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Mitteldentsche Souutags⸗Zeitung.
Nr. 40.
daß dieser Mann auch vom Bürgermeister vor⸗ geschlagen wurde als Schöffe am Amtsgericht zu Langen. Es war dann noch die Bemerkung angehängt, daß bezüglich des letzten Falles böse Zungen behaupteten, daß dieser Schöffe als Sachverständiger des hessischen Gefängniswesens der„geeignetste Mann“ sei. Der Name des Betreffenden war nicht genannt, aber der ge⸗ meinte Mann klagte doch und erzielte auch die Verurteilung des Genossen Schildbach vom „Offenb. Abendbl.“ zu 30 M. Geldstrafe wegen formaler Beleidigung. Vor Gericht wurde aber festgestellt, daß der Kläger tatsächlich wieder⸗ holt wegen schwerer Roheitsdelikte bestraft worden ist und daß dem Bürgermeister dieses bekannt war, als er den Mann als Polizeidiener anstellte und als Gerichts⸗ schöffen vorschlug. Das Urteil erkennt wenigstens an, daß das„O. A.“ berechtigte Interesse wahrte, als es den unter Anklage stehenden Arttkel brachte: es sei wirklich nicht angängig, wenn ein Mann mit derart getrübtem Leumund Polizeigewalt und Richteramt übertragen be⸗ komme. Also ist das Urteil in Wirklichkeit eine Verurteilung der Verwaltungsmaximen des Bürgermeisters. Dieser Bürgermeister ist in dem liberalen Hessen aber keine vereinzelte Er⸗ scheinung.
Gießener Angelegenheiten.
Zum„Jewa der Partei“ sollte nach den Erwartungen und Prophezeiungen und ach, so innigen Wüunschen der bürgerlichen Presse der Jenaer Parteitag werden. Es giebt aber nichts damit. Es kam noch nicht zum „Krach“ und kommt auch nicht mehr dazu. Der Streit Kautsky⸗Mehring gegen den„Vorwärts“ wurde in einer Kommission vorverhandelt und da⸗ mit war der Sache schon die Spitze abgebrochen. Etwa 60— 80 Berichterstatter bürgerlicher Zeitungen hatten sich zu dem Zwecke nach Jena begeben, um das„zweite Dresden“ recht an⸗ schaulich in ihren Organen schildern zu können. Jetzt ist das viele Geld umsonst geopfert, hinaus⸗ geworfen! Das ist fatal und darum suchen sich die Ordnungsblätter mit anderen Schimpfe⸗ reien und Albernheiten über unsere Partei zu entschädigen. So hälts auch die„national⸗ soziale“„Hess. Landesztg.“ in Marburg, die doch eigentlich den schmählichen Zusammenbruch ihrer Partei noch nicht vergessen haben sollte. Uns aber freut diese verhaltene Wut und der gute Verlauf des Parteitags! Besonders amüsant ist, wie sich das Berliner Scharfmacherblatt, die„Post“ über den Parteitag ausschleimt. Aus einem Leitartikel zitiert der„Vorwärts“ folgenden anmutigen Satz:
„Mit dem Cantus„Zum Lobe Jenas und der Freiheit,“ der die ganze hausbackene Philisterpoesie des roten Groschenkol⸗ lekteurtums atmet, wurde eine Art Er⸗ öffnungskneipe des großen Men a⸗ gerierummels eingeleitet. Außer dem holden Kranze von„Genossinnen“, welche mit ihren auffallenden Toiletten den Tisch der kneipenden„Genossen“ umsäumten, einer Klara Zetkin, der„blutigen Klara“, wie sie im Jargon der„Revistonisten“ heißt, der Lily Braun, deren„Chic“ in der Kostümie⸗ rung zuweilen den Zorn der wilderen, sich schon im äußeren Menschen durchaus als „Genossinnen“ verratenden Kolleginnen erregt, der Rosa Luxemburg oder Rosalie Lübeck und a. m., glänzten unter den Zuschauern die Jünglinge mit den Löwenmähnen und den unheimlichen Blicken, jüdische Re⸗ volutionäre aus dem Osten vom Schlage der Mandelstamm und Silberfarb.“
Der Stil ist der Mensch, auch wenn er all⸗ zu menschlich sich austobt, bemerkt der Vorwärts dazu mit Recht. Von den„auffallenden Toi⸗ letten“ wird selbst ein mit sehr guten Brillen⸗
läsern bewaffneter Zuschauer nichts bemerkt 1005 ebensowenig von den übrigen schönen Dingen. Ordnungsblatt⸗Schwindel!
