Ausgabe 
2.7.1905
 
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Seite 4.

Mitteldeutsche Sountags⸗Zeitung.

Nr. 27.

Gen. Dr. David glaubt, daß die Aus⸗ führungen des Abg. Haas, der beanspruchen dürfe, ein genauer Kenner der Genossenschafts⸗ bewegung zu sein, als zutreffend anerkannt werden müßten. Wenn man die Konsumvereine besteuere, dann könnten diese sagen, sie seien keine Genossenschaften mehr, sondern Gewerbe f betriebe, die auch an Nichtmitglieder ver⸗ kaufen könnten. Daß die Konsumvereine keine offenen Verkaufsläden besitzen, sei schon äußer⸗ lich kenntlich, in den Fenstern würden keinerlei Waren ausgelegt, und die Geschäftszeit wäre zum größeren Teile eine lürzere wie bei den Gewerbebetrieben. Redner bedauer t, daß die Regierung sich zu diesem Antrage Molthan bekannt habe. Schließlich wird der Antrag Molthan in namentlicher Abstimmung mit 21 gegen 19 Stimmen angenommen.

Als bemerkenwert muß auch angeführt werden, daß Herr Hirschel sich gegen die Besteuerung der Konsumvereine erklärte. Gut. Aber seit Jahren haben die Antisemiten gegen die Regierung gehetzt und um deren Besteuerung geschrieen, nun haben ste den Salat. Denn es werden mit dem Inkrafttreten dieses Ge⸗ setzes auch die landwirtschaftlichen Konsumvereine mit zur Gewerbesteuer herangezogen werden und dafür dürften die Bauern den Herren schwerlich Dank wissen. Das ganze Gesetz wird schließlich mit einem Antrage des Abg. Mölliuger, die Geltungsdauer vom 1. April 1906 bis dahin 1912 festzulegen, angenommen. Die nächste Sitzung findet voraussichtlich am 4. Jult statt.

k. Die Freie Vereinigung der Kranken. kassen Hessens hielt am Sonntag in Alzey ihre Jahresbersammlung bei überaus starker Beteiligung ab. Als wichtigster Punkt der Ver⸗ handlungen dürfte wohl der Vortrag des Herrn Prof. Dr. Sommer Gießen überNerven⸗ krankheiten und die Notwendigkeit der Errich⸗ tung einer Nervenheilanstalt für Hessen her⸗ vorzuheben sein. An Hand der von ihm auf⸗ gestellten Leitsätze, die angenommen wurden, erläutert er die Entwickelung der Heilstätten⸗ bewegung im Allgemeinen und schildert, gestützt auf reiches Material, die Art, wie auch für die Nervenkranken durch Heilstätten Gutes ge schaffen werden könne. Es werden nun dem⸗ nächst noch weitere Erhebungen stattfinden und man darf annehmen, daß in nicht allzulanger Zeit eine derartige Anstalt zum Wohle der Minderbemittelten errichtet werden wird.

Gießener Angelegenheiten.

Zur Affaire Schädel veröffent⸗ lichte Genosse Dr. David in derMainzer Volkszeitung- eine offene Anfrage an den Ober⸗ schulrat Nodnagel. Bekanntlich hatte Herr Prof. Dr. Noack sich bei dem Ministertium beschwert, weil Nodnagel in der Kammer eine der Wahrheit nicht entsprechende Darstellung des Falles Schädel gegeben habe. Wegen dieser Beschwerdeschrift wurde gegen Prof. Noack Disziplinar⸗Untersuchung eingeleitet und das hochnotpeinliche Verfahren endete mit einem einfachen Verweis für Noack. Schon daraus konnte man ersehen, daß die Sünden des Herrn Noack nicht so große sein konnten. In der Kammersitzung am 15. Februar erklärte aber der Schulrat Nodnagel wörtlich:

Wir haben ferner festgestellt, daß die Oberlehrer des Lehrerkollegiums zu Gießen... es mit Entrüstung zurückwiesen, irgendwelchen Zusammenhang mit diesen Dingen zu haben, und daß es ablehne, irgend etwas an diesen Behauptungen für berechtigt zu halten.

