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Mittel dentsche Sountags⸗Zeitung.

Nr. 40.

Liste zusammen mit den Liberalen aufgestellt. Diese Taktik bekämpfte Scheidemann als Kuh⸗ handel, David erklärte sie jedoch aus den Ver⸗ haltnissen in Mainz. Nach einem Schlußwort Molkenbuhrs wird dem Parteivorstande De charge erteilt. Ferner werden mehrere vom Vorstand vorgelegte Resolutionen ange⸗ nommen. Elne derselben richtet sich gegen die Fleischteuerung, eine zweite gegen die vom Fürsten Bülow über Jaures ꝛc. verhängten Rede verbote und eine dritte begrüßt die englischen Parteigenossen und Gewerkschafts⸗ vertreter, verurteslt die Kriegshetzeresen und wünscht schließlich den englischen Genossen Glück zu den nächsten Parlamentswahlen.

Nunmehr folgte der Bericht über die parlamentarische Tätigkeit. Abgeordneter Förster ist Berichterstatter. Er

faßt sich ziemlich kurz und führt u. a. aus:

Der neugewählte Reichstag hat jetzt seine erste Session hinter sich und wir lönnen überschauen, was er für die Arbeiter geleistet hat. Mit diesen Leistungen sind wir natürlich ebensowenig zufrieden wie unsere Presse. Es ist aber auch nicht richtig, daß die Verstärkung unserer Fraktion ganz ohne Einfluß geblieben sei. Ver⸗ schiedene bürgerliche Parteien haben eine förmliche Jagd mit arbeiterfreundlichen Resolutionen begonnen. Man hatte es also eilig, den schlechten Eindruck, den die Annahme des Wuchertariss im Volke gemacht hat, etwas zu verwischen. Von diesen zahlreichen Resolutionen ist nun aber nur ein kleiner Teil angenommen worden. Man sollte meinen, Konservative und Agrarier müßten mit diesem Reichstage sehr zufrieden sein. Das ist durchaus nicht der Fall. Unsere Unzufriedenheit mit dem Reichstage beruht auf anderen Gründen. Die Interessen des kleinen Mannes finden in ihm zu wenig Beachtung, und wenn ein Teil unserer Genossen erwartet hat, daß das nach unserem großen Wahlsieg gleich wesentlich anders werden würde, so hat man unsere Gegner unterschätzt. So leicht lassen sich unsere Gegner nicht über den Haufen rennen. Dazu bedarf es ganz anderer Kämpfe, die sich wahrscheinlich gar nicht im Parlament, sondern außerhalb abspielen werden. Redner bespricht ferner eine Anzahl zu diesem Punkte gehörige Anträge und schließt: Die Verschwendungssucht unserer Politik, die seit dem Regierungsantritt Wilhelms II. immer mehr zupenommen hat, hat eine finanzielle Misere zur Folge gehabt, der man jetzt durch die sogenannte Finanzreform abhelsen will. Dadurch werden auch die bürgerlichen Klassen berührt, denn es geht ja an ihren Geldbeutel mit. Und in dieser Situation werden wir vor allem mit unserer Agitation einsetzen können und müssen. So leicht wird die Regierung aus der Finanz⸗ klemme nicht herauskommen. Nur um das vorhandene Loch zu stopfen, werden 100 Millionen gebraucht und dabei werden immer neue Millionen dem Moloch Mili⸗ tarismus und Marinismus geopfert. Die Regierung wird gezwungen sein, zu neuen Steuerquellen zu greifen und dabei werden wir mit einer intensiven Agitation einsetzen können.

Die am Mittwoch Vormittag gepflogene Debatte über den Fraktionsbericht war nur kurz und wir brauchen hier nicht weiter darauf ein⸗ zugehen.

Noch am Vormittag hielt Gen. R. Fischer sein Referat über die

Maifeier.