— Bellende Hunde. Die„Ord- nungs“ blätter aller Schattierungen kläffen die Mainzer Stadtverwaltung an, weil sie einen Nachruf für den verstorbenen Bürger⸗ meister Gaßner, wie in den Blättern der anderen Parteien so auch in dem„Vorwärts“
veröffentlichte. Die eigentlich selbstverständliche gleichmäßige Behandlung, die die Mainzer Stadtverwaltung den Parteien zuteil werden läßt und davon auch die Sozialdemokratie nicht ausnimmt, kann diese Gesellschaft schon anf⸗ regen. Das Antisemitenblatt in Friedberg heult:„Was mag wohl die Bürgerschaft von Mainz dazu sagen, daß aus den von ihr auf⸗ gebrachten Steuermitteln das Zentralorgan der gehässigsten Feinde des Bürgertums in einer derartigen Weise unterstützt wird? Wir habens in der Tat herrlich weit gebracht in der För⸗ derung der Umsturzpartei; es scheint aber immer noch schlimmer zu werden ꝛc.“ Wirklich unsag⸗ bar schrecklich! Hätten doch die Mainzer das Inserat lieber in der Friedberger Volkswacht aufgegeben, wie notwendig hätten die Pückler⸗ leute das Geld brauchen können und wie schmunzelnd hätten ste die Steuergroschen der — Arbeiter eingesteckt!
— Aus dem Stadtparlament. Die Fleischnot führte in der letzten Stadtverord⸗ netensttzung zu lebhaften Debatten. Einstim⸗ mig wurde eine Petition um Oeffnung der Grenzen beschlossen, ferner soll sich die Stadt bemühen, Fische in größeren Mengen zu bil⸗ ligen Preisen zu beziehen. Dagegen wandte sich die„liberale“ Halbheit der Stadtväter⸗ Mehrheit entschieden gegen die Aufhebung des Oktrois auf Fleischwaren und Vieh, die unser Genosse Krumm unter Hinweis auf die ungeheuerliche Preissteigerung aller Lebensmittel mit Recht verlangte. Dem liberalen Durch⸗ schnittsspießer ist es so in Fleisch und Blut übergegangen, daß Oktroi eine hübsche Steuer sei, daß er jedesmal nervös wird, wenn jemand an diesem geheiligten Herkommen rüt⸗ telt. Für die mit irdischen Gütern reichlich gesegnete 1. Steuerklasse ist es auch ein schreck⸗ licher Gedanke, die direkte, nach der Leistungs⸗ fähigkeit bemessene Steuer um einige Prozent gestiegen zu sehen, mögen lieber Handwerker und Konsumenten blechen, wenn nur die Herrn Fabrikanten nicht allzuhart in den Beu⸗ tel greifen müssen. Als Vorwand für die Ab⸗ lehnung mußte natürlich die„fürchterliche Un⸗ ordnung“ der diesjährigen Budgets herhalten; namentlich der Herr Oberbürgermeister und Herr Schmall jammerten beweglich, daß die Deckung für den Oktroiausfall fehlte. Als voriges Jahr 30—40000 Mark Einquar⸗ tierungskosten auf die Stadt übernommen wurden, blos damit die Herren aus den besseren Kreisen nicht ihre Ferien zu unterbrechen brauch⸗ ten, da hörte man weder von dem Bürgermeister noch von Herrn Schmall ein Wort über„man⸗ gelnde Deckung“. Da galt es den reichen Leuten einen Gefallen zu tun, das steht den„Liberalen“ höher als eine Linderung der Fleischnot. Die⸗ jenigen Handwerker und Arbeiter, welche bei kommenden Wahlen diesen ihre Stimme geben, müßten eigentlich in der Kopfbedeckung zwei Löcher zum Durchstecken der Ohren haben! Wenn Herr Schmall den durchaus richtigen und berechtigten Ausführungen Krumms in an⸗ maßender und überhebender Weise entgegentrat, so hatte er, nach dem Berichte des Amtsblattes zu urteilen— wir waren selbst in der Sitzung nicht anwesend— gar keinen Grund dazu. Er wollte wohl blos mal sein Licht besonders leuch⸗ ten lassen. Anders hätte er vielleicht geredet, wenn es sich um Bekämpfung einer Mehrbelast⸗ ung des Tabaks gehandelt hätte, bei der er in Mitleidenschaft gezogen worden wäre. In sol⸗ chem Falle zöge er sogar mit auf die Land⸗ agitation, wie seinerzeit als er den Antisemitis⸗ mus hochleben ließ, der gegen die Tabaksteuer zu stimmen versprochen hatte! Die Vorwürfe, die er gegen Krumms Ausführungen erhob, treffen ganz und gar auf seine Reden zu, das Gefühl müßte er eigentlich selber gehabt haben. Er und seine Kollegen könnten allerdings aus eigener Initiative eine Linderung des Notstandes herbeiführen, wenigstens für die Tabakarbeiter, wenn nämlich deren erbärmliche Löhne aufge⸗ bessert würden. Herr Gutfleisch sprach ja ganz nett, wenn er sagte, daß man bei künftigen Reichstagswahlen den„richtigen Standpunkt“ einnehmen müsse. Dann wird hoffentlich der freisinnige Führer nicht mehr für den national⸗
liberalen Zöllner die Kandidatenrede halten!?
