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Seite 6.
Mitteldentsche Sonutags⸗ Zeitung.
Ne. 14.
Von Nah und Lern. Der wütende Bauer.
Vorige Woche kam in Mainz, wie unser dortiges Parteiblatt berichtet, eines Morgens ein Bäuerlein in greulichem Zorn an den Rhein gestapft. Ehe die Zuschauer recht wußten, was mit dem Mann los sei, machte der sich daran, drei Körbe, also zirka vier Zentner Feldsalat in den Rhein zu enkleeren! Ein Neugieriger richtete schüchtern die Frage an den Zerstörungsbeflissenen, was denn der Grund seines Tuns sei, worauf dem Gehege der bäuerlichen Zähne folgender Wutschrei ent⸗ schlüpfte:„Seither hunn eich 50 Pfennig for's Pund krieht, unn jetzt gewwe se des nit meh, eich geb' en nit billiger, liewer solle ßen garnit hunn!“ Es hätte wenig gefehlt und der Bauer wäre samt seinem Sohn auch gewässert worden.
Geistliche Sünder.
In Stadelschwarzbach bei Würzburg ließ der Amtsrichter den Pfarrer Englert aus dem Pfarrhaus durch einen Gendarmen abholen und in einem Landauer in das Untersuchungs⸗ gefängnis schaffen, weil sich der Seelenhirt an Kindern sittlich vergangen haben soll.— Der katholische Pfarrer Holweck von Schaff⸗ hausen bei Hochfelden ist nach Unterschlagung von mehr als 10000 Mk. geflohen.
Pücklers Ruh'.
Der streitbare Graf hat jetzt endgültig den Berliner Staub von seinen Füßen geschüttelt, er will sich vom politischen Leben zurückziehen und in Klein⸗Tschirne seinen Kohl bauen. Nachdem ihm das polizeiliche Redeverbot die Abhaltung von Versammlungen in Berlin un⸗ möglich gemacht hatte, setzte er sein„Aufklä⸗ rungswerk“ in Flugblättern fort. Er setzte schließlich direkt Prämien für Einbrecher und Bombenwerfer aus, die ihr edles Gewerbe bei den Berliner Juden ausüben sollten. Dafür fand er nun aber keinen Drucker. Das hat den Grafen sehr verschnupft. Er erklärte seine Freunde für„schlappe Kerls“, die sich vor ein paar Jahren Gefängnis fürchteten. In be⸗ schaulicher Ruhe will er nun ben Rest seines Lebens in Klein⸗Tschirne verbringen
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Ein Brief an die Frauen.
Liebe Leserin!
Du bist Arbeiterfrau. Wirst du mich an⸗ hören? Die Zeilen lesen? Darüber nachdenken? Gewiß wirst du es tun.
Warum arbeitest du? Um für dich und die Deinen Lebensunterhalt zu beschaffen oder be. schaffen zu helfen. Und du arbeitest zuweilen schwer, sehr schwer, nicht wahr? Gewiß. Vom frühen Morgen bis späten Abend. Und trotz der schweren Arbeit geht es in deiner Familie knapp her! a
Wie kommt das? Warum gehen andere Frauen in Seide und Samt, behängt mit Perlen und Edelsteinen, wohlgenährt, wohl⸗ gepflegt— warum? Und doch arbeiten sie wenig oder gar nicht! Jene Frauen sind die glücklichen und unglücklichen Gattinnen derjenigen Herren, welche andre für sich arbeiten lassen, von dem Schweiß und Blut der armen Arbeits⸗ leute leben und dann tun, als ob sie selbst göttliche Wesen wären.„Das läßt sich nicht ändern! Es ist immer so gewesen, wird auch immer so bleiben!“ So hört man die Leute gewöhnlich sagen. Aber das dürfen wir heute nicht mehr glauben, denn es ist eine Lüge.
