Ausgabe 
23.8.1903
 
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A

Mitteldeutsche Sountags⸗Zeitung.

Nr. 34.

b Unterhaltungs-Ceil.

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Gern bin ich allein.

Von Hermann Allmers.

Gern bin ich allein an des Meeres Strand,

Wenn der Sturmwind heult und die See geht hohl, Wenn die Wogen mit Macht rollen zu Land O, wie wird mir so kühn und so wonnig und wohl!

Die segelnde Möve, sie ruft ihren Gruß

Noch oben aus jagenden Wolken herab,

Die schäumige Woge, sie leckt meinen Fuß,

Als wüßten sie Beide, wie gern ich sie hab'. Und der Sturm, der lustig das Naar mir zaust, Und die Möv' und die Wolke, die droben zieht, Und das Meer, das da vor mir brandet und braust, Sie lehren mich alle manch' herrliches Cied.

Doch des Lebens erbärmlicher Sorgendrang

O, wie sinkt er zurück, wie vergeß ich ihn, Wenn die Wogenmusik und der Sturmgesang Durch das hoch aufschaudernde Herz mir zieh'n!

Der Wunderschrank.

Vaterländische Erzählung von Ludwig Schierk.

(Fortsetzung.)

Mit der Tiefe dieser Erkenntnisse wuchs sein Haß gegen die Leute, die ihren Unterhalt aus dem nährenden Safte eines Wunderschrankes zogen, und da der Meister als überwiegend praktischer Philosoph seine allgemeinen Gefühle an einem besonderen Falle zur Geltung zu bringen liebte, war ihm Herr Thomas Seebald der erwünschte Heilige.

Er liebte ihn fast in seinem Hasse.

Auch Lenchen hatte ihren Heiligen: es war der Wachtmeister.

Das Mädchen sprach ihn heilig, nachdem es seine Geschichte gehört; eine Geschichte, die ge⸗ wissermaßen eine Episode des drolligen Lust⸗ spieles bildete, das den erhabenen Inhalt unserer Zeit ausmacht.

Der alte Reußer war ein Soldatenkind. Dieser Umstand fügte es, daß ihn der Staat an seine nährende Brust nahm und über Holz⸗ diebe, Vagabunden und Kartenspieler setzte. Der Wachtmeister stand damals im dreißigsten Jahre. Dies ist die Zeit, wo ein vernünftiger Mann daran denkt, sein Einkommen und seine Behaglichkeit dadurch zu schmälern, daß er sich verheiratet.

Indes hatte der alte Reußer diesen Schritt nicht zu bereuen. Seine kleine Frau verstand das Kunststück, dem armseligen Haushalte das Aussehen von Anständigkeit und ihrem dürftigen Kleidchen den Schein von Eleganz zu geben. Das Ehepaar lebte so, daß weder Bäcker noch Fleischhauer ihre nützlichen Geschäfte zu ver⸗ größern genötigt waren.

Da der liebe Gott solche Ehen begünstigt, so wurde dem glücklichen Wachtmeister nach Jahresfrist ein Sohn geboren, den er Robert nannte. Als er zum erstenmal die Entdeckung machte, daß er graue Haare bekäme, war der Knabe so hoch gewachsen, daß an die Rolle gedacht werden mußte, die er in dem Lustspiele, das den erhabenen Inhalt unserer Zeit aus⸗ macht, etwa übernehmen könnte.

Der Wachtmeister entschied sich für eine höhere Bedientenrolle und beschloß, seinen Sohn studieren zu lassen.

In dem Lande, wo er lebte und wo der Wunderschrauk des Herrn Thomas Seebald stand, gab es in den Städten fast so viel Schulen als Schüler. In diesen Schulen war ein Ueberfluß von physikalischen, naturhistorischen und geographischen Kabineten, aus deren Schätzen die jungen Leute die Verhältnisse ihres Vater⸗ landes genau kennen lernten. Hatte man diese Schulen hinter sich, so galt man als befähigt, die Zauberlaute jener anheimelnden Sprache zu verstehen, von denen die vaterländischen Exerzierplätze widerhallten. Der Zudrang wißbegieriger Jünglinge wurde in diesen Schulen

dadurch auf das richtige Maß einiger zur Hälfte gefüllten Lehrsäle zurückgeführt, daß man diese Anstalten in solche Städte verlegte, wo die Söhne armer Eltern fast verhungerten.

