Ausgabe 
1.1.1905
 
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Seite 4.

Nitteldeutsche Sonntags- geitung.

Nr. 1.

als Geistlicher anzusehen und er infolgedessen als Stadtverordneter nicht wählbar sei. Seine Wahl wurde demnach für ungültig erklärt. Gegen diese Entscheidung wird Rekurs beim Provinzialausschuß eingelegt. Um aber das Treiben der zentrümlichen Protest⸗ erheber richtig zu würdigen, muß man sich an die Verhandlungen und den Beschluß der Zweiten Kammer in Sachen desselben Predigers erinnern. Im Landtage protestierten die Zentrümler gegen den Anspruch des Herrn v. Cuccagna auf Zugehörigkeit zum Schul⸗ vorstand, weil der freireligiöse Prediger nicht als Geistlicher anzusehen sei. Die Zweite Kammer entschied in diesem Sinne, erklärte also damit, daß v. Cuccagna nicht die Qualität als Geistlicher besitze. Das hat auch weder der Prediger noch seine Gemeinde behauptet, ihr Anspruch auf Sitz und Stimme im Schul⸗ vorstand gründete sich lediglich auf dasselbe Recht, aus dem dieGeistlichen als Leiter des Religions⸗Unterrichtes im Schul⸗ vorstande sitzen. Nun kommen aber die⸗ selben Leute, welche beim Landtage die Geistlichen⸗Eigenschaft bestritten, her und be⸗ mühen sich nachzuweisen, daß v. Cuccagna Geistlicher sei und folglich nach der Städte⸗ Ordnung nicht als Stadtverordneter gewählt werden könne! Um allen die Krone aufzusetzen, vertrat der Zentrumsabgeordnete Dr. Schmitt den Protest vor dem Kreisausschusse, hatte also hier genau das Gegenteil dessen zu beweisen, was er kurz vorher in der Kammer ausgeführt und was diese beschlossen hatte! Bald so, bald so, wie's trefft! Hier mußte wirklich der Zweck, einen Sozialdemokraten aus

der Stadtvertretung hinauszudrängen, die juri⸗

stischen Zentrumsmittel heiligen.

Gießener Angelegenheiten.

Vomsozialdemokratischen Konsumverein. Wir besprachen in der letzten Nummer einen durch die Ordnungspresse gelaufenen Artikel, der von dem Konsumverein in Sorau(Lausitz) allerhand schlimme Dinge erzählte. Selbstverständlich hatte sich auch der Gieß. Anz. den fetten Brocken nicht entgehen lassen. Es wurde da über Dividendenjägerei, schlechte Bezahlung des Lagerhalters ꝛc. Mit⸗ teilungen gemacht, die, was wir hervorhoben, zuerst von unserm Parteiblatt, derMärk. Volksstimme veröffentlicht wurden. Aus dieser Tatsache schon hätten die braven Leutchen sehen können, daß die Sozial demokratte wirklich keine Ursache hat, sich der Tatsachen zu schämen, die dort im Konsumverein vorgekommen sind. Schämen sollten sich höchstens die bürgerlichen Parteien; denn, wie dieMärk. Volksstimme weiter mitteilt, ist auch nicht ein einziges Vorstands⸗ oder Aufsichtsratsmitglied des Sorauer Konsumvereins Mitglied der sozialdemokratischen Partei eine Tatsache, die den berufsmäßigen Verleum⸗ dern der Sozialdemokratie so unangenehm ist, daß sie diese ihren Lesern unterschlagen. Ob wohl der Anzeiger sich verpflichtet fühlen wird, von dieser Sachlage seinen Lesern Kennt⸗ nis zu geben? Wir bezweifeln es. Dem paten⸗ tierten Ordnungsblatte kommt es ja nicht dar⸗ auf an, Mißstände an das Tageslicht zu fördern und dadurch Besserungen für Arbeiter oder Angestellte zu erzielen, sondern es wollte mit der Schauergeschichte nur der Sozialdemokratie eins auswischen, ist damit aber wieder einmal hereingefallen.

Eine Parteistreitigkeit aller⸗ dings nicht besonders ernster Natur hat sich an den in unserm Blatte mehrfach erwähnten Artikel derLeipz. Volksztg. gegen die Zoll⸗ mehrheit und seine Preisgabe durch die Reichs⸗ tagsfraktion geknüpft und es sind namentlich das Leipziger Parteiblatt und der Vorwärts scharf aneinander geraten. Zuletzt erklärte der Vorwärts, daß er auf die ehrenrührigen Be⸗ schimpfungen derLeipz. Volksztg. nicht mehr antworten werde, sondern die Angelegenheit dem Parteivorstand unterbreitet habe. Natür⸗ lich verfolgt die gegnerische Presse die Polemik mit unverhohlener Freude und bringt mit Vor⸗ liebe die Auslassungen der Leipz. Volksztg.

