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Nr. 34.
Mitteldeutsche Sountags⸗Zeitung.
Seite 3.
Hätten wir in Deutschland eine ähnliche Justiz, so würden sich bei manchem„hohen Be⸗ such“ sehr energische und sehr zahlreiche Pfiffe in das Hurragebrüll mischen.
Der König von Mörders ⸗Guaden.
Peter von Serbien scheint sich auf seinem Throne nicht besonders behaglich zu fühlen. Schwierigkeiten vielfacher Art stellen sich ihm entgegen und lassen ihn nicht zur Ruhe kommen. Die Herren Königsmörder haben ihn in der Hand und werden ihm aufsässig, wenn er nicht nach ihrer Pfeife tanzt. Denn es steht nach neueren Mitteilungen mit ziemlicher Bestimmt⸗ heit fest, daß Peter von dem Mordplane gegen Alexander und Draga gewußt hat. So ver⸗ öffentlichte kürzlich die„Rhein.⸗Westf. Zeitung“ eine Zuschrift, die von einer den Mördern nahestehenden Seite stammen soll und in der es u. a. heißt: 0
„König Peter ist nur pro forma(der Form nach) König; die Königsrechte übt nicht er aus, sondern die revolutionäre Regierung, oder besser gesagt, die Teil⸗ nehmer der Verschwörung.... Die Erklärung dafür ist aber sehr einfach: Die Ermordung des Königspaares geschah mit Wissen des Prinzen Peter Karageorgewitsch, ja er stellte den Verschwörern sogar eine Verschrei⸗ bung aus, daß, wenn er König würde, den Teilnehmern am Morde kein Haar gekrümmt werden solle.... Den Plan der Verschwörung teilte der jetzige Handels minister Gencsics persönlich dem Prinzen Peter mit. Die Mit⸗ teilung, daß Prinz Peter einverstanden sei, überbrachte Gencsies den Verschwörern mit der Versicherung, daß sie vor jeder Verfolgung geschützt werden sollten. Der Ausschuß in Belgrad wollte sich mit diesem Versprechen begnügen, aber die verschworenen Offiziere hatten Be⸗ denken und wünschten, daß Prinz Peter Karageorgewitsch eine bindende Erklärung schriftlich ausstellen möge. Einstimmig wurde beschlossen, Gencsies neuerdings nach Genf zu entsenden. Er kehrte triumphierend von dort zurück, denn er brachte ein eigenhändiges Schreiben des Prinzen Peter Karageorgewitsch.... Darin liegt die Erklärung, wieso es kommt, daß der Wille der Ver⸗ schwörer heute in Serbien maßgebend ist. Der Brief König Peters ist der Draht, an dem man den König zieht; er ist in ihrer Macht.... Die Diktatur der Verschwörer wird über kurz oder lang neue Verwicke⸗ lungen hervorrufen, und wenn König Peter die tatsäch⸗ liche Macht in die Hand bekommen will, dann wird ihn das einen harten und gefährlichen Kampf kosten....“
Nun haben auch noch die Minister ihre Entlassung gegeben, weil einige den Ver chwörern mißliebige Offiziere der Belgrader Garnison nicht versetzt worden waren. Auch in der Armee herrscht Unzufriedenheit. Etwa 300 Offiziere sollen in einer Denkschrift an den König die Enthebung der Verschwörer von den leitenden Stellen verlangt haben, mit dem Hin⸗ zufügen, daß sie, im Fall ihre Bitte nicht erfüllt werde, genötigt seien, ihren Abschied zu erbitten. Diese Dinge haben den armen König verdrossen gemacht und er soll schon erklärt haben, die Krone wieder niederlegen zu wollen.— Das kommt davon, wenn man den Gottbegnadeten spielen will und sich, um seinen Ehrgeiz zu befriedigen, mit Verbrechern einläßt!
Aufstand auf der Balkanhalbinsel.
Seit Monaten schon tobt der Klein- und Bandenkrieg, den die Bulgaren in Mace⸗ donien gegen die türkische Herrschaft führen. Zahlreiche größere und kleinere, immer aber höchst blutige Gefechte und Metzeleien haben stattgefunden. Die Erfolge der gegen die Auf⸗ ständischen aufgebotenen türkischen Truppen sind gering, denn die Aufstandsbewegung dehnt sich über ein weites Gebiet aus. Ein angesehener Grundbesitzer sprach sich über die Zustände da⸗ hin aus:„Bei Tage sind die Türken die Herren, sobald aber der Abend seine Schatten vorausschickt, so beginnen die Bulgaren ihr Schreckensregime, und die türkischen Soldaten verkriechen sich.“— In einem Gefechte bei Perlepe wurden 200 Insurgenten getötet und §0 gefangen. Ein entsetzliches Blutbad ver⸗ anstalteten die Insurgenten in Itschobina, in der Kasa Isbiwitsche, wo 800 Muselmanen, Frauen und Kinder massakriert wurden. Die Insurgenten haben beschlossen, an die Zer⸗ störung der größeren Bahnobjekte zu gehen, besonders der längeren Brücken, deren Reparatur
fast gänzlich. Bei der 42 Kilometer weit von Saloniki entfernten Station Amatowo wurde ein Personenzug in die Luft gesprengt. Die Zahl der Toten und Verwundeten ist sehr groß.— Die Türken mögen ja die besten Brüder auch nicht sein; es sind aber christliche Völker, welche diese Mordtaten verüben.
