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. Gießen, den 2. Juli 1905. 12. Jahrgang. Redaktion: 5 2 Nedaktionsschluß: Kirchenplatz 11, Schloßgass⸗ Mitteld eutsche Donnerstag Nachmittag 4 Ute.
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Politik, Ethik und Regierung.
Kürzlich hat in Hannover wieder der „ebangelisch⸗soziale Kongreß“ getagt. Man bekam dabet den erfreulichen Eindruck, daß diese Herrn, je tiefer sie mit der Zeit in die national⸗ökonomischen Fragen eindringen, um so deutlicher auch die eutscheidende sittliche Bedeutung der sozialen Bewegung erkennen lernen. Wir wünschten, daß sich jeder Arbeiter das Wort zu Herzen nähme, daß da ge⸗ sprochen wurde:
„Es ist nicht Pflicht in einer christlichen Gewerkschaft organisiert zu sein, aber es ist Pflicht organisiert zu sein.““
Wir freuen uns, hier auch endlich einmal von bürgerlicher Seite den guten erzieherischen Einfluß der Gewerkschaft richtig gewürdigt zu sehen. Auch die Hervorhebung, daß gerade der organisterte Arbeiter der beste Familienvater sei, wird durch die Erfahrung im vollsten Maße bestätigt.
Aber freilich, je ehrlicher und gründlicher der evangelisch soziale Kongreß seine soziale Pionierarbeit auffaßt, um so weniger Ver⸗ ständnis wird ihm von den Höhen der Regie⸗ rung aus entgegengebracht. Der Wind der von da oben her weht, säuselt, wenig Gutes versprechend, durch die Blätter der„Norddeutschen allgemeinen Zeitung“. Da wird dem evangelisch⸗ soztalen Kongreß vorgehalten, man könne doch nicht so wie er vom philosophischen Katheder herab Politik treiben. Da wird es für einen gefährlichen Irrtum gehalten, wenn jemand die Politik mit der Ethik d. h. mit sittlichen Forderungen verquicken wollte. Da⸗ nach hat also die Politik etwa mit einem Streben nach Gerechtigkeit und dergl. nichts zu tun. Sie müsse vielmehr opportunistisch sein, das heißt, sich nach dem Erfolge richten, wobei dann freilich nicht gefragt wird, für wie lang dieser Erfolg gelten soll. Es ist so recht, als ob man den Fürsten Bülow hörte: da kommen auf der einen Seite zu ihm die Agrarier und wollen einen Getreidezoll von 10 Ml., auf der anderen Seite kommen die Industriellen und möchten am liebsten gar keinen Getreidezoll. Da macht dann der ge⸗ schmeidige Herr ein Kompliment nach beiden Seiten, erfüllt halb den Wunsch der einen, halb den Wunsch der anderen Seite, und setzt einen Getreidezoll von 5 Mk. ein. Ist das nicht furchtbar gerecht? Oder ein ander Mal wenden sich die betrübten Bergarbeiter an ihn, um gegenüber dem tyrannischen Absolutismus ihrer Brotherren und gegen deren allmächtige Ver⸗ bände auch ihre Organisationen staatlich auer⸗ kannt und gesetzlich fundamentiert zu bekommen. Und wiederum ein liebenswürdiges Lächeln nach beiden Seiten: gewiß, die Arbeiter⸗ organisationen werden anerkannt, die Arbeiter dürfen ihre Ausschüsse wählen— aber die
Wahl zu diesen Ausschüssen und die Stellung
in ihnen muß natürlich so verklausuliert und erschwert werden, daß sie nur ja den Herren Kohlenbaronen zu keinem Aergernis werden könne. Ist nicht auch das eine äußerst gerechte Stellung über den beiden Parteien?
Es wird in der Tat alles Mögliche von dieser Regierung erwogen und geprüft, nur
elne Frage, die wird leider dabei überhaupt nicht aufgeworfen, eine Möglichkeit wird von!
vornherein ignoriert. Man sucht allen mög⸗ lichen Wünschen gerecht zu werden, aber o b diese wirklich alle einen gerechten Kern haben, das unterläßt man zu erforschen. Die Arbeitgeberorganisationen erstreben ausgesprochenermaßen die Unterdrückung der Arbeiter⸗Verbände. Sie wollen keine Tarif⸗ verträge mehr, sie wollen an Stelle friedlicher Vereinbarung auf Grund gesetzlicher und fak⸗ tischer Gleichberechtigung eine Verewigung des sozialen Kampfeszustandes, sie erstreben den Konsumenten gegenüber das möglichst willkür⸗ liche Hinaufschrauben der Preise, sie wollen auf Kosten der großen Massen ihrer Mitmenschen „die Herren“ bleiben und die Besitzenden. Das Alles aber hindert den Fürsten nicht, das liebenswürdigste Lächeln der Welt gerade für sie übrig zu haben, lieber die Hälfte der gerechtesten Arbeiterforderungen über Bord zu werfen, als jene Mächtigen zu kränken. Denn wo die Macht ist, da ist auch der Erfolg, mit den Forderungen der Gerechtigkeit haben ja die Forderungen der Politik nichts zu tun. Wir haben freilich keine„Philosophen“ auf unsern Ministersesseln sitzen. Armer Plato, der Du vor langer, langer Zeit einmal von solchen Möglichkeiten geträumt hast! Armer Fichte, armer Schiller, die ihr seine Träume wieder aufzufrischen euch erkühntet. Wie wenig habt doch ihr von Regierungsweis heit gewußt! Aber seid froh, daß ihr nun schon in die Ge⸗ filde der Seeligen eingegangen seid, wo man euch eure leichtfertigen Träumereien hoffentlich gnädigst verziehen hat. Welche Stellung würdet ihr sonst heute unter einer königlich preußischen Regierung einnehmen!
