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Nr. 34.
Mitteldentsche Sountags⸗Zeitung.
Seite 5.
Nachdem auch Genosse Abel im Sinne der Genossen Michels und Thesing das Wort er⸗ griffen hatte, legte zunächst der Vertrauensmann, Genosse Härtling, den letzten Rechnungs⸗ bericht der Parteikasse vor und dann erhielt Genosse Michels das Wort zum zweiten Teil der zu erörternden Fragen. In Bezug auf die Maifeier erklärte er sich dahin, daß seiner Meinung nach man nicht so weit gehen könne, allgemeine, strikte Arbeitseinstellung für den ersten Mai zu fordern, wohl aber sei es wün⸗ schenswert, daß der in letzter Zeit aufkommenden Unsitte, die Maifeier nicht am 1. Mai, sondern an irgend einem beliebigen darauf folgenden Tage zu begehen, gesteuert werde. Dann ging Redner auf die Frage der Mitarbeit an bürger⸗ lichen Zeitschriften ein. Er halte es seiner Meinung nach durchaus nicht für unrichtig, ja im Gegenteil sogar für nützlich, wenn ein Sozialdemokrat in irgend einem bürgerlichen Blatte eine wirtschaftliche Frage vom sozta⸗ listischen Standpunkt aus behandele. Denn mancher Bürgerliche bekomme dadurch einen richtigeren Begriff davon, was ein Sozial⸗ demokrat eigentlich sei, und werde, wenn auch nicht bekehrt, so doch vielleicht in manchen Dingen stutzig gemacht. Natürlich sei es andererseits durchaus verwerflich, wenn ein Sozialdemokrat in einem bürgerlichen Blatt seinen Standpunkt verleugne oder verschleiere, aber es gehe doch nicht an, etwa eine schwarze Liste derjenigen bürgerlichen Blätter aufzustellen, an denen ein Sozialdemokrat unter keinen Umständen mit⸗ arbeiten dürfe. Zu diesem Punkte äußerte sich Genosse Weber, daß er es selbst nicht tadelns⸗ wert fände, wenn ein Parteigenosse als Lokal⸗ berichterstatter an irgend einer feindlichen Tages⸗ zeitung angestellt sei. Denselben Standpunkt vertrat Genosse Thesing, während Genosse Michels meinte, eine derartige Stellung könne den Betreffenden doch häufig in ein zweideutiges Licht bringen, da er doch z. B. eventuell ge⸗ zwungen sein könnte, über eine politische Ver⸗ sammlung in gegnerischer Beleuchtung berichten zu müssen. Nach Schluß der Diskussion über diese Fragen wurden die Gen. Dr. Michels und Dr. Thesing einstimmig zu Delegierten für den Dresdener Parteitag gewählt und fol⸗ gende Resolutionen angenommen:
1) Der Parteitag wolle beschließen: Dem Zentralorgan bezüglich seiner Haltung den lokalen Organisationen gegenüber in taktischen Fragen bestimmte, nicht über die kritischen Auf⸗ 15 desselben hinausgehende Grenzen anzu⸗ weisen.
2) Der Parteitag wolle beschließen: Daß das Verhalten der Reichstagsfraktion zur Re⸗ gierung überall und jederzeit den republikanisch⸗ demokratischen Prinzipien unserer Partei zu entsprechen habe.
3) Die Genossen des Marburger Wahlkreises empfehlen die Stiftung eines Fonds zur Be⸗ streitung der Reisekosten der Delegierten zum Parteitag, damit alle anderen Rücksichten außer Kraft gesetzt werden, durch welche sich die ein⸗ zelnen Sektionen heute in der Wahl der Dele⸗ gierten vielfach noch binden lassen mögen.
Unter„Verschiedenes“ empfahl Genosse Rösler, unterstützt von Genossen Abel, die Beteiligung an den bevorst ehen den Stadtver⸗ ordnetenwahlen, und es wurde daraufhin eine dreigliedrige Kommission zur Eialeitung der erforderlichen Schritte gewählt.
zaun Auf die im„Vorwärts“ veröffentlichte hochfahrende Erklärung des Gen. Rechtsanwalt Heine haben die Marburger Genossen beschlossen, vorderhand nicht einzugehen, das Benehmen Heines aber auf dem Dresdener Parteitag zur Sprache zu bringen. g f
— Wie aus dem Inserat ersichtlich ist, findet am Sonnabend, den 29. August, die erste Versammlung des Wahlvereins statt, an der sich die Genossen zahlreich beteiligen wollen.
Wieder zwei schwere Eisenbahnunfälle.
