Ausgabe 
2.7.1905
 
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Seite 2.

Mitteldeutsche Sonntags⸗Zeitung.

Nr. 27.

dran. Einmal ist es da eben Pflicht, an dem Posten auszuhalten, der im Interesse der All⸗ gemeinheit gehalten werden muß; sodann wird sich jeder in seiner Art auch innerlich damit abfinden, der eine, indem er keine allzu hohen Ansprüche an den Geist der Geselligkeit stellt (es gibt nämlich auch unter den Akademikern außerst bescheidene Gemüter), der andere, indem er aus dem Reichtum seines Innenlebens heraus sich überell seine eigene Welt aufbaut, andern davon mitzuteilen sich freut. An em⸗ pfänglichen Seelen unter den Kindern aber, die diese Freude am reichsten gewähren, fehlt es gewiß nirgends. Und ob es befriedigender ist, in der Sexta eines Gymnastums lateinische Grammatikregeln zu pauken oder ein gutes deutsches Lesestück in einer Dorfschule zu be⸗ sprechen, daß mag jeder nach seinem Geschmack entscheiden. Jedenfalls liegt darin auch kein Grund, sich auf die Seite jener bescheidenen Geister zu stellen, die für die Parole der Menschenrechte das Gehör böllig verloren haben. Die Menschheit hat auch in unserer Frage noch große Aufgaben vor sich, nicht nur hinter sich. Wir wollen uns nicht vor der Sünde fürchten, zu glauben, daß nicht nur für die richtige körperliche sondern auch für die richtige geistige Behandlung der großen Masse der Menschheit, der sogenannten unteren Schichten, die Arbeit wissenschaftlich gebildeter Männer keine Verschwendung sei.

Die letzte Frage freilich, wohin es denn führen soll, wenn sichere Bildung und damit höhere Ansprüche bis zu den Bauern⸗ und Ar⸗ beiterkindern kommen, die weist hinaus aufs stürmische Meer der sozialen Frage an sich. Das aber können wir nur mit Freude begrüßen, daß das Nachdenken über sie, die im Grunde nur die Frage nach möglichst gerechter Ein⸗ richtung der menschlichen Gesellschaft, also eine sittliche Frage ist, auch von der Seite der ee her aufgeworfen und vertieft wird.

Die Revolution in Rußland.

Das von den Zarischen Henkersknechten seit Jahrhunderten scheußlich mißhandelte und ge⸗ quälte Volk bäumt sich endlich energisch gegen seine Schinder auf. Die Erregung im Volke ist in der letzten Zeit unter dem Eindruck der fürchterlichen Niederlagen in Ostasten und der dabei wie auch sonst im Innern zu Tage getretenen unglaublichen Korruption auf das höchste gestiegen und täglich macht die revolu⸗ ttonäre Bewegung weitere Fortschritte. Wieder⸗ holt kam es in den letzten Monaten in ver⸗ schiedenen Städten zu blutigen Zusammenstößen, die zum Teil zahlreiche Menschenopfer forderten.

Am Donnerstag kam es nun in der polnischen Fabrikstadt Lodz zumallgemeinen bewaffneten Auf⸗ stan d. Direkt veranlaßt war die Erhebung durch unerhörte und niederträchtige Bluttaten des Militärs. Am Sonntag war es zwischen Arbeitern und Militär zu einem Zusammenstoße gekommen, wobei fünf Arbeitergetötet wurden. Am Dienstag fand das Begräbnis von vier der Ermordeten statt, das zu einer gewaltigen Demonstration wurde; etwa 70,000 Arbeiter beteiligten sich daran. Am Mittwoch sollte ein weiteres Opfer beerdigt werden. Ueber die Vorgänge, die sich nun abspielten, berichtete der Vorwärts:

Die Arbeiterschaft war schon vor 6 Uhr nachmittags in unzähligen Tausenden in der Altstadt versammelt. Nun stellte es sich heraus, daß die Polizei sich nachts der Leiche bemäch⸗ tigt und sie in aller Stille begraben hatte. Die Arbeiterschaft geriet bei dieser Nachricht in Erregung. Die Partei wollte angesichts des vereitelten Begräbnisses von der Demonstration Abstand nehmen, doch wollten die versammelten Massen vom Auseinandergehen nichts hören. Der Zug setzte sich also in Bewegung. Unter⸗ wegs suchten die Militärpatrouillen absichtlich uns überall aus dem Wege zu gehen, sogar die Polizei zeigte freundliche Mienen und nickte uns zu mit den Köpfen. So gelangte der Zug

