Mitteldeutsche Sountags⸗Zeitung.
W
Nr. 27.
Seite 6.
von Nah und Fern.
Patriotischer Landfriedensbruch.
In Bingen machten neulich spät nachts Studierende des dortigen Technikums einen fürchterlichen Spektakel. Einige kamen aus der Kneipe und lärmten, so daß die Polizei einen davon verhaftete. Die andern forderten
die Freilassung ihres verhafteten Kollegen, wo⸗ 15 895
rauf noch mehrere eingelocht wurden. kamen aber noch mehr hinzu und in wenigen E Minuten waren 300 Studierende alarmiert, die die sofortige Herausgabe ihrer Freunde forderten. Die Schutzmannschaft antwortete damit, daß sie wit blanker Waffe vorging, und es fielen nun gegenseitig Hiebe. Die mehrhundertköpfige
Menge der Studierenden schlug jetzt Scheiben
ein 0 stürmte die Wa 55 5 Die Polizei] die insgesamt, 649588 Mitglieder hatten. Das
fühlte sich machtlos und unter dem Gesange ist eine Steigerung der Mitgliederzahl des
„Es braust ein Ruf wie Donnerhall“ Zentralverbandes um 74139 gegen das Vor⸗
erhielten die Fertan 9 11 fe 3 bon 0 f 9 gelen der desert ück. dauerte bis a ü e von 8
ie binn he nac erhöhte sich von 176 456 549 auf 202 646 189 Mk.
Gemüter beruhigt hatten und die nächtliche Ruhe wieder hergestellt war. Einige Tage vor dieser Revolte besuchte das Bonner Corps„Borussta“ Bingen und zog nachts um e e spielender Kapelle durch die Stadt, wobei eben⸗ falls ein Auflauf entstand und die Schutzleute stark verulkt wurden.— In einer Eingabe an das Ministerium des Innern beschweren sich die Krakehler noch wegen der„Uebergriffe“ der Binger Polizei. Also ein Aufruhr, wie ihn vor zwei Jahren die Marburger Studenten verübten. Diese wurden damals mit einer lächerlich geringfügigen Geldstrafe belegt. Wenn sich Arbeiter derartiges erlaubten, kämen sie sicher in's Zuchthaus, wenigstens auf lange Jahre ins Gefängnis.
Das konfessionelle Flußbad.
In der Frauenabteilung des städtischen Frei⸗ bades in Würzburg, ist nach Zeitungs⸗ mitteilungen folgende merkwürdige Bekannt⸗ machung angeheftet:
Am Montag, Mittwoch und Freitag für protestantische Mädchen
Was in Deutschland alles an pfäffischen Unfug geleistet wird, geht doch wirklich über die Hutschnur. Ob die eine Konfession auf die andere abfärbt, wenn sie zusammen baden?
„Harmlosigkeiten“ in besitzenden Kreisen.
In Berlin interessiert sich der Staats⸗ anwalt für Vorgänge, die sich in neuester Zeit in einem vornehmen Berliner Klub ab⸗ gespielt haben. Der mit 18,000 Mark jährlich angestellte Geschäftsleiter, ein Mitglied der eleganten Gesellschaft wird beschuldigt, Wert⸗ marken entwendet und mit Klubmitgliedern, die durch das Spiel in Verlegenheit gekommen waren, Wuchergeschäfte gemacht zu haben. Der Geschäftsleiter behauptete dagegen seine Unschuld, er will gegen die Vorstandsmitglieder Verleum⸗ dungsklage erheben und beschuldigt, selbst ein anderes Klubmitglied, Wuchergeschäfte gemacht zu haben. Darüber soll nun das bevorstehende gerichtliche Verfahren Aufklärung schaffen. Wie munter das Geschäft betrieben wurde, geht u. A. aus der Tatsache hervor, daß allein an „Kartengeldern“ von dem Klub 596,000 Mk. im letzten Jahre vereinnahmt worden sind. Daß das Harmlosenwesen in den Berliner vornehmen Klubs wieder so üppig blüht, wie nur jemals vor dem berühmten Berliner Spielerprozeß, ist längst ein offenes Geheimnis. Damals aber,
beim ersten Harmlosenprozeß, lief der Graf Günther v. Königsmarck zu dem seither ver⸗ storbenen Polizeidirektor Meerscheidt v. Hülle⸗
bewegung. 5 auf dem Genossenschaftstag in Kreuzuach im Jahre 1902 ein Jahr später(1903) in Dresden gegründete Zentralverband deutscher
systematische Konsumvereinsbewegung. Das Sekretariat des Zentralverbandes hat soeben w einen Rechenschaftsbericht auf das verflossene Jahr herausgegeben. l 1904 dem Zentralverbande 760 einzelne Vereine an(die
In eigener Produktion wurden für 17092086 Mk. Waren hergestellt. 1
eine Steigerung von zirka 17¼ Million auf 19¼ Million Mark. 16/ Millionen Mark, wovon 14914000 Mk. an die Mitglieder zurückvergütet wurden.— Interessant ist eine rufe der Mitglieder, sonen erstreckt. ständige Gewerbetreibende 44 263, selbstständige Landwirte Gemeindebeamte 30 122, ohne bestimmten Be⸗ ruf 36 376,
Soziales, Gewerkschastliches, Arbeiterbewegung.
