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Beilage zur Mitteldeutschen Sonntags-Teitung.
Nr. 40.
Gießen, Sonntag, den 1. Oktober 1905.
12. Jahrg.
Der Jenaer Parteitag.
Die Verhandlungen unsexres Parteiparla— mentes, die am Samstag Nachmittag geschlossen wurden, waren diesmal von besonderer Wich—⸗ tigkeit und werden von jedem Parteigenossen mit Interesse gelesen werden. Wir können sie in unserem Wochenblatte natürlich nicht in der Ausführlichkeit wiedergeben, wie wir es gerne wünschten und unsere größeren Parteiorgane es können. Aber wir wollen im Folgenden das Wichtigste hervorheben und uns bemühen, un⸗ seren Lesern ein übersichtliches Bild der Ver⸗ handlungen und bedeutsamsten Beschlüsse zu geben. Wer sich genau unterrichten will, den berweisen wir auf das Protokoll, das ja sehr bald erscheinen wird.
In letzter Nummer haben wir mit der Diskussion über die
Organisationsfrage
geschlossen. Am Montag Abend wurde die Diskussion darüber beendet und die Vorlage nochmals einer Kommisston überwiesen zur end⸗ gültigen redaktionellen Fertigstellung. Die De⸗ batte brachte im allgemeinen wenig, was nicht schon vorher in den Parteiblättern erörtert worden wäre. Mit den wesentlichen Bestim⸗ mungen des neuen Organisationsstatuts war man ja einverstanden, gestritten wurde jedoch über die Frage der Vertretung der Reichstags⸗ fraktion auf dem Parteltage, sowie ferner dar⸗ über, ob der„Vorwärts“ Zentralorgan bleiben solle. Die Berliner Parteigenossen hatten beantragt, dem Vorwärts diesen Charakter zu nehmen. Dagegen wendete sich u. a. Bebel, der darlegte, wie sich die Verhältnisse am Zentral- organ entwickelt haben und erklärte, daß es jetzt im Augenblick unmöglich sei, den Partei⸗ vorstand gegenüber dem Hauptblatte in eine subalterne Stellung zu drängen, ihn zu zwingen, sich gegebenenfalls bittend an die Redaktion oder die Berliner Parteigenossen zu wenden. Im Uebrigen sei man ja entschlossen, alles auf⸗ zubieten, um den vollberechtigten Klagen der Berliner, die die unseren sind, abzuhelfen.
Es bleibt auch in der Frage der Vertretung der Reichstagsfraktion so wie bisher, daß also jedes Fraktionsmitglied das Recht hat, auf dem Parteilag ohne Delegierten⸗Mandat zu erscheinen. Das Organisationsstatut wurde, nachdem es von der Kommission durchberaten war, im Ganzen ohne weitere Debatte angenommen.
Ehe am Dienstag in die Beratung der
Vorstands berichte eingetreten wird, beantragt Stolten⸗Hamburg, den Streit zwischen Leipziger Volkszeitung und Neue Zeit gegen den Vorwärts aus der Debatte auszuscheiden und vor eine Kommission zu ver⸗ weisen. Das findet die allgemeine Zustimmung des Parteitags, der sich in seiner großen Mehr⸗ heit abgeneigt zeigt, den Literatenstreit anzu⸗ hören. In die Kommission werden gewählt: Dietz⸗Stuttgart, Haase⸗Königsberg, Stolten⸗ Hamburg, Ernst⸗Berlin, Kleemann ⸗Leipzig, Seger⸗Leipzig, Schwartz⸗Lübeck, Schmitt⸗Mün⸗ chen, Frank⸗Mannheim, Sperka⸗Stuttgart, Ebert. Bremen, Frl. Bader-Berlin, Hengsbach⸗Köln, Rother⸗Breslau, Wolderski⸗Berlin.
