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Nr. 14.

Mitteldeutsche Sountags⸗Zeitung.

Seite.

funige Eichhoff bekampfte die Begünstigurg der Firma Krupp durch die Reichsbehörden. Senosse Singer hob scharf den Standpunkt unserer Fraktion hervor: der Konkurrenzkampf der beiden Eisenfirmen geht uns nichts an; das Reich aber hat ein dringendes Interesse daran, unter der Voraussetzung gleich guter Waren, so billig wie möglich zu kaufen. Wenn der Staatssekretär der auswärtigen Angelegenheiten, Richthofen, die beiden lonkurrierenden Firmen zur Einigung auffordert, so leistet er damit den Reichsfinanzen einen schlechten Dienst.

Nach Erledigung des Mtlitäretats und des Etats für Ostafien einerteuren Erinnerung an das chinesische Abenteuer und Waldersees Vorschuß⸗Lorbeerkronen wurde die zurück⸗ gestellte Abstimmung über die 21 Resolutionen zum Reichsamt des Innern vorgenommen. Das Zentrum setzte olle seine mittelstands⸗ politischen und den größten Teil seiner sozial⸗ polittischen Resolutionen durch, dagegen warf une Vereinigung aller bürgerlichen Rückschrittler ünsere sämtlichen Resolutionen unter den Tisch, obwohl das Zentrum für einige derselben stimmte.

Am Mittwoch begann die dritte Lesung des Etats, wobei Bebel in einer großen Rede die arbeiterfeindliche Haltung der preußischen Regierung bei Beratung der Berggesetze im Landtage scharf kritisterte. Bülow antwortete darauf mit seinen bekannten Mätzchen.

Russisch⸗japanischer Krieg.

Die Greuel des Krieges, wie sie sich hei den Massenschlächtereien in der Mandschuret zeigten, beschreibt der Kriegsberichterstatter eines heutschen halbamtlichen Blattes folgendermaßen:

Man sehe nur die blinde, rasende Wut, bie sie beim Bajonettkampf zum Ausbruch ommt, dieser gräßlichen stummen Schlächter⸗ arbeit der russischen Lieblingswaffe. In diesen Augenblicken sind die Leute wie zu Tieren herwildert, mit geschlossenen Augen stechen sie drauflos, auf alles, was ihnen in den Weg lommt, ob Freund, ob Feind, ob Leichnam oder Verwundeter, und man hört kein Wort, klein Kommando, nur das Krachen der Knochen und die entsetzlichen Aufschrete der Verwundeten. So äußerten sich die Offiziere, welche derartige Bajonettagen mitgemacht haben; sie glauben, haß der Mensch bei einem solchen Gen'etzel sich neiner Art Wahnsinn befindet und cht weiß, was er tut.Beim Sturm auf den Puttlowhügel erzählte mir ein Leutnant sehe ich, als wir die Stellung der Japaner krreicht hatten, vor mir einen vereinzelten panischen Offtzter, der Revolver und Säbel sortwirft und beide Hände in die Höhe hebt, zum Zeichen, daß er sich gefangen gibt. Ich wollte ihn durch einige Mannschaften abführen lassen, doch plötzlich, ehe ich es verhindern konnte, kürzen sich sechs von unseren Leuten mit dem Bajonett auf ihn, und in wenigen Se⸗ kunden lag vor mir eine zuckende, Hutige Masse. Als ich später die Leute zur Rede stellte, konnten sie sich nur unklar des ganzen Vorfalles erinnern und sagten, sie hätten soviel Blut rauchen sehen, daß sie ganz die Besinnung verloren hätten einer erklärte, ihm sei zu Mute, als ob er drei Flaschen Wodka getrunken habe.

Und zu solchen Kriegen, in denen der Mensch zur wilden Bestie wird, rüsten in wahnsinnigem Wetteifer alle unsere ebenso christlichen wie

spilisierten Kulturstaaten. Wirklich, wir leben einem Zeitalter hoher Kultur!

