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Mitteldentsche Sonutags⸗Zeitung.
Nr. 1.
Hofbaurat und Sozialdemokrat.
Aus Anlaß der Wiederkehr seines hundert⸗ sten Geburtstages am 22. Dezember gedachte unsere Parteipresse des„alten Demmler“, der lurze Zeit sozial demokratischer Reichstags⸗ abgeordneter für den Leipziger Landkreis war. Der Name Demmlers ist in der Arbeiterschaft lebendig, trotzdem er schon seit 18 Jahren nicht mehr unter den Lebenden weilt. Das macht: er hat sich in den Herzen des klassenbewußten Proletariats ein Denkmal gesetzt, das unver⸗
änglich ist. Demmlers Jugend war auch die Jugend des deutschen Liberalismus, der in seiner kraftvollen Begeisterungsfähigkeit damals die besten Söhne des Bürgertums mit sich riß. Er war ein Mecklenburger. Als Sechzehn⸗ jähriger ging er nach Berlin, um dort die Bauakademie zu besuchen. Nach Beendigung seiner Studien trat er in den Staatsdienst seines Heimatlandes, wo er 1837 zum Hof⸗ baumeister, vier Jahre später zum Hofbaurat ernannt wurde. Als solcher war er der Schöpfer des herrlichen Schweriner Residenz⸗ Schlosses. Später baute er auch noch das Hoftheater, das Zeughaus und den Marstall. Interessant ist, wie er bei diesen Bauten ver⸗ fuhr, um den Arbeitern einen möglichst guten Verdienst zu gewähren. Genosse Auer schilderte das in dem Nekrologe, den er dem heimgegangenen Demmler schrieb, folgendermaßen:„Um den auf seinen Bauten beschäftigten Arbeitern einen möglichst hohen Lohn zu verschaffen, vergab er die Arbeiten direkt an ste, wodurch er sich freilich die Todfeindschaft aller zünftigen Maurer⸗ und Zimmermeister zuzog, für die bei der Demmler⸗ schen Praxis der Geselle aufhörte, ein Aus⸗ beutungsobjekt zu sein. Demmler war auch ein grundsätzlicher Gegner der Alkordarbeit, von der er behauptete, sie führe zur Pfuscherei. Alle die herrlichen, von Demmler entworfenen und ausgeführten Bauten, auf die Schwerin und Mecklenburg mit Recht stolz sind, sie sind im Tagelohn ausgeführt. Dafür sind diese Mauern aber auch geeignet, der Ewigkeit zu trotzen, und als das großherzogliche Theater 1882 ein Raub der Flammen wurde, da legten die trotz der entstandenen furchtbaren Risse stolz zum Himmel ragenden turmhohen Mauern lautes Zeugnis ab für die Trefflichkeit und Solidität der Demmlerschen Bau⸗ und Arbeitsmethode.“ Als bei dem Brande jemand die Befürchtung äußerte, daß die Mauern fallen würden, antwortete Demmler mit überlegenem Lächeln:„Solche Mauern stürzen nicht ein!“ Infolge seiner politischen Tätigkeit— er war von der Schwe⸗ riner Bürgerschaft in den Bürgerausschuß ge⸗ wählt und entfaltete hier in den Tagen der Kontrerevolution eine große Rührigkeit und Energie— wurde er 1851 ohne Pension aus dem Staatsdienst entlassen. Mit seiner Gattin durchwanderte er dann mehrere Jahre fremde Länder. Als er 1857 heimkehrte, wurde er sofort wieder in den Bürgerausschuß gewählt, wo er bald wieder mit den Staatsbehörden in Konflikt geriet. Als nach dem französischen Kriege die deutsche Arbeiterpartei immer mächtiger emporstrebte, trat er bald in innige Beziehungen zu ihr, so daß er sich schon 1874 in zwei Wahlkreisen als sozialdemokratischer Kandidat um ein Reichstagsmandat bewerben konnte. Im Jahre 1877 entsandte ihn der 13. sächsische Wahlkreis in den Reichstag. In der Folge hat er für seine Ueberzeugung und für die Partei große Opfer gebracht. Die Arbeiter haben es ihm gedankt. Als er am 6. Januar 1886 zur letzten Ruhe bestattet wurde, hatte er ein Ge⸗ folge, wie es Schwerin noch nie gesehen hatte, und noch heute steht der Name des„alten Demmler“ in aller Gedächtnis, die in der Arbeiterbewegung für die Ideale kämpfen, welche die einstigen Parteigenossen Demmlers, die„Liberalen“, längst über Bord geworfen haben.
