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Nr.* 1.

Mitter deutsche Sountaas⸗Keitung.

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Die Steinbrucharbeiter haben bei mir die denkbar größte Freiheit. sie werden weder verlesen, noch wird es mit Beendigung der Schicht genau genommen. Man kommt und geht ganz nach Belieben und ist von einer 13½⸗

stündigen Arbeitszeit, wie solches aber massenhaft in

großstädtischen sozialdemokratischen Betrieben üblich ist, (Wo L d. Red. d. M. S. ⸗Z.) gar keine Rede. In den letzten Monaten wurde die Arbeit nicht vor 8 Uhr auf⸗ genommen, dann erfolgt um 10 Uhr eine fast einstündige, um 12 Uhr eine fast zweistündige und um Uhr wieder eine fast einstündige Pause. Um 6 Uhr Abend ist an den meisten Tagen der Betrieb schon eingestellt. Es handelt sich also im ganzen nur um eine wirkliche tägliche Arbeitszeit von 68 Stunden.

In den letzten 3 Monaten haben die Steinbruch⸗ arbeiter im Durchschnitt 34 Pfg. pro Stunde netto verdient. Ebenso beträgt der Durchschnittslohn für die Bergleute nach Ausweis der Lohnlisten und den Quittungen der Arbeiter nicht 1,60 Mk. pro Schicht, sondern im Durch schnitt der letzten 3 Monate 44 Pfg. pro Stunde; der Durchschnittsjahresverdienst in 1904 betrug sogar 47 Pfg. pro Stunde. Tüchtigen fleißigen Arbeitern ist Gelegenheit geboten, bei pünkt icher Ein⸗ haltung der vorgeschriebenen Schicht äglich 3,505 Mk. zu verdienen. Sprengstoffe ꝛe werden von diesen Löhnen nicht mehr in Abzug gebracht.

Die Arbeiter Ordnungen sind von den in Frage kommenden Behörden genehmigt. Die Lage des Aborts und die Art der Schutzbude entspricht den gesetzlichen Vorschriften. Es sind 9 große Benzinlampen vorhanden, die beim Einladen während der Duukelheit benutzt werden sollen. Strafen sind seit 1900 bis Anfang Dezember 1904 23,5 0 Mk. eingezogen worden, die an im Dienst Verletzte zum Teil abgeführt sind. Bei der Festsetzung von Strafen wird, obgleich öfters Ver⸗ anlassung vorliegt, sehr human verfahren. Die beregte Strase von 2 Mk, wurde 3 Leuten zudiktiert, weil die⸗ selben sich während der Arbeitszeit total betrunken hatten, auf dem Werksterrain laut sangen und sich unanständig betrugen. Der Abzug von 5 Mk. erfolgte aus dem Grunde, weil die Leute leichtsinnig und mutwillig zwei Mulden wagen zerstörten, welche einen Wert von 240 Mk. repräsentierten.

Die Gewerbe Orduung ist mir wohl bekannt. Da⸗ gegen zeugen die unwahren Behauptungen des Blattes, wie wenig die Redaktion mit den hier in Frage kom⸗ menden Gesetzen vertraut ist. Im Uebrigen kann ich behaupten, mit mir auch die wahrheitsliebende Arbeiter- schaft, daß in meinem Betrieb eine humane und gerechte Behandlung jedem Arbeiter zu Teil wird.

Die Leute, die solche unwahre Behauptungen kolportieren, sind meistens Säufer, die von ihrem verdienten Gelb 80 90% vertrinken, ihrer Familie zum Unterhalt nicht das Notwendigste lassen und dann überall ausposaunen, sie hätten nichts verdient.

Vahlensieck.