gegen den Vorwärts zum Abdruck, wobei ste sich heuchlerisch über denTon der Sozial⸗ demokratie entrüstet. Dazu haben diesittlichen Ordnungsblätter gar keinen Grund, sollten sich vielmehr um sich selber bekümmern. Wir geben an anderer Stelle in der heutigen Nummer ein kleines Beispiel von dem Ton, den diegebil⸗ dete bürgerliche Presse gegen die Sozialdemo⸗ kratie anschlägt. Diese Beispiele ließen sich leicht in's hundertfache vermehren. Was zu Wahlzeiten in der gegnerischen Presse und Flugblättern an wüsten Beschimpfungen der Sozialdemokratie und der Arbeiter geleistet wird, geht in's Unglaubliche. Summa summa⸗ rum kann sich die Bildung der Sozialdemokratie jederzeit vor derjenigen der besseren Kreise in jeder Beziehung sehen lassen. Von welcher Sorte letztere ist, kann man ja auch beispiels⸗ weise an dem Benehmen der akademischen Jugend beobachten. Und war es nicht einer der Edelsten, der mit Bezug auf die Minister erklärte:die Herren können uns sonst was? Das Gießener Amtsblatt, das sich natürlich auch über den sozialdemokratischen Ton entrüstet, darf ebenfalls vor seiner eigenen Türe kehren.

DieGleichheit, das Organ der so⸗ zialdemokratischen Frauen, wird im neuen Jahr inhaltlich bedeutend erweitert und ausgestaltet werden. Der Inhalt soll noch mehr als dies bisher möglich war, speziell den Bedürfnissen der Frauen und der Jugend angepaßt werden. DieGleichheit erscheint jetzt bereits in einer Auflage von 12000 Exemplaren. Sie wird durch die Neuerungen zweifellos sich noch viele neue Freundinnen erwerben und wir möchten ste den Frauen unseres Leserkreises angelegent⸗ lich zum Abonnement empfehlen. Ueberhaupt müßten sich die Frauen, namentlich in Gießen, bedeutend besser an der Parteibewegung be⸗ teiligen, als dies bisher der Fall ist. Auch das illustrierte UnterhaltungsblattNeue Welt erfährt mit dem neuen Jahre weitere Aus⸗ gestaltung.

Die Familientragödie in Maul⸗ bach bei Homberg, von der wir in letzter Nr. kurz Mitteilung machten, hat bisher vier Opfer gefordert. Der Landwirt Reitz hatte am Morgen des 22. Dezember jedenfalls in einem Wahnsinns⸗Anfalle seine Frau, den 17. jährigen Sohn, die 13 jährigen Zwillingstöchter und sich selbst durch Schüsse und Beilhiebe fürchter⸗ lich zugerichtet. Die Frau war sofort tot, Mann und Kinder wurden in die hiesige Klinik gebracht, wo Reitz am Samstag starb, sein Sohn folgte ihm am Sonntag und der Tod des einen Mädchens trat am Dienstag Nach⸗ mittag ein. Bei dem zweiten Mädchen soll trotz der schweren Verletzungen Hoffnung auf Genesung vorhanden sein. Reitz befand sich in guten Vermögensverhältnissen, man hat auch sonst keine Veränderung in seinem Wesen be⸗ merkt und es bleibt für die grausige Tat also keine andere Erklärung, als die oben gegebene, die auch durch eine am Schädel des Verstor⸗ benen entdeckte krankhafte Veränderung bestätigt worden sein soll.

Die Leiche der Emmy Winkler

wurde am Freitag voriger Woche in der Lahn

aufgefunden und am zweiten Weihnachtstage beerdigt. Was die Unglückliche, die sich vor mehreren Wochen aus ihrer hiesigen elterlichen Wohnung entfernte, in den Tod getrieben hat, ist nicht bekannt.

Aus dem Rreise gießen.

Zur mündlichen Agitationsarbeit müssen die Wintermonate so viel als möglich ausgenutzt werden. Ueberall, wo Versammlungen angebracht sind, wollen unsere Genossen solche veranstalten und, falls sie Redner wünschen, sich dieserhalb mit dem Vorstand des Kreiswahlvereins in Verbindung setzen, bei dem sie auch etwaige Wünsche in Bezug auf das Thema anbringen können.

0. Krofdorf. Mit Einrichtung einer regelmäßigen Fahrverbindung zwischen Gießen und Krofdorf beschäftigte sich eine hier im Lokale des Gastwirts Freund am 21. Dez. stattgefundene Versammlung. Zuerst erörterte man die Vermittelung des Verkehrs durch Automobil⸗Omnibus, doch ergab eine Berechnung dessen Unrentabilität und ebenso kam man sehr bald zu der Ueberzeugung, daß ein derartiges Fahrzeug dem Verkehr kaum genügen dürfte. Die allgemeine Meinung

ging schließlich dahin, daß der Sache am besten mit einer elektrischen Bahn gedient sei, deren Schaffung ius Auge gefaßt werden müsse. Für die Anlage einer solchen dürfte allerdings auch die neu angelegte Straße sich als zu schmal erweisen, es wäre daher un⸗ bedingt notwendig, die Straße dementsprechend herzu⸗ richten. Das geht jetzt, wo die Feldbereinigung noch nicht abgeschlossen ist, sehr leicht, während später nach vollständiger Aufteilung des Landes sich große Schwierig⸗