Schließlich möchten wir noch bemerken, daß wir den Statistiken über den Fleischkonsum nicht großen Wert beimessen. Jedenfalls ist Tatsache, daß in den minderbemittelten Kreisen der Fleischkonsum ganz bedeutend ge⸗
ringer geworden ist, das wird jeder bestätigen
und fühlen, der zu diesen Kreisen gehört.
— Der Amtsblatt⸗Redakteur rempelt unsern Genossen Krumm an, weil er in ver Stadtverordneten⸗Sitzung der„liberalen“ In⸗ konsequenz zu Leibe ging. Ohne Lügen geht's dabei aber nicht ab. Da wird z. B. behauptet, Krumm habe gegen alle Vorschläge der Kom⸗ mission gestimmt, während ex doch nur wegen des Oktroi mit ihr stritt. Kein Amtsblättchen kann ohne Schwindel gegen und über die Sozial⸗ demokratie leben. Wenn der Anzeiger ferner von Krumms Ausführungen und den Parteitags⸗ beschlüssen als„leerem Gerede“ spricht, so möchten wir ihn in aller Bescheidenheit daran erinnern, daß der Amtsblatt⸗Redakteur Beer in Offenbach als Kenner der Amtsblatt⸗Mache selbst erklärte:„Was in einem Amtsblatt steht, hat nichts zu bedeuten!“
— Parteiversammlung. Dienstag Abend halb 9 Uhr findet im Saale„Lonys Bierkeller“ eine Parteiversammlung statt, in welcher Genosse Vetters über den Jenaer Parteitag sprechen wird. Unsere Partei⸗ genossen wollen für recht zahlreichen Besuch wirken, Gäste haben natürlich Zutritt. Der Bericht des Gen. Vetters wird nicht in einer trockenen Wiedergabe der Parteitagsverhand⸗ lungen bestehen, sondern es werden Ausführungen über die im Vordergrunde des Interesses stehenden politischen und für die Partet besonders wich⸗ tigen Fragen gemacht werden, die für viele manches Neue und auch Interessante bieten
dürften. Auch die Frauen müssen in die
Versammlung kommen.
— Unsere Leser werden an der letzten Nummer bemerkt haben, daß von verschiedenen wichtigen Vorgängen nichts in der Zeitung enthalten war. Es fehlte u. a. ein vorläufiger Bericht über die Parteitagsverhandlungen bis Donnerstag, sowie eine Mitteilung über die Verhaftung des Genossen Zielowski wegen Zeugnisz wang. Das erklärt sich daraus, daß der Brief mit dem Manusskript erst nach Fertigstellung der Zeitung in die Druckerei ge⸗ langte. Wir bitten unsere Leser deshalb um Ent⸗ schuldigung. Bei dieser Gelegenheit sei hinzu⸗ gefügt, daß Genosse Zielowski, den das Hanauer Landgericht verhaften ließ, weil er, wie das seine Pflicht als Redakteur war, das Zeugnis gegen einen Gewährsmann verweigerte, wieder aus der Haft entlassen worden ist. Immerhin muß es als barbarisch entschieden verurteilt werden, wenn man einen Menschen zwingen will, eine Ehrlosigkeit zu begehen.
Zur Parteitagsberichterstattung machen wir nochmals darauf aufmerksam, daß die einzelne Orte ihre Wünsche wegen Versamm⸗ lungen rechtzeitig bei den bekannten Stellen anbringen wollen. Wo immer es möglich ist, sollen die Genossen zu diesem Zwecke Versamm⸗ lungen abhalten.
— Am Freitag, 22. d. Mts. fand im Saale von Lonys Bierkeller eine gutbesuchte öffentliche Metallarbeiterversammlung statt, in welcher Kollege Ehrler über die wirtschaft⸗ lichen Kämpfe in der Metallindustrie sprach. Referent führte aus, daß die letzten großen Kämpfe in der Metallindustrie für den Verband agitatorisch gewirkt und für die Mitglieder sehr lehrreich gewesen, aber auch auf die Unter⸗ nehmer nicht ohne Eindruck geblieben seien. Sie hätten einsehen müssen, daß sie mit ihren Aussperrungsgelüsten das Gegenteil von dem erreichten, was sie bezwecken wollten; so sei man auch von der sogenannten Abe Aus⸗ sperrung abgekommen, weil dadurch ein großer Teil Organisterter wie Unorganisterter dauernd dem Hunger preisgegeben wäre. Während man früher jegliches Verhandeln mit der Organi⸗ sation bekämpft hätte, wäre es jetzt als günstig u bezeichnen, daß das Organ der Unternehmer
ie„Arbeitgeberzeitung“, dieselben auffordert, bei etwa vorkommenden Differenzen mit den Arbeitern zu verhandeln. Redner konunt auf den Streik bei der Firma Schaffstädt zu sprechen
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