Daß heißt, an den Behauptungen, die in einem bei den Akten befindlich pseudonymen Schriftstück aufgestellt waren und die sich mit denjenigen Davids deckten. Dazu bemerkt nun Gen. David:Diese Erklärung vom Regierungs- tisch die mit allem Nachdruck und unter aus⸗ drücklicher Bezugnahme auf eine nochmals statt⸗ gehabte genaue Prüfung der Akten sowie auf weiter eingeholte Informationen vorgetragen wurde, machte erklärlicherweise einen tiefen Eindruck auf die Kammer. Sie war zweifellos von entscheidender Bedeutung für den ganzen weiteren Verlauf der Angelegenheit. Wenn die Regierung das Gießener Lehrerkollegium uber die nämlichen Beschwerden, die ich vorgetragen

hatte, bereus früher vernommen hatte, und wenn dieses Kollegtum damals es abgelehnt hatte,irgend etwas von diesen Dingen für berechtigt zu halten dann war die von mir verlangte Untersuchung in der Tat überflüssig, und für alle Fernstehenden lag der Schluß nahe, daß ich selbst das Opfer einer falscher Infor⸗ mation geworden sei. Dieser Schluß ist denn auch in der Kammer gezogen und dann in einen Teil der gegnerischen Presse mit schweren Be⸗ leidigungen und ehrverletzenden Unterstellungen für meine Person verknüpft worden.

Genosse David stellt nun im Weiteren fest, daß Oberschulrat Nodnagel überhaupt nur mit zwei Oberlehrern des Gießener Gymnastums gesprochen habe und nur mit Herrn Prof. Stamm über die in dem Schriftstücke ent⸗ haltenen Angriffe gegen Dr. Schädel. Dieser Gewährsmann hat Herrn Nodnagel nun keines⸗ wegs die Auskunft erteilt, daß das Lehrer⸗ kollegium es ablehne,irgend etwas an diesen Behauptungen für berechtigt zu halten. Viel⸗ mehr hat Herr Professor Stamm seinem Vor⸗ gesetzten erklärt: die in dem Schriftstück ent⸗ haltenen Beschwerden seien zwar der Form nach übertrieben, entsprächen aber dem Inhalt nach durchaus den Ansichten und Stimmungen, die im Gießener Lehrerkollegium herrschten.

Diese Auskunft war also in dem entschei⸗ denden Punkt das gerade Gegenteil von dem, was Herr Nodnagel der Kammer dar⸗ über mitgeteilt hat. Gen. David fragt deshalb Herrn Schulrat Nodnagel, ob er nunmehr nicht die in der Oeffentlichkeit gegebene falsche Darstellung richtig stellen wolle? Man darf einigern'aßen gespannt darauf sein, was der Herr Oberschulrat darauf antworten wird.

In der Stadtverordneten⸗Sitzung vom Donnerstag legte der Oberbürgermeister einen mit Herrn Bravuereibesitzer Bichler abzuschließenden Kaufvertrag zur Genehmigung vor. Nach demselben übernimmt die Stadt das Anwesen der Aktienbrauerei zum Preise von 605000 Mk. Das Anwesen hat einen Umfang von 83 000 Quadratmeter. Die Brauerei selbst mit der Einrichtung behält Herr Bichler. Die Stadtverordneten genehmigten den Kauf. Bei mehreren Baugesuchen wurde bemängelt, daß das Baugelände oft in einer ungehörigen Weise ausgeschlachtet werde, dem entgegen getreten werden müsse. Oberbürgermeister Mecum sagt die Vorlage einer neuen Bauordnung zu. Zur Errichtung einer landwirtschaftlichen Winterschule ver⸗ langt der landwirtschaftliche Provinzialverein eine Anzahl Räume. Mehrere Stadträte meinen, man solle auf die Schule verzichten und den kleineren Städten, wie Butzbach, Grünberg ꝛc., etwas zukommen lassen. Es wird in diesem Sinne beschlossen. Der Westerwald⸗ Klub ersucht die Stadt zum Beitritt als Mitglied. Nachdem Krumm, Gutfleisch und andere dafür eingetreten sind, wird unter Widerspruch einer Minderheit beschlossen, sowohl dem Westerwaldklub, wie dem Vogelsberger Höhenklub mit einem Jahresbeitrag von 10 Mk. bei⸗ zutreten. Die ewige Buddelei in den Straßen, die oft wenige Tage, nachdem sie fein säuberlich zuge⸗ walzt sind, wieder aufgerissen werden, wird von Löber kritisiert. Daran knüpft sich eine lange Debatte. Der Oberbürgermeister will nach Möglichkeit Abhilfe schaffen, aber in der jetzigen Uebergangszeit bis zur Fertigstellung der Kanalisation seien diese Mißstände oft unvermeidlich.

