Ausgabe 
18.1.1903
 
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Mitteldeulsche Sountags⸗Zeitung.

Seite 6. 01. E e a Anterhaltungs-Ceil.

Die Arbeit.

Es mag der Arbeit heut erklingen Ein ernstes Lied, und ihr allein. Es soll von Herz zu Herzen dringen, Mit Ciebe soll's geschrieben sein.

Sie tritt hinaus auf das Gelände Am Morgen früh, am Abend spät, Sie regt die mehr als fleiß'gen Hände Da wo sie ackert, wo sie mäht.

Sie läßt den Hammer niedersausen, Sie zieht die Feile scharf und schwer, Und sie beherrscht der Räder Brausen Und ist zu Haus auf weitem Meer.

Sie holt den Reichtum aus der Erde Und fördert täglich neues Gut.

Sie trotzt der härtesten Beschwerde Und opfert hin das eig'ne Blut.

Sie schmiedet künstliches Geschmeide Und webt den Stoff zum Prachtgewand Sie rauscht im feinsten Seidenkleide Und lispelt leis in jedem Band.

Sie nährt der faulen Schlemmer Garde, Sie nährt des Reichen Freudenweib

Sie selbst hat nur das taube Warte! Und friert und darbt am eignen Leib!

Sie hilft die schönsten Freuden schaffen Und neigt das Haupt so sorgenschwer, Und wenn sie glaubt das Glück zu raffen, Dann ist für fie die Schaale leer.

Doch wenn sie nach dem Recht will rufen

Und nach der Freiheit Lebenslicht,

Dann tritt man sie mit Pferdehufen Und schleppt sie vor das Strafgericht!

Giebt's denn vor diesem qualvoll Bösen Für sie nicht Rettung, keine Wahl p

O doch, sie wird sich auch erlösen! Doch davon kling's ein andermal.

Aus einem deuischen Hause. Ein Familienbild aus dem neunzehnten Jahrhundert von Ludwig Schierk. (Fortsetzung.)

Ter Erbprinz bezog seine geistige Kost aus den Händen dreier Mentoren, welche sich in die Arbeit, einem abgestumpften Knabenhirne das zu gewissen Prüfungen, die eine fürsorg⸗ liche Staatsgewalt vorschreibt, unumgänglich nötige positive Wissen einzuprägen, redlich teilten.

Die Spuren dieser nützlichen Tätigkeit waren auf einem Tisch zu erblicken, dessen nach allen Regeln des Kunstgewerbes getäfelte Platte aus einem Wuste von beschriebenen Papierblättern, regellos durcheinander geworfenen Büchern und dergleichen Schulgerippen hervorblickte.

Während Martha, still und gedrückt wie ste gekommen, die Reste des Frühstückes ab⸗ räumte, warf Prinz Ewald einen Blick voll unsäglicher Verachtung nach dem Schauplatze seines täglichen Leidens.

Martha, bringen Sie mein Zimmergewehr! sagte er dann schüchtern.

Sle wissen doch, Herr Ewald! erwiderte das Mädchen,daß Professor Barra sogleich eintreffen muß.

Offenbar enthielt diese Antwort wenig Tröst⸗ liches für den gesättigten jungen Herrn; denn er verzog das Gestcht zu einem zor nigen Grimme und warf sich gegen die Lehne eines wunder⸗ schönen Stuhles, dessen stilvolle Schnitzerei zu dem Zwecke, dem sie hier diente, in einem

Eben trat die Figur eines Mannes in die Türe.

Es war der Professor; er nickte Martha zu, die grüßend hinausschritt. Professor Karl Barra war Zeichenlehrer an einer der Unterrichts⸗ anstalten, welche eine opferwillige Regierung dem kleinen Landstädtchen aufgehalst hatte, das den Rahmen zu den Fabrikanlagen der Firma C. v. H. bildete.

In seinen jungen Jahren gab er sich der Täuschung hin, ein Maler zu sein; jetzt trug er schwer an der Last, die ihm seine Frau und zehn Kinder auferlegten.