In der Nähe von Berlin, zwischen Groß⸗ Lichterfelde und Teltow, erfolgte am Samstag Vormittag ½10 Uhr ein Zusammenstoß
zwischen dem von Berlin nach Kassel abge⸗ gangenen Personenzug und dem Münchener
Schnellzug. 17 Personen wurden verletzt, da⸗ von 5 schwer. Das Unglück wäre noch be⸗ deutender gewesen, hätte nicht der Lokomotiv⸗ führer des Personenzuges Gegendampf gegeben. — Ferner entgleiste am Sonntag abend auf der Strecke Wilpschhaus⸗Karlsfeld unweit der Station Rothenburg von einem Personenzug die Maschine und acht Wagen. 5 Personen wurden getötet und 30 schwer, 30 leicht verletzt.
Wieder eine geborstene Ordnungsstütze.
Viel Aufsehen erregt in Mülhausen i. E. die bereits gemeldete Verhaftung des Gefängnis⸗ inspektors Brendle, welcher der Unter⸗ schlagung angeschuldigt wird. Entdeckt wurden die Unregelmäßigkeiten in den Büchern während einer Urlaubsreise des Angeschuldigten. Die Unterschlagungen datieren schon von einer Reihe von Jahren her und sollen eine Höhe von 17000 Mk., vielleicht noch mehr erreichen. Man glaubte Brendle bereits flüchtig, weil man ihn in Berlin, wo er sich aufhalten sollte, ver⸗ gebens suchte; doch am Mittwoch Abend traf er mit dem Berliner D⸗Zuge ein und wurde auf dem Bahnhofe von den ihn erwartenden Kriminalbeamten verhaftet. Brendle war Präsident des Kriegervereins und hat noch vor den Wahlen in seinem Vereinle blutrünstige Reden gegen die Sozialdemokraten gehalten. Es bewährt sich hier wieder, was Mehring in seiner Geschichte der Sozialdemokratie sagt, daß die größten Gauner die rote Fahne am grim⸗ migsten hassen.— Zu bemerken ist noch, daß Brendle von den Schutzleuten in einer Droschke erster Güte am Bahnhof abgeholt und ganz geräuschlos nach seiner„neuen Wohnung“ ge⸗ bracht wurde. Politische Verbrecher, welche in einer Versammlungsrede oder in einem Zeitungs⸗ artikel eine staatliche Einrichtung verächtlich gemacht oder gar einen Nachtwächter beleidigt haben sollen, müssen gewöhnlich froh sein, wenn man sie vor der Ueberführung ins Gefängnis oder bei der Vorführung vor den Richter nicht sogar fesselt!
Wegen unsittlicher Handlung an Schülern
wurde dieser Tage von der Strafkammer in Cleve ein Lehrer aus Goch zu 9 Monaten Gefängnis verurteilt. Dabei wurde die merk⸗ würdige Tatsache aufgedeckt, daß dieser Jugend⸗ bildner schon einmal mit 8 Monaten Gefängnis bestraft worden ist wegen Vor⸗ nahme unsittlicher Handlungen mit Schülern. Wie es zugeht, daß ein Mann, der unsittlicher Handlungen mit Schülern überführt und des⸗ wegen bestraft ist, noch weiter als Lehrer tätig sein kann, wurde leider in der Verhandlung nicht festgestellt.
Ein scharfer Schuß bei der Landwehr⸗ übung.
Ein seltsamer Unfall ereignete sich, wie aus Freiberg i. S. mitgeteilt wird, auf dem Exerzierplatze des dort garnisonierenden Jäger⸗ bataillons. Die bei dem Bataillon eingezogenen Landwehrleute hatten auf dem Platze Vorstellung; hierbei fanden Uebungen gegen einen markierten Feind statt. Als die zweite Kompagnie, die den Feind därstellte, gegen die übenden Landwehr⸗ leute mit Platzpatronen schoß, fiel auf eine Entfernung von 600 Meter ein scharfer Schuß, der einem Landwehrmann eine fingertiefe Fleisch⸗ wunde beibrachte. Dicht neben dem Landwehr⸗ mann stand der Hauptmann v. Abeken, so daß ein Racheakt vermutet wird. Das Gefecht wurde sofort abgebrochen und eine Untersuchung eingeleitet.
Kleine Mitteilungen.
a Ueberfahren wurde auf dem Gießener Güter⸗ bahnhof am Mittwoch morgen der Hilfsweichensteller Reinhard Hofmann aus Wieseck. Beide Beine wurden dem Bedauernswerten unterhalb des Knies abgefahren.
z Bei einer Schlägerei auf dem Lindenplatze in Gießen erhielt der Spengler Cretzschmar einen Stich in die Lunge. Er ist seinen Verletzungen erlegen.
a Arbeiterrisiko. Am Dienstag abend wurde
einem Arbeiter auf der Main⸗Weserhütte in Lollar pon einem Treibriemen ein Arm vom Rumpf geschnitten.
