Ausgabe 
1.1.1905
 
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Nr. 1.

Mitteldeutsche Sonuutags⸗Zeitung.

Seite 3.

Schon früher hat unser Zentralorgan den Nachweis gebracht, daß die armen Teufel, welche aus dem Reiche der Knute fliehen, von der Hamburg- Amerikanischen Packetfahrt⸗Gesellschaft in unerhörter Weise ausgebeutet und gezwungen werden, Schiffskarten nach Amerika zu nehmen, auch wenn sie gar nicht dahin wollen. Um diese Dinge aus eigener Anschauung kennen zu lernen, verkleidete sich der Redakteur Kaliski als russischer Aus⸗ wanderer und machte den Transport von der russischen Grenze bis nach Hamburg mit, wo er sich als Redakteur des Worwärts⸗ legitimierte. Da gab es natürlich er⸗ staunte Gesichter bei den Herren. Die Schilderungen seiner Erlebnisse auf der Fahrt sind interessant und be⸗ zeichnend für die russische Wirtschaft in Preußen. Wir kommen noch darauf zurück.

Weihnachten beim gläubig⸗katholischen Unternehmer. Aus dem Rheinland erhält derVorwärts

folgende Zuschrift: Ein verheirateter Buchdrucker⸗

gehülfe, der schon seit einigen Wochen krank ist und dessen Frau binnen kurzem mit einem zweiten Kinde ntederkommt, erhielt dieser Tage von dem Verleger derAhrweiler Zeitung, des amtlichen Kreisblattes folgendes Schreiben: Von amtlicher Seite ging mir gestern die Mitteilung zu, daß Sie hier am Platze die Verteilung sozialdemokratischer Schriften vor⸗ genommen haben. So leid es mir in Anbetracht Ihrer augenblicklichen Lage tut, bin ich durch diese Tatsache aus persönlichen und geschäft⸗ lichen Rücksichten gezwungen, Ihre Stellung in meiner Buchdruckerei durch gegenwärtiges Schreiben zu kündigen. Emil Plachner. Der Verleger ist ein steinreicher Zentrumsmann. Beides hinderte ihn nicht, gerade vor demFest der Liebe den armen Gehülfen mitten im Winter und mitten in schlimmster familiärer Bedrängnis brotlos zu machen und auf die Straße zu setzen. Friede auf Erden... Die Urheber dieses Streiches sollen aufamt⸗ licher Seite sitzen. Die amtlichen Stellen, die hier in Betracht kommen können, werden sich beeilen müssen, die schwere Beschuldigung von sich abzuweisen, daß sie Mittäter an dieser im höchsten Maße unchristlichen Tat seien.

Im Ruhrrevier

wird die Lage immer bedrohlicher. Das Kapital will den Krieg, es reizt und provoziert die Arbeiter fortwährend. Vor demFeste des Friedens wurden auf der ZecheBruchstraße und andern Schichtverlängerungen dekretiert. Darauf waren ja die Arbeiter ge⸗ faßt, man hätte aber doch erwarten sollen, daß der neue Angriff wenigstens bis nach Weih⸗ nachten verschoben würde. Zuerst erlaubte man sich den Luxus, die Schichtverlängerung unter Misachtung der gesetzlichen Formen an⸗ zuordnen, die Arbeiter streikten, erlitten Verluste. Dann griff die Bergbehörde ein; die ungesetzliche Maßnahme wurde zurückgenommen. Nicht dem Unternehmer, nur den Arbeitern hat die Unge setzlichkeit des Kapitals Schaden zugefügt und wie zum Hohn wird jetzt die Schichtverlänge⸗ rung erneut angeordnet: allerdings unter Be⸗ achtung gesetzlicher Formen. Jetzt werden die Arbeiter gesetzlich in den Streik gehetzt, denn daß man der Schichtverlängerung zustim⸗ men wird, daran glauben selbst die Gruben⸗ Verwaltungen nicht. Ueberall finden Ver⸗ sammlungen statt und die Arbeiter werden tun, was ihnen die Pflicht gebietet.

Sozialdemokratische Wahlerfolge.

In Waltershausen bei Gotha siegte bei der Stadtverordnetenwahl die sozial de⸗ mokratische Liste. Unsere Genossen haben dort jetzt alle zehn Stadtverordnetensitze und von den vier Sitzen des Stadtrats zwei inne. Erst in den letzten Tagen wurde ein neuge⸗ wählter Stadtrat von der Regierung bestätigt.