7 Bemüht Parteifreunde! cc e nach besten Kräften für die immer weitere Verbreitung Eueres Blattes, der
Mitteldeuts chen Sonntags⸗Zeitung!
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b Unterhaltungs-Cxil. 1 Selbstbefreiung.
Von denen wird dich keiner retten,
Bon jenen bleichen, glatten Herrn,
Die dir von Freiheit und von Ketten Heut' reden, weil es just modern.
Kein einzelner wird dich erlösen, Wird dich aus Swang und Vot befrein. Bald schlägt die Stunde allem Bösen. Du selbst wirst dein Messias sein
Auch nicht auf jene darfst du hören,
Die dich mit hohler Litanei
Betümpeln wollen und betören!
Volk, mach' von dieser Brut dich frei!
Du kennst den Weg, den du wirst wandeln, Bu kennst die Siele, die allein
Die Kraft dir geben, kühn zu handeln.
Du selbst wirst dein Messias sein.
Laß rechts und links es um dich wanken; Dein Weg geht vorwärts durch die Nacht, Du stolzer Kämpfer der Gedanken,
Der Feind von List und Niedertracht!
Fern graut der Tag... und eine Röte Wächst groß in deine Nacht hinein.— Bald naht das Ende aller Nöte.—
Du selbst wirst dein Messias sein.,
(Aus„Fackeln der Zeit“, Gedichte von Ludwig Lessen, mit Buchschmuck von Agnes Rosenhain. Kürzlich im Vorwärts⸗Verlag in Berlin erschienen. Wir empfehlen unsern Genossen die kleine Gedicht⸗ sammlung zur Anschaffung. Ein großer Teil der Gedichte eignet sich vorzüglich zu Deklamationen bei Vereinsfestlichkeiten ꝛe. Preis 50 Pfg.)
Dyllen aus einem Gehirgsdorfe. Frei nach dem Leben von Ludwig Schierk. (Fortsetzung.)
Es war„Verdienst“ in das Dorf gekommen.
Hausierer suchten die kaufkräftig gewordene Gegend heim; die Zahl der Wirtshäuser mußte durch einen Machtspruch des Grafen, dem die Hirsche im Walde gehörten, beschränkt werden. Dieser Graf kannte in seiner Wohltätigkeit endlich keine Grenzen mehr. Nach Jahresfrist erhob sich ein stattliches„Gasthaus,“ auf dessen Schilde eine Grafenkrone, über dem Haupte eines Hüttenmannes schwebend, prangte. Der gräfliche Pächter, der den Schank verwaltete, gab den weitesten Kredit und ersparte unsern guten Hüttenleuten das lästige Geschäft des Zahlens, indem er seine Forderungen an der Kasse des Werkes eintreiben ließ.
Die Grafenkrone prangte auch bald auf dem Schilde eines Viktualienladens, der die Schätze barg, die der gute Hüttenmann bedurfte, um seines Leibes und seiner Familie Notdurft zu stillen.
Diese Grafenkrone schwebte wie der Engel der Vorsehung über dem Dorfe. Wenn unsere guten Hüttenleute in die Kirche gingen, meinten sie, die Krone über ihrem Haupte zu sehen. Aber sie sahen an der Decke der Kirche ein gemaltes Auge schweben, das Auge Gottes, das eine Flut von geraden Linien umgab, die der Künstler gezogen hatte, um einen Strahlen⸗ kranz herzustellen. Die guten Leute konnten dann kaum begreifen, was dies Auge wollte über ihnen, die doch in mächtigerem Schutze standen. 5
Bald hatte das Dorf zwei Fleischhauer. Die Lohn weber waren an dieser Tatsache gewiß unschuldig; aber der Industrie⸗Engel brachte ein Heer von Beamten, die den Segen, der von der Grafenkrone ausging, mit ihren Händen auffingen und über die armen Dorfleute aus⸗ streuten.
Da gab es Hüttenmeister aus Schwaben, Forstmeister aus dem Elsaß, Werkmeister aus Belgien, Adjunkten aus Böhmen.
Wie die Dorfjungen, welche die Eskimo⸗ hütten bauten, große Augen machten, als ste all' diese Herrlichkeit sahen!