Die kleine Frau des Wachtmeisters, die ihren Sohn nach Art armer Frauen liebte, kam auf einen sonderbaren Gedanken.

Sie erlernte das Plätten und Waschen der feinen Leinwandstücke, welche die Persönlichkeiten vornehmer Jünglinge vom Schlage des Herrn Thomas Seebald junior so überaus anziehend machen. Als ste diese nützliche Fertigkeit er⸗ worben, ließ sie ihren Mann allein und zog mit Robert in die große Stadt. Dort mietete ste eine Stube, die ein um das Wohl dieser Stadt hochverdienter Bürger aus einem Pferde⸗ stalle hervorzuzaubern wußte. An der Stelle, wo die Tiere des arischen Hauses gewöhnlich den Magen mit vaterländischem Hafer gefüllt hatten, stand das kleine Tischchen, an dem der junge Robert in einigen Jahren die Befähigung erwarb, sich dem Chef der großen, baterländischen Firma Mörwitz und Sohn vorstellen zu dürfen, der dem fleißigen Menschen in dem Zeichensaale seiner Fabrik einen Platz anwies. Die kleine Frau verwendete während dieser Zeit ihre ganze Sorgfalt auf die feinen Leinwandstücke, mit denen die vornehmen jungen Herren die schönen Köpfchen der blondgezöpften Bürgertöchter völlig verdrehten.

Der Wachtmeister saß allein im Nelkendorfe. Er kochte selbst sein Essen, reinigte seine Stiefel von der feinen Kothülle, die der braune Dorfweg darauf zurückließ und brüstete sich nach zwei Monaten mit der Tatsache, daß er in einer einzigen Sommernacht seine Unterkleider mit eigener Hand zu waschen im Stande wäre.

Nach Jahren kam die kleine Frau heim. Sie fiel dem Wachtmeister um den Hals, weinte und lachte eine Stunde lang und setzte sich dann auf die hölzerne Bank neben dem Ofen.

Franz, Dein Bart ist aber weiß geworden, und wie braun Du im Gesichte bist!

Der Wachtmeister sagte nichts. Er sah nur auf das bleiche Gesicht vor ihm und auf die kleine, gebückte, hüstelnde Gestalt, die seine Frau sein sollte.

Als die liebe Lenzluft über die Berghalde wehte, starb sie. Der Schnee schwand aus dem Nelkendorfe, der braune Dorfweg kam wieder zum Vorschein, und die bleichen Jungen der Lohnweber keuchten wieder über die Feldsteige gegen den gräflichen Wald.

Der Wachtmeister stand an dem Grabe seiner kleinen Frau und hielt die Hand seines Sohnes krampfhaft umklammert.

Um dieselbe Zeit reichten in dem Schlosse des Landesfürsten, der den jungen Kreisrichter des Städtchens zur Bestrafung der Holzdiebe, Vagabunden und Kartenspieler eingesetzt hatte, zwei vornehme Personen in einiger Verlegenheit einander die Hände.

Marschall! sagte die etnees wird Ihnen kein anderer Ausweg bleiben; Sie werden die Truppen zu dem Manöver sogleich befehlen müssen. Seine Durchlaucht können die Reise nach Italien erst im Herbste antreten, da die Prinzessin Irene eben noch einigen Unterricht in der Malerei zu nehmen gedenkt, und wir haben zwei lange Monate vor uns, die ausge⸗ füllt sein wollen. Seine Durchlaucht liebt die Jagd nicht mehr, wie Sie wissen, Marschall! und ich befinde mich in einer Verlegenheit, aus der nur Sie mich retten können!

Der Marschall versprach dem armen Oberst⸗ hofmeister, zur Erheiterung und Zerstreuung des guten Landesfürsten ein kleines Manöver der vaterländischen Truppen zu veranstalten.

Diesem Entschlusse des gefälligen Marschalls dankte es der junge Robert, daß er sein Geschäft als Zeichner der großen Firma Mörwitz und Sohn unterbrechen durfte, um in das männer⸗ bildende Feldlager einzurücken.

Es wurde ein herrliches Manöver. Die Truppen ritten siegreich durch die Felder der Bauern oder sanken ermattet in den Straßen⸗ Galen zusammen. Die Offiziere schliefen unter

elten, rauchten Zigaretten und lasen aus den Karten den Weg zu dem Dorfe, das in der Ferne gesehen wurde.