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Gewerkschastl. u. Arbeiterbewegung.
+ Ausgesperrt wurden am Samstag 600 Maurer in Düsseldorf. 60 christ⸗ lich⸗organisterte Maurer arbeiten weiter.
+ Maureraussperrung in Krefeld. Nachdem der Krefelder Zimmererstreik mit einem teilweisen Erfolg der Ausständigen beendet ist, sind die Maurer in eine Lohnbewegung einge⸗ treten. Ste fordern 10 stündige Arbeitszeit, 50 Pfg. Stundenlohn und entsprechenden Zu⸗ schlag für Ueberstunden und Sonntagsarbeit. Falls die Bauinnung diese Forderungen ablehnen würde, sollte am 17. August der Streik beginnen. Auf einen Beschluß der Unternehmer sollen bis zum 17. August alle der freien Gewerkschaft angehörenden Maurer ausgesperrt werden. Ein Tell der Unternehmer hat diesen Beschluß bereits zur Ausführung gebracht.
Der Generalstreik bei den Lanzschen Fabriken in Mannheim ist persekt. Es sind daran 2500 Mann beteiligt. Seitens der Fabrik⸗ leitung wurde bereits eine„schwarze Liste“ ver⸗ sandt. Durch Angebot eines Stundenlohns von 70— 80 Pfg. sucht man Streikbrecher zu gewinnen; hätte man einen solchen Lohn, der übrigens nur für die Dauer des Ausstandes gezahlt würde, bisher gezahlt, wäre es stcherlich nicht zum Ausstande gekommen.— Wie jetzt mitgeteilt wird, hat eine dieser Tage stattge⸗ fundene Versammlung der streikenden Lanzschen Arbeiter beschlossen, die Intervention des Fabrikinspektors anzurufen.
1 Günstige Folgen der Beitrags⸗ erhöhung für die Entwickelung seiner Gewerkschaft stellt der Vorstand des Hol z⸗ arbeiter verbandes in seiner letzten Quar⸗ talsabrechnung fest. Er bemerkt, nachdem er ziffernmäßig das Anwachsen des Verbandes nachgewiesen:„Die Befürchtungen, daß die mit der Einführung der Arbeitslosenunterstützung verbundene Beitragserhöhung dem Verband einen Rückschlag geben würde, haben sich, wie ähnliche frühere Prophezeiungen, wieder einmal nicht erfüllt. Mögen alle Verbandsmitglieder aus dieser erfreulichen Tatsache neuen Mut schöpfen zu neuer, intensiver Agitation.“
Aehnlich günstige Erfahrungen haben alle Organisationen bisher mit der Einführung von Unterstützungen und Erhöhung der Beiträge gemacht.
+ Nutzen der Arbeiter-Organisa⸗ lion. Die Berg⸗ und Hütienarbeiter⸗Zeitung schreibt:„Unterm 5. August hat den Vorstand des Bergarbeiter⸗Verbandes eine Eingabe an den Verein für die Bergbaulichen Interessen im Oberbergamtsbezirk Dortmund gerichtet, in der ausführlich die schwere Schädigung der Bergleute durch die Wurmkrankheit dargelegt ist. Unter besonderer Betonung der Dringlich⸗ keit der Erledigung dieser Angelegenheit, die große Erregung bei den Belegschaften verursachte, ersuchte unser Verbandsvorstand den Werks⸗ besitzerverein, den Wurmkranken Lohnentschädi⸗ gung zu bewilligen. Unsere Eingabe ging auch an das königliche Oberbergamt und an das königliche Ministerium für Handel und Gewerbe. Es hat denn auch schon am 9. August eine Versammlung des Werksbesitzerverbandes statt⸗ gefunden, in der„beschlossen“ sein soll, den Wurmkranken täglich 2 Mark Zuschuß zum Krankengeld zu zahlen. Eine andere Korre⸗ spondenz schreibt babegen es sei den Zechen „empfohlen“ worden, den Durchschnittslohn zu vergüten, wie es auf einer Reihe Werke schon geschieht. Der genaue Beschluß ist uns zur Zeit noch unbekannt, aber so viel steht fest, es wird eine Besserung für die Opfer der Wurm⸗ krankheit eintreten! Und das ist angesichts des Elends nur zu notwendig.“
nicht leicht durchzuführen wäre. Auf den Orientalischen Bahnen stockt der Personenverkehr
Bestünde keine kraftvolle Bergarbeiter⸗Organi⸗ sation, wütete vielleicht die unheimliche Wurm⸗
krankheit noch unbekämpft weiter, der Lohn stünde vielleicht auf der Höhe, wie ihn chinesische Kulis bekommen, und die Behandlung wäre die der Negersklaven. Hoffentlich nehmen sich die bisher noch nicht organisierten Bergarbeiter und alle ihrer Gewerkschaft nicht angehörigen Arbeiter überhaupt das zu Herzen und stellen sich mit in die Reihen ihrer kämpfenden Brüder.
