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Mitteldeutsche Sonntags⸗Zeitung.

Ne. 14.

Extrabeiträge zu erheben. Weiter soll eine Neuregelung des Unterstützungswesens und eine neue Bezirkseinteilung eingeführt werden.

von Nah und Fern.

Hessisches.

Die Erste Kammer des Landtags hielt am Mittwoch seit langer Zeit wieder einmal eine Sitzung ab. Der Wormser Leder⸗ könig Heyl richtete eine Anfrage an die Regierung wegen den in Hessen hervorgetretenen Bestrebungen der Sozialdemokraten auf Errichtung von Arbeiterkammern. An die Absicht eines einseitigen Vorgehens der hessischen Regierung in dieser Frage könne er nicht glauben. Der Redner verzapft seine An⸗ schauungen über Sozialpolitik, polemistert gegen das Steuerprogramm und schimpft auf den Abg. Ulrich und die Steuerpolitik des Finanz⸗ ministers Gnauth. Die Regierung scheint ziemlich matt geantwortet zu haben. Minister Rothe erklärt, die Regierung sehe sich gar nicht in der Lage, auf dem Gebiete der Arbeits⸗ kammern selbständig vorzugehen. Finanzminister Gnauth läßt es gegenüber einer Bemerkung des Freiherrn v. Hehl dahingestellt, ob sich die Expropriations⸗Politik der Sozialdemokraten mit der hessischen Finanzpolitik decke und tritt den einzelnen Angriffen Heyls entschieden ent⸗ gegen. Er verteidigt seine Finanzpolitik und erklärt, daß er nach wie vor eine Steuerent⸗ 5 der unteren Schichten anstreben werde.

Gießener Angelegenheiten.

Schneiderstreik in Gießen. Seit Mittwoch früh streiken die hiesigen Schneider. Die Erwartung Vieler, daß es noch vor Ab⸗ lauf der Kündigung zu einer Verständigung kommen werde, hat sich also leider! nicht erfüllt. Daß es dazu nicht kam, ist lediglich die Schuld der Unternehmer, denn bei einigermaßen gutem Willen konnten sie sehr wohl was schon vor acht Tagen an dieser Stelle gesagt wurde die sehr mäßigen For⸗ derungen der Gehülfen bewilligen. Sie haben es sich also selbst zuzuschreiben, wenn sie nun durch den Ausstand Schaden haben. Denn die Sache liegt in Wirklichkeit nicht so, wie es die Herren darzustellen belieben, als ob der Streik sie gar nicht genierte. Mit ganz vereinzelten Ausnahmen haben sämtliche Schneider die Arbeit niedergelegt; was in Arbeit ge⸗ blieben ist, sind ganz minderwertige Arbeitskräfte, die nicht ins Gewicht fallen. Es streiken 80 Mann. Am Mittwoch Nach⸗ mittag fand die erste Versammlung der Strei⸗ kenden statt, in der 76 Mann anwesend waren. Verbandsleiter Mirus⸗Frankfurt referier'e. Er legte zunächst die Lohnverhältnisse der hiesigen Schneider dar, deren Jahresverdienst durchschnittlich 900 bis 1000 Mk. betrage, bei unerhört langer Arbeitszeit. Von ihrem Lohne müßten die Schneider sich außerdem noch Näh⸗ zeug beschaffen, wofür(wie in der vorigen Nr. bereits dargelegt) ein ganz erheblicher Betrag aufgewendet werden müsse. Es sei lächerlich und eine grobe Täuschung, wenn ein hiesiges Geschäft(Frensdorf), das in auswärtigen Blättern Schneider suche, 1200 bis 1500 Mk. Jahreslohn in Aussicht stelle. Warum bewillige man dann den Tarif nicht? Selbst bei den darin vorgesehenen Preisen würde der tüchtigste Schneider diesen Betrag nicht verdienen und wenn er Tag und Nacht arbeite. Schließlich forderte der Redner die Versammelten zu festem Zusammenhalt auf und ermahnte sie, während des Ausstandes die musterhafteste Ordnung zu beobachten und den Anweisungen der Streik⸗

Einladung der Arbeitgeber sofort Folge zu leisten. Die Versammelten geloben im Kampfe auszuharren, bis das Arbeitgebertum weitere Zugeständnisse gemacht hat. Unterdessen war derGieß. Anzeiger zur Ausgabe gelangt, der eine Notiz über den Schneiderstreik enthielt, die jedenfalls von den Unternehmern inspiriert war und in rührender Unkenntnis der Dinge oder bewußt unwahr erzählte:

Ein großer Teil der organisierten Arbeiter ist aber, wie wir hören, von der Bewegung abgefallen und arbeitet ruhig weiter. Die hiestgen Maßschneidereien lassen ihre Arbeiten von auswärtigen Schneidern herstellen, und die Schneiderei erleidet daher keine Unterbrechung. Da die Arbeit⸗ geber auch organistert sind, liegt es im In⸗ teresse der zur Aushilfe herangezogenen aus⸗ wärtigen Maßschneidereien, die ihnen zuge⸗ wiesenen Arbeiten prompt zu besorgen, denn auch ste könnten ja einmal in die Lage kommen, auswärtige Hilfe in Anspruch zu nehmen. Die Verlesung der Notiz rief allgemeine Heiter⸗

keit hervor. Es verlohne sich nicht, wurde vom Vorstandstische gesagt, auf diesen plumpen Schwindel einzugehen. Wenn's die Anzeiger⸗ Redaktion selber glaube, sei sie zu bedauern, traurig sei allerdings, daß sich das Blatt nicht besser informiere, so leichtfertig würde in der Redaktion eines Arbeiterblattes nicht verfahren. Von Organisterten, die angeblich weiter arbei⸗ teten, müsse man auch etwas wissen, alle, mit Ausnahme der Streikposten, sind ja anwesend! Und was dieauswärtige Maßschneiderei betreffe, so würde wohl die Kundschaft bald merken, wie es damit aussehe. Es wurde beschlossen, dem Blatte eine Berichtigung zu⸗ gehen zu lassen.(Die ist am Donnerstag denn auch erschienen.) Die Streikunterstützung ist nicht zu karg bemessen, sie erreicht annähernd die Höhe des durchschnittlichen Arbeits verdienstes. In Kasseler Blättern suchen Gießener Geschäfte Schneider und versprechen für ein Sacco 16 Mk. Arbeitslohn. Die hiesigen Schneider fordern nur 11 Mark, welche die Arbeitgeber zu zahlen sich weigern. Man sieht also, daß die Herren noch mehr bezahlen können, als die Arbeiter verlangen.

Die Maurer hielten am Samstag Nachmittag bei Löb(Wiener Hof) eine Ver⸗ sammlung ab, die riesig besucht war. Gau⸗ leiter Hüttmann berichtete über die Ausein⸗ andersetzungen mit den Unternehmern. Die kürzlich in der Mitteldeutschen Sonntags⸗Ztg. erwähnten Differenzen sind sämtlich beigelegt. Der Verband hat jetzt in Gießen und Umgegend 500 Mitglieder, er ist infolgedessen auch in der Lage, die Interessen der Berufskollegen nachdrücklich wahrzunehmen.

s. Die Bauhilfsarbeiter beginnen sich endlich auch einigermaßen zu regen und etwas für die Verbesserung ihrer Arbeits verhältnisse zu tun. Diese lassen außerordentlich viel zu wünschen übrig. Nicht bloß in Bezug auf die Löhne, sondern auch was Schutzvorrichtungen sowie Behandlung durch die Arbeitgeber und besonders die Parliere betrifft. Da werden die Leute mit den gröbsten Schimpfworten tituliert; voriges Jahr kamen sogar wiederholt Miß⸗ handlungen vor. Das Unglück im Vorjahre an der Grünbergerstraße, bei dem mehrere Menschenleben zu Grunde gingen, ist auf mangelnde Vorsichtsmaßregeln zurückzuführen. Hoffentlich sehen auch diese Arbeiter ein, daß ste sich rühren und zusammenschließen müssen, wenn sie eine Besserung erzielen wollen.

S. Risiko der Arbeit. In der an der Mar⸗ burger Straße gegenüber der RestaurationKarlsruhe gelegenen, den Gebrüdern Zutt gehörigen Sandgrube wurde am Donnerstag nachmittag der Arbeiter Balth. Wagner aus Allendorf a. d. Oda. durch herabstürzende Sandmassen verschüttet und konnte nach anstrengen⸗

leitung unbedingte Folge zu leisten. Folgende Resolution fand einstimmige Annahme: Die heutige im Lokale des Herrn Orbig tagende öffentliche Schneiderversammlung erklärt sich mit den Ausführungen des Referenten einverstanden. Sie ver⸗ urteilt entschieden den Herren⸗Standpunkt der Arbeit⸗ geber, die jede Verhandlung mit den Arbeitern abgelehnt haben. Die Versammelten erklären sich zu jeder Zeit bereit, mit den Arbeitgebern in Verhandlung zu trelen und geben der Lohnkommission Vollmacht, einer etwaigen

der Arbeit nur als Leiche hervorgezogen werden. Zwei andere, mit Aufladen beschäftigte Arbeiter wurden bei⸗ seite geschleudert, blieben jedoch unverletzt.

Wegen Majestätsbeleidigung verurteilte die hiesige Strafkammer am Dienstag den Küfer Karl Frey von hier zu 2 Monaten Gefängnis, weil er bei einer Geburtstagsfeier in der Bierlaune eine unpassende Bemerkung über den Großherzog gemacht hatte. Man ist aber nirgendwo vor schmutzigen Denunzianten sicher

1 ein Zechgenosse ging hin und zeigte ihn an.

Unser Genosse Scheidemann, der bisher das Offenbacher Parteiblatt leitete, siedelt in diesen Tagen nach Kassel, seiner Heimatstadt, über, wo er die Redaktion desVolksblatt übernimmt. Für die hessische Partei bedeutet der Weggang Scheidemanns einen Verlust. Er war mit den hessischen Verhältnissen sehr vertraut und ist, wie unsere oberhessischen Genossen wissen, ein ausgezeichneter Agitator.

