Ausgabe 
3.9.1905
 
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Nr. 36. 2

Gießen, den 3. September 1905.

12. Jahrgang.

Redaktion:

Kirchenplatz 11, Schloßgasse.

Sonnt

Mitteldeutsche

Ags⸗Zeitung.

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Die Teuerungsperiode.

In massenhaften flammenden Protesten er⸗ heben sich die deutschen Arbeiter gegen die von den Agrariern über das Reich gebrachte Fleisch⸗ teuerung. Es ist ein wahrer Kulturkampf, der hier geführt wird. Denn der größte Teil unseres Volkes leidet von jeher an Unterer⸗ nährung, die kapitalistische und agrarische Aus⸗ beutung haben einander zu diesem Zustande geführt, der eine Schande für das neunzehnte Jahrhundert war und für das zwanzigste eine ist. Die Kultur eines Volkes ist in der Tat bedroht durch ein System, welches die Volks⸗ ernährung in immer steigendem Maße ver⸗ schlechtert, verringert und verteuert. Und dabei stehen wir erst am Anfang der Teuerungs⸗ periode. Mit den Handels verträgen wird dieselbe den Gipfelpunkt erreichen.

Das Volkselend läßt die Agrarier voll⸗ kommen kalt; nachdem es ihnen mit den Mitteln der gewissenlosesten Demagogie gelungen ist, der Regierung Grenzsperre und Wucherzölle abzutrotzen, freuen sie sich derErnte, von der der Reichskanzler sagte, daß sie nunmehr ge⸗ kommen sei.

Das Bürgertum in seiner großen Masse hat diesen Erscheinungen gegenüber nur eine stumpfe Ergebung und beschränkt sich auf das Räsonieren am Biertisch.

Und die Regierung des jovialen Fürsten Bülow? Nun die macht sich die Sache so leicht, daß sie in diesem Punkte anderen Junker⸗ und Bourgeois⸗Regierungen geradezu als muster⸗ haft erscheinen muß. Der Minister der Land⸗ wirtschaft leugnet einfach die Fleischteuerung, und die Regierungsblätter rechnen dem deutschen Volke vor, daß aus der Durchschnittsstatistik sich ein fast überreichlicher Fleischgenuß des deutschen Volkes ergibt. Wie weit sind wir mit dem höheren Blödsinn in Deutschland denn eigentlich schon

ekommen? Gibt es wirklich bei uns Zeitungs⸗ chreiber, die glauben, daß man knurrende Magen mit statistischen Ziffern beschwichtigen Undenkbar wäre dergleichen gewiß nicht.

Die Regierung will natürlich ihren agrarischen Freunden dieErnte nicht verderben. Aber was wird sie denn tun? Nun, im November wird der Reichstag zusammentreten und wird sich mit derFinanzreform zu beschäftigen haben. Was wird diese zunächst bringen? Neue Steuern! Welch einefrohe Bot⸗ schaft für ein Volk, das mit einer äußerst empfindlichen und die große Masse so schwer schädigenden Teuerung kämpft! Zwar weiß man noch nicht bestimmt, welcher Art die neuen Steuern sein werden, allein man kann an⸗ nehmen, daß sie Artikel treffen werden, der n Verteuerung wiederum der großen Masse zur Last fällt. Bis jetzt scheint sich nur zu be⸗ stätigen, daß man dem Tabak energisch zu Leib gehen und aus der neuen Besteuerung etwa 60 Millionen Mark herausschlagen will. Damit wird aber dieFinanzreform schwerlich abgeschlossen sein, denn der Bedarf des Reichs ist ein viel größerer, namentlich wenn man die in die Nähe rückenden Mehr⸗ forderungen für Heer und Flotte in Anschlag bringt. Es wird ein ganzes Bukett neuer Steuer kommen und wenn der Reichstag

sich entschließt, sie zu bewilligen, so wird das Reich darum doch nicht aus der Schulden⸗ und Pumpwirtschaft herauskommen, denn die Weltpolitik wird immer kostspieliger. Zwei⸗ hundert Millionen für den Krieg in Südwest⸗ afrika und noch kein Ende abzusehen! Dazu ein drohender Aufstandl in Ostafrika, der einen gefährlichen Umfang annehmen und auch den Wiederausbruch von Unruhen an anderer Stelle nach sich ziehen kann. Und das alles um gänzlich wert⸗ und aussichtslose Ko⸗ lonien, die auch im Frieden alljährlich viele Millionen kosten!

Die Regierung, die so nachgiebig gegen Junker und Großgrundbesttzer ist, glaubt dem Volke das alles bieten zu können. Im Besitze der Macht trotzt die Regierung den dringendsten Forderungen des Volkes, die auf Oeffnung der Grenzen und auf die damit verbundene Herabsetzung der Fleischpreise gerichtet sind. Die Junker und Agrarier triumphieren und hinter dem Fürsten Bülow stehen schon diestarken Männer, welche ihre Zeit gekommen glauben, wenn der leitende Staatsmann einmal nachgiebig werden sollte den Forderungen des Volkes gegenüber?

So steht es momentan trostlos aus. Aber glaubt denn die Regierung, daß sie werde in alle Zukunft sofortwursteln können? Glaubt sie denn, das deutsche Volk werde eine solche Politik mit Schafsgeduld ertragen und sich zu Gunsten von Junkern und Agrariern einer ständigen Hungerkur unterwerfen.