Die Frau Professorin war von einer allzu⸗ freigebigen Natur mit einem Uebermaße von körperlicher Erscheinung bedacht worden, und dieser Umstand schien den schwer arbeitenden Gatten zusehends herunter zu bringen. An seinem Familientische kam er selten zu beschau⸗ licher Ruhe. Sein Körperchen war gezwungen, sich der Reihe nach den einzelnen Bestandteilen seines Kindersegens zuzuwenden, und die Menge kleiner Dienste, die er einer anspruchsvollen Nachkommenschaft zu leisten hatte, prägte seinem ganzen Wesen jene eilfertige Zuvorkommenheit auf, die sich überall nützlich machen wollte. Hänschen da, Lieschen dort! Ella soll ich Dir auch ein Brötchen schneiden? so redeten alle seine Bewegungen. 12 2 Etwas dieser Art lag in der selbstverständ⸗ lichen Bereitwilligkeit, mit der er das Getäfel des Tisches von dem geistigen Schutt befreite, der es bedeckte, um Raum zu schaffen für eine Tätigkeit, die seinen erwachsenen Töchtern die Möglichkeit bot, ihren Bedarf an Hüten, Sonnen⸗ schirmen und Handschuhen zu decken.

Die prachtvolle Pendeluhr, welche die Tapeten⸗ wand gegenüber symmetrisch teilte, gab mit zehn melodischen Schlägen das Zeichen zum Anfang, und wenige Minuten später unternahm der kinder⸗ und gedankenreiche Professor den Versuch, das Bild eines Zimmergewehres, das einen lockigen Kuabenkopf erfüllte, der die schul⸗ gerechten Theorien das Euklid zu ersetzen.

II.

Die kunstgewerbliche Treppe, welche aus Flur und Küche zu den prunkenden Höhen der Familienzimmer, der Gesellschafts⸗ und Em⸗ pfängsräume, des Mustk⸗ und Speisesaales emporstieg, ruhte auf einem mächtigen Mtttel⸗ pfeiler, dessen Scheidel das Bild einer nackten, weiblichen Figur trug.

Diese Figur wandte dem Eintretenden die reizvollste Seite ihres geschmeidigen Körpers zu, drehte in einer sehr stilvollen Verrenkung des Oberleibes den Kopf etwas zur Seite und wies mit dem Zeigefinger nach einer Türe von Spiegelglas, die das Treppenhaus abschloß.

Der kleine, witzige Advokat, der zu den Gestalten gehörte, die in regelmäßigen Zwischen⸗ räumen das gastfreie deutsche Haus von seinen Vorräten an Champagner befreiten, vergaß beim Abschiede nach solchen Gelagen niemals, einen letzten Blick des Bedauerns auf die marmorne Schöne zurückzuwerfen.

Weiß Gott! sagte er dabei zu seinen lachenden Freundenweiß Gott, wie oft ich mir schon gewünscht habe, daß das verfluchte Mädel nur fünf Minuten lang lebendig wäre!

Auch in dieser späten Nachmittagsstunde, da er eben die wohlbekannten Stufen empor⸗ stieg, deren teppichbelegte Flächen jeden Tritt einschluckten, versäumte er nicht, dem stilvollen Erzeugnisse des nationalen Kunstgewerhes seine Anerkennung zu zollen und den reizenden Weg⸗ weiser mit einem verlaugenden Blicke zu streifen.

Fast stieß er dabei an die Gestalt Marthas, die lautlos wie ein Schatten aus dem Familien⸗ himmel nach abwärts stieg.

In flüchtigen Schreck wandte er sich von der toten nach der belebten Schönheit, die unter dem forschenden Gesichte des welterfahrenen Rechtsfreundes befangen den Blick senkte.

Gerechter Himmel! murmelte der Dok⸗ torwie sieht das Kind aus! Ist denn kein Haus mehr in Deutschland ohne diese jammernden Gretchenaugen zu finden, die jeden Eintretenden für eine Madonna halten und

Ach! neige, du Schmerzensreiche, Dein Antlitz gnädig meiner Not! Und kopfschüttelnd trat er durch die Spiegel⸗

ür.

Der kleine Dokter war Sachverwalter der Firma C. v. O., deren vielfältige und schwie⸗ rige Rechtsgeschäfte ihm indes genügend Zeit ließen, einen vorübergehenden Blick in die unter⸗ geordneten und weit einfacheren Zustände zun tun, welche das Familienleben des Inhabers der Firma ausmachten. 3 Er plauderte achtungsvoll mit der vornehm tuenden Hausfrau, er hänselte Ewald mit seinen Lektionen, er redete klar und sachlich mit dem verständigen Fabrikherrn.