Um dies gleich vorweg zu nehmen, wurde, nachdem die Kommission am Samstag Bericht erstattet hatte, folgende Resolution ein- stimmig angenommen: 5
Der Parteitag erkennt an, daß die Preßfehden der jüngsten Zeit nicht als„Literaten⸗Gezänk“ anzusehen sind, daß ihnen vielmehr ernste sachliche, insbeson⸗ dere auch prinzipielle Meinungs⸗ Differenzen zu Grunde liegen. Dementsprechend ist es auch anzuerkennen, daß die den Inhalt der Preßfehden bildenden Streitfragen an sich einer öffentlichen Diskussion bedürfen.
Der Parteitag erkennt ferner an, daß die streiten den Teile von dem Bestreben erfüllt gewesen find, der Partei nach bestem Wissen zu dienen.
Was dagegen die Form betrifft, in der die Dis⸗ kusstonen zum Teil geführt wurden, so ist sie auf das Schärfste zu mißbilligen. Mit aller Entschiedenheit er⸗ hebt der Parteitag Einspruch gegen eine gehässige, die
persönliche und die Parteiehre von Genossen verletzende Art der Diskussion, durch welche auch der Agitation im Lande die größten Schwierigkeiten bereitet werden.
Der Parteitag erklärt deshalb mit allem Nachdruck, daß dieser Art der Diskusston nun Ziel zu setzen ist, daß aber selbstverständlich der sachlichen Kritik der freleste Spielraum gelassen werden muß.
Zur Erreichung dieses Zweckes fordert der Parteitag:
1. Die Parteischriftsteller und Redakteure unserer der Parteikontrolle unterstellten Partꝛiorgane haben in erster Linie ihre Aufgaben in der prinzipiellen Aufklä⸗ rung der Arbeitermassen sowie in der Bekämpfung der politischeu Gegner zu sehen.
2. Die prinzipielle Aufklärung hat entsprechend den Grundsätzen des Parteiprogrammes im Sinne der Dresdner Resolution zu erfolgen.
3. Kritische Untersuchungen des Parteiprogramms sind tunlichst in der„Neuen Zeit“ zu veröffentlichen, die zu diesem Zwecke erforderlichen Falles zu erweitern ist.
4. Die Preßkommissionen haben dafür zu sorgen, daß in den ihrer Aussicht unterstellten Parteiblättern nicht von neuem die oben verurteilte Art der Polemik Platz greift.
5. Unbeschadet der Rechte der Preßkommissionen hat der Parteivorstand unter voller Wahrung der freien Meinungsäußerungen die Verpflichtung auf die Beob⸗ achtung vorstehender Beschlüsse rechtzeitig vermittelnd hinzuwirken.
Mit der Annahme dieser Resolution war der Streit beseitigt, von dem die Gegner ge— hofft hatten, daß er zu heftigen Debatten, wo⸗ möglich zum„Jena der Partei“, zum Zerfalle führen würden.
Den allgemeinen Vorstandsbericht er⸗ stattete Molkenbuhr. Er führte im wesent⸗ lichen aus:
Der Stettiner„Volksbote“ kritisiert unsere Bemer⸗ kung im Bericht, die einzelnen Orte sollten sich möglichst selbst helfen, um jungen Rednertalenten Gelegenheit zur Ausbildung zu geben. Es ist ja bekannt, daß der Partelvorstand nicht überallhin ausreichende Redner⸗ kräfte entsenden kann, man sollte sich also daran ge⸗ wöhnen, am eigenen Ort die das öffentliche Leben be⸗ schäftigenden Fragen zu behandeln. Statt dessen hält man vielfach überhaupt keine Versammlung ab, wenn kein auswärtiger Redner zur Verfügung steht. Man sollte deshalb darauf bedacht sein, immer mehr jüngere Kräfte auszubilden. Wie sind denn die alten, jetzt so beliebten Redner das geworden, was sie sind? Aus Begelsterung für die Sache haben sie so gesprochen, wie ihnen der Schnabel gewachsen war, und so ist es ge⸗ kommen, daß Leute, die früher keine Redner