Nein, das wird es nicht geben. Eine nicht allzuferne Zukunft wird die überwältigende Mehrheit des deutschen Volkes gegen diese Regierung vereinigt sehen. Sie wird hinweg⸗ gefegt werden mit ihrem ganzen System, denn gegen eine solche Volksströmung kann sich keine Regierung am Ruder hal en. Mögen dann die starken Männer kommen ihre Regierung wird nur kurz sein. Sie werden nur beweisen, daß heute zum Regieren das Hirn ungleich notwendiger ist als die Faust.

Wir kümmern uns wenig um die äußere und zeitweilige Form dessen, was zunächst kommen wird. Der Klassenkampf des Prole⸗ tartats wird nicht stille stehen, bis die kapita⸗ listische Anarchie von heute einer vernünftigen Gesellschaftsordnung Platz gemacht hat. Auf dem Marsche zu diesem Ziele wird das Proletariat der Klassenherrschaft in verschiedenen Neu⸗ bildungen begegnen, die es immer wieder be⸗ kämpfen muß, bis eine Gesellschaftsordnung mit 29551 Rechten und gleichen Pflichten er⸗ reicht ist.

Bis dahin ist noch ein weiter Weg, denken die Machthaber von heute. Mag sein; mit dem historischen Maße gemessen erscheint er weniger weit. Die herrschenden Schichten halten die soziale und wirtschaftliche Anarchie von heute, die ste bürgerliche Gesellschaftsordnung nennen, obwohl ste noch halb feudal ist, immer noch für unaß⸗ änderlich. Es würde allen Entwicklungsgesetzen widersprechen, wenn nicht die innerhalb des Gesellschaftsorganismus wirkenden Triebkräfte darauf gerichtet wären, an Stelle des heute waltenden Chaos feste und sichere Formen zu schaffen.

Wer sich diesem Gang der Entwicklung in den Weg stellt, über den schreitet ste hinweg.

Und sie wird hinweg schreiten über die Kaste, die sich nur mit ihrer Beutepolitik noch künst⸗ lich erhalten kann.

Der Friede zwischen Rußland und Japan

ist nunmehr gesichert und es soll sofort ein Waffenstillstand abgeschlossen werden. Oefters hatte es den Anschein, als sollte die Friedens⸗ konferenz in Portsmouth resultatlos verlaufen, schließlich nötigle aber beide Gegner das dringende Friedensbedürfnis zur Verständigung und die Bemühungen des Prästdenten Roosevelt mögen auch ein gutes Teil mit dazu beigetragen haben. Japan hat schließlich ziemlich viel nachgegeben.

Es blieb ihm am Ende auch nichts anderes übrig, als sich mit dem zu begnügen, was sich erreichen ließ. Denn es ist finanziell ebenso wie Rußland erschöpft und vielleicht noch mehr als dieses auf die Unterstützung des Auslandes angewiesen. Bei Fortsetzung des Kampfes konnte es nicht mehr erreichen als jetzt. Immer⸗ hin ist das Ergebnis des Friedensschlusses für Japan günstig, glänzend sogar. Genaueres über die Bedingungen ist zwar noch nicht be⸗ kannt, sicher ist nur seine Verzichtleistung auf eine Kriegsentschädigung. Dafür bleibt es im Besitze von Port Arthur und Liantung, bekommt das Protektorat über Korea und und nimmt Sachalin zurück. Dadurch wird zweifellos ein neuer wirtschaftlicher Aufschwung Japans hervorgerufen und sein Einfluß auf China bedeutend gesteigert. Rußland dagegen hat kläglich abgeschnitten und mit seiner Vor⸗ herrschaft in Ostasien ist es jedenfalls für immer borbei, es muß auf seine ostastatischen Er⸗ oberungspläne verzichten, für die es den riestgsten Aufwand gemacht hat.

Der Friedensschluß wird dem Kampfe gegen den Zarismus neue Nahrung zuführen. Und dieser Kampf endigt nicht eher, als bis der blutige Zarismus vernichtet am Boden liegt. So werden hoffentlich die zahllosen Blutopfer e die russtsche Freiheit mit herbeiführen elfen.

...

Politische Rundschau.

Gießen, den 31. August 1905.

Bebel über die Zentrumsparade im Straßburg.

Die diesjährige Zentrumsparad⸗ wurde vorige Woche in Straßburg abge⸗ halten. Offiziell heißt sie: Generalversamm⸗ lung der Katholiken Deutschlands. Die Zen⸗ trumspolitiker sehen darauf, daß bei dieser Gee legenheit mit Aufgebot riesiger Menschenmassen gezeigt wird, über welche Macht das Zentrum in Deutschland verfügt. Zu dem Festzuge am Sonntag vor acht Tagen hatte es seine An⸗ hänger aus weitester Umgebung, aus ganz Elsaß, Baden, Württemberg, der Pfalz ꝛc. herangezogen und es ist schon möglich, daß, wie angegeben wurde, 30000 Mann daran teilge⸗ nommen haben. Was die auf dem Katholiken⸗ tag gehaltenen Reden betrifft, so bewegten sie sich in den bekannten Geleisen der Zentrums⸗ politik, die zugleich das Interesse des Kapitals und der besttzlosen Arbeiterschaft vertreten will,