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Mitteldeulsche Sonntags⸗Zeitung.
Nr. 34.
— Immer etwas Neues bringt Bürger⸗ meister Köhler von Langs dorf, der frühere Vertreter Gießens im Reichstage, aufs Tapet. Vor einiger Zeit arrangierte er ein glänzend verlaufenes„Geißen⸗Fest“, bei welchem alle Ziegen im Orte schön aufgeputzt und im feier⸗ lichen Zuge nach dem Festplatz geführt wurden. Die nützlichen Tiere, die ob solcher Ehrung höchst erstaunt waren, sollen sich übrigens auf ihrem Feste königlich amüsiert haben.— Jetzt will Herr Köhler nun die Kirmessen ver⸗ edeln, wie er in einer Bekanntmachung in der Hungener Landpost ankündigt. Ganz klar ist es eigentlich nicht, wie er das zu bewerkstelligen gedenkt. Und wenn er in erwähnter Bekannt⸗ machung sagt:„Zuchtloser wie je ist die Jugend allenthalben geworden und weder kennt sie noch Scheu vor Gott und den Menschen, noch Ehr⸗ furcht vor Alter, Ansehen und Obrigkeit. Darum müssen ihr neue Grenzen gesetzt werden, aber es müssen solche sein, wie sie unsere freigeistige Zeit erfordert, die Selbstverwaltung“, so wird man auch dadurch nicht genauer in das neue Projekt eingeweiht. Uebrigens sind diese Sätze sehr anfechtbar. Der Jugend neue Grenzen setzen— wir wissen nicht, wie das angehen soll .. denn ganz von selbst und ohne Erbarmen naht das Alter.— Wer hat aber denn die Jugend bisher erzogen, daß ste so„zuchtlos“ geworden ist? Ist es vielleicht der so viel gerühmte und gepflegte christlich⸗germanisch⸗ antisemitisch⸗kriegervereinliche Geist, der sie so unheilvoll beeinflußte?
Aus dem Rreise griedberg⸗Püdingen.
— Trauriges Ende einer Staats⸗ stütze. In Ortenberg wurde neulich, wie unser Frankfurter Parteiorgan berichtete, der früher in Frankfurt tätige Polizeikommissar Seipp verhaftet, weil er sich in der Nähe von Gedern an einem noch nicht 14 Jahre alten Schulmädchen sittlich vergangen hatte. Merk⸗ würdiger Weise wurde Seipp, den man für unzurechnungsfähig hielt, später in die Irren⸗ anstalt nach Heppenheim gebracht. Er scheint doch noch Geistesklarheit genug gehabt zu haben, um die Höhe der Strafe für das von ihm ver⸗ übte Verbrechen ermessen zu können. Aus
Furcht vor der zu exwartenden Strafe hat
sich Seipp am Freitag in der Anstalt Heppen⸗ heim erhängt und sich dadurch der richterlichen Verurteilung entzogen. Es ist charakteristisch, daß viele von denen, die sich in Chikanen gegen die Arbeiterbewegung besonders auszeich⸗ neten(bei Seipp war es auch der Fall) entweder f Irrsinn verfallen oder durch Selbstmord enden.
Aus dem RNreise Alsfesd-Cauterbach.
„*Die am Sonntag, den 16. August, nach⸗ mittags auf der Pfefferhöhe bei Alsfeld angesagte Kreiskonferenz war von 16 Genossen besucht. Die Hauptfrage, welche die beinahe vierstündige Versammlung zu erledigen hatte, war die Stichwahlangelegenheit. Der Sach⸗ verhalt, der durch die langen Debatten, an denen sich fast sämtliche Anwesenden, zumal aber die Genossen Eder und Wiegandt⸗ Alsfeld, Orbig-Gießen und Michels-Mar⸗ burg beteiligten, festgestellt wurde, ist kurz fol⸗ gender: Die Alsfelder Parteileitung hatte, im Einverständnis mit dem Reichstagkandidaten des Kreises, beschlossen, in der Stichwahl zwi⸗ schen dem Antisemiten Bindewald und dem Nationalliberalen Kreisrat Wallau Stimmen⸗ enthaltung anzuempfehlen, gleichzeitig mit der Hinzufügung, daß jedenfalls kein Genosse für den Antisemiten eintreten dürfte. Leider wurde dieser Stichwahlbeschluß aber durch das durch nichts begründete Erscheinen zweier Flugblätter des Genossen Krumm ⸗ Gießen, welche von den Alsfelder Antisemiten herausgegeben wurden, einerseits, sowie durch etliche andere Flugblätter der Alsfelder Parteileitung, in welchen diese sich dazu hinreißen ließ, ohne weiteres für Herrn Wallau einzutreten, andererseits durchbrochen. — Die Konferenz bedauerte einmütig das völlig unbefugte Eingreifen des Genossen Krumm in
die Stichwahlangelegenheit eines Nachbarkreises
und mußte zugeben, daß auch von Seiten der
Alsfelder Genossen eine Reihe von Fehlern begangen worden seien, die, wenn auch aus der Jugend der sozialdemokratischen Bewegung im Kreise zu begreifen, für eine nächste Wahl unter allen Umständen zu vermeiden seien. Sodann wurden in geheimer Abstimmung die Genossen Dr. Michels und Jakob Eder als Delegierte zur Landeskonferenz sowie Dr. Michels als Delegierter zum Dresdener Parteitag gewählt. Die Rechnungsablage war in Ordnung befunden worden. Die e in welcher die unter den Genossen herrschenden Gegensätze zu⸗ erst in sachlicher, aber scharfer Form stark auf⸗ einandergeprallt waren, schloß, wie es unter echten Sozialdemokraten üblich ist, mit offenem gegenseitigem Bekenntnis der gemachten Fehler und dem auf's Neue gegebenen Versprechen, in einträchtigem Kampfe Schulter an Schulter gegen den gemeinsamen Feind weiter zu fechten.
