Ausgabe 
1.10.1905
 
Einzelbild herunterladen

1

Seite 6.

Mitteldeutsche Sountags⸗Zertung.

Nr. 40.

5

ů

In der Zwickmühle. Erzählung von R. Schweichel. (Fortsetzung.)

J Die Osterferien waren zu Ende, und Ruprecht hatte zum ersten Male Schule gehalten. Nieder⸗ geschlagen saß er in seiner Giebelstube, an deren Decke die Nässe des Himmels verschtedene Land⸗ karten gemalt hatte. Er hatte mit Begeisterung für seinen Beruf das Seminar verlassen, und Pastor Köschke, welcher der ersten Unterrichts⸗ stunde beigewohnt, hatte vor deren Beginn gar schöne Worte über die erhabene Aufgabe des Jugendbildners gesprochen und die Kinder zu Aufmerksamkeit und Gehorsam gegen den Lehrer vermahnt. Kaum aber hatte er den Rücken gewendet gehabt, da hatten die kleinen Teufel in Hosen und Unterröckchen ein Spiel ange⸗ Auer als ob sie sich noch auf Feld und Weide umhertrieben. Durchgreifen hätte er sollen! Aber wie? Prügeln? Das widerstrebte ihm. Mit Güte und Liebe hätte er nichts ausgerichtet. Ach ja, mit Liebe, und da stand das schwarz⸗ braune Annerl vor ihm. Warum es nur ein gar so spöttisches Gesicht gemacht, als er ihm berichtet, wie überaus freundlich er von den Pfarrersleuten aufgenommen worden war? Er begriff es nicht. Es waren doch so prächtige Menschen, der Pastor und seine Tochter. Frei⸗ lich, mit dem frischen, blühenden Annerl konnte die Letztere sich nicht vergleichen.

Plötzlich fuhr er von seinem Sitze auf. Wurde draußen nicht sein Name gerufen? Richtig! Unten vor dem Schulhause standen der Pfarrer und Amalie. Die Tochter in aufgeschürztem Kleide, einen breitrandigen, mit Kornblumen und Mohn beladenen Strohhut auf dem Kopfe und über den schmalen Schultern eine Botanistertrommel. Ruprecht erschrack; was man von ihm wollte, brauchte er nicht erst zu fragen.Ich komme schon, rief er hastig zum Fenster hinaus und griff nach seinem Hute. Eine Pflanzenkapsel besaß er nicht.Das lieb' ich, ein Lehrer muß pünktlich sein wie ein Soldat, begrüßte der Pastor ihn. Amalie lächelte ihm mit spitzem Munde zu, wie ste auch stets mit solchem sprach. Die Ursache fand er erst später heraus. Ihr fehlte nämlich ein Vorderzahn im Oberkiefer.

Wie ist es Ihnen in der Schule ergangen? fragte Pastor Köschke, nachdem alle Drei die Dorfstraße unter ihre Sohlen genommen hatten. Greiner, der aus seinem Herzen keine Mörder⸗ grube zu machen wußte, entlud sich seiner Kümmernisse. Der Pfarrer tröstete ihn:Man muß das Ding nur beim rechten End' anfassen, mein Lieber. Die moderne Pädagogik will in ihrer Weichherzigkeit von körperlicher Strafe nichts wissen. Unsere ganze Zeit krankt an Humanität. Ich meine, wenn man den Dorf⸗ buben einmal die Hosen stramm zieht, so schadet das ihnen nichts. Ihr derbes Fell schüttelt das ab, wie ein Pudel das Wasser. Um eine glattrasierten Lippen tauchte es wie ein

ächeln auf.Aber hier scheiden sich unsere Wege, sagte er, stehen bleibend.Ich habe noch einen Krankenbesuch abzustatten. Frau Baronin von Quecke, eine sehr fromme Dame. Er wies mit seinem Stocke nach einem plumpen Steinkasten, der sich in einiger Entfernung auf einer Bodenerhöhung zeigte.Also eine gute Ausbeute!

Adieu, Väterchen, wünschte Amalie mit süßer Stimme und schlug mit Greiner einen Fußweg ein, der in's freie Feld führte.Sie haben den Herrn Baron von Quecke gestern wohl in dem herrschaftlichen Stuhl in der Kirche gesehen? Den stattlichen Herrn mit eisgrauem Haar und feuerrotem Gesicht? Nicht? Es ist nicht gut mit ihm Kirschen essen, und wegen seines Kostenanteils zu den Schulrepa⸗ raturen giebt's immer schrecklichen Streit. Er

zahlt und zahlt nicht. Die Bauern seien schon viel zu klug und die Kinder brauchten nichts 5 lernen; die Schule verdürbe sie nur für die

andwirtschaft. Ach, es ist ein schrecklicher Herr! Aber sehen Sie nur, die Bäume aller⸗ wärts wie beschneit! Die Kirschen blühen. Der Frühling ist doch die allerschönste Jahreszeit le