Als die Arbeiter kürzere Arbeitszeil und bessere Entlohnung und Behandlung forderten, sagte man ihnen auch:„Das geht nicht! Es ist immer so gewesen, wird auch immer so bleiben!“„Das ist nicht wahr!“ erwiderten die Arbeiter.„Wir sind nicht mehr so dumm, um das zu glauben. Wir wollen Menschen sein, als Menschen menschlich arbeiten, mensch⸗ lich leben, uns des Lebens freuen! Wir bestehen darauf: Es muß anders werden!“ Und es wurde auch anders. Ob Arbeiterin oder kleine Geschäftsfrau, du mußt dich Tag für Tag bis
an des Grabes Rand abschinden und abrackern,
haft wenig Freude und Lebensgenuß, bist weiter nichts, als die schwer arbeitende Magd eines schwer arbeitenden Knechtes, und als Magd und Knecht führt ihr— du und dein Gatte— ein Leben, das eben des Lebens kaum wert ist. Das Tier hat gar oft mehr Freiheit als du. Es braucht sich nicht so abzuquälen für das elende bißchen Nahrung wie du. Soll es ewig so sein? Nein, liebe Leserin. Denke doch, wie kurz dein Leben ist. Kaum hast du mit Schmerzen, Sorgen und Qual drei, vier oder fünf Kinder groß gezogen, so bist du alt; es geht bergab. Deine besten Jahre sind dahin. Aber wer soll helfen, wer soll uns helfen? fra st du. Niemand kann das für dich, für uns. ir müssen uns selbst helfen, wir alle, Frauen und Männer der Arbeit.
Die Arbeiter haben das Feld bestellt, aber sie durften die Frucht nicht genießen. Die Arbeiter haben kostbare Stoffe gemacht, aber sie und ihre Kinder gingen in Lumpen einher. Die Arbeiter haben Paläste und Schlösser ge⸗ baut, und ste hausten in Löchern. Die Arbeiter beteten von jeher sehr viel und lebten in der Hölle auf Erden, während die Reichen sehr wenig beten und sich den Himmel auf Erden bereiteten— auf Kosten der Arbeiter.
Niemand hat den Arbeitern geholfen. Sie müssen sich selbst helfen.
Deshalb haben sie ihre Gewerkschaften gegründet, ihre Arbeiter vereine, ihre sozialdemokratische Partei. Nur da⸗ durch können sie ihre Lage verbessern. Ich bin Sozialistin, das weißt du. Der Sozialis⸗ mus ist ein neues Evangelium für Arbeitsleute. Er sagt ungefähr folgendes:
Wer die Welt geschaffen, darüber streiten wir uns nicht. Die Welt ist da. Das genügt uns. Eine große, schöne Welt. Es wächst und grünt, es keimt und sproßt und blüht. Regen und Schnee, Wärme und Kälte wechseln einander ab, alles Nutzen bringend. Die Lüfte wehen, die Sonne scheint— nicht für wenige, sondern für alle Menschen.
Als Frau habe ich dieselben menschlichen Rechte wie der Mann. Wir sind nicht als Mägde und Herren zur Welt gekommen, sondern als gleichberechtigte Menschen. Solange ich am Elterntische saß, gab's keinen Unterschied, kein Vorrecht für Sohn oder Tochter, Bruder oder Schwester. Wir waren gleichberechtigte Geschwister und Kinder unsrer Eltern. Als ich heiratete, sagte man mir, der Mann sei des Weibes Haupt, die Frau müsse untertänig sein dem Manne, in andern Worten: die Frau sei des Mannes Magd. Das ist eine alke Lüge, denn wie können Mann und Frau glücklich zusammen leben, wenn sich er als Herr, ste als Magd fühlt? Wie köanen ste als Herr und Magd freie, glückliche Kinder erziehen, tüchtige Menschen heranbilden? Nein, liebe Leserin, da ist irgendwo ein alter, verrosteter Haken, der nur durch den Sozialismus beseitigt werden kann. Also was wollen wir durch unsre Ar⸗ beiterbewegung erreichen?
Kurz folgendes: Hier ist eine schöne Welt, ein irdisches Paradies. Die Natur erzeugt Nahrung in Hülle und Fülle. Millionen fleißiger Arbeiterhände sorgen dafür, daß der Reichtum noch unendlich vermehrt wird. Heute braucht niemand mehr Not zu leiden. Wenn es doch geschieht, Arbeiter selbst.
Liebe Leserin: du bist fleißig, sparsam, gut.