Aus dem Rreise Wetzlar.
h. Am Sonntag, den 16. August fand eine zahlreich besuchte Kreiskonferenz statt. Zu⸗ nächst wurde der Kassenbericht erstattet, nach welchem eine Einnahme von M. 833.69 und eine Ausgabe von M. 734.93 zu verzeichnen war. Nach der, von aus der Mitte der Teil⸗ nehmer gewählten Revisoren, erfolgten Prüfung der Abrechnung, welche für richtig befunden, wurde dem Genossen Fauth⸗Wetzlar Entlastung erteilt. Der zweite Punkt der Tagesordnung, „Der Parteitag in Dresden“, fand eingehende Besprechung, und wurde Fauth⸗Wetzlar als Delegierter und Stork⸗Krofdorf als Ersatzmann gewählt. Nach kurzer Debatte wurde der dritte Punkt vertagt und auch der Punkt„Presse“ fand nach etwas heftiger Auseinandersetzung nicht seine volle Erledigung. Für Sonntag, den 30. August bestimmte man eine Volks⸗ versammlung, in der Genosse Habicht⸗Frank⸗ furt über Lassalle sprechen wird. Gegen 8 Uhr abends erfolgte Schluß der Konferenz.
h. Der„Wetzl. Anz.“ brachte vor kurzem folgende Notiz:
„Dem„Rhein. Kur.“ wird von hier ge⸗ schrieben: Hier sind mehrere Fälle von Typhus⸗ erkrankungen konstatiert worden. Die Massen⸗ einquartierungen, welche bei den demnächst be⸗ ginnenden Manöverübungen für unsere Stadt vorgesehen waren, sollen deswegen auf die um⸗ liegenden Ortschaften verteilt werden.(Wir glauben einstweilen nicht, daß es dazu kommt. Red. d. W. A.)“
Nun, wem es vergönnt war, dieser Tage am hiesigen Schlachthaus, das mitten in der Stadt gelegen, vorüberzugehen, in welchem am hellen Nachmittag, bei einer Hitze von 20 R. die„Düngergrube“ geleert und das„Ge⸗ wonnene“ dann durch die Stadt gefahren wurde, der glaubte sich in einer Abdeckerei zu befinden, aber nicht in einem zahlreich bewohnten Stadtviertel. Es wird die höchste Zeit, daß hier die Behörde, wie dies längst in anderen Städten geschehen, für solche Arbeiten a m Tage, im Interesse der allgemeinen Gesundheit, ein Verbot erläßt.
h. Kürzlich erkrankten bei einem hiesigen Handwerker, die meisten Angehörigen. Eine zu Besuch weilende Verwandte starb bald darauf und 3 Personen befinden sich noch in Behandlung. In letzter Zeit wurde viel über verdorbene Wurst geklagt und sei hiermit zur Vorsicht gemahnt.
t. Aus Haiger schreibt man uns: Auf der hiesigen Miner va⸗Hütte versucht man jetzt die Kon⸗ toristen nach militärischer Art zu drillen. Dabei kommt man zu ganz merkwürdigen Anordnungen und Verord⸗ nungen. So wurde kürzlich verfügt, daß die Beamten den früheren Teilhaber und Leiter des Werkes, der sich jetzt eine eigene Fabrik baut, weder grüßen, noch mit ihm verkehren sollten. Und wie mancher der jungen Leute verdankt seinem früheren Chef seine ganze kauf⸗ männische Fertigkeit! Vorschriften solcher Art müssen sich„freie deutsche Männer“ bieten lassen! Nicht ge⸗ grüßt soll der frühere Chef werden— sehr untertänig gegrüßt aber ein als Prokurist eingestellter blutjunger Mensch, der sich lebhaft beschwerte, als die Beamten nicht Unterwürfigkeit genug an den Tag legten.— Einesteils geschieht es ja den Kaufleuten, die sich so gern besser dünken als andere Arbeiter, recht, wenn sie
wenig respektvoll behandelt werden, denn bei ihnen ver⸗
mißt man in der Regel jedes Solidaritätsgefühl, vielmehr sucht jeder durch Streberei und Schmuserei seinen per⸗ sönlichen Vorteil. Damit können natürlich die Maßnahmen der Hütten⸗Direktion in keiner Weise entschuldigt werden. Diese springt mit Arbeiter⸗Existenzen um, daß es eine Art hat. Ohne jeden ersichtlichen Grund werden Arbeiter auf die Straße geworfen. Das ist die„Freiheit“ im heutigen Staat! Sie wird den Arbeitern von den jetz⸗ igen Leitern des Werkes so recht vor Augen geführt, zu deren Verhalten das arbeiterfreundliche Wesen des Gründers in wohltuendem Gegensatz stand.