Aus der deutschen Konsumvereins⸗ Der nach dem bekannten Krach
onsumdereine hat sich während der Zeit seines Bestehens rapid entwickelt. r repräsentiert in Deutschland die eigentliche
Demnach gehörten Ende Zahl ist unterdessen auf 800 gestiegen),
Das eigene Kapital erfuhr Der Reingewinn betrug
Statistik über die Be⸗ die sich auf 500 001 Per⸗ Danach entfallen auf: selbst⸗
10 289, freie Berufe, Staats- und
Lohnarbeiter aller Art rund 374000, weibliche Mitglieder 67285.— In Stuttgart tagte kürzlich der zweite Ge⸗ nossenschaftstag des Zentralverbandes deutscher Konsumvereine, der von 447 Dele⸗ gierten, die 190 Vereine vertraten, besucht war. Aus den Gewerkschaften. Der Berg⸗ arbeiter⸗Verband trat am 10. Juni im Gewerkschaftshause Berlin zu seiner alle zwei Jahre stattfindenden ordentlichen General⸗ versammlung zusammen. Die Verhandlungen stehen natürlich noch völlig unter dem Eindruck des letzten Streiks. Der Vorsitzende Sachse erinnerte in seiner Eröffnungsrede an den von allen vier Organisationen einberufenen allge⸗ meinen Bergarbeiterkongreß, der vor wenigen Monaten im selben Saale getagt habe, um die Stellung der Arbeiter zur Berggesetzuovelle klarzulegen. Die Stimme der Arbeiter sei un⸗ gehört verhallt; die Beschlüsse des Abgeordneten⸗ hauses bedeuteten einen schmählichen Verrat an den Bergleuten. Die Versammlung beriet daran die vom Vorstand vorgeschlagenen Bei⸗
tragserhöhungen.
* 7 Mnterhaltungs-Ceil. 1
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wann kommt das Licht?
„Wann kommt das Licht— du fragst nach dem Wann p So lange ihr zaudert zu brechen denn Bann, Den lange Jahre um euch gezogen, Die euch um das Glück eines Lebens betrogen, So lange ein Mensch noch am Wege verhungert, Und ein anderer am brechenden Tische lungert; So lange der eine sich Nerrscher dünkt Und den Fuß auf den Nacken des andern zwingt; So lange ihr diese Bande nicht sprengt,
Ist Fluch über euch und Elend verhängt.., L. Jakoby.
ssem, um ihm zu erklären, zweihundert Offiziere und fast die ganze vornehme Gesell⸗ schaft von Berlin seien unheilbar kompro⸗ mittiert, wenn die Untersuchung ihren Fort⸗ gang nähme. Man kann daher mit Recht be⸗ fürchten, daß sich dem Wahrheitseifer der An⸗ kläger auch diesmal unüberwindliche Schranken entgegentürmen werden. ———üÄ⁰⁰————
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Die ungläubige Margareth. Humoreske von Ernst Freihaupt. (Fortsetzung.)
Der Wirt tat einen Schluck aus meinem
Glase und fuhr dann fort: „Am anderen Tage um dieselbe Zeit mußte
schäkern. schöne Augen und Margareth verschlug es die Rede.
mehr.
so bi
hinunter und von Anna ge Ihr Männer ja immer, in's Unglück stürzen wollt. so zu mir, morgen zu einer Anderen.“ Da— Margareth ers gauerte die drei Finger seiner rechten Hand gen Himmel und sagte:„Gott soll mich 25
sie durch's Scheunentor Vorgänge des gestrigen innerung. Da waren die Beiden gestanden und
dark
Während sie n
durch das Scheunentor gareth erschrak heftig. und kalt.