Denn all' die feinen Leute hatten einen Gehalt, eine freie Wohnung, Holz aus dem Walde; die Direktoren gar Wagen und Pferde!
Es war eine Herrlichkeit, die den Glanz der Grafenkrone fast völlig verdunkelte.
Und der Graf, dem die Hirsche im Walde gehörten, mochte dies selbst fühlen; denn er überwies das viertürmige Schloß seinen Beamten und zog nach der Hauptstadt.
Aber zu Zeiten kam er doch wieder mit vielen Gästen in die einsame Gegend. Dann zogen die Beamten auf acht Tage die Hochmuts⸗ fäden ein; die Direktoren gingen zu Fuß wie die Hüttenleute. In solchen Tagen gab es auch Feste und Jagden; Fürsten und Prinzen fuhren in schönen Korbwägen durch das Dorf.
Ein goldenes Zeitalter war angebrochen.
VII.
Am Dorfbache, genau an der Stelle, wo sich der Müller ertränkt hatte, stand ein Häus⸗ chen. Es lag etwas höher als die übrigen, und sein Schornstein war der erste von den zweien, die ein wenig über den Straßendamm hinausragten. Er hatte die Worte vernommen, die der braune Vollbart im Vorbeifahren ge⸗ sprochen.
Das Häuschen war so klein, daß es nur eine Stube mit zwei Fenstern faßte. Aber in
den reinen Glasscheibchen dieser Fenster, in den
zarten Stüfchen, die vom Dorfwege hinauf⸗ führten, lag eine unverkennbare Zierlichkeit.
So zierlich war auch das Täfelchen, das die Zahl 66, die Nummer des Gebäudes, trug. Die beiden Ziffern waren von auffällig genauer Rundung, und das Pünktchen an ihrer rechten Seite war so wohl gestaltet, daß man leicht merkte, der Zeichner habe auch ihm seine ganze Sorgfalt zugewendet.
In einem der Fenster stand ein feines Gestellchen, das etliche, reich blühende Blumen⸗ töpfchen trug; am andern hing ein hölzerner Bauer, in dem ein wohlgemästeter Gimpel auf und nieder hüpfte.
Der Eigentümer des Häuschens war nicht minder zierlich als sein Besitztümchen. Es war der Meister, dem das Loch in der Brücke seinen Ursprung verdankte; der Barde, der in der Judenscheuke die hübsche Dirne angesungen; der Kobold, der unsern Hammerklipp so grau⸗ sam getauft hatte.
Das ganze Dorf kannte ihn, foppte ihn, brauchte ihn. f
Er war der Kopf, der für Alle dachte; er war das Auge, das für Alle wachte; er war der Mund, der für Alle lachte; er war die Hand, die Alles machte.
Keine Uhr schlug im Dorfe, der er nicht den Kopf zurecht gesetzt; kein Schloß schnappte an den Haustüren, dem er nicht Vernunft bei⸗ gebracht.
Sein Hauptgeschäft drückte ihn wenig und machte ihm keine Freude. Er hatte die Nadel gewählt, weil ihm keine andere Wahl blieb.
In diesem Augenblicke saß der Meister auf seinem Stühlchen am Fenster, wo der Gimpel hing. Auf einem Brette, das er auf den Knien hielt, lagen bemalte Bilderbögen, mit denen er sich zu schaffen machte. Da gab es Engel und Türken, Hirten und Könige, Wanderer mit Brotsack und Stecken. Mitten in diesem Völker⸗ gewühle schlummerte friedlich zwischen Ochs⸗ und Eselskopf das Christkind in seiner Krippe.
Denn in wenigen Tagen war Weihnachten. Draußen lag der Schnee, und harter Frost fesselte den Dorfbach. Aber in dem Stübchen war der Frühling. Die Blumentöpfchen am Fenster, des Meisters Stolz und Augenweide, triumphierten über die Oede da draußen mit blitzender Blütenpracht.
Um diese Zeit wurde der Meister alljährlich ein Maler. Von seiner klugen Hand stammten die Bilderbogen, die in keinem Hause fehlten. Sie flatterten selbst in das Städtchen, wo der Landesfürst das Gericht unterhielt. 5
Eben schuf der Meister einen Türken. Während er an den Windungen des Turbans malte, pfiff er. Nach kurzer Weile setzte der Gimpel in die Melodie ein, und es gab ein treffliches Duett. Der Vogel flötete äußerst gefühlvoll; er blähte sein rotes Bäuchlein und
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