Diese hat noch auf keinem Parteitage eine so lebhafte und eingehende Debatte hervorgerufen, als hier in Jena. Veranlaßt war sie durch die Behandlung dieser Frage auf dem Kölner Gewerkschaftskongreß und die Ausführungen, die dort darüber von einzelnen Rednern(R. Schmidt, Legien, Bringmann ꝛc.) gemacht worden sind. Etwa 60 Redner hatten sich zur Dis⸗ kussion einzeichnen lassen und erst am späten Nachmittage gelangte ein von Genosse Vetters 3 Schlußantrag zur Annahme. Das

erhältnis zwischen Partei und Gewerk⸗ schaft wurde ausgiebig erörtert. Fischers Aus⸗ führungen fanden die Zustimmung fast des ganzen Parteitages und entsprachen wohl auch der Meinung weiter Kreise in den Gewerkschaften, die mit der Art, wie die Frage in Köln be⸗ handelt wurde, keineswegs einverstanden sind. Er begann sofort mit den Kölner Verhandlungen und führte aus:

In Köln sind gewisse Gegensätze zwischen der Partei und den Gewerkschaften in Erscheinung getreten. Nun kann man gewiß nicht sagen: Die Gewerlschaften und der Kölner Gewerkschaftskongreß stehen im Gegensatz zur Partei, wohl aber haben einzelne Gewerkschastsführer und Gewerkschaftsmitglieder Auffassungen vertreten, die

in einem Gegensatz zu den Auffassungen der Partei⸗ genossen stehen. Denn auch dort gab es jn Anträge auf volkommene Arbeitsruhe. Aber daneben gab es auch die Resolution Schmidt, der wohl auch die General⸗ kommisston zustimmte. Von ihrer Votierung wurde bekanntlich abgesehen, damit die Gegner nicht aus dem Stimmenverhältnis Folgerungen ziehen könnten. Als Meinung des Kongresses konnte Bömelburg unter all⸗ gemeiner Zustimmung feststellen, mehr wie bisher für die Arbeitsruhe am 1. Mai zu wirken, vor dem nächsten internationalen Kongreß aber eine Verständigung mit der Partei herbeizuführen, damit die Stellungnahme der deutschen Delegation dann den Willen der ganzen deutschen Arbeiterklasse vertrete.(Bravo!) Aber trotz⸗ dem die Solidarität und das gemeinsame Denken und Fühlen mit der Sozialdemokratie betont wurde, so ist das Verhältnis der beiden Bewegungen nicht ganz so, wie wir es wünschen müssen. Da und dort scheint der sozialistische Geist verloren gegangen zu sein und wir müssen uns doch fragen, wie Leute, die in der Partei aufgewachsen sind und stets für sie ihre Schuldigkeit getan haben, zu solchen Aeußerungen kommen können, wie etwa Bringmann. Bringmann glaubte nachweisen zu können, daß es der Partei selbst nicht ernst sei mit der Malfeier. Aber wir wären ja wahnsinnig, hätten wir in Zeiten ungünstiger Konjunktur zur strikten Arbeitsruhe aufgefordert. Bringmann führte weiter aus, die Maifeier, eine politische Demonstration, sei in der Gewerkschaftsbewegung ein Fremdkörper. Das sollte man doch nicht zu einer Zeit sagen, wo ein Akt der Gesetzgebung, die Zollgesetze, 10 Jahre gewerkschaft⸗ licher Arbeit einfach zu nichts gemacht hat. Die Be⸗ fürchtungen für die zukünftige Entwickelung, die solche Meinungen in uns erwecken, müssen wir offen aussprechen. Gewiß lassen sich in der Gewerkschaftsbewegung durch den Hinweis auf Augenblicksvorteile agitatorische Wirk⸗ ungen erzlelen. Aber sie sind doch immer nur Mittel zu unserem letzten großen Zweck. Die Generalversamm lung des Metallarbeiter-Verbandes hat sich mit der Haltung seiner Delegierten in Köln denn auch ausdrück⸗ lich nicht einverstanden erklͤört. Robert Schmidt führte zur Begründung seiner Resolution an, die Maifeler ver⸗ lange von den Gewerkschaften zu große Opfer. Diese Behauptung hält weder vor der Aussperrungsstatistik der Gewerkschaften, noch vor der amtlichen der Behörden stand. Jedenfalls können diese Opfer die Gewerkschafts⸗ bewegung nicht veranlassen, ihre Stellung zur Malfeier zu ändern.(Sehr richtig!) Wohl würdige ich die große finanzielle Verantwortung, die auf den Gewerk schaftsbeamten lastet; aber die letzte Eutscheidung darf nicht beim Geldbeutel liegen. Es gibt Situatlonen, in denen Ehre und Pflicht gebieten, den Kampf unter allen Umständen aufzunehmen.(Lebhafte Zustimmung.) Es ist wohl wahr, daß auch die Partei sich sehr verschieden zur Maifeter gestellt hat, aber ihre Entschledenheit be⸗ wegte sich auf immer aufsteigender Linie, wenn die wirtschaftlichen und politischen Verhältnisse es nur einigermaßen zuließen; die Partei wurde immer radi⸗ kaler, während Schmidt, zu einer Zeit, wo die Mai⸗ demonstration immer gewaltiger, der Widerstand des Unternehmertums gegen sie immer schwächer wird, eine gewonnene Posttion ohne jeden Grund aufgeben will. Es ist nicht nur ein Gebot der politischen Ehre, die auf diesem Gebiet kein Zurück kennt, sondern auch der politischen Klugheit, die die eigenen und die gegnerischen Kräfte sorgsam abschätzt, die Maifeier voll aufrecht zu erhalten. Ist uns doch das Maisest nicht nur eine Demonstration für Arbeiterforderungen, die erfüllt werden müssen, sondern auch ein Glaubensbekenntnis, in dem wir uns zur Sozialdemokratie und zum Inter⸗ natlonalismus bekennen.(Lebhafter Beifall.) Mögen Partei und Gewerkschaft auch sonst verschiedene Wege gehen, an diesem Tage sollen sie zeigen, daß es im letzten Ziel zwischen ihnen keinen Gegen satz gibt. 1890 zündete der Maifeier⸗Gedanke wie ein elektrischer Funke und seitdem zeigte sich eine große Werbekraft, jetzt zurückzuweichen wäre politischer Selbstmord.(Sehr richtigl) Wir wollen aber die entgegengesetzte Meinung nicht tadeln, sondern zu erklären versuchen. Partei und Gewerkschaft sind so groß geworden, daß jetzt jede von ihnen die volle Arbeitskraft und Energie verlangt. Aber jede nimmt auch den Geist derer, die sich ihr ausschließ⸗ lich widmen, völlig gefangen. Daher die Aus wüchse, die Ansätze zum Zunftwesen, z. B. bei den Buch⸗ druckern, die auch so ein gewerkschaftsfreundlicher Mann, wie v. Elm, in den Scozialistischen Monatsheften be dauernd hat konstatieren müssen. Um so notwendiger ist es, als Korrektiv die Aufgaben der Sozialdemokratie daneben zu stellen. Das Gefühl der Klassensolidarität darf nicht überwuchert werden durch die engen besondern Berufsinteressen.