Der Herr Direktor hat die Freundlichkeit, seiner Einsendung gleich eineredaktionelle Bemerkung hinzu⸗ zufügen, in der wir zerknirscht erklären sollen, daß wir falsch unterrichtet worden wären. So schnell geht das aber nicht. Wir halten es jederzeit für unsere Pflicht, Mitteilungen, die sich als unrichtig erweisen, zu berich⸗ tigen und wir tun das auch ohne besondere Aufforderung. Erst müssen wir aber von der Unrichtigkeit unserer An⸗ gaben überzeugt sein und das sind wir duch obiges Schreiben noch lange nicht, wenn auch der Herr erklärt, für seine Behauptungen den Beweis erbringen zu können. Das genügt umsoweniger, als Herr Vahlensieck oben die gänzlich unwahre und äußerst leichtfertige Behauptung aufstellt, daß 13 stündige Arbeitszeitin großstädtischen sozialdemokratischen Betrieben mussenhaft üblich sei. Er würde in arge Verlegenheit geraten, wenn wir ihn auffordern wollten, auch einen einzigen solcher sozialdemokratischen Betriebe zu nennen. Sehr nett und sehrhuman mutet auch das Verfahren der Herrn Direktors an, einen Teil seiner Arbeiter als Säufer hinzustellen, eine Gepflogenheit allerdings, die man öfter bei gewissen Fabrikpaschas antrifft. Wir werden selbst⸗ verständlich in der nächsten Nummer erst unserm Ge⸗ währsmann das Wort zu der Sache geben und dabei Gelegenheit nehmen auf neue Beschwerden, die unterdes eingelaufen sind, zurückzukommen. Schließlich läßt der Ton, den sich der Herr in seinem Schreiben erlaubt, die humane Behandlung seiner Arbeiter ungefähr ahnen.

Aus dem Rreise Marburg-RNirchhaim.

1. Die Errichtung eines Volksbades war in letzter Zeit in Marburg mehrfach Gegenstand der öffentlichen Erörterung. Bei der letzten Stadtverordneten⸗ wahl haben zuerst die Arbeiterkandidaten eine solche Einrichtung gefordert und vielleicht dadurch angeregt, hielt Herr Prof.ssor Bonhof im nationalliberalen Verein einen Vortrag über Volksbäder. Daraufhin be⸗ schäftigte sich auch die Ortskrankenkasse mit der Volksbadfrage. Da von seiten der Stadt kein öffent⸗ liches Gebäude zur Errichtung eines Volksbades herge⸗ geben wird, mußten Unterhandlungen mit dem Besitzer der einzigen Badeanstalt am Orte geführt werden.

Anfangs schien es, als ob auch diese Unterhandlungen fehlschlagen würden. Schließlich wurde jedoch ein Ueber⸗ einkommen dahin getroffen, daß die Stadt das Wasser für Volksbäder umsonst gibt. Gestützt darauf hat sich der Badeanstaltsbesitzer bereit erklärt, den Mitgliedern der Ortskrankenkasse ein Wannenbad für 30 Pfg. und ein Brausebad für 15 Pfg. zu liefern. Um den Mit⸗ gliedern nun ein Bad so billig wie möglich zu liefern, hat der Vorstand der Ortskrankenkasse beschlossen, für jedes Bad 15 Pfg. beizusteuern. Infolgedessen braucht ein Mitglied der Ortskrankenkasse für ein Wannenbad nur fünfzehn Pfennige und für ein Brausebad garnichts zu geben. Von diesem Vorteil wollen die Mitglieder nun regen Gebrauch machen. Der Bade⸗ vertrag tritt mit dem 1. Januar 1905 in Kraft. Bade⸗ karten sind im Bureau der Ortskrankenkasse abzunehmen.

r. Zu der Weihnachtsfeker des Arbeiter⸗GesangvereinsEintracht am ersten Feiertage hatte sich eine große Anzahl Teilnehmer eingefunden, so daß das Jesberg'sche Lokal bis zum letzten Platz besetzt war. Die Darbietungen, bestehend in Konzert und Gesangs⸗ vorträgen, sowie einem Einakter:Der große und kleine Soldat wurden sehr beifällig auf⸗ genommen. Zum Schluß wurde noch ein Tänzchen arrangiert, das die Teilnehmer fast bis zum Morgen beisammen hielt.

Vor dem Gefängnis bewahrt.

