wird die Schlacht von Senne noch im Reichstag Erörterungen nach sich ziehen. Denn es muß entschteden dagegen protestiert werden, daß durch den Paradeunfug zahlreiche Menschenleben aufs Spiel gesetzt werden, die doch für militärische Spielereien zu kostbar sind. Und wenn die bürgerliche Presse dazu schweigt, so muß die sozialdemokratische desto lauter ihre Stimme erheben. Der„Heldentod für Kaiser und Reich“ auf dem Manöverfelde kann doch nicht wie der auf dem Schlachtfelde zu den Heiligtümern der Nation gezählt werden.
Lustfahrt nach Kamerun.
Auf Einladung und auf Kosten der Ham⸗ burger Reederfirma Wörmann hat eine An⸗ zahl Reichstagsabgeordnete eine Spritztour nach Kamerun unternommen. Die Firma kann sich so etwas schon leisten, sie hat ja allein oder wenigstens den größten Nutzen von der ganzen Kolonialpolitik. Die Parlamentarier sollen Kamerun„kennen lernen“. Daß ihnen das bei einem Aufenthalte von wenigen Wochen nicht nicht möglich ist, die Expedition also gar keinen Wert hat, ist klar. Aber selbstverständlich rechnet die Firma darauf, daß die Teilnehmer der Fahrt dann aus Dankbarkeit sich be⸗
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