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Gießen, den 2. April 1905.
12. Jahrgang.
Redaktion: Kirchenplatz 11, Schloßgasse.
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Nabbi und Mönch oder Liberaler und Antisemit.
In dem recht erbaulich zu lesenden Gedichte „Disputation“ schildert Heinrich Heine ein hitziges Wortgefecht, das sich in der Aula zu Toledo vor versammeltem Hofe zwischen Rabbiner und Kapuziner abspielt. Jeder der beiden will die„Wahrheit“ seiner Religion nachweisen und den Gegner dazu bekehren. Dabei beschimpfen sie sich und reißen einander derart herunter, daß schließlich die Königin Donna Blanka auf die Frage des Königs Pedro, ob der Jude oder der Mönch recht habe, erklärt:
Welcher recht hat, weiß ich nicht— Doch es will mich schier bedünken, Daß der Rabbi und der Mönch, Daß sie alle beide stinken.
Dieser Disputation aufs Haar glich die Debatte, schreibt die„Leipziger Volkszeitung“, die am Donnerstag voriger Woche im Reichs⸗ tage zwischen den antisemitischen und den freistnnigen Kämpen geführt wurde. Sie war politisch ohne alle und jede Bedeutung, aber kulturhistorisch hatte sie einen gewissen Wert. Man uacht den sozialdemokratischen Abgeordneten den Vorwurf, die Verhandlungen des Reichstags[durch„endlose Reden zu ver⸗ schleppen“, und es soll auch nicht bestritten werden, daß sie sich nicht kurz fassen können, wenn sie den gerechten Beschwerden der arbeiten⸗ den Klassen einigermaßen gerecht werden wollen. Aber wie unendlich hoch steht auch die un⸗ bedeutendste soztaldemokratische Rede über dem tronlosen Gewäsche, das am Donnerstag im Reichstage vollführt wurde, wo die„staatser⸗ haltenden“ Parteien unter sich waren. An dieser Sitzung läßt sich studteren, wie sehr die moderne Arbeiterbewegung das Salz des bürger⸗ lichen Parlamentarismus geworden ist, der sich schon mitten in der Liquidation durch seine historischen Erben befindet.
Man wird uns nicht im Verdacht irgend⸗ welcher Sympathie für den Antisemitismus haben. Er ist die historisch reaktionärste Be⸗ wegung, die es im modernen Leben überhaupt ibt und die Hegel schon vorahnend mit den
orten gekennzeichnet hat, daß sie von nichts durch nichts zu nichts komme. Er ist der dumpfe Widerstand, der von den rückständigsten Elementen der kleinbürgerlichen und kleinbäuer⸗ lichen Bevölkerungsklassen gegen die umwälzende Macht der kapitalistischen Produktionsweise er⸗ hoben und von einigen Demagogen, die sonst zu nichts in der Welt taugen, mit abgehausten Schlagworten genährt wird. Er hat kein Pro⸗ gramm und kann auch kein Programm haben, denn wenn er wirklich der kapitaltstischen Pro⸗ dukttonsweise an den Kragen wollte, so müßte er entweder die realen Ziele der Sozialdemokratie verfolgen oder aber sich zu der rückläufigen Utopie bekennen, daß die geschichtliche Entwick- lung des letzten Jahrhunderts umzukehren und die zivilisterte Welt wieder in die Verfassung zu setzen sei, worin sie sich vor hundert Jahren befand. Diese Utopie ist freilich auch für ihn zu dumm, während er wieder zu dumm ist, die sozialistische Weltanschauung zu begreifen, so daß er sich nicht anders zu helfen weiß, als durch bloßes Schimpfen auf die jüdischen Kapt⸗ talisten, das in aller Welt zu nichts führen
kann, den Untergang zu bekämpfen, den die[Kapitalisten die Offtzierslaufbahn zu er⸗
kapitalistische Entwicklung über die kleinbäuer⸗ liche und kleinbürgerliche Bevölkerung verhängt. Wenn diese Bevölkerung selbst in ihren zurück⸗ gebliebensten Schichten den Juden als den eigentlichen Träger des ihr todfeindlichen Kapi⸗ talismus ansieht, so erklärt sich ihre Verblen⸗ dung aus dem Umstande, daß sich das Wucher⸗ kapital, das ihr unmittelbar auf den Leib rückt, zumeist in jüdischen Händen befand oder befindet. Allein auf eine so plumpe Verwechslung hin eine politische Agitation zu treiben, bekundet ein Maß reaktionärer Demagogie, wie es sonst nicht leicht zu entdecken ist. 5
Natürlich ist der Antisemitismus als poli⸗ tischer Faktor mit gänzlicher Unfruchtbarkeit geschlagen, und kommt auch über verhältnismäßig enge Grenzen nicht hinaus. Er kann nie mehr hinter sich bekommen, als dea kurzstchtigsten Rest einer Bevölkerungsklasse, die ohnehin dem historischen Untergange geweiht ist. Aber soweit es überhaupt noch möglich ist, entwickelt er ein verhältnismäßig zähes Leben. Das verdankt er in erster Reihe seinen freisinnigen Geg⸗ nern, die das Interesse des jüdischen Kapi⸗ talismus mit so törichten und, wenn es sein muß, auch so schnöden Mitteln vertreten, daß man den Antisemitismus schon sehr genau durch⸗ schauen muß, um nicht unwillkürlich auf die Vermutung zu geraten, daß an einer, in solcher Weise bekämpften Richtung doch wohl etwas sein müsse. In hunderten Fällen ist die Waffe der Denunziation gegen den Antisemitismus in einer Weise gehandhabt worden, die nur um so schimpflicher war, weil sie von angeblich frei⸗ sinnigen Leuten ausging. Und wenn es noch etwas intellektuell Trostloseres gibt, als die antisemitischen Schlagworte, so sind es die „geistigen Waffen“, mit denen der Freisinn diese Schlagworte bekämpft.