Der Ratsassessor Ackermann in Dresden, Sohn des berühmten Hofrats mit der weißen Weste und ehemaligen Präsidenten der sächs. Zweiten Kammer, ist in eine Irrenanstalt überführt worden. Die Ordnungsstütze hatte sich bekanntlich gegen den§ 175 des Strafgesetz⸗ 1 vergangen und war deswegen verhaftet worden.

Mordtat eines Vizefeldwebels. Am Weihnachtsabende suchte der Vizefeld⸗

webel Bernhardt vom Jufanterieregiment Nr. 19

in Görlitz seine frühere Geliebte, die jetzt ver⸗ ehelichte Frau Böttcher in Mühlheim a. Rh. auf, wo sich dieselbe bei ihren Großeltern auf⸗ hielt. Er begleitete dieselbe und führte sie nach einer einsamen Stelle in der Mühlheimer Haide, wo er sie ermordete. Nach der Tat hatte der Mörder noch die Kühnheit, den Ehe⸗ gatten der Ermordeten in Köln aufzusuchen und sich von diesem an die Bahn begleiten zu lassen. Er wurde noch nicht ergriffen.

Der Mordprozeß Berger

in Berlin endete nach zehntägiger Verhand⸗ lung mit der Verurteilung des angeklagten Zuhälters Berger zu 15 Jahren Zuchthaus. Die Geschworenen sprachen ihn des Sittlichkeits⸗ verbrechens und des Totschlags begangen an der 11 jährigen Lucie Berlin schuldig. Berger hat bis zuletzt jede Schuld betraulich bestritten.

Sozialdemokrat. Parteitag für Preußen.

In Berlin trat am Mittwoch der sozial⸗ demokratische Preußentag im Gewerkschafts⸗ hause zusammen. Anwesend sind, wie die Man⸗ datsprüfung ergab, 148 Delegierte. Singer begrüßte den Parteitag im Namen des Partei⸗ vorstandes, Zubeil im Namen der Berliner Genossen. Als Vorsitzende werden Singer und Schütz⸗Breslau bestimmt. Verschiedene Anträge zur Tagesordnung werden abgelehnt, es bleibt somit bei den vom Parteivorstand vorgesehenen Punkten: 1. Der preußische Schulgesetz⸗ Entwurf, 2. das Wohnungsgesetz, 3. das Kontraktbruch⸗ gesetz, 4. das preußische Landtagswahlrecht. Zur Wohnungsfrage referiert Stadtv. Hei⸗ man n-Berlin, der nach einer eingehenden Kri⸗ tik der heutigen Wohnungsverhältnisse und der von bürgerlicher Seite vorgeschlagenen Reformen eine längere Resolution vorschlägt, welche zur Beseitigung der Mißstände auf dem Gebiete des Wohnungswesens: Loslösung des Grund und Bodens von allen kapitalistischen Inte⸗ ressen für notwendig erklärt und im weiteren u. a. fordert: Erlaß eines umfassenden Reichs⸗ wohnungsgesetzes, Schaffung eines Reichswoh⸗ nungsamtes, Einführung des allgemeinen glei⸗ chen und geheimen Gemeindewahlrechts. Völlige Selbstverwaltung der Gemeinden. Nach kurzer

Diskufston, an der sich u. a. Frau Dr. Weyl⸗ Berlin, Voigtherr⸗-Stettin, Dr. Quark-Frauk⸗ furt beteiligen, wird die Resolution einstimmig angenommen. Darauf hält Dr. Arons⸗ Berlin ein vorzügliches Referat über die Schul⸗ frage. Die von ihm vorgeschlagene Resolution fordert: Trennung der Schule von der Kirche, Ausscheidung jedes religiösen Unterrichts aus dem Lehrstoff der Schule, Eiunheitsschule, Un⸗ entgeltlichkeit des Unterrichts und der Lehr⸗ mittel, Ernährung und Bekleidung aller hilfs⸗ bedürftigen Schüler. Eine ausgiebige und interessante Diskussion schloß sich an das Re⸗ ferat. Auf die Verhandlungen kommen wir in nächster Nummer ausführlicher zurück.