keiten ergeben dürften. Schon im Frühjahr stellte

der Krofdorfer Gemeinderat einen Antrag auf die Be⸗ seitigung der starken Steigungen oberhalb der Seemühle. Damals versprach auch die Baubehörde, dem Projekt, das allgemein in der Gemeinde Anklang gefunden hatte, näher zu treten und dem Gemeinderat einen Kostenvor⸗ anschlag vorzulegen. Darauf wartet aber der Gemeinde⸗ rat bis heute vergeblich, obwohl das Wegenetz der Ge⸗ meinde Krofdorf festgestellt ist. Will man etwa dann erst dem Gemeinderat die Sache vorlegen, wenn nichts mehr daran zu machen ist?

Aus dem Nreise Wetzlar.

h. Unfreiwillige Feiertage. Die Sophienhürte ließ eine Anzahl Arbeiter mehrere Tage mit der Arbeit aus setzen. Eine mehrtägige Arbeitspause würde nun wohl den Leuten gewiß nichts schaden, nur sollte das Werk auch den Lohn fortbezahlen, denn die Arbeiter können doch während der Zeit nicht von der Luft leben. Was würden die Herren Direktoren Kaiser und Jantzen sagen, wenn ihnen einige Zeit das Gehalt gesperrt würde? Hier bekommen die Arbeiter wieder das Fehlen einer Organisation recht empfindlich zu spüren, wäre eine solche vorhanden, würden sie sich das Aussetzen nicht bieten lassen, sondern wie das ihr gutes Recht ist, Entschädigung ver⸗ langen. Jetzt erlaubt sich das die Direktion, weil sich viel Bauern und Landarbeiter für billigen Lohn anbieten, im Frühjahr rücken ste aber regelmäßig wieder aus.

h. Zum geplanten Bahnhofsumbau berichtet derWetzl. Anz.: In Gemäßheit des Beschlusses der letzten Vollversammlung hat die Handelskammer unterm 19. d. Mts. eine erneute Eingabe in der Angelegenheit des Bahn⸗ hofsumbaues an den Herrn Minister gerichtet. Wie wir von zuverlässiger Seite hören, ist die Bahnhofsfrage im Ministerium jetzt besser in Fluß gekommen, und eine Entscheidung steht in

Kürze zu erwarten.

0. Krofdorf. Die Weihnachtsfeier des GesangvereinsEintracht, die am zweiten Feiertag im Lokale Hofmann abgehalten wurde, war außerordentlich stark besucht und nahm den besten Verlauf. Auch von auswärts waren Festteilnehmer erschienen. Die gesunglichen Lei⸗ stungen und besonders die des gemischten Chors, ernteten allgemeinen Beifall.

Westerwald und Anterlahn.

* Fünfter nass. Wahlkreis. Alle Abonnenten der Mitteldeutschen Sonntags⸗Zeitung werden freundlichst gebeten, ihre Adresse an den Vertrauensmann L. Trott, Haiger, einsenden zu wollen.

t. Von der Fleischbeschau. Kürzlich verbrei⸗ teten einige Blätter des Dillkreises die Mär, daß der Beschauzwang infolge der Verhandlungen der Wiesbadener Landwirtschaftskammer aufgehoben werden sollte. Das ist natürlich ganz unzutreffend. Im Gegenteil hat der Minister die Durchführung der Fleischbeschau in Nassau als mustergültig für ganz Preußen erklärt. Wir haben in Nassau keine obligatorische Trichinenschau, dafür aber die niedrigste Beschaugebühr. Wie wir hören, sollen einzelne Mißstände beseitigt werden; eine kleine Ermäßi⸗ gung der Beschaugebühren, Wegfall der Kilometergelder, Vermehrung der Beschaubezirke soll eintreten. Jedenfalls ist es im Interesse unserer Bauern zu begrüßen, wenn die Sache vereinfacht wird und die Fleischbeschau nicht bloß als eine melkende Kuh für eine Beamtenklique er⸗ scheint. f

Von der Direktion der GrubeConstanze in Langenaubach bei Haiger erhalten wir zur Er widerung auf die Korrespondenz in voriger Nummer G Langenaubach folgende Zuschrift:

Nach§ 11 der betreffenden Arbeits⸗Ordnung für den Kalksteinbruchbetrieb dauert die tägliche wirkliche Arbeitszeit nicht 13 Stunden, sondern nur 11 Stunden. Die mit Brechen der Steine beschäftigten Personen werden aber laut Bekanntmacheng des Beschlusses vom Bundesrat vom 20. März 1902 nur 10 Stunden täg⸗ lich beschäftigt. Fleißige Arbeiter haben in früheren Jahren in den Sommermonaten aus freien Stücken 1 bis 2 Stunden länger gearbeitet, teilweise aus dem Grunde, weil bei Regenwetter nicht gearbeitet wird.