Ihre entzückten Blicke forderten Ruprecht auf, mit ihr zu schwärmen.Ja, sagte er zögernd. Sie schüttelte wie zürnend das Haupt, besänftigte sich aber sogleich, indem sie bemerkte:Freilich, Sie sind ja ein Großstädter! Sie sehnen sich wohl sehr nach Ihrer Geburtsstadt zurück? Nein? Wissen Sie, ich möchte auch nicht in der Stadt leben. Nur auf dem Lande lebt es sich schön, gemütlich; da fühlt der Mensch sich

noch in Harmonie mit der Natur! Und sie

begann, ihrem Begleiter ein Idyll mit den ver⸗ lockendsten Farben, die ihr zu Gebote standen, auszumalen. Ein Hütte und ein Herz. Rup⸗ recht wußte nicht, was er antworten sollte. Am liebsten wäre er weggelaufen, so eng, so be⸗ klommen war ihm zu Mut. Ein Glück war es, daß sie während des Redens Pflanzen pflückte, ihm deren Namen nannte und zu welcher Klasse sie gehörten; was für Arten sie weiterhin finden würden. So pflückte auch er

eifrig Alles, was ihm unter die Hände kam,

und lachte, wenn sie ihn wegen des gewöhn⸗ lichen Zeuges mit sanftem Elfer schalt. Bis ste endlich nach einem Blick auf die schon tief stehende Sonne erschreckt ausrief:Gott, wir müssen nach Hause, es wird spät! Er atmete aus Freude über die Erlösung so tief auf, daß sie ihn mißtrauisch von der Seite ansah. Sie machte aber keine Bemerkung. Er begleitete ste bis zur Pfarre.Das war ein schöner Tag, nicht wahr 2 fragte sie unterwegs und er sagte: Ja! Und vor der Haustür:Morgen wollen wir wieder botanisteren, wenn das Wetter schön bleibt, nicht wahr? Aber Sie holen mich dazu ab. Um fünf Uhr erwarte ich Sie. Sie sah. ihn dabei so zärtlich fragend an, daß er feuer⸗ rot wurde und mit einer hastigen Zusage die Flucht ergriff.

Er spürte einen großen Durst und folgte ihm in dieSonne. Eine halbe Maß glaubte er sich leisten dürfen. Aber dem Annerl wollte er von der botanischen Exkursion nichts be⸗ richten. Er hätte es übrigens auch nicht können, wenn er es gewollt hätte. Denn er fand das Schenkzimmer mit zechenden und qualmenden Gästen angefüllt, und das Mädcheu hatte keine Zeit zur Unterhaltung mit ihm. Kaum, daß es ihm flüchtig einen schönen guten Abend bieten konnte. Ruprecht Greiner fand in einer Ecke noch ein Plätzchen. Um ihn das überlaute Gewirr der Stimmen, aus dem zuweilen ein Lachen aufschlug, das Klappen mit den Krug⸗ deckeln, das Klopfen auf die Tische, das Klirren von Tellern und über dem Ganzen ein dicker, blaugrauer Schwaden von Tabaksrauch. Er aber freute sich in aller Heimlichkeit, wie Anna gleich einem Wiesel so flink und geschickt und dennoch ohne Uebereilung zwischen den wohlbe⸗ setzten Tischen hin und 955 glitt. Hinter dem Schenktische thronte die stattliche Sonnenwirtin, und die Tochter war in fast ununterbrochener Bewegung zwischen ihr und den Gästen, bald mit überschäumenden Bierkrügen in beiden Händen, bald mit geleerten, um ste frisch füllen zu lassen. Zuweilen vernahm Ruprecht auch aus dem Lärm ihr helles:Platz! Platz! und mitunter war es ihm auch, als ob aus ihren glänzenden Augen ein Blick in seine Ecke schoß und ein Lächeln auf ihren Lippen erblühte.

Als er auf dem Heimwege in glücklicher Stimmung die Sterne suchte, gewahrte er, daß über dem Bergrücken im Westen dunkle Wolken sich heraufschoben. Regen, Regen, jubelte er. Aber, ach! ver Tag hielt nicht, was der Abend versprochen hatte. Einige graue Wölkchen, die langsam am Himmel hinzogen, als er nach der Pfarre kam, um das Fräulein abzuholen, er⸗ mutigten ihn zu der Vorstellung, ob es des drohenden Himmels wegen nicht besser wäre, den Ausflug zu unterlassen. Amalie fürchtete sich jedoch nicht. Sie hörte nur seine Besorgnis um ste heraus und sie fühlte sich dadurch ver⸗ anlaßt, während des Ausfluges einen milden, ja weichen Ton gegen ihn anzuschlagen und zu

ö

behaupten. Wohl regte sich in ihm die Ver⸗ suchung, ihr rauh zu antworten, allein davor bewahrte ihn schon die aner zogene Furcht vor

seinem Vorgesetzten, der ihr Vater war. sie meinte es auch gewiß gut mit ihm. (Fortsetzung folgt.)

