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Mitteldeutsche Sonntags⸗Zeitung.
Nr. 14.
Schädigung der Tabakinduftrie durch den Zolltarif.
Wie schwer auch die Tabakindustrie von dem Zolltarif betroffen wird, darüber schrieb kürzlich der„Tabakarbeiter⸗ in einem längeren Artikel: „Sind im neuen Zolltarif auch die Tabakzölle von einer Erhöhung verschont geblieben, so ist doch bekannt, daß jede Krise die Tabakindustrie ungleich schwerer trifft, als manche andere Indu⸗ strie. Müssen die Arbeitermassen ihre Bedürf⸗ nisse einschränken, dann schränken ste zuerst den Verbrauch von Genußmitteln, wozu der Tabak gehört, ein. Die Zigarrenindustrie spürt ja in sogenannten normalen Zeiten, wie der Verbrauch jedes Jahr um die Zeit der Wintermonate zurück⸗ geht, wenn die große Masse der Autzenarbeiter, die durch die Kälte ihrer Arbeitstätigkeit beraubt werden, sich immer mehr einschränken muß und bei länger anhaltender Arbeitslostgkeit auf das Borgen von Lebensmitteln angewiesen ist. Um diese Zeit geht natürlich der Verbrauch billiger Zigarrensorten, die von den Arbeitern geraucht werden, stark zurück und besonders die kleinen Industriellen atmen auf, wenn im März und April die Arbeit im Freien wieder beginnt, denn dann steigt der Konsum ihrer Waren.
Wie aber, wenn durch den Zollwucher der Konsum der Massen dauernd eingeschränkt wird? Wir vermögen nicht ohne schwere Sorge daran zu denken, wie sich dann das Los der Tabakarbeiter gestalten muß. Sie wissen ja selbst, wie sich ihre Lage verschlimmern müßte, wenn durch höhere Tabakzölle der Verbrauch an Zigarren eingeschränkt würde; ste haben sich mit Zähnen und Nägeln gegen die unaufhörliche Wühlerei für höhere Tabakzölle gewehrt— nun, für sie ist es gleich schlimm, wenn durch die Verteuerung aller Lebensmittel die werktätigen Klassen gezwungen werden, ihre Ausgaben für Genußmittel, speziell für Zigarren einzuschränken, weil ihre geringen Mittel von den künstlich durch die Zölle verteuerten Lebensmitteln schneller als sonst verschlungen werden. Für sie ist es kein Trost, daß kein höherer Zoll img neuen Zolltarif auf Tabak gelegt worden ist— wäre es geschehen, dann wäre es für sie natürlich ein doppeltes Unglück— denn sie wissen doch, daß sie unter dem neuen Zolltarif am allerersten und am schlimmsten zu leiden haben. Außerdem hängt die Drohung höherer Tabakszölle jederzeit über ihrem Haupke, weil trotz der neuen Zoll⸗ einkünfte in der Reichskasse der Dalles herrscht. Dazu neue Forderungen für Heer und Marine, eine Aussicht, die die ruhigsten Menschen zur Verzweiflung treiben kann, die aber die Steuer⸗ räte immer wieder auf das Projekt höherer Tabaksteuern hinführt.“
O welche Lust, Soldat zu sein.
Vom Ende Dezember 1904 bis Ende März 1905 wurde die gerichtliche Verurteilung von 47 militärischen Vorgesetzten wegen Mißhand⸗ lung, vorschriftswidriger Behandlung und Be⸗ leidigung von Untergebenen bekannt. An Strafen wurden ausgesprochen: 3 Jahre 9 Monate 26 Tage Gefängnis, 1 Jahr 2 Monate 5 Tage mittlerer Arrest, 3 Monate gelinder Arrest, 1 Monat 16 Tage Stubenarrest, 2 Monate Festungshaft, 3 Degradattionen. Im ganzen 5 Jahre 6 Monate 17 Tage Freiheitsentzug.
Die Bestrafung der Soldatenmißhandler wird in Preußen immer milder. Her Unter- offizier Becker vom preußischen Infanterie⸗Regi⸗ ment Nr. 71 mißhandelte und ließ einen Mann derart mißhandeln, daß der Gequälte z wet Selbstmordversuche unternahm. Urteil nur 35 Tage mittlerer Arrest! Der Unter⸗ offizier Lamprecht vom Infanterie⸗Regiment Nr. 85 ließ sich 62 Fälle von Mißhandlungen usw. zuschulden kommen und schlüpfte dennoch mit 4 Monaten Gefängnis ohne Degrabation durch. Der Unterofftzier Marx vom Ulanen⸗ Regiment Nr. 18 befahl einem Rekruten, auf einen anderen Soldaten zu schießen, dieser wurde dabei verwundet, und dennoch wurde Marx nur zu 45 Tagen Gefängnis verurteilt!