+ Zirka 160 Spengler befinden sich seit Montag in Hannover⸗Linden im Aus⸗ stande. Unterhandlungen, die einen günstigen Erfolg versprechen, sind mit der Innung im Gange. Zuzug ist streng fernzuhalten.
Von Nah und Lern. g
Gießener Angelegenheiten.
— Zur Landeskonferenz drückt im Offenbacher Parteiorgan ein Genosse den Wunsch aus,„daß die Punkte der Konferenz,„Die Reichstagswahlen“ und„Der Parteitag“, nicht so abgehaspelt werden, wie in Worms. Ulrich als Referent über„Die Reichstagswahlen“ referierte kaum 15 Minuten und Kramer als Referent über„Der Parteitag in München“ ahmte dieses„gute“ Beispiel nach und wickelte sein Pensum ebenfalls in wenigen Minuten ab. Eine derartige Kürze halten wir für verfehlt. Die ländlichen Delegierten haben großes Interesse an diesen Verhandlungen. Dieselben empfangen wertvolle Anregungen, die zu Hause bei den Genossen sehr gut zu verwerten sind. Um eben mehr Zeit für längere Referate zu bekommen, schränke man die überflüssige Diskussion ein.“
Letzteres wird wohl nicht gut angehen. Man kann nicht sagen, daß auf den bisherigen Kon⸗ ferenzen die Diskusstonen zu ausgedehnt gewesen wären. Dann ist aber doch auch der vornehmste Zweck der Konferenzen, eine allgemeine Aussprache über alle Parteiangelegenheiten zu erzielen und man muß jedem Genossen Gelegenheit geben, seine Beschwerden, Wünsche und Ansichten vor⸗ zubringen. Daß die Delegierten— und nicht blos die ländlichen— ausführlicheren Vorträgen über die erwähnten Punkte großes Interesse entgegenbringen, steht ja sest, zu solchen dürfte aber die zur Verfügung stehende Zeit nicht ausreichen.— Auf der Tagesordnung vermissen wir übrigens einen Bericht über die Tätigkeit unserer Genossen im hess. Landtage; wir meinen, daß hierbei viel mehr zu sagen wäre, als über den Dresdener Parteitag und die verflossenen Reichstagswahlen.— Unter allen Umständen müssen die Parteigenossen für zahl⸗ reiche Beschickung der Steinbacher Konferenz sorgen!
— Eine 63 jährige Dienstzeit bei der Stadt Gießen hat der Kanzleirat Demuth hinter sich, der vorige Woche aus dem Dienste schied und in den wohlverdienten Ruhestand trat. Er ist bereits 79 Jahre alt. Während seiner langen Dienstzeit amtirten nacheinander steben Bürgermeister und manche Wandlung in der Verwaltung ist vor sich gegangen. De⸗ muth stand in dem Rufe eines tüchtigen und gewissenhaften Beamten und erfreute sich all⸗ gemeiner Beliebtheit und jedermann wird ihm einen freundlichen Lebensabend wünschen.
— Die Friedhofs weihe wird voraus⸗ sichtlich die evangelische Landessynode beschäftigen, die im September zusammentreten soll. Der Pfarrer Wahl in Langen hat nämlich bei dem Oberkonsistorium eine Interpellation einge⸗ bracht:
1. Sind hoher Kirchenbehörde Ursachen und Verlauf der Vorgänge bekannt, die neuerdings in Gießen dazu führten, daß dem ersten evan⸗ gelischen Pfarrer Dr. Naumann von Seiten des Oberbürgermeisters Mecum die Vornahme einer Weihe des neuen Friedhofs unter Androhung von Gewalt untersagt wurde? 2. Welche Maßregeln gedenkt hohe Kirchenbehörde zu er— greifen, um für die Zukunft eiuer etwaigen Wiederholung solch völlig rechtswidrigen Ein⸗ greifens in die Sphäre evangelisch⸗ kirchlichen Lebens vorzubeugen.
Es ist wirklich ein starkes Stück von dem Pastor, hier von rechtswidrigem Eingreifen in kirchliche Angelegenheiten zu reden.