In diesem vorsichtigen Aupassen eic der

kleine Doktor einer welterfahrenen Stubenflieges, die 55 ihrem Rüsselchen jedem Safte gerecht wird. 1 Eigentlich ahnte niemand, daß er sich über Alle lustig machte. Die neugierige Welt verdankte ihm die Kunde, unter welchen Umständen der fünfund⸗ dreißigjährige Inhaber der Weltfirma C. v. O. das arme zwanzigjährige Fräulein Flora von Noor einst zu seiner Hausfrau gemacht.

Ihr meint, die Ehen werden im Himmel geschlossen? lachte er eines Abends.Ich kenne eines dieser erhabenen Bündnisse, das der Sekt zu Stande gebracht hat.

Die Freunde machten große Augen. 1

Doktor! brummte ein hagerer Hilfs⸗ beamterman stellt keinen Lehrsatz ohne Beispiele auf!

Sollt Ihr haben! klang es behaglich zu⸗ rück.Es war einmal ein Mädchen, hieß Florette, außerordentliche Erscheinung, so dumm als schön. Gesellschaftsball im Sommer vor sechzehn Jahren. Geriebene Mutter ein wei⸗ licher Advokat. Die schöne Tochter in weißem, stilvoll engem Kleidchen, langes Schneewittchen haar: ganz Göttin für ein kunstgewerbliches Treppenhaus. Im Ballsaal ein Mann, Besitzer eines solchen Treppeuhauses; zur Zeit bei der dritten Flasche Sekt. In drei Minuten ver⸗ liebte Szene hinter der Palmengruppe, die unsere Gesellschaftsbälle so anziehend macht. Süßes, lockendes Geflüster; unschuldsvolles, zorniges Auffahren; nachgiebige Verschämtheit, und so weiter. Fahrt zu zweien durch eine Sommernacht; als Gegensatz eine trostlos suchende Dame im Ballsaale, die eine beküm: merte Mutter vortrefflich zu spielen versteht. Süßes Glück zweier Menschen verschiedenen Geschlechtes in irgend einem vornehmen Garten⸗ pavillönchen; gekränkte Mutter; Heirat; ein geistvoller Knabe Schluß!

So redete in glücklicher Nachahmung eines berühmten Lustspieldichters der erfahrene Rechts⸗ freund unter dem schallenden Gelächter des kleinen Kreises, der sich jeden Freitag in einem Hinterstübchen bes HotelsZur deutschen Warte zu versammeln pflegte.

Der Doktor hat Recht! brummte der hagere Hilfsbeamter in zynischer Gelassenheit, Frau von Ostheim hält die Mitte zwischen einer Maitresse ihres Mannes und einem Mar⸗ morbilde, das man nach Bedarf in diese oder jene Ecke des Empfangsaales postirt. 8

Der erfahrene Rechtsfreund wurde in diesem Augenblicke im Hause der Firma C. v. O. mit einiger Ungeduld erwartet. Der Chef dieses vaterländischen Hauses befand sich in seinem Arbeitszimmer. So lautete der Name eines Gemaches, das sich jeuseits des Spiegelver⸗ schlußes inmitten des Familienhimmels befand, der das gesamte obere Stockwerk des eleganten Wohngebäudes in Beschlag nahm, obwohl Nie⸗ mand recht anzugeben vermochte, welcher Art

die Arbeit war, die hinter jener verschnörkelten Türe mit den bekannten drei Buchstaben und Wander Krönchen im Mittelfelde verrichtet wurde. Unter den Räumlichkeiten der umfangreichen Behausung, welche dem nationalen Kunstgewerbe so viel Anlaß gegeben hatte, seine hohe Vol⸗ lendung zu zeigen, nahm dieses Arbeitszimmer in Hinsicht einer stilvollen Ausstattung unbedingt die erste Stelle ein. Kein Zoll breit des Fuß⸗ bodens, keine Spanne der Wandflächen, kein

sonderbaren Gegensatze stand.

ihm zuflöten:

Winkelchen der drei Fensternischen, das nich