Der wohlgemeinte Erlaß des Kaisers, daß mit Unteroffizteren, die wegen Mißhendlung bestraft sind, nicht mehr kapituliert werden darf, hat eine neue Blüte der„Verteidigungskunst“
gezettigt. Die als Verterdiger fungierenden Offiziere bitten seit neuerer Zeit den Gerichtshof manchmal, er möge nicht auf Mitzhandlung, sondern nur auf vorschriftswidrige Behandlung erkennen, weil sonst der Angeklagte nicht mehr kapitulieren könne. Dies läuft auf den Versuch hinaus, den kaiserlichen Erlaß fllusorisch zu machen, wenn es nur ein bißchen geht.
Herr v. Einem meinte im Reichstage, die Mißhandlungen hätten im letzten halben Jahre abgenommen. Nach unserer Anschauung ist nur die Bestrafung noch milder geworden, als sie es bisher war.
Wieder ein militärisches Schreckensurteil.
In Thorn verurteilte das Oberkriegs⸗ gericht den früheren Musketier, jetzigen Reser⸗ visten Keppel⸗Berlin, der gelegentlich eines Biwaks im Manöver bei Schneidemühl sich einen gelinden Rausch angetrunken, dann Unter⸗ offiziere angerempelt und sich diszi⸗ plinarisch vergangen, wegen Achtungsverletzung, Beleidigung, Ungehorsam gegen Befehl in Dienst⸗ sachen, Selbstbefreiung als Gefangener, Wider⸗ setzung und tätlichen Angriffs gegen Vorgesetzte zu 5 Jahren Gefängnis, während das Kriegsgericht 3 Jahre Gefängnis als aus⸗ reichende Sühne erachtet hatte. Die Berufung des Angeklagten, er habe die Vergehen in un⸗ zurechnungsfähigem Zustande begangen, wurde verworfen.— Ein Leben vernichtet wegen geringfügiger Exzesse im Rausch!
Von der deutschen Justiz.
Ein entsetzliches Urteil fällte dieser Tage das Braunschweiger Schwurgericht über pier junge Burschen, die des Raubes auf öffent⸗ licher Straße angeklagt waren. Ihr Verbrechen bestand darin, daß sie nach einer Kneiperei in der Herberge über einen ihrer Zechkumpane auf der Straße hergefallen waren und ihn seiner Barschaft von fünf Mark beraubt batten. Nach der eigenen Darstellung des Beraubten, der selber auch nicht gerade der beste Bruder und schon zweiundvierzigmal bestraft ist, hat sich der Vorfall so zugetragen, daß ihm von einem der Angeklagten ein Bein gestellt wurde; dadurch sei er zu Fall gekommen und dann habe man ihm das Geld entrissen. Die Geschworenen er⸗ kannten gegen alle vier auf schuldig des sch weren Straßenraubes, unter Versagung mil⸗ dernder Umstände. Das Urteil lautete gegen den Rädelsführer auf sechs, gegen z wei seiner Genossen auf je fünfeinhalb und gegen den vierten auf fünf Jahre Zuchthaus. Zwei⸗ undzwanzig Jahre Zuchthaus wegen fünf Mark!— Das Düsseldorfer Schwur⸗ gericht verurteilte den 24 jährigen Metzger Hetnrich Loges, der in der Nacht zum 24. De⸗ zember in der Nähe von Mülheim a. Rh. einem Arbeitskollegen gewaltsam die Börse mit 40 Mk. Inhalt abgenommen hatte, wegen Straßenraubes zu fünf Jahren Zuchthaus. Die Geschworenen hatten gegen den bisher noch unbescholtenen Angeklagten die Schuldfrage unter Ausschluß mildernder Umstände bejaht, worauf das Gericht dem Antrage des Staatsanwalts gemäß auf die für diesen Fall geringste zulässige Strafe erkannte.— Auch dieses Urteil gehört zu den Ausgeburten des Rechtsbewußtseins der Klasse, aus denen die Geschworenen hervorgehen.
Knirhosen als. Todesursache. Ueber die letzten Tage des kürzlich verstorbenen
„Ministers v. Hammerstein wurde der„Täglichen
Rundschau“ geschrieben: Als einer seiner Räte den Herrn Minister auf dessen leidendes Aus⸗ sehen aufmerksam machte, meinte dieser, das habe nicht allzuviel auf sich.„Ich habe mich nur wieder einmal im Schloß, und zwar neulich beim Fastnachtsfest, erkältet. Ich kann das Herumstehen im Zug in den verdammten Es⸗ karpins in den Tod nicht vertragen.“ Man sollte nicht meinen, daß ein alter Mann solche Maskerade mitmacht.