Die Fleischpreise sind jetzt so hoch, wie noch nie vorher. Die Arbeiterfamilie kann sich kaum ein Stückchen Fleisch leisten. Das ist eine Folge der deutschen Zoll⸗ und Absperrungspolitik, die von der Reichsregierung im Interesse der Großgrundbesitzer be⸗ trieben wird. Die Dinge werden sich für die Folge noch schlimmer gestalten. Für diese Politik tritt auch der Abgeordnete für Gießen, Herr Kommerzienrat Heyligen⸗ städt ein. Ihm würden allerdings auch noch höhere Fleischpreise nicht weiter genieren. Wenn aber seine Arbeiter infolge der gesteigerten Lebensmittelpreise bessere Löhne verlangen, würde er sich nicht so bereitwillig zeigen! Darum muß jeder Arbeiter und jede Arbeiter frau die Sozialdemokratie fördern helfen, damit solcher Aussaugung der Aermsten entgegengearbeitet wird!

Der Konsumverein Gteßen und Umgegend hat nicht nur 265 Mitglieder, wie in voriger Nummer infolge eines Druck. fehlers zu lesen war, sondern es beträgt die Mitgliederzahl 365.

Aus dem Nreise gießen.

Unser Kreisfest in Staufenberg war trotz einigem Gewitterregen bedeutend stärker besucht als seine beiden Vorgänger. Aus allen Orten der näheren

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Umgebung waren die Parteigenossen erschienen, etwa 40 Vereine waren vertreten, die Zahl der auf dem Festplatze anwesenden Personen betrug mindestens 2500. Von Wetzlar waren mehr als 100 Personen erschienen, ebensoviel aus Marburg. Selbstverständlich waren auch die preußischen Orte in der Nähe, wie Krofdorf, Glei⸗ berg dc. stark vertreten und aus den hessischen war eine bedeutend größere Beteiligungsziffer als im Vorjahre zu verzeichnen. Ein langer Festzug mit vielen Fahnen bewegte sich durch den Ort und gruppierte sich nach der Rückkehr zum prachtvoll gelegenen Festplatze um das Musikpodium, von welchem aus Genosse Krumm die Festrede hielt. Er sprach darin zunächst den Wunsch aus, daß auch bei ernsten Dingen die große Beteiligung und Begeisterung vorhanden sein möge, als bei diesem Feste. Weiter betonte er, daß heute die Arbeiterschaft mehr als je zusammenhalten müsse, ste hätte die bürger⸗ lichen Parteien aller Schattierungen gegen sich! Alle Kapitalisten, antisemitische und jüdische, sind sich einig gegen die Arbeiter und ihre Forderungen. Auch die Kleinbauern müßten Hand in Hand mit der Arbeiter⸗ schaft gehen, sie hätten ein großes Interesse daran, wenn die Arbeiter nach Verbesserung ihrer Lage strebten. Im Lgeiteren wies Redner auf die Erfolge unserer Bewegung hin, forderte auf, bei den kommenden Kämpfen pflichteifrig zu wirken, besonders falle den Frauen die Aufgabe zu, ihre Männer für unsere Bestrebungen zu begeistern. Mit der Aufforderung, unsere Parteipresse zu unterstützen und allen arbeiterfeindlichen Vereinigungen, wie Kriegervereinen ꝛc. fern zu bleiben, schloß Redner seine beifällig aufsenommenen Ausführungen. Die sonstigen Darbietungen, die turnerischen Vorführungen und der Tanz wurden von dem Regen etwas beein⸗ trächtigt, nicht aber die Stimmung der Festtellnehmer, die sich noch erhöhte, als sich das Wetter aufheiterte. Schnell verrannen die paar Stunden und bald mußten sich die Parteifreunde wieder trennen, um der Heimat zuzusteuern. Jeder tat es in dem Bewußtsein, einem echten und rechten, prächtig verlaufenen Arbeiterfeste beigewohnt zu haben. 5