Martin kam a
ußte nicht, was Martin sagte
„Du wirst w
hast ja wohl schon einen
Da beteuerte
Miene aufzog: „Meiner Seel', Margareth, ich hab' noch keinen Schatz und wenn ich mir einen wünsche, st Du es und keine Anvere.“
Margareth w
Mit einem
nicht zu Ende Daß
Lächelnd fragte
Wenn man überlieferte!
es mußte sein.
ender. Margareth mich anlügst.“
nicht an.“ „Was soll
„Gott soll sie wollte da
treffen soll. reicht wird!
Margareth Stroh aus der Scheune holen. Ale
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breite Brust:„Martin, schau,
„Meiner Seel',
es feierlich durch die
Margarethe hielt zu. Er soll seinem Nun mußte ihn die Strafe Gottes ereilen
Blitzstrahl mußte diesen frevelnden Lästerer zerschmettern. Wenn nur der Blitzstrahl nicht etwa auch sie trifft! Ach nein, der Blitzstrahl wird wissen, wen er
Martin küßte geschehen. Sie hörte nicht, was Martin sprach,
eintrat, kamen ihr die Tages wieder in Er⸗
och darüber nachdachte, trat Martin ein. Mar⸗ Es überlief sie heiß
uf sie zu und fing an, zu
Wie sie sauber sei und was für
nette Füßchen nur habe.
Sie sie darauf sagen sollte. ihr der Schönheiten immer
Margareth wurde immer verlegener. Da legte Martin seinen Arm um ein Hüfte und fragte, ob sie nicht sein Schätzchen
Da endlich gewann Margareth wieder die Sprache. Sie machte sich aus seiner Umarmung los und sagte zu
ein wolle.
Martin: ohl auf mich nicht ansteh'n, Schatz.“
Martin, indem er die ernsteste
ar paff. So zu lügen, noch
dazu mit diesem ernsthaften Gesicht so frech zu lügen, das hätte ste Martin doch nicht zugetraut. Schon wollte sie diesem schlechten Kerl die ganze Wahrheit, die sie wußte, Gesicht schlagen. als Lauscherin verraten. die grobe Antwort, die ihr auf der Zunge lag, sagte zu ihm, hört hatte: Schau Martin,
in sein heuchlerisches Doch— da hätte ste fich ja Sie schluckte daher wie sie es gestern so redet wenn Ihr ein Mädel Heut' sprichst Du
— hob Martin
— 2
jähen Ruck hielt Margareth
Martin den Mund zu, daß er seinen Schwur sprechen konnte.
die Männer schlecht sind, hatte ste schon oft gehört, aber daß einer ein solcher Halunke sein könnte, hätte sie niemals geglaubt. Gestern hatte er hier an Schwur geleister und heute.
Sie hielt aber ihre Entrüstung zurück.
derselben Stelle Anna den
sie Martin, wie vielen Mädchen
er schon mit diesen Worten Treue geschworen. „Keiner Einzigen sonst, Martin mit der ernsthaftesten Miene.
Da hörte sich denn doch der Spaß auf. Ein solcher Heuchler verdiente denn doch nicht, auf der Welt zu sein. mußte die Strafe Gottes treffen!
wie Dir,“ sprach
Einen solchen Frevler da Gott zu Hilfe käme! Wenn
man diesen elenden Menschen seinem Schicksal Margarethe überlegte hin und her. Ja,
Martin wurde immer stürmischer und dräng⸗
lehnte ihren Kopf an Martin's ich weiß, daß Du
Margareth, ich lüg' Dich
Dir geschehen, Martin, wenn Du
schon einer Anderen die Treue versprochen hast und Dein Versprechen heute
brichst?“
mich strafen!“ rief Martin, daß Tenne hallte.
ihm den Mund nicht mehr Verderben entgegengehen. und 3 Werkzeug Gottes sein. Ein herniederfahren und mußte
Und wenn auch! Einerlei! Wenn
nur dieser elende Kerl von seiner Strafe er⸗
Margareth. Sie ließ es sich