Zwei Nachbarinnen.

Meiner Seel' ich kann es nicht verstehen! Wie bringen Sie es nur fertig, Frau Schmidt? Immer sauber, immer fertig und dann noch Zeit, die Zeitung zu lesen! Und in Versamm⸗ lungen reden Sie wie ein Buch, das hat mir noch neulich Frau Kunze erzählt.

Die so sprach, war ein kleines rundliches Weibchen mit krausem Blondhaar, das etwas wirr um die Stirne hing. Auf dem Arme trug sie einen kleinen Buben, der sich aus Leibeskräften mühte, mit seinen Füßchen einen in der Schürze befindlichen Winkelriß zu ver⸗ größern. Die Angeredete, eine schlanke Frau mit braunem, glatt gefcheiteltem Haar und einem schmalen, sympathischen Gesicht, blickte ernst von ihrer Arbeit auf:

Wie ich es mache? Ach, Frau Franke, das

Und

hätte ich Ihnen schon längst gerne gesagt, wenn

ich gesehen hab', wie unnütz Sie sich abrackern. 357 hab' nur immer gedacht, Sie nehmen mir's el 5

Ja, wo werd' ich denn!

Na also! Aber auch wirklich nicht böse sein, wenn ich Ihnen Dinge sage, die Ihnen nicht gefallen werden. Bei Ihnen und viclen anderen fehlt nämlich eine große Hauptsache: das ist Ordnung und Zeiteinteilung! Nicht auffahren, bitte, Sie haben mir's versprochen, sondern zuhören: Frühmorgens, wenn Sie Feuer anstecken wollen, ist nichts in Ordnung. Der Herd liegt noch voll Schlacken, es find keine Kohlen, kein Holz, kein Feuerzeug da. Nun stürzen Sie in den Keller, bleiben in der Eile am Schlosse hängen, und ritsch⸗ratsch ist ein Loch in der neuen Schürz, und die Kohlen kollern auf den Boden. Die Hetze und Wirrnis, bis dann Mann und Kinder versorgt und fort find! Oder Sie stehen am Herd und wollen das Gemüsse einbrennen! Saperlot! auf einmal sehen Sie, es ist kein Mehl oder keine Zwiebel mehr da. Sie rücken den Topf auf die Seite und laufen zum nächsten Krämer. Dort sind noch mehr Leute, Sie müssen warten, geraten in einen gemütlichen Schwatz, und bis Sie heimkommen, ist entweder das Feuer aus oder das Essen angebrannt, oder es ist sonst etwas passtert. Kommen dann die Ihrigen heim, so ist das Essen noch nicht fertig und der Radau ist da. Und nun will ich Ihnen an zwei Beispielen zeigen. Abends wird mein Herd ausgeräumt und mit Kohlen, Holz oder Tann⸗ äprel und etwas Papier so vorgerichtet, daß ich nur ein Hölzchen anzustecken brauche, um sogleich das schönste Feuer zu haben. Und dies Hölzchen kann ich im Dunkeln ergreifen, denn die Zündhölzchen haben, wie alles bei mir, ihren bestimmten Platz! Das, liebe Frau Franke, ist die Hauptsache: Ordnung muß sein! Wenn wir in unseren kleinen und engen Wohnungen nicht auf Ordnung halten, dann sind wir verloren. Da gibt's Leute, die werfen das eine Kleidungsstück dahin, das andere dort⸗ hin. Nachher geht die Sucherei los. Das

ibts bei mir nicht. In unseren zwei Schränken

1 5 die Kleider eng aufeinander, aber da⸗ ür fährt auch nie etwas herum. Waschkom⸗ mode ist immer in Ordnung, so daß ich alles greifen kann. Und wenn ich in der Küche ein Geschirr gebraucht habe, so wasche ich ent weder sofort wieder ab, oder ich räume es in eine Schüssel. Salz, Mehl und alles andere tue ich sofort nach Gebrauch wieder an seinen Platz. Viele Leute aber bringen es fertig, inner⸗ halb fünf Minuten eine so tolle Unordnung um sich zu verbreiten, daß sie nicht mehr ein noch aus wissen.

Dann uoch etwas: Sehen Sie dort meine Küchentafel. Auf die schreib' ich mir alles auf, was ich demnächst an Küchensachen brauchen werde. Dann habe ich nicht nötig, beim nächsten Krämer meine Spezereien usw. um teures Geld und in kleinsten Mengen zu holen, sondern ich