Die französischen Sozialisten halten gegenwärtig in Rouen ihren Kongreß ab, dessen hauptsächlichsten Beratungsgegenstand die Einigung der sozialistischen Gruppen
bildet. großen Rede
Bombe, wodurch fünf P
nach dem Tatort. Unweit der Weichselbrücke
in der Nowy Swiatstraße wurde auf ihn eine Baron Nolken erhielt
Bombe geworfen. schwere Verletzungen im Gesicht, an der rechten Hand und am rechten Fuß und wurde in seine Wohnung gebracht. Der Täter, auf den die Polizisten feuerten, ist entkommen.
Aus allen Ecken des„heiligen“ Rußlands meldet der Telegraph Unruhen, so daß es keinen Zweifel unterliegt, daß sich in dem Knutenstaate eine wirkliche Revolution vollzieht.
Der Dichter Maxim Gorki ist unter Anklage gestellt und der Prozeß gegen ihn soll am 11. Mai stattfinden. Als Verteidiger ist der Rechtsanwalt Grusenberg von Gorki er⸗ wählt worden. Die Verhandlung wird bei Fee Türen, sogar mit Ausschluß er Verwandten des Angeklagten, stattfinden. Maxim Gorki ist angeklagt der Verbreitung von Proklamationen, die den Umsturz des be⸗ stehenden Staatssystems bezweckten, was even⸗ sh c. Festungshaft von drei Jahren nach
zieht.
Kleine politische Nachrichten.
Sozialistische Gemeindewahlsiege. Bei der Gemeindeverordnetenwahl in Sande fiegten unse re Kandidaten, der Genosse Krell mit 154 Stimmen, Zimmermann mit 152 Stimmen. Die Gegner erhielten je 6 Stimmen.— Auch in Kopenhagen brachten die Kommunalwahlen der sozialdemokratischen Liste den Sieg. Sieben Sozialdemokraten wurden gewählt.— Vor der Stuttgarter Strafkammer hatten sich die Simpltzissimus⸗Redakteure Ludwig Thoma in München und Linnekogel in Stuttgart wegen Beleidigung der Königsberger Polizei zu verantworten. In dem inkrimi⸗ nierten Artikel„Staatshoheit“ von Mitte März 1904 wurde die bekannte Studentenauslieferung an Rußland scharf gegeißelt. Beide Angeklagten wurden kostenlos freigesprochen.
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Aus dem Reichstage.
Am Freitag kam trotz langer Sitzung die zweite Lesung des Militäretats noch nicht zu Ende. Der Gehalt des sächstschen Kriegsministers gab den Genossen Nitzschke und Schöpflin Gelegenheit, auf den Militärboykott hinzuweisen, der in Sachsen über alle Lokale, in denen sozialdemokrattsche Zeitungen aufliegen, verhängt zu werden pflegt. Das überreichliche Schreib⸗ eld der Kriegsgerichtsräte wurde vom Genossen Südekum scharf getadelt, dagegen vom Abg. Roeren, Zentrum, zärtlich in Schutz genom⸗ men. Bei zahlreichen Positionen kam der agrarische Hunger ungeniert zum Ausdruck. So verlangte der berühmte Liebhaber inländi⸗ schen Pökelfleisches, das er selbst auf weiten Seereisen nicht entbehren will, der Welfe Bern⸗ storff allen Ernstes, daß die Militärverwaltung die Pferde genau um den Betrag des neuen Pferdezolles teurer bezahlen soll, als bisher.
Bei der weiteren Beratung des Militäretats am Montag brachte Genosse Zubeil die zahlreichen Mißstände in den Spandauer Mili⸗ tärwerkstätten zur Sprache.— Dann stritt man sich eine Weile darum, welche von den beiden Kanonenfirmen Krupp und Ehrhardt es am besten verstanden hat, den Staat über die Ohren zu hauen. Der Nationalliberale Beumer
lobte die Firma Krupp bis in den Himmel hinein, obwohl diese früher ihre Panzerplatten ꝛc. dem Deutschen Reiche zu Wucherpreisen aufge⸗ hängt hat. In der Firma Ehrhardt ist Krupp nun einige Konkurrenz erwachsen, durch welche die hohen Preise etwas herabgegangen find, wie der Kriegsminister zugestehen mußte. Der Frei⸗
Dazu scheint es auch endlich kommen zu sollen; am Mittwoch trat Jaures in einer für die Verschmelzung mit den Guesdistischen(antiministeriellen) Richtung ein. Die 1 revolutionäre Bewegung in Rußland.
Ein neues Bombenattentat wurde am Sonntag gegen den Oberpolizeimeister in Warschau ausgeführt. Abends explodierte im Hofe der Pragaschen Poltzeiverwaltung eine ersonen verwundet wurden, darunter zwei tödlich. Der Oberpolizei⸗ meister Nolken eilte sofort in seinem Wagen