Du bist zu einem schönen Heim berechtigt. Du bist berechtigt zu einem guten Auskommen bei mäßiger Arbeit. Du bist berechtigt, dich anständig und gut zu nähren und zu kleiden. Du bist berechtigt, deinen Kleinen eine frohe Jugend zu sichern, damit sie sich am frischen, schönen Grün, Blätterschmuck und Blütenduft erfreuen. Du bist berechtigt, deinen Kindern eine gute Schulbildung und Erziehung zuteil werden zu lassen. Du hast Anspruch auf hie nötige Zeit und Gelegenheit, um dich selbst zu belehren, zu bilden, damit du dich erfreuen kannst an den Schönheiten des modernen Fort⸗ schritts, der dir heute noch verschlossen ist. Auch dich sollte ein gutes Buch, ein schönes
so ist das die Schuld der
Bild, alles was gut und groß und schön ist, ö
erfreuen. Dein Gatte soll nicht müde und abgerackert von der Arbeit zurückkehren. Der Sozialismus sagt: Acht Stunden täglich Arbei wäre genug, um alle Menschen in Ueberftur zu erhalten. Wer nicht arveitet, soll auch nicht essen. Das sollte auch für reiche Faulenzer und deren faulenzende Dämchen gelten. Man sagt, Gott habe die Welt für alle Menschen erschaffen. Gut. Dann wollen wir dahin wirken, daß alle Menschen ihr gebührendes göttliches Erbteil erhalten. Noch niemand hat seinen Geldsack in den Himmel oder zur Hölle getragen. Also warum sollen die Massen der armen Menschen leiden, weil es etlichen rück⸗ stchtslosen Beutejägern gestattet ist, alles in ihre Säcke zu füllen? Und wenn sie sterben, können sie ihre Milltonen mit zu St. Petrus nehmen, wenn sie können. Die Welt erscheint mir bald wie ein großes Narrenhaus. Wollen denn die Arbeiter ewig die Narrenrolle spielen? Was sagst du dazu, liebe Leserin? Was ich sage, kommt nicht aus Professorenmund, aber ich denke, jede Arbeiterfrau sollte das begreifen können. Wenn du meinst, kannst du obige Zeilen auch deinen Mann lesen lassen. Viel⸗ leicht schadet's ihm auch nicht. Wie immer herzlich grüßend Eure Mathilde Sorge.
Volkesloos.
Schau' ich, o Volk, auf deinen Immenfleiß, Mein armes Volk, wie muß ich dich bedauern! Du düngst die Erde fort mit Blut und Schweiß,
Und statt der Ernte hast du Not und Trauern. Du türmest auf der Schlösser stolze Pracht,
Du bau'st das Land und pflügst die Meereswogeu, Von deinen Schlägen widerhallt der Schacht, Doch um der Arbeit Preis wirst du betrogen.
Und wo ich immer auch dein Antlitz schau', Trüb' blickt dein Aug' und blaß sind deine Wangen. Du trägst die Cast, dein Lebenspfad ist rauh, Du gibst und gibst, um niemals zu empfangen. Heinrich Kämpchen.
Ein Glückspilz. Erzählung von Robert Schweichel.
3.(Fortsetzung.)
In neuester Zeit erwähnte er häufiger gegen die Seinigen einen Herrn von Unkenstein. Röschen lachte über den Namen, den sie komisch fand. Der Vater aber meinte:„Der Namen ist ganz egal, wenn einer Baron ist. Und jung ist er auch noch, der Herr Baron von Unkenstein, höchstens 30, 31, und sehr reich muß er auch sein, denn er hat auf der Welt gar rein nichts zu tun, als herumzureisen. In aller Herren Lander ist er schon gewesen, auch in Amerika und im Kapland, und Geschichten weiß er von allerwärts zu erzählen, daß einem Hören und Sehen vergeht. Vielleicht krieg' ich ihn einmal dazu, uns zu besuchen; denn sowas wie adelsstolz oder hochmütig, das ist er nu ganz und garnicht.“
Die Gottheit der Diebe und der Verliebten lächelte dem würdigen Meister. Denn als er eines Sonnabends gegen Ende des Sommers mit Frau und Kind einen Ausflug nach Treptow machte, siehe, wer war auf dem Dampfboote an der Jannowitzbrücke der Erste, den zu be⸗ grüßen er die große Ehre hatte? Kein Ge⸗ ringerer als Istdor Baron bon Unkenstein in höchst eigener Person! In eleganter Sommer⸗ toilette, den leichten Ueberzieher über dem linken Arm, Monokel im Auge, die Hacken zusammen gezogen, das Hütchen über dem pomadisierten Scheitel in der Schwebe haltend, so ließ er, ein Kavalier bis zu den gelben Schuhen her⸗ udter, die Vorstellung der Damen Adersen über sich ergehen. Die Mutter war verlegen, die
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