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Nr. 14.
Mitteldeutsche Sountags⸗Zeuung.
Seite 7.
Tochter blickte ihm offen in das von der Sonne Afrikas gebräunte Gesicht. Es war nur ein Augenblick; aber er gab ihr zu denken. An wen erinnerte sie nur dieses uustreitig wohl⸗ gebildete Männerantlitz mit dem scharf ausge⸗ prägten Zuge von Energie? Um ungestört in ihrem Gedächtnis nachzublättern, trat sie, als das Boot bereis in der Fahrt begriffen, an das Deckgeländer und betrachtete die Spreeufer.
„Gnädiges Fräulein bewundern die Fluß⸗ landschaft,“ fiel ihr die Stimme des Barons, die etwas schnarrte, als ob sie einem Leutnant gehörte, in's Ohr.„Aeh, ganz hübsch! Gnädiges Fräulein sahen wohl den Rhein noch nicht? Urtetle vielleicht nicht ganz objektiv, wenn ich diesem den Preis zuerkenne. Die Heimat be⸗ sticht unser Urteil. Aeh, gnädiges Fräulein, bin von Geburt Rheinländer. Auf den Reben⸗ hügeln dort stand das Schloß meiner Ahnen. Sie kennen gewiß das Lied, worin es heißt:
Zwar die Dächer sind zerfallen
Und der Wind streicht durch die Hallen,
Wolken ziehen drüber hin.
Burgruinen gewähren einen hübschen Anblick. Gnädiges Fräulein malen vielleicht? Nicht? Aeh, für den modernen Menschen ist der Auf⸗ enthalt nur in den Mittelpunkten der Zivilisation möglich. Berlin, London, Paris.“
„Sie waren in Paris, Herr Baron?“
„War auch dort, gnädigstes Fräulein. Eine Zauberstadt, die uns mit allen Sinnen gefangen nimmt.“
Meister Adersen, der neben seiner Frau unter dem Sommerzelt saß, stieß diese mit dem Ellen⸗ bogen an und winkte mit den 1 bedeutungs⸗ voll nach dem jungen Paare. Er schmunzelte.
Rosalte kam zu ihnen, der Baron folgte und unterhielt sie Alle durch Schilderungen der Goldgräber im Lande der Boeren. Meister Adersen war ganz Bewunderung, was er durch ein starkes Schnaufen ausdrückte. Als das Boot Treptow stch näherte, stellte er sich auf die dicken Säulen seiner Beine und sprach: „Der Herr Baron äußerten vorhin, daß Sie noch weiter, nach Grünau, fahren wollten; das kann ich aber nicht zulassen, Herr Baron. Sie bleiben bei uns als unser hochverehrter Gast, Herr Baron. Mitgefangen ist mitge⸗ hangen! Ha, ha, ha!“
Und der Herr Baron von Unkenstein stieg mit der Familie in Treptow aus und würdigte ste, ihr hochverehrter Gast zu sein. Man wählte einen Tisch an der Hecke, von wo aus man das bunte Leben auf dem Flusse beobachten konnte, und als der Kaffee kam, öffnete Frau Karoline einen riesigen Pompadour und ent⸗ nahm demselben eine schier erschreckende Menge von Kuchen.„Selbstgebacken,“ bemerkte Meister
Adersen mit einem 1 Kopfnicken.„Essen
Sie nur ordentlich, Herr Baron, es ist genug da!“
Nun, dieser ließ es sich schmecken; aber die Zigarren, die ihm der Meister darauf aus seiner gestickten Tasche selbst auswählte, lehnte er dankend ab; das Kraut mochte ihm wohl einiges Mißtrauen erregen. Der Meister traf umständ⸗ lich seine Vorbereitungen zum Rauchopfer. Es dauerte eine gute Weile, bis er eine Zigarre ausgesucht, sie abgeschnitten und angezündet und endlich in die ungeheuere Meerschaumspitze mit einem Mundstück von Bernstein geschoben hatte. Der kunstvoll geschnittene Meerschaum, den der Baron sehr bewunderte, entlockte ihm eine lange Geschichte, die er mit den Worten schloß:„Das Ding kostet auch ein gutes Stück Geld, Herr Baron. Na, was wollen Sie? Man hat's ja dazu.“
„Nun aber gehen wir in den Park,“ ent⸗ schied seine Frau mit einem Nachdruck, in dem sich ihre Unzufriedenheit mit ihres Mannes Prahlen verbarg. Der Baron sprang sofort auf und gab den Damen das Geleit. Der Meister blieb paffend sitzen. Als die Anderen zurückkehrten, hatte er dem Kellner eben den Auftrag gegeben, zwei Flaschen Berncastler Doktor zum Abendessen kaltzustellen und ihm die Speisekarte zu bringen, sobald sie zu haben sei. Er war in rosiger Laune und äugelte seine liebe Gattin schlau an.