Reichstags⸗Ersatzwahlen.

Im Wahlkreise Hof, der durch die Man⸗ datsniederlegung des Nationalliberalen Münch⸗ Ferber frei wird, haben unsere Parteigenossen den Verleger Geißler ⸗Nürnberg aufgestellt. In Calbe⸗JAschersleben ist die Agitation in vollem Gange. Der Wahltermin ist hier auf den 13. Januar festgesetzt.

Die Affaire Eyveton

wächst sich immer mehr zu einem Skandal ersten Ranges aus], bei dem die Reaktionäre die Leidtragenden sind. Frau Syyveton gestand dem Untersuchungsrichter, ihr Gatte habe von den ihm anvertrauten Geldern derLiga des französischen Vaterlandes die Summe von 98000 Francs bei Sette geschafft, dieses Geld in fremden Wertpapieren angelegt und deren Zinsen seither regelmäßig bezogen. Frau Syveton hat die Wertpapiere dem Präsi⸗ denten der Liga, Jules Lemaitre, ausgeliefert. Von anderer Seite wird der Verdacht aus⸗ gesprochen, daß die Gattin Syvetons diesen aus gewinusüchtiger Absicht ins Jenseits befördert habe, und derselbe verdichtet sich immer mehr. Es soll ihr um die Erlangung der hohen Versicherungssumme zu tun gewesen sein. Ihre Verhaftung wird als unmittelbar bevorstehend hingestellt. ö

Der plötzliche Tod Syvetons hat seinen nattonalistischen Gesinnungsgenossen nicht bloß einen schweren moralischen, sondern auch einen erheblichen materiellen Schaden verursacht. So hatte dasPetit Journal für den Prozeß Syveton vor dem Pariser Schwurgericht eine Spezialnummer seiner illustrierten Beilage in einer Auflage von 800 000 Exemplaren veran⸗ staltet, die am Tage des Prozesses über ganz Frankreich verbreitet werden sollte. Alles war für die Absendung der Spezialnummer bereit, als die Nachricht von dem geheimnisvollen Tode Syvetons eintraf, so daß all das bedruckte Papier in die Stampfe wandern mußte.

RussischeReformen.

Seit einiger Zeit schien es, als ob in Ruß⸗ land dem Verlangen des Volles nach einer freieren Verfassung Rechnung getragen werden sollte und das arme unterdrückte Volk machte sich zum Teil darauf schon große Hoffnungen. Jetzt hat Väterchen Nikolaus einen Erlaß her⸗ ausgegeben, nach dem an dem Absoluttsmus nicht gerüttelt werden soll. Es bleibt also alles beim Alten. Das Volk wird und muß sich eben seine Freiheit erkämpfen.

Ueber die Entwickelung der Parteien in Amerika

schreibt Eugen Debs, der bei den neulichen Wahlen als Präsidentschaftskandidat der Sozial⸗ demokratie aufgestellt war, in einer Besprechung des Wahlergebnisses u. a. folgendes:

Die letzte Wahl zeigt zwei streng gesonderte und sich zuwiderlaufenden Tendenzen; einerseits den überwältigenden Sieg, den die Geldinteressen davon getragen, anderseits das Auftreten der Arbeiterklasse in der internationalen Politik, wie das die enorme Zunahme an sozialistischen Stimmen beweist. Die demo⸗ kratische Partei ist als Vertreterin des Mittelstandes auf immer dahin. Wie sehr man stie auch durch Reorganisation wieder aufzuleben versuchen mag, es wird nicht gelingen, und zwar aus dem einfachen Grunde, weil ihrer Hauptstütze dem Mittelstand selbst die Vernichtung droht. Die Trusts, so heißt es dann weiter, würden immer mehr um sich greifen, und für eine Mittelstands⸗ oder Reform⸗ partei werde kein Raum mehr sein. Es gäbe nur einen Kampf zwischen Kapital und Arbeit, den die Politiker bisher vor dem Volke verdecken konnten. Der nächste große politische Kampf in den Vereinigten Staaten werde zwischen den Republikanern und den Sozialisten ausgefochten werden. Die verflossene Wahl sei der Anfang vom Ende gewesen, von nun an werde der Vormarsch der Sozialdemo⸗ kratie ein rapider sein.

Es ist eben in allen Ländern mit moderner kapitalistischen Produktionsweise die Entwickel⸗ ung die gleiche.

Russisch⸗japanischer Krieg.