Aus dem Nreise Marburg⸗Rirchhain.
G. M. Sonnabend den 15. August fand im Jesbergschen Lokal eine gut besuchte öffentliche Parteiversammlung statt, welche sich mit dem Dresdener Parteitag zu beschäftigen hatte. Auf der Tag⸗sordnung standen infolgedessen auch dieselben Themen, welche in Dresden zur Verhandlung kommen werden, und zwar hatten die Genossen Dr. Thesing und Dr. Michels sich in die Referate über die einzelnen Punkte geteilt. Zunächst erörterte Gen. Thesing die Stellung der Sozialdemokratie zur bürgerlichen Linken. Er stellte sich auf den Standpunkt, daß da der heutige Liberalismus mit seinem Manchestertum zu einem Schutzpatron für den unverfälschtesten Kapitalismus geworden und sein ursprünglicher Wahlspruch„Freiheit, Gleich⸗ heit, Brüderlichkeit“ zur Phrase herabgesunken sei, ein Zusammengehen der Sozial demokrattie mit der bürgerlichen Linken unmöglich wäre, und jedenfalls nur schädlich auf unsere Partei wirken könnte. Deshalb halte er auch das Bedauern, das auch in unsern Reihen über den Rückgang der bürgerlichen Demokratie laut geworden sei, für durchaus falsch. Wir sollten uns, namentlich wenn wir uns vor opportu⸗ nistischer Verführung nicht ganz sicher fühlen, lieber ganz davon fern halten!— Ebenso ab⸗ lehnend verhielt Gen. Thesing sich zur Vize⸗ präsidentenfrage. Der Gedanke des Kaiserbesuches entspringe aus einem verderb⸗ lichen Opportunismus— nie dürfe man Prin⸗ zipien für kleine Vorteile des Augenblicks ver⸗ leugnen! Der dritte Punkt des Thesingschen Referats drehte sih um die Marburger Stichwahlangelegenheit, welche höchst wahr⸗ scheinlich auf dem Parteitage zur Sprache kommen wird. Dr. Thesing verlas die Ent⸗ gegnung des Genossen Heine im Vorwärts und wandte sich mit aller Schärfe gegen die Entschuldigungsbersuche wegen des von ihm an Gerlach gesandten Telegramms. In der darauffolgenden Diskussion sprach sich Genosse Weber im Sinne des Referenten über die Frage des Reichstagsvizepräsidenten aus, wandte sich aber gegen die Angriffe auf Heine, in dem er die Angelegenheit so darzustellen suchte, als ob die Marburger Genossen Heine nur zum Prügelknaben stempeln wollten. Genosse Michels widerlegte diese Behauptung, indem er kurz den Entwicklungsgang der Stichwahlfrage noch einmal anseinandersetzte, aus welchem sich klar ergebe, daß der Beschluß der Stimmenenthaltung mit vollem Recht auf Grund des Parteitagbeschlusses und eines zu⸗ stimmenden Briefes von der Parteileitung ge⸗ faßt worden sei und daß ein zweiter Brief des Genossen Pfannkuch, welcher nachträglich nochmalige Unterhandlungen mit Gerlach an⸗ empfahl, an diesem Beschluß nichts mehr hätte ändern können, da zu einer etwaigen Ein⸗ berufung einer neuen Versammlung zu noch⸗ maliger Beschlußfassung keine Grundlage ge⸗ boten worden sei. Im übrigen stehe Genosse Weber mit seiner abweichenden Ansicht über das Benehmen des Vorwärts und des Gen. Heine ja fast allein, da die eine der drei Stimmen, welche damals gegen die das Vorgehen des Vorwärts tadelnde Resolution gestimmt hätten, auf den Genossen Thesing entfalle, welcher nur mit der Form ber Resolution nicht einverstanden gewesen sei.— Auch Gen. Michels stellte sich in der Vizeprästdentenfrage auf denselben Standpunkt wie die beiden Vor⸗ redner. Er hob noch als besonders ausschlag⸗ gebendes Moment hervor, daß selbst der Kaiser eine größere Hochachtung vor der Sozialdemokratie bekommen würde, wenn dieselbe ihren Prinzipien treu bliebe und nicht um eine Audienz bei ihm bäte.