Aus dem Nreise Wetzlar.

Fleiß und Sparsamkeit. In seiner Sonn⸗ tagsnummer unterbreitet das Wetzlarer Amtsblatt seinen gläubigen Lesern eine erbauliche Sonntags⸗Nachmittags⸗ Predigt. Neues wird darin allerdings nicht verkündet; im Gegenteil ein recht altes Lied mit ebenso altem Text, wird den ausgebeuteten Arbeitern da vorgesungen. Jeder Arbeiter kennt es auch; jeder kann mit Heine sagen:

Ich kenne die Weise, ich kenne den Text, Ich kenne auch die Verfasser;

Ich weiß, sie tranken heimlich Wein Und predigten öffentlich Wasser.

In diesem Falle kennt man allerdings den Verfasser nicht. Denn jedenfalls hat der Anzecger die Epistel in einer alten Kirchen⸗ oder Dorfzeitung aus Anfang der siebziger Jahre aufgegabelt und hält es für ange⸗ bracht, sie seinem Lesepublikum zu servieren. Die Fasten⸗ predigt beginnt:

Von berufsmäßigen Volksverführern wird in unsern Tagen die Unzufriedenheit der Masse mehr als je ge⸗ schürt. Nach der Lehre dleser Hetzapostel ist der kleine Mann außerstande, seine Lage aus eigener Kraft zu verbessern. Erst der Umsturz alles Bestehenden werde den ärmeren Volksklassen das ersehnte Glück bringen. Das ist eine nach jeder Richtung hin verderbliche Lehre. Am gefährlichsten aber wirkt dieselbe deshalb, weil sie den Menschen dazu bringt, die Grundbedingungen alles Glückes und aller Wohlfahrt außer Acht zu lassen. Diese Grundbedingungen sind und bleiben für alle Zeit Fleiß und Sparsamkeit.

Und sie schließt, nachdem sie noch viel schönes über diese Tugenden gesagt hat:

Fleiß und Sparsamkeit sind die Grundbedingungen der Wohlfahrt. Deshalb handelt nur derjenige richtig und weise, der sich eifrig regt und müht und das Er⸗ worbene zusammenhält. Wer sich aber durch die Lock⸗ ungen und Hetzreden der angeblichen Volksbeglücker, die in Wahrheit Volksbetörer sind, von der Bahn des Fleißes und der Sparsamkeit abdrängen läßt, der fällt früher oder später dem Verderben anheim und wird selber zum Totengräber seines Glückes.

Nach diesen schönen Lehren werden hoffentlich die Wetzlarer Arbeiter den Hetzreden der Volksbeglücker, womit natürlich die vermaledeiten Sozialdemokraten ge⸗ meint sind, nicht mehr folgen. Vielleicht denken aber auch einige darüber nach, wie es in Wirklichkeit aussieht. Und dabei stoßen sie auf die merkwürdige Tatsache, daß viele Tausende sehr fleißiger und sehr sparsamer Arbeiter, die sich jahrein, jahraus ein Menschenleben lang von früh bis spät plagen und sich kaum das Notwendigste gönnen, doch nicht vorwärts gekommen, vomGlück gemieden worden sind. Und andererseits sehen sie viele andere Leute mie arbeiten, ein recht bequemes, luxuriöses Leben führen und trotzdem immer reicher werden! Wo⸗

Uher das nur kommen mag? Der Pharisäer des Amts⸗ blattes wird antworten, das ist so die göttliche Welt⸗

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