* In Langgöns brachte die Frau eines Land⸗ wirts ihrem Manne im Verlauf eines Streites eine erhebliche Verletzung durch einen Hieb mit der Sichel in die Brust bei.
Zum Bürgermeister von Lich wurde der seitherige Bürgermeister Heller mit 327 gegen 66 Stimmen wiedergewählt.
* Verhafteter Mörder. Der vor fünf Jahren wegen Lustmordes zum Tode verurteilte Deserteur Wey⸗ gand, der seinerzeit aus dem Darmstädter Gefängnis entflohen war, wurde in Mainz verhaftet. N
* Als Beigeordneter in Offenbach an Stelle des Beigeordneten Wolff, dessen Dienstentlassung das Gericht bekanntlich bestätigte, wurde am vorigen Freitag der Stadtrat Zopf aus Aue i. S. auf die Dauer von 6 Jahren gewählt. Sein Gehalt beträgt 6000 Mk.
* Ertränkt. Bei Groß⸗Karben wurde am Samstag die seit Dienstag verschwundene 21 jährige Dienstmagd Anna Dröller von dort tot aufgefunden. Sie war für Dienstag nach Vilbel vor Gericht geladen worden, um sich wegen der Anklage, das Verbrennen eines Kornhaufens verschuldet zu haben, zu verantworten.
* Vom Zug e überfahren ließ sich am Freitag bei Ems eine junge Dame, die Frau eines Geschäftsmannes aus Ems. Sie warf sich in selbstmörderischer Absicht mit ihrem etwa vier Jahr alten Töchterchen unter den nach Frankfurt gehenden Personenzug, wurde von der Maschine erfaßt und getötet, während das Kind mit einer Kopfwunde davon kam.
Partei-Uachrichten.
Wahlsieg in Baden. Bei der Wahl zum Bürgerausschuß in Lörrach GBaden) erfocht unsere Partei einen glänzenden Sieg. Von 508 in der 3. Wählerklasse abgegebenen Stimmen fielen 276, also 21 über die absolute Mehrheit auf den sozialdemo⸗ kratischen Wahlvorschlag. Auch in anderen Gemeinden des Amtes Lörrach haben unsere Parteigenossen bei den Gemeindewahlen schöne Siege erfochten.
Wahlkreis Wetzlar.
Sonntag, 30. August, nachmittags 3 Uhr findet in Gleiberg, im Gasthaus zum„Schwarzen Walfisch“ (Karl Bender) die diesjährige„Lassalle⸗Feier“ statt, worauf wir die Genossen und Genossinnen aufmerksam machen möchten.
Wahlkreis Gießen · Grünberg⸗Nidda. Kreiskonferenz
Sonntag, den 30. August, vormittags
10 Uhr im Lokale Orbig in Gießen. Tagesordnung:
„Bericht des Reichstagswahlkomitees.
Geschäfts⸗ und Kassenbericht des Vorstandes.
. Vorstandswahl.
. Landeskonferenz.
. Parteitag in Dresden.
Verschiedenes.
Die Parteigenossen der einzelnen Orte im Kreise werden ersucht, für zahlreiche Beteiligung an der Kon⸗ ferenz zu sorgen und die Wahlen der Delegierten recht⸗ zeitig vorzunehmen. Anträge wolle man an den Vor⸗ sitzenden Gg. Beckmann, Gießen, Grünbergerstr. 44, gelangen lassen.
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Versammlungskalender.
Samstag, den 22. August.
Gießen. Holzarbeiter. Abends 9 Uhr Versamm⸗ lung bei Löb„Wiener Hof“.— Metallarbeiter. Abends 9 Uhr Versammlung bei Orbig.
Marburg. Holzarbeiter. Abends 9 Uhr Ver⸗ sammlung bei Hillberger.— Metallarbeiter. Abends 9 Uhr Versammlung bei Jesberg.
Staufenberg. Wahlverein. Abends 9 Uhr Versamulung bei Geißler. Wahl der Delegierten zur Kreis konferenz.
Montag, den 24. August.
Alten⸗Buseck. Volks⸗Verein. Abends 97 Uhr Versammlung bei Wirt Becker.
Letzte Nachrichten.
Ueber die Wahlrechtsraub-Pläne bringt der „Vorwärts“ neue Enthüllungen. Daraus geht als Wichtigstes hervor, daß die preußische Regierung von dem sauberen Plane Kenntnis gehabt und ihn ge⸗ wissermaßen unterstützt hat.— Die Redaktion den „Kölnischen Zettung“ leistete einen Geldbeitrag dazu von 150 k.; ferner wird nachgewiesen, daß verschiedene Reichstagsabgeordnete— sogar„liberale“— die Ver⸗ nichtung des Wahlrechts zu betreiben sich erboten haben.
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