Die gemeinsamen Interessen von Partei und Gewerk⸗ schast werden gefördert werden, wenn alle Parteigenossen in den Gewerkschaften ihre Pflicht erfüllen. Gerade die Maifeier im Sinne der internatlonalen Beschlüsse ist ein treffliches Aktions- und Agitations mittel, die Gewerkschaften dem gemeinsamen Bette des Klassen⸗ kampfes zuzuführen. Wenn Sie meine auch von der

Generalkommission gebilligte Maifeler⸗Resolution ein⸗ stimmig annehmen, tun Sie einen weiteren Schritt zur Sicherung der Unbesiegbarkeit der deutschen Arbeiterklasse. (Stürmischer Beifall.)

Diese Resolutlon hat folgenden Wortlaut:

Die Maifeier ist eine zur Unterstützung der Klassen⸗ forderungen und des Klassenkampfes des Proletariats sowte zur Förderung des Weltfriedens von den inter⸗ nationalen Arbeiterkongressen beschlossene Demonstration, deren wirksame und würdige Gestaltung gemeinsame Aufgabe aller politisch und gewerkschaftlich organisterten Arbeiter ist. Als solche Klassendemonstration wird sie vom Unternehmertum und den bürgerlichen Regierungen bekämpft, aber dieser Widerstand kann für die Arbeiter⸗ klasse kein Anlaß sein, von der Durchführung der Mai⸗ feler abzusehen. In Uebereinstimmung mit den inter⸗ nationalen Arbeiterkongressen von Paris 1889, Brüssel 1891, Zürich 1893, London 1896, Paris 1900 und Amsterdam 1904 betrachtet die deutsche Sozlaldemokratie die allgemeine Arbeitsruhe als die würdigste Form der Feier. Der Parteitag macht es daher den Arbeitern und Arbeiterorganisationen zur Pflicht, neben den andern Kundgebungen für die allgemeine Arbeitsruhe am 1. Mai einzutreten und überall da, wo die Möglichkeit der Ar⸗ beitsruhe vorhanden ist, die Arbeit ruhen zu lassen.