waren, im Laufe der Zeit sich zu guten Rednern entwickelt haben. Diese alte Taktik sollte man auch jetzt beobachten. Die meisten der vielverlangten Redner sind stark in Anspruch genommen, als Redakteure, Abgeordnete usw., und wenn einmal im Reichstag eine Anzahl Abgeordnete fehlen, erhebt sich ein großes Geschrei, wie im letzten Jahre, weil zehn Abgeordnete an der Abstimmung über die Handels vertrage nicht teilnahmen. Daher sollte man die Abgeordneten als Redner nicht so sehr in Anspruch nehmen. Allerdings muß die Agitation ausgebreitet werden, und wir müssen auch auf die Kreise Einfluß zu gewinnen suchen, die uns noch fernstehen und unsere Presse nicht lesen. Die jetzige Zeit ist dazu besonders geeignet. Wir stehen jetzt am Anfang einer Periode, in der die weitesten Schichten der Bevölkerung durch die Ausbeutungspolitik sehr stark in Mitleidenschaft gezogen werden. Dagegen müssen wir nicht nur innerhalb unserer Partei Front machen, sondern wir müssen weit über unsere Partei hinaus die Bevölkerung in Bewegung setzen. Die Arbeiterklasse muß deshalb sich mit aller Macht zum Widerstand rüsten und alle rednerischen Talente ausbilden, damit auf dem letzten Dorfe die Wahrheit verkündet wird. Die Preisschrauberei auf dem Vieh⸗ markt hat man schon vor Inkrafttreten des neuen Zoll⸗ tarifs eintreten lassen, damit man gedankenlosen Menschen sagen kanu, schon vorher waren die Preise hoch. Dieser Absicht dient die Grenzsperre. Redner weist auf die Vieh⸗ und Fleischeinfuhrverbote hin, die allmählich sämtliche Grenzen angeblich im Interesse der Seuchen⸗ freiheit des einheimischen Viehstandes gesperrt haben. Nach all diesen Maßnahmen sollte man meinen, Deutsch⸗ land sei ein seuchenfreies Land. Was sehen wir aber? Drei Jahre nach all diesen Verboten veröffentlicht das Reichsgesundheitsamt eine Statistik, die den Nachweis bringt, wie verseucht der Viehstand in Deutschland ist. (Redner gibt ausführlich den zahlenmäßigen Nachweis.) Der Wuchertarif muß die Fleischpreise mit Notwendig⸗ keit in die Höhe treiben. Es sind ja nicht nur die menschlichen Nahrungsmittel mit hohen Zöllen belegt, sondern auch die wesentlichen Futtermittel, die wir in
bedeutenden Meugen aus dem Auslande einzuführen ge⸗ zwungen sind. So werde der Mais durch den Zoll um 3 M. verteuert. Die Mehreinnahmen aus den Zöllen sind für kriegerische Zwecke bestimmt. Die herrschenden Klassen haben ja ein Interesse an fortwährenden Rüst⸗ ungen; der Schiffsbau ist bei den Kapitalisten jetzt so beliebt, weil daran ungeheuer viel verdient wird. Natür⸗ lich ist man immer mit sogenannten Gründen bei der Hand, bald wird auf der einen, bald auf der anderen Seite ein Kriegsgeschrei angestimmt und dem deutschen Volk begrelflich gemacht, daß Deutschsand von äußeren Feinden bedroht ist. Redner geht jetzt ausführlich auf politische Fragen besonders auf das Redeverbot gegen Jaureès ein. Er geht dann weiter auf die Preßstreitigkeiten ein, die jüngere Genossen veranlaßten an eine Spaltung in der Partei zu glauben. Die alten Genossen aber wissen, daß es ohne gewisse Gegensätze in der Partei niemals abgegangen ist. Die Partei hat es aber immer ver⸗ tragen können, daß hier und da gegen ein Prinzip oder eine Theorie versteßen wurde. Sie hat sich trotzdem immer weiter entwickelt, und die Genossen, die von sol⸗ chen Entgleisungen gleich die