Gassen des Arbeiterviertels. Nach dem Ver⸗ halten der Soldaten die ganze Zeit hatte nie⸗ mand einen Gedanken mehr an einen Ueberfall gehegt; vertrauensvoll marschierte die singende Arbeiterschaft. Und nun plötzlich, wie wir in den engen Gassen uns durchpressen, stellt es sich heraus, daß vorn Kosaken den Weg ver⸗ sperren und hinten Militär bereits den Rückzug abgeschnitten hat. Auch alle Quer⸗ straßen waren dicht von den Schergen besetzt, um ein Entkommen unmöglich zu machen! Und da begannen die Salven zu krachen ohne jede Aufforderung oder die übliche Warnung! Eine furchtbare Panik brach aus. Alles suchte sich zu retten. Die Haustore wurden erbrochen und man rettete sich in die Haushöfe. Aber die Soldateska schoß auf die Fliehenden und bald lagen Haufen von Leichen und Verstümmelten vor und in den Hausfluren. Also ein vor⸗ bedachter Mord Unbewaffneter durch die zarische Soldateska. Als Antwort auf diese Greuel proklamierte die Sozialdemokratie für Freitag den 23. Juni den Generalstreik.

Zahlreiche Meldungen berichten graustge Einzelheiten über die Mordtaten der zarischen Bluthunde. Schlimmer wie blutdürstige Raub⸗ tiere hausten die Kosaken. Ein Fabrikant in Lodz erzählte dem Mitarbeiter eines englischen Blattes:Ich sah zu, als zwei Kosaken einem jüdischen Mädchen beide Arme glatt von den Schultern abhackten, worauf sie den Kopf vom Rumpf trennten und die Leiche weg⸗ warfen. Wir haben viele Wagen mit glied losen Leichen in den Straßen unterwegs nach den Friedhöfen gesehen. Am Sonntag nachmittag wurde in der Vorstadt Baluty eine jüdische Familie, die in einer Droschke zum Bahnhofe fuhr, von einer Kosaken⸗Patrouille überfallen und alle 5 Insassen des Wagens erschossen. Gegen die kosakischen Bestien suchte sich das Volk zu verteidigen. Barrikaden wurden an vielen Stellen der Stadt errichtet, die eine Höhe von zweistöckigen Häusern erreichten. 60 000 bewaffnete Arbeiter griffen gegen vier Regimenter Infanterie, ein Kosaken⸗ und ein Dragoner⸗Regiment an, die General Exten befehligte. Die Barrikaden wurden von den Truppen mit Hilfe von Sappeuren ge⸗ stürmt. Die ganze Nacht zum Samstag hielt das Gewehrfeuer an, es ereigneten sich schreck⸗ liche Vorfälle. Wo das Militär in die Häuser eindrang, wurden sämtliche Einwohner ohne Gnade niedergemetzelt. In verschiedenen Straßen verteidigten sich die Bewohner der Häuser damit, daß sie Steine, heißes Wasser ꝛc. aus den Fenstern und von den Dächern auf die Soldaten herunter warfen. Verschiedentlich wurden Bomben geworfen, wodurch auch viele

haben sich angeblich 30 000 Arbeiter beteiligt. Die Zahl der Opfer wird auf 2000 Tote und Verwundete angegeben.

Selbst die Offiziere wollen sich nicht mehr zu der Henkerarbeit gebrauchen lassen. Die Offiziere eines Dragonerregiments erklärten dem Kommandanten, sie würden nicht mehr auf wehrlose Leute schießen. Der General⸗ gouverneur von Warschau befahl darauf die sofortige Rückkehr dieses Regiments in seinen Garnisonsort. Ein Geheimerlaß befiehlt, alle Soldaten polnischer Nationalität oder jüdischen Glaubens von dem in Lodz tätigen Militär herauszuziehen, weil sie nur in die Luft, aber nicht in die Volksmenge geschossen hätten.

In Warschau kam es ebenfalls zu blutigen Kämpfen, wobei es auf beiden Seiten Tote und Verwundete gab. Am Dienstag warfen streikende Arbeiter eine Bombe gegen eine Kompagnie Soldaten, wodurch drei getötet und etwa 50 schwer verwundet wurden. Auch in Odessa fanden Kämpfe statt; es herrscht all⸗ gemeiner Ausstand. Die Mannschaft eines russischen Schlachtschiffes im Hafen meuterte und mordete die Offiziere.

Das Knutenreich kracht in allen Fugen, möge es endlich zusammenkrachen!

aus den breitenbesseren Straßen in die engen

Militärpersonen fielen. An den Straßenkämpfen

Politische Rundschau.