Die Russen haben ihren fluchtartigen Rückzug bis fast nach Charbin fortgesetzt. Diese Stadt ist von Mukden etwa soweit, wie Berlin von Frankfurt a. M. entfernt ist. Auf dieser ungeheueren Strecke waren die Japaner den Fliehenden stets auf den Fersen und brachten ihnen schwere Verluste bei. Die letzten Nach⸗ lichten vom Kriegsschauplatze besagen, daß die Russen in Gefahr schweben, umgangen und gänzlich abgeschnitten zu werden. Sie müßten daran denken, nach Wladiwostock zu entkommen und dieses wirklich zu verpro⸗ hantieren. Diese von russischer Seite aus⸗ gehende Nachricht läßt die verzweifelte Lage

der Russen erkennen. Bisher haben ste ihren Proviant nicht aus Rußland über die stbirische Bahn bezogen, sondern meist durch Requisttionen und Käufe in der Mandschurei selbst aufgebracht. Nach der Besetzung Charbins durch die Japaner wären die Russen zum Hungertod verurteilt. Abgesehen davon, daß auch Streifzüge in dieser menschenleeren Gegend ergebnislos sein würden, würde auch der Proviantmangel die Russen hindern, die Bahnlinie zu verlassen. Eine Meldung aus Petersburg vom Mittwoch besagte: 6057 sind die pesstmistischsten Gerüchte über die

age des Generals Linjewitsch in Umlauf. Es soll den Japanern gelungen sein, die russische Armee zu umgehen, indem ste durch die Mongolei vorrückten.

Ueber den Frieden sollen innerhalb der russischen Regierung wiederholt Beratungen stattgefunden haben, wie berichtet wurde, sei der Zar aber für Fortsetzung der scheußlichen Menschenschlächterei. In seinem prunkvollen Schlosse spürt Nikolaus allerdings nichts von den Schrecknissen des Krieges.

Ueber den Bergarbeiterstreik

haben sich innerhalb der Parteipresse heftige Diskussionen entsponnen. In einigen Partei⸗ blättern erscheinen Artikel, die meist von den Genossen Hämisch⸗Dortmund und Düwell⸗Essen ausgingen und an der Leitung des Streiks scharfe Kritik übten. Es wurde gesagt, daß der Streik in vollkommener Verwirrung abgebrochen worden sei, gegen den Willen der Bergarbeiter, die erbost über die Aufgabe des Kampfes zu tausenden aus dem Verbande ausgetreten seien. Gegen Sachse und Hueé wurde der Vorwurf erhoben, daß sie sich von den Christlichen hätten ins Schlepptau nehmen lassen. Uns schien diese Kritik zum mindesten voreilig. Nebenbei hielten wir es für wenig angebracht, beiden Genossen und den übrigen Führern des Verbandes, die einen außerordentlich schweren Standpunkt hatten, solche Vorwürfe zu erheben. Mit Recht erklärten diese denn auch, daß ihre Taktik die Zustimmung der Generalkommission der Gewerkschaften und der maßgebenden Faktoren unserer Partei ge⸗ funden habe.Schon daß diese Massendemon⸗ stration so großartig verlief, wie sie verlaufen ist, hieß es am Schluße einer Erklärung Sachsc's, sichert unserem Streik weitreichenden Erfolg. Die Siebener⸗Kommission hat so gehandelt, wie ste nach Erwägung aller Möglichkeiten handeln mußte; wir haben unsere Pflicht getan. Die Bergleute werden lernen, auch noch den vollen Sieg zu erlangen.

In derNeuen Zeit äußerte sich Kautsky in einem längeren Aufsatze über die Lehren des Bergarbeiterstreiks. Er sagte da u. a.:

Die Diskussionen nach dem Abschluß des Streiks galten vor allem der Frage: Bedeutete er eine Niederlage oder einen Sieg? Aber damit, daß man diese Frage überhaupt stellte, hatte man sie auch schog beantwortet. Ueber Siege diskutiert man nicht; nur Niederlagen gesteht man sich und anderen ungern ein und sucht man ein möglichst trostreiches Gesicht zu geben.

Man hat den Abschluß einen Waffenstillstand genannt. Wollte man damit sagen, daß der Klassenkampf weiter geht und bet nächster Ge⸗ legenheit wieder eine akute Form annimmt, dann ist das selbstverständlich, dann ist aber damit auch nicht das Resultat des Streiks besonders charakterisiert, denn das gilt von jedem Streik. Wollte man aber mit dem Worte Waffenstillstand mehr sagen, dann war es falsch; denn unter einen Waffenstillstand versteht man einen Vertrag, der vorübergehend beide Seiten der Kämpfenden bindet. Die Bergarbeiter aber haben die Arbeit bedingungslos aufgenommen. Und sie haben sie aufgenommen, ohne etwas von dem Ziele erreicht zu haben, das ste sich gesteckt: durch die Einstellung der Arbeit den Grubenbesitzer direkt Konzessionen abzuringen. Eine Aktion, die ihr Ziel nicht erreicht, bedeutet aber eine Niederlage.