Herr von Unkenstein hatte die Damen wun⸗ dervoll unterhalten; über Alles und Jedes, was
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ste nur uugend umeressieren tounte, wußtez er
zu reden. Rosalte hatte es längst aufgegeben,
darüber zu grübeln, wem er ähnlich sähe, und
wenn ihr Goethe's„Faust“ bekannt gewesen
wäre, so würde sie mit Gretchen gedacht hoben: Du lieber Gott, was so ein Mann Nicht alles, alles denken kann!
Beschämt aber fühlte ste sich garnicht, son⸗ dern plauderte munter, wie ihr das Schnäbelchen gewachsen war. Die Augen der Mutter strahlten, 8 entzückten sie die feinen Manieren des Herrn
arons.
Und dann kam das Abendessen, das Meister Adersen umständlich nach der Speisekarte zu⸗ sammengestellt hatte: Fisch, Braten, Gemüse, Dessert— und der Berncastler tat seine Schul⸗ digkeit als Basis einer Flasche Pommery, die Papa Adersen noch heimlich bestellt hatte. Es war jedoch weniger die Heiterkeit der kleinen Tafelrunde, welche die Aufmerksamkeit der Gäste an den benachbarten Tischen erregte, als das Zauberwort„Baron“, das Papa Adersen so oft wie möglich und mit erhobener Stimme zu hören gab. Diese Aufmerksamkeit berauschte ihn mehr als der Schaumwein.
Auch sein Töchterchen hatte einen kleinen, ganz kleinen Spitz, als das Glockenzeichen zur Heimfahrt ertönte. Die Abendröte, in welche sich die Stadt wie in einen Purpurmantel mit goldenem Saum zu hüllen begann, lockte sie von den Ihrigen fort auf den Vorderteil des Deckes. Wie ste die Augen in die feierlich sttlle Glut vor ihr versenkte, dachte sie an ihren Vetter Otto. Morgen war Sonntag und ste würde wieder mit ihm radeln. Sie wünschte,
daß er ein Bildermaler wäre; dann wäre er
freier als jetzt und sie könnte auch an den Wochentagen mit ihm radeln. Sie seufzte, aber dann tat ihr der arme Junge leid; wußte sie doch, wie gern er ein Künstler wäre und wie fleißig er in seiper freien Zeit zeichnete. Und sie seufzte wieder. Er war doch ein gar zu lieber, prächtiger Junge, und er hatte ste lieb und sie wollte, daß sie ihm zur Höhe empor⸗ helfen könnte. Ach, es war doch gar zu dumm, daß dieser Baron von Unkenstein so viel Geld hatte und Otto ein armer Teufel war. Und sie seufzte zum dritten Male.
Unterdessen versicherte ihr Vater in seiner Weinlaune den Baron, daß er ein verdammt netter Kerl wäre, wobei er ihn auf das Knie schlug. Aber als Junggeselle stände er wie der Storch gewissermaßen nur auf einem Bein; er müßte sich endlich seßhaft machen und heiraten. „Das ist leichter gesagt als getan,“ antwortete der Baron.„Ja, wenn ich ein Herz fände, eine Seele—.“
Frau Adersen gewahrte, daß seine Blicke nach der Richtung sich lenkteu, in der ihre Tochter stand und sie wußte nicht, ob ste sich freuen sollte oder nicht. Ihrem Manne kamen seine Bibelerinnerungen zu Hülfe und er sagte: „Suchet, so werdet ihr finden.“
„Ehen werden im Himmel geschlossen,“ be⸗ merkte die Frau.
Alle Drei lachten. Rosalie kam langsam zu ihnen und man sprach von Anderem. Der Baron suchte ihre Augen, aber sie vermied die sein igen.
Als man landend von einander Abschied nahm, sagte Meister Adersen:„Das war ein himmlischer Tag, nicht, Barönchen? Wie wär's, wenn wir ihn morgen fortsetzten und Sie bei uns zu Mittag äßen?“
Seine Frau erschrak, und es war für sie eine große Erleichterung, als Baron von Unken⸗ stein mit dem herzlichsten Danke ablehnte, de er bereits versagt sei. Er äußerte erwas von einer Excellenz von Moorenbruch, einem alten Kriegskameraden seines verstorbenen Vaters, wo er zur Tafel geladen sei.
„Na, denn ein andermal,“ versetzte der Meister, und man trennte stich.
(Fortsetzung folgt.)
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Splitter.