Spaltung der Partei er⸗ warten, scheinen die Parteigeschichte wenig zu kennen. Wir haben lange Zeit hindurch ein Programm gehabt, von dem eigentlich nach Ansicht von Marx kein Satz zu rechtfertigen war. Damals war also die ganze Partei entgleist; wir haben aber trotzdem— es war unter dem Sozialistengesez— mutig unseren Mann gestanden und die Interessen der Arbeiter vertreten. Die Gegensätze waren damals dieselben wie heute. Nur die Namen haben gewechselt. Früher sagte man, es würde den Untergang des Sozialismus bedeuten, wenn man sich mit den Lassalleanern verbünde. Dieser Mei⸗ nung war auch Marx. Als aber die Verbindung doch zu Stande kam, zeigte sich, daß die Lassalleaner ganz gute Parteigenossen waren. Marx hat die Unterschiede über⸗ schätzt. Nun ist ja gewiß nichts dagegen einzuwenden, daß man, wenn eine Entgleisung vorkommt, den Versuch macht, sie ins Lot zu bringen. Man geht dabei nur leider oft mit untauglichen Mitteln vor. Auch früher kamen solche Entgleisungen vor. Jüngere Genossen entwickelten oft Theorien, daß einem die Haare zu Berge standen. Wir hüteten uns aber sehr, dann zu den Versammlungs⸗ besuchern zu sagen: Seht mal, was das für ein Rind⸗ vieh oder Schaf oder Esel ist!(Heiterkeit). Vielmehr versuchten wir, ihn so gut es ging herauszureißen. Nachher wurde dann allerdings oft stark gestritten. Da hat man denn auch manchmal harte Ausdrücke ge⸗ braucht und den Belreffenden auch mal Schafskopf oder so ähnlich genannt. Aber soweit ist man nie gegangen, daß man ihn gar einen„ethischen Aesthetiker“ genannt hätte.(Große Heiterkeit.) Wir müssen, schließt der Redner, Auge und Ohr offen halten, wir sehen die rapide wirtschaftliche Entwicklung, wir sehen, wie alles durcheinander gewürfelt wird, was früher fest war. Da heißt es, die Kräfte zusammenfassen, um den Wucher⸗ tarif zu bekämpfen, um die Angriffe auf die Rechte der Arbeiterklasse abzuschlagen. Da heißt es, die Ar⸗ beiterklasse aufzuklären, daß sie einig in der Agitations⸗ und Organisationsarbeit sein muß. Ist das ernste Bestreben vorhanden, und herrscht Einigkeit, dann werden wir gerade in der gegenwärtigen Zeit Fortschritte machen können, wie zu keiner anderen Zeit; denn die politische und wirtschaftliche Situation ist uns so günstig, wie nie zuvor. In wenigen Jahren muß sich die Partei mit Leichtigkeit verdoppelt haben. Wenn der ernste Wille vorhanden ist, dann wird auch das Ziel erreicht werden. Gerisch erstattet hierauf den Kassenbericht. Er weist auf den günstigen Stand unserer Parteifinanzen hin und bemerkt dabei, daß die Genossen auch durch andere Sammlungen stark in Anspruch genommen wurden. Er führt ferner das erfreuliche Wachstum der Parteipresse vor und ermahnt zum Schlusse, auch ferner für deren Ausbreitung lebhaft tätig zu sein.— Hieran schließt sich der Bericht der Kontrollkommission, den Meister erstattet. Er führt einige Be⸗ schwerdefälle an, mit denen sich die Kontroll- kommission zu befassen hatte. Den größten Raum nehmen dabei die Streitigkeiten unter den Genossen in Mülhausen i. E. ein, die jetzt nun endlich beigelegt sind.
Aus der Diskussion über die Berichte ist eine Auseinandersetzung zwischen Dr. David und Scheidemann herborzuheben, zu der das Verhalten unserer Genossen in Mainz bei den Stadtberordnetenwahlen Veranlassung gab. Die Mainzer Genossen hatten eine gemeinsame