Man möchte gar manchmal bitter ergrimmen über dieses Regiment ängstlicher Halbheiten, über dieses politische System des langsamen Schrittes, über diese oberflächliche Verschleierung und Vertuschung der Gegensätze. Man wünschte sich oft lieber den„starken Mann“, nach dem unsere Konservativen sich sehnen, einen zweiten Bismarck, der die klaren Situationen und die entscheidenden Kämpfe liebte. Das rüttelte wenigstens die Geister auf, das forderte überall die Energie heraus, das nötigte unsere Par⸗ teien einmal wieder über die grotzen Prinzipien politischen Handels nachzudenken, nötigte sie, mit mannhafter Entschlossenheit den Weg nach rechts oder den Weg nach links zu wählen.
Was wir aber da eben erleben, das ist eine Zeit des rechten, echten Philisterregiments, des unselbstständigen Hin⸗ und Herpendelns, des Mangels jeder großzügigen Auffassung. Um so ernster ist daher unsere Aufgabe, das Erbe der großen Denker der Menschheit, den Glauben an ihre Ideale, auch dem kleinen Geschlecht unserer Tage gegenüber hoch und heilig zu halten. K. Wbr.
Volksschule und Universität.
Von K. Wbr.(Schluß des Artikels aus voriger Nummer).
Ist das Streben des Volksschullehrerstandes nach Universitätsbildung nun wirklich, wie die Gegner meinen, ein solcher„Genieschwung“? Täuscht man sich da in der Tat betreffs der gefährltchen Breite und Tiefe des Grabens, über den hinüberzukommen man den Anlauf nimmt? Auf die finanziellen Schwierigkeiten ist natürlich zuerst von allen Seiten hingewiesen
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worden. Dann die Frage: Wie würde sich der Akademiker in einem Dorfe vorkommen? Und wozu braucht ein Bauern⸗ und Arbeiterkind über⸗ haupt einen feiner gebildeten Lehrer? War es nicht einfach anmaßende Eitelkeit, die zu der bekannten Königsberger Resolution geführt hat? Wir aber fragen dagegen: Ist es nicht ein Stück jener„rohen ungeübten Beurteilung“, von der Kant redet, wenn man mit diesen Ein⸗ wänden sich von der Pflicht jeden weiteren Nachdenkens über eine so durchgreifende Mensch⸗ heitsfrage dauernd befreit zu haben glaubt? Darf man der Finanzsorge gegenüber nicht auch betonen, daß sittliche Ziele sehr wohl so viel Eigenwert haben, daß sie zunächst einmal unabhängig vom Geldpunkt diskutiert werden dürfen? Und dann sei an die Heer⸗ und Flottenbegeisterung erinnert, die auch durchaus nicht bei allen von ihr Erfüllten im direkten Verhältnis zu den nationalökonomischen Kennt⸗ nissen steht. Und das man sich nicht nur für ein äußerlich 1 sondern ebenso für ein innerlich reiches Leben seines Volkes begeistern kann, daß über dem Krafthuber⸗Ideal die viel⸗ verspottete Humanität nicht ganz verloren gehen darf, wird man uns doch wohl zugeben. In diese Richtung aber zielt die Volksschul⸗ lehrerforderung, insofern sie allgemeine Ver⸗ breitung echter Bildung und möglichst gerechte Auslese nach der geistigen Befähigung allein erstrebt. Die Aufstellung solcher philosopisch weitschauenden Ziele kann nur derjenige schelten, dem stie unbequem sind oder für den die größten Denker der Menschheit nicht dagewesen sind. In Freytags„Verlorner Handschrift“ heißt es:„Ich aber frage, was haben Millionen Menschen, die mit Ihnen eine Sprache sprechen, Ihres Namens sind und mit Ihnen leben, von all der Gelehrsamkeit, die sie für sich und eine kleine Zahl wohlhabender und müßiger Leute erwerben? Wenn sie zu meinen Arbeitern reden, die Leute verstehen sie nicht. Wenn Sie von ihrer Wissenschaft etwas erzählen wollten, meine Knechte würden vor ihnen stehen, wie Neger. Ist das ein gesunder Zustand? Und ich sage ihnen, solange dieser Zustand dauert, sind wir noch kein rechtes Volk“. Stcherlich aber stellen unsere jetzigen Schulverhältnisse noch nicht den besten Weg zu solchen Zielen dar. Daß für Kindern unbemittelter Eltern einige Stipendien da sind, daß es andrerseits auch fuͤr das Kind,„besserer“ Kreise eine Grenze der Dummheit gibt, jenseits deren seine soziale Stellung ihre Tragkraft verliert, baß ist wahr⸗ haftig noch keine Idealeinrichtung, auf der man sich für alle Zeiten zur Ruhe zu setzen Grund hätte. Bei der weiteren Einwendung, daß der Wirkungkreis in einer Dorfschule dem akademisch Gebildeten nicht mehr genügen werde, übersteht man meist, daß mit den höheren Voraussetzungen auch der Wirkungskreis selbst ein anderes Ansehen bekommen würde. Sogut es übrigens ein Amtsrichter, Arzt oder Pfarrer im kleinen Landnest aushalten muß, so gut kann man das auch dem akademisch gebildeten Volksschullehrer zumuten. Sein Beruf an sich bietet gewiß nicht weniger Reize. Freilich muß man auch bei ihm innere Neigung für möglich halten, Liebe und Verständnis für aufblühende Kinder⸗ seelen voraussetzen. An mancher kleinen Real⸗ oder höheren Bürgerschule ist übrigens der Akademiker schon heute nicht so sehr viel anders