Eins steht fest: so lange es Krieg gibt, hört die Menscheit nicht auf, Bestie zu sein. Sollen wir abermals einer listigen Ironie der
Weligeschichte zum Opfer fallen? Denn der Militarismus, der bewaffnete Gegner des gewaltsamen Umsturzes, arbeitet demselben mit allen Kräften in die Hände. Der Militarismus ist darauf bedacht, eine ungeheuere Volkskraft, bestehend aus Arbeitszeit, Körperstärke und Geld, für sich allein zu absorbieren und zu überspannen. Der überheizte Kessel muß endlich springen und die Explosion nennt sich Anarchie. Allerdings bildet sich der Militarismus ein, er werde sie— über den Haufen schießen. Das ist aber gerade die listige Ironie der Welt⸗ geschichte, daß sie diejenigen zu unbewußten Werkzeugen der verderblichsten Zwecke macht, welche diese Zwecke am grimmigsten zu be⸗ kämpfen glauben. Hyronimus Lorm. **
*
Jeder Herrscher, der sich als solcher be⸗ haupten will, muß in gewissem Sinne ein Sklave sein. Ein freier Mann kann man nur unter freten Männern sein.
Humoristisches.
Zustimmung. Student:„Warum lächeln Sie über meine Worte, mein Herr? Sehen Sie mich vielleicht nicht für voll an? Herr: Für sehr voll sogar!
Aprilwetter. Früher hat a Schäfer leicht de Zukunft prophezei'n kinna; aba seit d'Welt preißisch is, geht dds nimmer. Dö machen z' viel Wind und alle Tag an andern..
(Simpl.)
Die„ungegessenen“ Interessenten. Der Ortsvorstand von Freienstein au hat an die hesstsche zweite Kammer eine Vorstellung gerichtet um Errichtung eines Amtsgerichts in Freiensteinau. In der Begrün⸗ dung dieser Vorstellung heißt es u. a.::„... Und wenn Großh. Amtsgericht für die Interessenten aus unserer Gegend die Termine so legt, daß der Mittags⸗ zug herwärts benutzt werden kann, so ist und bleibt es für die Beteiligten doch eine Hetze. Lange vor Tag auf dem Wege, müssen sie am Mittag ungegessen eilen, um zu rechter Zeit den von Herbstein ziemlich 1½ Kilometer entfernten Bahnhof zu erreichen.“
Litterarisches.
Die Sozialistischen Monatshefte bringen in dem soeben erschtenenen Aprilhefte u. a:: Eduard Bernstein: Revolutionen und Rußland.— Olan Kringen: Der Sozialismus in Norwegen.— Oda Olberg: Polemisches über Frauenfrage und Sozialis⸗ mus.— Prof. Dr. Franz Staudinger: Ein Streit um Erkenntnis.— Dr. Paul Landau: Der Dichter Baudelaire.— Anton Fendrich: Zur Frage der Jugendliteratur.— Willem Hubert Vliegen: Die soziale Gliederung und Entwickelung der Niederlande.— Konrad Fink: Vom Bäckergewerbe.— Wirtschaft von Max Schippel.— Politik von Richard Cal⸗ wer.— Sozialpolitik von Paul Kampffmeyer.— Soziale Kommunalpolitik von Dr. Hugo Lindemann. — Ferner brengt das Heft ein Portrait von Cha r⸗ les Baudelaire, gezeichnet von Felix Valloton. — Der Prais des Heftes beträgt 50 Pfg., viertel⸗ jährlich Mk. 1.50. Zu beziehen durch alle Buchhand⸗ lungen, Kolporteure und durch jede Postanstalt.
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— 2——— Empfehlenswerte sozialistische Schriften. Von der Expedition der Mitteld. Sonnt.⸗Zeitung Gießen, Rittergasse 17, sind zu beziehen:
Die Neue Zeit. Sozialdemokratie. Allwöchentlich ein Heft. Preis 25 Pfg.
Wahrer Jakob; Süddeutscher Postillon. Witzblätter. Erscheinen alle 14 Tage. Preis 10 Pfg.
Freie Stunden. Beste Romanlitteratur. Illu⸗ striert. Wöchentlich ein Heft à 10 Pfg.
Die Volksschule, wie sie sein soll. Rühle. Preis 30 Pfg.
Die innerpolitischen Zustände des deut⸗ schen Reiches und die Sozialdemokratie. Von Gg. v. Vollmar. Preis 20 Pfg.
Wider die Pfaffenherrschaft. Kulturbilder aus den Religionskämpfen des 16. und 17. Jahr⸗ hunderts. Reich illustriert. Von Emil Rosenow. In Heften zu 20 Pfg, komplett in 50 Heften.
Der Zukunftsstaat der Junker. Man⸗ teuffeleien gegen die Sozialdemokratie im preußischen
Von Otto
Herrenhaus. Mit Einleitung und Anmerkungen von Kurt Eisner. Preis 20 Pfg. a Christliche Arbeiterpflichten. Jesuitische
Fragen und sozialdemokratische Antworten. Preis 20 Pfg.
Wochenschrift der deutschen
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