Gießen, den 29. Juni 1905.

Zur Mirbach⸗Affaire.

In dem Preußenbank⸗Prozesse wurde be⸗ kanntlich festgestellt, daß Frhr. v. Mirbach eine Quittung über 325000 Mk. ausgestellt hatte, aber in der Gerichtsverhandlung erklärte, daß er diese Summe nicht erhalten habe. Von verschiedenen Blättern wurde damals Herzog Ernst Günther von Schleswig⸗Holstein, der Bruder der Kaiserin, mit dieser Angelegenheit in Verbindung gebracht. Dieser kündigte dar⸗ auf an, daß er Anklage gegen diese Blätter erheben würde. Das ist jetzt geschehen. Nach⸗ dem sich das vorbereitende Verfahren nahezu dreiviertel Jahre hingezogen hat, ist dem ehe⸗ maligen verantwortlichen Redakteur der Berliner Zeitung, Reichstagsabgeordneten v. Gerlach, die Anklage zugestellt worden. Das könnte ein sehr interessanter Prozeß werden, aber man wird schon dafür sorgen, daß nichts in die Oeffentlichkeit kommt, was diese nicht wissen soll.

Ein Hunnenprozeß

wurde in Halle gegen unsern Genossen Abg. Kunert verhandelt, der angeklagt war, das deutsche Expeditlons⸗ korps nach China in einer Rede dadurch beleidigt zu haben, daß er äußerte, die europäischen Soldaten hätten dort geraubt und gemordet. Zahlreiche als Zeugen vernommene Teilnehmer an dem Chinazuge bekundeten, daß leider auch deunsche Soldaten geplündert, verwüstet und Frauen geschändet haben. Trotzdem wurde Kunert zu drei Monaten Gefängnis ver. urteilt. Er wird aber gegen das Urteil Revision ein⸗ legen.

Staatsanwalt gegen das Witzblatt.

Gegen das beste bürgerliche Witzblatt, den Simplizissimus, wurden vorige Woche in Stuttgart zwei Beleidigungsprozesse ver⸗ handelt. Am Montag wurde das Urteil ver⸗ kündet, das für den Schriftsteller Ludwig Thoma auf sechs Wochen Gefängnis und den Redakteur Linnekogel auf 200 Mk. Geldstrafe lautete. Thoma, der imSimpl. unter dem PseudonymPeter Schlehmihl schreibt, war der Beleidigung der Pastoren Bohn und Weber angeklagt, die s. Zt. auf dem Kölner internationalen Kongresse zur Be⸗ kämpfung der Unsittlichkeit verschiedene Witz⸗ blätter und besonders den Simplizissimus an⸗ gegriffen hatten. Auf diese Angriffe antwortete 1 mit folgendem groben Gedichte:

Warum schimpfen Sie, Herr Lizentiate,

Ueber die Unmoral in der Kemenate, Warum erheben Sie ein solches Geheule, Sie gnadentriefende Schöpsenkeule?

Ezechtel und Jeremiae Jünger, i

Was beschweußen Sie uns mit dem Bibeldünger, Was gereucht Ihnen zu solchem Schmerze,

Sie evangelische Unschlittkerze?

Was wissen Sie eigentlich von der Liebe Mit Ihrem Pastoren⸗Kaninchentriebe

Sie multiplizierter Kindererzeuger,

Sie gottesseliger Bettbesteuger?

Als wie die Menschen noch glücklich waren, Herr Lizentiate, vor vielen Jahren,

Da wohnte Frau Venns im Grtechenlande In schönen Tempeln am Meeresstrande.

Man hielt sie als Göttin in hohen Ehren Und lauschte willig den holden Lehren, Sie reden von einem schmutzigen Laster, Sie jammerseliges Sündenpflaster.

Sie haben den Schmutz wohl häufig gefunden

In Ihren fündlichen Fleischesstunden

Bei Ihrem christlichen Eheweibchen?

In Frou Pastorens Flanellenleibchen? Der Staatsanwalt erblickt in diesen Versen eine Beleidigung der oben genannten Geistlichen in Bezug auf ihren Stand. Zwei Münchener Literatur⸗Sachverständige, Dr. Bernstein und

Dr. Ganghofer erklärten, daß der Kölner

Kongreß mit seinem Schreien nach Polizei und Beschränkung der künstlerischen Freiheit zur Abwehr herausgefordert habe, es sind dort

über Kunst und Literatur so törichte und in 1

jeder Beziehung minderwertige Ansichten ge⸗

äußert worden, daß sie unter verständigen