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Als sich die Sache dem Ende zuneigte, erschien die Prinzessin Irene im offenen Wagen. Der Obersthofmeister ftel aus den Wolken; denn das Programm war abgewickelt. Der dienstwillige Marschall kam seinem Freunde zu Hilfe und befahl noch ein kleines Schwarmfeuer. Die Offiziere fluchten, die Mannschaften stürzten nach den Munitionswagen, und in drei Minuten knallte es aus den Kartoffelfeldern.

Die Prinzessin Irene hatte ihr Hütchen abgenommen und blickte gedankenvoll nach den kleinen Rauchwölkchen, die den Reihen der vaterländischen Truppen entstiegen. Da tönte in dem harmlosen Geknatter der Gewehre plötzlich der scharfe Knall eines vollen Schusses, und einer der jüngeren Offiziere fiel seinen Kameraden in die Arme.

Eilige Trompeten schmetterten die Einstellung des Feuers; schweißtriefende eldjutanten brachten Befehle und Meldungen; wütende Kompagnie⸗ chefs ordneten strenge Untersuchungen an; die Prinzessin Irene fragte zweimal nach dem Stande der Sache.

Man trug den Verwundeten ins Zelt; ein Arzt mit langem Schnauzbart schüttelte den Kopf; der Telegraph rief den Vater des Offiziers ins Lager.

Der alte Reußer kam.

Er saß am Lager des Sohnes und hielt seine kalte Hand krampfhaft umklammert Robert, wirst Du auch von mir gehen?

Der Sterbende hörte ihn nicht mehr.

Der Wachtmeister kam ins Nelkendorf zurück. Er kochte wieder sein Essen; er reinigte seine Stiefel von der feinen Kothülle, die der braune Dorfweg darauf zurückließ; er wusch in einer einzigen Sommernacht seine Unterkleider mit eigener Hand.

(Fortsetzung folgt.)

1 Von der Obrigkeit und vom Ehrgefühl.

Es ist doch eine Freude und ein beruhigendes Gefühl, ein deutscher Untertan zu sein. Wenn auch leider die vermaledeiten Sozialdemokraten in Deutschland mächtiger als in allen anderen Ländern ins Kraut geschossen sind, so kann das doch keinen braven Untertan beunruhigen, weil wir ja eine starke und eifrige Obrigkeit haben. Und eine prächtige Armee dazu. Allerdings läßt im Heere das Ehrgefühl der Gemeinen zu wünschen übrig, wie ein höherer Ofsizier von vierzig Dienstjahren dieser Tage entdeckt hat, indem die Kerls sich meist gar nicht be⸗ schweren, wenn sie wie Hundsfötter behandelt werden. Die Kerls bilden sich nämlich merk⸗ würdigerweise, unter völliger Verkennung des Sachverhalts, ein, Beschweren über den Vor⸗ sitzenden heiße den Teufel bei seiner Großmutter verklagen, anstatt, wie ihre verdammte Pflicht und Schuldigkeit wäre, überzeugt zu sein, daß den Herren Vorgesetzten keine größere Freude bereitet werden kann, als wenn sie einen ehr⸗ liebenden Mann unter ihren Untergebenen finden, der sich Verletzungen seiner Menschenwürde nicht gefallen läßt. Am liebsten sähen die Herren Vorgesetzten, wenigstens die Herren Offiziere, wenn sich der dümmste Rekrut bei jedem regle⸗ mentswidrigen Schimpfwort beschwerte. Und wenn die Herren Leutnants oder der Herr Hauptmann es selbst gewesen sein sollten, deren Zahngehege die reglementswidrigenBiester, Schweinehunde, Lausekerls und so weiter ent⸗ sprungen wären, der Beweis gesunden Ehr- gefühls würde sie zweifellos doch riestg freuen und wenn sie selbst ein paar Stunden Stuben⸗ arrest, was die nobelste Art der Freiheitsstrafe und die für Offiziere neben der Festungshaft überhaupt einzig erträgliche ist, dafür absitzen müßten. Deshalb würden sie dem Manne mit dem feinen Ehrgefühl nicht einmal ein böses Gesicht machen, geschweige denn sich gar erlauben, ihn nur im geringsten und gelindesten zu zwiebeln. Aber leider wird den Herren Offizieren nur selten eine solche reine Freude bereitet und mit aufrichtiger Trauer müssen ste beobachten, wie die Kerls sich von den Unteroffizieren das schändlichste Traktement, von dem natürlich die Herren Offiziere niemals nicht eine Ahnung