Da ist z. B. die Behauptung, daß Kaiser Friedrich in seiner kronprinzlichen Zeit den Antisemitismus die„Schmach des Jahrhunderts“ genannt haben soll. Wäre es wahr, was wäre damit bewiesen, als daß dieser Fürst, wie üblich, keine blasse Ahnung von den sozialen Zusammen⸗ hängen der Zeit hatte? Auf keinen Fall mehr, als wenn der Oheim Kaiser Friedrichs, der König Friedrich Wilhelm IV., den Liberalismus mit noch viel schmeichelhafteren Kosenamen be⸗ ehrte. Und dabei ist noch gar nicht einmal be⸗ wiesen, daß Kaiser Friedrich wirklich das ungemein geistreiche Wort von der„Schmach des Jahr⸗ hunderts“ gesprochen hat. Durch allerlei Vor⸗ zimmer⸗ und Hintertreppenklatsch kann nur be⸗ wiesen werden, daß er mit einem jüdischen Manne gesprochen hat, der dann später be⸗ hauptet hat, der damalige Kronprinz habe sich genau so ausgelassen. Und dieser Klatsch wird von einem freisinnigen Abgeordneten lang und breit auf der Tribüne des Reichstags ausge⸗ quatscht, als handle es sich um eine Offenbarung, die, wenn sie erst bewiesen wäre, die antise⸗ mitische Bewegung mausetot schlagen müßte. Darüber gecken sich die Antisemiten natürlich nur und verhöhnen den ganzen Freisinn im Schillerjahre mit dem Schillerworte: Männer⸗ stolz vor Königsthronen!
Womöglich noch abgeschmackter steht es um den heutigen Kampf, den der Freisinn führt, um den Juden oder— denn das wäre ja noch
schließen. Die Offizierkorps treiben den feudalen Sport⸗Juden nicht zu Offizieren zu wählen, aber ste treiben denselben Sport auch gegenüber Bauern, Handwerkern und Arbeitern, deren Söhne, seien sie noch so tauglich, auch nie zu Offizieren gewählt werden. Jedoch darüber läßt sich eine„demokratische“ Partei, wie der Freisinn, keine grauen Haare wachsen. Erst wenn die verfassungsmäßig garantierte„Gleich⸗ heit vor dem Gesetz“ zu ungunsten der jüdischen Kapttalistensöhnchen verletzt wird, ist Holland in Not. Glaubt denn der Freisinn dem jüdischen Kapitalismus dadurch die Sympathie der Massen erwerben zu können, daß er ihn als demütigen Supplikanten vor die Tür einer feudalen Kaste stellt? Auf diese Weise arbeitet er der anti⸗ semitischen Demagogie nur in die Hände, denn das wäre wirklich keine große Eroberung im Reiche der Freiheit, wenn die Cohn und Levy unn auch die schnurrbärtigen und säbelrasseln⸗ den Schwerenöter spielen könnten, wie die Itzen⸗ plitze und die Zitzenwitze.
Mit einem Worte, die antisemitische Dema⸗ gogie hat gar keine besseren Eintreiber, als ihre freisinnigen Gegner. Diejenige Partei, der innerhalb der bürgerlichen Gesellschaft der Vor⸗ kampf für die bürgerlichen Ideale gebührt, weiß nichts besseres zu tun, als der rückständigsten aller Parteien mühsam den Rücken zu steifen! Zu dieser Karikatur, zu der sich in aller Geschichte schwer ein Gegenstück finden lassen wird, ist in Deutschland der bürgerliche Parlamentarismus geworden, sobald er unter sich ist.
Politische Rundschau.
Gießen, den 30. März 1905.
Gewinne der deutschen Industrie.
Der Reingewinn einer großen Unternehmung drückt sich annähernd in deren Dividenden aus. Der durchschnittliche Reingewinn einer Gruppe von Unternehmungen entspricht also der durch⸗ schnittlichen Dividende der einzelnen Unterneh⸗ mungen. Faßt man die 466 größten deutschen Aktiengesellschaften als typische Vertreterinnen unserer Industrie auf, so ergeben sich nach Jastrows„Arbeitsmarkt“ für den industriellen Reinertrag Deutschlands von 1895 bis 1904 folgende Ziffern:
Berücksichtigtes Berechnete Dividenden⸗ Jahr Gesamtkapital Dividendensumme ziffer
Mill. Mk. Mill. Mk. in Prozent 1895 1576,02 11557 7,34 1896 1695,19 152,47 8,89 1897 1766,72 164,68 9,32 1898 1748,34 171,81 9,82 1899 2649,15 263,55 9,94 1900 2513,31 275,53 10,96 1901 2374,22 189,48 7,98 1902 2433,88 161,57 6,64 1903 2511,72 180,88 7,20 1904 2554,15 204,56 8,01
Die Krise von 1901/2 kann also als nahezu überwunden gelten, wenn auch die Prosperität der günstigsten Jahre 1896 bis 1900 noch nicht wieder erreicht worden ist. Am stärksten war im letzten Jahre der Aufschwung in der chemi⸗ schen Industrie, am geringsteu in der Textil ⸗ industrie.— Die Dividenden unserer Industrie⸗
eine Art Prinzip— vielmehr nur den jüdischen! Kapitalisten sind also ganz leidlich.