Robert Schmidt⸗Berlin war in der Mai⸗ feierdebatte der Hauptredner, der eine vom Re⸗ ferenten abweichende Meinung vertrat. In ein⸗ stündiger Rede es war ihm längere Rede⸗ zeit zugebilligt worden legte er seinen Stand⸗ punkt dar, ging aber dabei auch viel auf die Neue Zeit und die dort von Kautsky und anderen veröffentlichten Artikel ein. Im Ver⸗ laufe der Debatte wurde an verschiedenen Be⸗ merkungen Kritik geübt, die Bringmann, Kolb und andere gemacht und die von Gegnern als Waffen gegen die Partet benutzt worden waren. Schmidt erklärte sich eingangs mit der Reso⸗ lution Fischers einverstanden, führte aber dann weiter aus:

Wir erblicken den Hauptwert der Malfeier in der Massendemonstration. Da sich nun aber gezeigt hat, daß große Industrieen ihre Arbeltermassen am Tage nicht mobllisteren können, halten wir die Feier nach Feierabend für die einzig richtige Demonstration Genau so werden ja alle Parteidemonstrationen veranstaltet. Ist aber die Arbeitsruhe die einzig würdige Form der Maisfeier, so schaffen wir doch die Abendseiern ab, die jetzt vielfach die Würde des Tages vermissen lassen. Nun sprach Fischer viel von dem Ueberwiegen rein materieller Interessen. Gewiß müssen die Gewerkschastsführer sich stets fragen, oh sie den nötigen Einsatz für den Kampf wagen sollen. Aber deshalb kann von einem Abweichen vom Klassenkampf nur reden, wer nicht das geringste Quentchen politischer und gewerkschaftlicher Erfahrung hat. Es sind nicht die schlechtesten Gewerlschafts führer, die wagen, der Masse entgegenzutreten. Aber das Gewerkschafts⸗ leben hat doch auch seine idealen Momente, Ausdauer, Kampfesbegeisterung, Kompaniegeist. Mit allen Un⸗ bilden und Schmerzen des Gewerkschastsführers hat mich die Tatsache ausgesöhnt, daß wir in Berlin in kurzer Zeit 20 000 Holzarbeiter organisiert und zu 80 Pfg. Wochenbeitrag gerade durch die Unterstützungseinrich⸗ tungen begeistert haben. Die Geweikschaften haben sich jederzeit würdig gezeigt, ihre Aufgaben voll zu lösen und die Arbeiterschaft zu vertreten. Aber Fischer warf uns vor, daß wir jetzt in der Zeit aufsteigender Konjunktur nachgeben wollen. Aber später werden wir gezwungen sein, nachzugeben, wenn auf die Hochkonjunktur wieder die wirtschaftliche Depression folgt. Das eben ist der Unterschied, ob man sich freiwillig zurückzieht, auf der Höhe der Situation, oder. zurückgeschlagen wird. Der Gedanke der internationalen Demonstration wird von uns allen anerkannt. Fischer sprach viel über den engherzigen Egoismus, die selbstsüchtigen Berufsluteressen. Mit der Forderung des Buchdruckerverbandes, nicht durch ungelernte Arbeiter an den Setzmaschinen sich den Tarif durchbrechen und die Löhne herabdrücken zu lassen, ist die große Mehrheit der Parteigenossen ein⸗ verstanden. Ebenso mit dem Streben dieses Ver⸗ bandes, die übermäßige L hrlingszüchterei zu beseitigen. Der Metallarbeiterverband hat nie daran gedacht, seinen Beamten die politische Tätigkeit zu verwehren. Das beweisen doch schon die Beispiele von Scherm und Kloß. Aber darüber hinaus ist Fischer für die enge Ver⸗ knüpfung von Partei und Gewerkschaft. Im Namen des Parteivorstandes hat, wie früher Bebel, jetzt Molken⸗ buhr ch durchaus mit der Neutralität der Ge⸗ werkschaften einverstanden erklärt. Vergessen Sie doch nicht, daß in der Partei nur aufgeklärte, durch⸗ gebildete Genossen hineingehen, wir aber Toleranz üben müssen und alle Mitläufer dulden. Er bittet zum Schluß die Parteigenossen, sich nicht durch die Kritlken irr machen zu lassen an der Bedeutung unseres gewerk⸗ schaftlichen Kampfes und der gewerkschaftlichen Aufgabe.

(Siehe Fortsetzung im Hauptblatt Seite 150