Als Delegierter für den 3., 4. und 5. nassau⸗ ischen und die Wahlkreise Wetzlar und Mar⸗ burg nimmt der Genosse Habicht-Frankfurt an dem Parteitag teil.

Kleine Mitteilungen.

e Erfroren. In der Nähe von Nidda wurde am Dienstag ein als Trinker bekannter Mann erfroren aufgefunden.

* Bei einem Großfeuer in Mainz ver⸗ brannte der 6 jährige Sohn des Fuhrmann Eschen⸗ felder. Der Stiefsohn der Besitzerin des Hauses und ein von ihr entlassener Dienstkuecht wurden unter dem Verdacht der Brandstiftung verhaftet.

* Plötzlicher Tod. In Dillenburg fand man am vorigen Freitag früh den Geschäftsführer der Oranienbrauerei, Stöver, tot in seinem Bette auf. Er war offenbar einem Schlaganfall erlegen.

Grausiger Tod bei der Arbeit. Auf demBochumer Verein stürzten am zweiten Feiertage zwei Arbeiter in eine Gießgrube und ver⸗ brannten in der glühenden Masse vollständig.

Verhafteter Pfarrer. Der wegen Verun⸗ treuung ꝛc. flüchtige und steckbriefllich verfolgte kathol. Pfarrer Küble aus Illereichen i. B. wurde in Zürich verhaftet.

* Geistlicher Durchbrenner. Der katholische Pfarrer Goldbach in Hauswurz bei Fulda brannt: am 28. Dez. nach Unterschlagung von 23 000 Mk. Kirchengeldern mit seiner Haushälterin durch. Beide wurden an den Feiertagen in einem Hotel in Frankfurt gesehen und sollen dann nach der Schweiz gereist sein. Ueber denFall dieses Pfaffen herrscht unter den Frommen seines bisherigen Wirkungskreises große Auf⸗ regung, denn der fromme Herr kounte stets so brav auf die gottlosen Sozialdemotraten schimpfen

* Henkerarbeit. In Arnsberg wurde am 23. Dez. der Bäckergeselle Franz Hesse aus Weiden au a. Sieg, der dort am 5. Mat an einem 11 jährigen Mädchen aus Weidenau einen Lust mord verübte, hin⸗ gerichtet.

Partei-Uachrichten.

Das Parteibureau befindet sich vom 1. Januar ab in Berlin, S. W. 68, Lindenstraße 69. Dorthin sind alle Postsendungen zu richten und zwar Briefe, Drucksachen ꝛc. an J. Auer; Geldsendungen an A. Gerisch.

Neues Parteiblatt in Saarabien. Von Neujahr ab erscheint unter dem TitelDie Saar⸗ wacht ein neues Parteiblatt für das Saar⸗Revier. Es erscheint als Kopfblatt derFrankfurter Volksstimme und die Probenummer gelangte in einer Auflage von 20000 Exemplaren zur Ausgabe. Hoffentlich bekommt unsere Bewegung im Saarrevier dadurch wieder neuen Impuls und Rückhalt; in jenem Bezirke mit hundert⸗ tausenden Arbeitern und dem rücksichtslosesten Ausbeuter⸗ tum war ein sozialdemokratisches Blatt schon längst vonnöten.

Versammlungskalender.

Dienstag, den 3. Januar. Gießen. Gewerkschaftskartell. Abends 9 Uhr Sitzung bei Orbig. Samstag, den 7. Januar, Staufenberg. Voltsverein. Übends 8 ¼ Uhr General⸗Versammlung im Vereinslokal. Tages⸗ ordnung: 1. Vorstendswahl. 2. Kassenbericht. 3. Kreisfest 1905. 4. Verschiedenes. Lauterbach. Sozialdemokrat. Wahlverein. Abends 8 ¼ Uhr Versammlung im Vereinslokal.

Briefkasten. H.⸗Schtitn. Besten Dank! Erwidern aufs herzlichste die Neujehrs⸗Wünsche. Unsere Kreuzband Abonnenten wollen etwa rückständige Abonnementsbeiträge baldigst einsenden. Exped.