Andererseits hat man sogar einen Sieg daraus deduzieren wollen, daß der Streik die Massen aufgerüttelt, den gewerkschaftlichen Or⸗ ganisationen neue Mitgliederß zugeführt und

die Schädlichkeit des Kapitalismus weiten Kreisen klar gemacht habe. Aber wenn man darin einen Sieg sieht, dann gibt es überhaupt keine patriotische Aktion, die nicht mit einem Siege endet.... Gerade die gewerkschaftliche Organisation ist in ihren Anfängen durch eine Reihe von Niederlagen groß geworden. Alles das darf jedoch nicht darüber hinwegtäuschen, daß der Gegner den Angriff auf ihn abgeschlagen hat. Dieser Mißerfolg ist unleugbar.

Man kann indes noch mehr sagen: er ist nicht blos unleugbar, er war auch unvernteidlich, sobald man sich das Ziel steckte, die Gruben⸗ besitzer direkt zu Konzesstonen zu zwingen; er stand von vornherein fest. Mögen Fehler in der Führung des Streiks begonnen worden sein.... Aber auch bei bester Führung ließ sich die Niederlage nicht vermeiden. Denn die Position der Unternehmer ist eine so starke, daß sie mit rein gewerkschaftlichen Machtmitteln nicht mehr zu erschüttern ist. Und so kann man noch weiter gehen und sagen: Wie umfangreich immer die Organisationen der Bergarbeiter werden mögen, wie groß die Geldmittel, die ste ansammeln, sie werden nie ausreichen, um einem Gegner ihren Willen direkt aufzudrängen, der eine Monopolstellung besitzt, wie die organisterten Zechenbesitzer im Ruhrgebiet. Hier versagen alle gewerkschaftlichen Machtmittel alten Stiles.

Kautsky legt dann eingehend die Entwickel⸗ ung der Unternehmerverbände dar und führt weiter aus, wie angesichts dessen der proletarische und gewerkschaftliche Befreiungskampf geführt werden müsse. Zum Schluß spricht er sich für engeres Zusammenwirken der politischen und gewerkschaftlichen Organisation aus.

Wir werden hierauf später noch zurückkommen.

*

Der preußische Bergarbeitertag

trat am Dienstag in Berlin im Gewerk⸗ schaftshause zusammen. Es sind vertreten vom alten, von Hue und Sachse geleiteten, Verband 70, vom christlichen 40, vom Hirsch⸗Dunckerschen 8 Delegierte. Auch die Polen haben einige Vertreter entsandt. Die Regierung ist nicht vertreten. Mit allerlei Aus flüchten hatte ste eine Vertretung abgelehnt. Sie würde den Zorn der preußischen Junker und deren bürgerlichen Hilfstruppen noch mehr entfachen, wenn sie diesen Kongreß besuchte, aus dessen Verhandlungen ste reichliches Material über die Zustände im Bergbau hätte sammeln können. In der vorigen Woche hatte Graf Posadowsky einen Geheimrat übrig, als es galt, den von einer muckerischen Gräfin geleiteten Kongreß der Gewerkschaft der Heimarbeiterinnen zu be⸗ schicken. Dafür waren von der sozialdemokra⸗ tischen Reichstagsfraktion eine größere Anzahl Abgeordneter anwesend, auch vom Zentrum und den Freisinnigen einige.

Genosse Abg. Körsten begrüßte die Dele⸗ gierten im Namen der Berliner Arbeiterschaft und rühmte die eiserne Disziplin der Bergleute während des Streiks und bet dessen Beendigung. Abg. Sachse erläuterte dann in ruhiger Weise, daß die Wünsche der Arbeiter und sogar die Versprechungen der Regierung nicht erfüllt seien. Dann referierte Abg. Hué überBerggesetz⸗ gebung im Allgemeinen. Er erklärte, keine Parteipolitik zu treiben, wie dies im preußischen Abgeordnetenhaus geschehen sei. Wenn den Bergleuten nicht ihr Recht werde, dann werden sie nicht wieder 15 Jahre lang still sein. Die Bergarbeiterschaft ist einmütig mit dem Regierungsentwurf unzufrieden.

Soziales, Gewerkschaftliches, Arbeiterbewegung.

Aus den Gewerkschaften. Der Berg⸗ arbeiterverband hat den Entwurf für ein neues Statut veröffentlicht, in dem auf Grund der Erfahrungen beim Ausstande eine Neu⸗ regelung und Erhöhung der Beiträge vorgesehen ist. Diese sollen sich nach dem im Revier ver⸗ dienten Durchschnittslöhnen richten. Der neue Entwurf sieht ferner für wichtige Angelegen⸗ heiten eine Urabstimmung vor und ermächtigt den Vorstand, bei besonderen Veranlassungen