Vor Port Arthur haben die Japaner in den letzten Tagen bedeutsame Erfolge er⸗ rungen. Sie drängten die Russen aus mehreren befestigten Stellungen und besetzten dieselben. Vom 25. Dezember wurde der Fall sämtlicher

vor der rechten Flanke der Japaner vorge⸗ schobenen russischen Befestigungen gemeldet. Der Admiral Togo meldete nach Tokio, daß die russischen Schiffe im Hafen von Port Arthur sämtlich zerstört seien und er infolgedessen einen Teil des Blokadegeschwaders zurückgezogen habe. Eine weitere Meldung besagte, die Russen hätten vorgeschlagen, Port Arthur zu übergeben, wenn der Besatzung auf Schiffen die Rückkehr nach Rußland gestattet würde. Die Japaner hätten aber den Vorschlag abgelehnt.

Aus der Mandschurei wird nur von kleineren Zusammenstößen mit wechselnden Er⸗ folgen berichtet. Rußland beabsichtigt, bedeu⸗ tende Verstärkungen nach der Mandschurei zu entsenden; Kuropatkins Armee soll nötigenfalls auf 800000 Mann erhöht werden. Das wird allerdings nicht viel nützen, denn schon jetzt können die Truppen nicht gehörig verpflegt werden und leiden Mangel am Nötigsten. Eine noch größere Armee zu verpflegen, muß unter den gegenwärtigen Verhältnissen als unmöglich erscheinen; jedenfalls würde ein großer Teil der Truppen durch Hunger und Kälte zu Grunde gehen.

Soziales, Gewerkschaftliches, Arbeiterbewegung.

Gewerbegerichte bestanden im Jahre 1903 381 im Deutschen Reiche, außerdem 409 In⸗ nungsschiedsgerichte sowie 24 Gewerbegerichte, die auf Grund landesgesetzlicher Vorschriften zur Entscheidung gewerblicher Streitigkeiten berufen sind. Die Zahl der anhängig gemachten Klagen betrug 94891 gegen 85915 im Vorjahre. Die Tätigkeit der Gewerbegerichte als Eini⸗ gungsämter muß noch immer als sehr ge⸗ ring bezeichnet werden.

Pon Nah und Lern.

Hessisches.

Das neue Gerichtskostengesetz, welches dem Landtage vor einiger Zeit von der Regierung unterbreitet und von diefem, wie in voriger Nr. berichtet, angenommen wurde, trifft Bestimmungen über die Gerichtskosten nicht nur auf dem Gebiete der freiwilligen, sondern auch der streitigen Gerichtsbarkeit, iusoweit eben der landesgesetzgeberischen Tätigkeit Raum ge⸗ währt ist. Man wollte damit das gesamte landesrechtliche Gebührenwesen in einem Gesetze regeln. Was das System der Gebühren angeht, so hat der Entwurf festgehalten an dem Grund⸗ satz des deutschen Gerichtskostengesetzes, der Abstufung der Gebühren nach dem Wert des Gegenstandes. Der Gesetzgebungsausschuß der Zweiten Kammer befand sich mit allen wesent⸗ lichen Punkten der Vorlage in Uebereinstimmung, nur hat er in verschtedenen Fällen eine Her⸗ absetzung der Gebühren angestrebt und auch im Wege der Verständigung mit der Regterung erreicht.

Ueber das Gesamtergebnis der Gemeinderatswahlen im Kreise Offen⸗ bach wird berichtet, baß von den 30 Orten, in denen gewählt wurde, in 12 die Sozial⸗ demokraten und in ebensoviel der bürgerliche Mischmasch siegte. In den verbleibenden 6 Gemeinden wurden infolge der Streichungen auf den Zetteln teils bürgerliche, teils sozial⸗ demos ratische Kandidaten gewählt. Insgesamt wurden 59 Sozialdemokraten und 55Bürger⸗ liche gewählt. Das ist ein Resultat, auf das die sozialdemokratische Partei gewiß mit Recht stolz sein kann. Es wäre übrigens sehr zu begrüßen, wenn das Landeskomitee eine Auf⸗ stellung anfertigte, aus welcher die Gesamtzahl der sozialdemokratischen Gemeindevertreter zu ersehen wäre.

Um die Frage: Geistlicher oder nicht? drehte sich die Verhandlung über einen von der Mainzer Zentrumspartei gegen die Wahl des freireligsösen Predigers Frhr. b. Zucco⸗Cuccagna zum Stadverordneten er! hobenen Protest vor dem Mainzer Kreis- ausschusse. Dieser entschied, daß der Prediger

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