Die Maifetier soll nach einem in der letzten Sitzung des Gewerkschaftskartells ge⸗ faßten Beschlusse in Gießen wieder in derselben Weise wie in früheren Jahren begangen werden. Am Abend des 1. Mai findet eine allgemeine Versammlung slatt und Sonntag, den 7. Mai soll das übliche Waldfest abgehalten werden.

Aus dem Rreise gießen.

n. Die Tabakarbeiterversammlungen, die am Sonntag in Heuchelheim und Wieseck abge⸗ halten wurden, hatten das Ergebnis, daß dem Tabak⸗ arbeiter⸗Lverbande eine Anzahl Mitglieder gewonnen wurden. In Wieseck mehr als 20. In beiden Ver⸗ sammlungen sprach Hermann⸗Wiesbaden über die Erfolge des Verbandes. Ebenso am Donnerstag in Steinberg, wo ebenfalls verschiedene Beitritte zur Organisation erklärt wurden. Wir haben schon oft betont, wie notwendig der Zusammenschluß der Tabak⸗ arbeiter in hiefiger Gegend angesichts der schlechten Lohnverhältnisse ist. So machte Fabrikant Fießer in Gießen, dem kürzlich eine Affaire in Frankfurt bedeutende Kosten verursachte, seinen Leuten Lohnabzüge. Da solls vielleicht wieder herauskommen.

r. Kommunales aus Watzenborn⸗Steen⸗ berg. Was das Submissionswesen oft für Blüten treibt, zeigt auch ein Fall aus unserer Gemeinde. In vorigem Herbste wurde die Herstellung von Gruben zu Baumpflanzungen im Submissionswege von unserer Ge⸗ meinde vergeben. Die beteiligten Submittenten trieben sich dabei bis auf 50 Pfg. für das Loch herunter, ein viel zu geringer Lohn. Jedenfalls sind die Leute nun nicht auf ihre Rechnung gekommen, denn ste haben nachträglich 80 Pfg. für das Loch bekommen. Mit der Mehrzahlung ging die Sache nicht ihren richtigen Weg. Denn hätten die Submittenten Echöhung ihres Akkordsatzes gefordert, so mußte die Sache doch dem Gemeinderat zur Beschlußfassung vorgelegt werden und wenngleich der Vertrag abgeschlossen war, hätte sich der Gemeinderat wohl nicht verweigert, etwas mehr zu be⸗ zahlen. Aber ohne den Gemeinderat zu fragen, find die Mehrbezahlungen erfolgt, man hat sich über den Gemeinderat hinweggesetzt. Wohin soll es schließlich führen, wenn bei Vergebung von Arbeiten eine solche Praxis angewandt wird. Es führt zu Unterbietungen, für die ein reeller Arbeiter nicht zu bekommen ist und jene Leute, welche in obigem Falle die Billigsten sind, erhalten dann auf Umwegen und durch die Gutmütig⸗ keit des Bürgermeisters ihren gewünschten Lohn. Für unsere Genossen aber, welche dem Gemeinderate angehören, dient dies zur Mahnung, in Zukunft etwas mehr da⸗ rauf zu sehen, daß eine derartige Praxis nicht gang und gäbe wird. ö

r. Watzenborn⸗Steinberg. Hier wurde in der Nacht vom Dienstag auf Mittwoch in die Zigarren⸗ fabrik von Rinn und Cloos eingebrochen und zirka 4000 Zigarren gestohlen. Als der Tat verdächtig wurde ein früherer in der Fabrik beschäftigter Mann bezeichnet. Bei demselben wurde denn auch gehaussucht, doch fand man nichts Belastendes. traut man hier auch eine solche Tat nicht zu, die Ver⸗ dächtigung wird vielmehr als ein Racheakt bezeichnet. Wer der oder die Täter sind, ist bis jetzt noch nicht bekannt.

Aus dem Rreise Alsfesd⸗Cauterbach. 8

n. Der Wahlverein Schotten hält am Samstag, den 8. April abends 8 ½ Uhr im Lokale des Herrn Gastwirt Müller eine Versammlung ab. In derselben wird der Genosse Gg. Repp aus Friedberg einen Vortrag über das Parteiprogramm halten. Die Parteifreunde werden ersucht, nicht nur selbst vollzählig zu erscheinen, sondern auch ihre Be⸗ kannten mitzubringen. Beiträge können in der Ver⸗ sammlung entrichtet werden, ebenso werden neue Mit⸗ glieder aufgenommen.

Aus dem Odenwald.

t. Eine Agitationstour wird demnächst der Genosse Gemeinderat Peter Zahn⸗Mühlheim a. M. in den Odenwald unternehmen.[Er wird in Beerfelden, Gammelsbach, Rothenberg und andern Orten Versamm⸗ lungen abhalten. Für Gammelsbach ist die Volks⸗ versammlung auf den zweiten Osterfeiertag, nachmittags festgesetzt. Unsere Parteifreunde wollen für diese Ver⸗ sammlungen nachdrücklichst agitieren.

gewirt⸗ Der Gemeinderat in Eberstadt i. O.

Wie mit Gemeindegeldern schaftet wird.

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