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Nr. 3.
Mitteldeussche Sountags⸗Zeitung.
Seite 5.
— Wir Sxzialdemokraten werden rastlos damit auch iu unserem Wahlkreise die Morgenröte der Aufklärung die Finsternis besiegt. Vorwärts für unsere gerechte Sache! Werbe jeder neue Streiter! Verbreiten wir vor allem unser Blatt, die Mitteldeutsche Sonn⸗ tagszeitung!
Aus dem Rreise Marburg⸗Nirchhain.
St. Volksküche. Die schon lange erwartete
Einrichtung einer Volksküche wird demnächst zur Tatsache werden. In dem 3. Zt. leer⸗ stehenden Hause der luth. Gemeinde, das sonst zu Pfarrwitwen⸗Wohnungen diente, wird gegen⸗ wärtig daran gearbeitet die nötigen Räume für eine Volksküche herzustellen. In den oberen Stockwerken soll eine Kleinkinderschule Unter⸗ kommen finden und auch die Kinder aus der Volksküche gespeist werden. Hoffentlich läßt nun die Eröffnung eines Volksbades auch nicht mehr allzulange auf sich warten. Gewerkschaftsfest. Schon jetzt machen wir die hiesigen Gewerkschaftsmitglieder auf das am Sonntag, den 22. Februar d. J. im Café Quentin(Höck) stattfindende Winterfest der Gewerkschaften aufmerksam, damit sich Jedermann danach richten kann. Außer Theater⸗Aufführung findet Vokal⸗ und Instrumental⸗Konzert sowie Tanz statt. Ein zahlreicher Besuch dieses Arbeiterfestes ist sehr erwünscht. Zur Bekämpfung der Sozial⸗ demokratie müssen neuerdings wieder die Kriegervereine herhalten. So wurden kürzlich in Sachsen Mitglieder von Kriegervereinen, weil sie Konsumvereinen() beigetreten waren, von den Kriegervereinen ausgeschlossen. In Sachsen ist ja bekanntlich Alles möglich, daß aber auch in Hessen so etwas passieren kann, hätten wir nicht für möglich gehalten. Es ist aber Tatsache. Trotzdem in deu Kon⸗ sumvereinen keinerlei Politik— weder sozial⸗ demokratische noch konservative— getrieben wird, erhielt der Bierbrauer Ludwig Keil in Melsungen, wegen seiner Mttgliedschaft bei dortigem Konsumverein vom Vorstand des Kriegervereins ein Schreiben, worin ihm mit⸗ geteilt wurde, daß er aus obigem Grunde, da der Konsumverein auf sozialistischer Grundlage beruhe, aus dem Kriegerverein ausgeschlossen worden sei! Der Mann wird sich wohl diesen Beschluß jener patriotischen Männer, welche das Vaterland wieder einmal gerettet zu haben glauben, nicht allzusehr zu Herzen nehmen.
— Kommunales. Die nächste Stadt⸗ verordnetensitzung wird sich, wie aus der Tages⸗ ordnung zu ersehen ist, u. a. mit der Frage der Errichtung einer Straßenbahn beschäftigen. Hoffentlich kommt ein vernünftiger Beschluß in dieser Sache zustande.
— Bergiftet. Ein hiesiges Dienst⸗ mädchen, welches aus unbekannten Gründen eine Dosis un verdünnte Salzsäure zu sich nahm, verstarb unter furchtbaren Schmerzen in der Klinik.
Preußische Polizeischlauheit.
Die Berliner politische Polizei versuchte,
wie der Vorwärts mitteilt, den Redaktions⸗ boten unseres Zentralorgans zu bestechen und ihn zum Verrat von Geschäfts⸗ und Partei⸗ geheimnissen zu verleiten. Der Polizist blitzte
arbeiten,
aber damit ab. Vielleicht ist der betreffende Polizeikommissar ein verkappter Sozialdemokrat, der unserer Partei Wasser auf die Mühle 1 75 will! Wir habens allerdings gar nicht nötig.
Mit dem Huldigungsadressen⸗ Schwindel
haben die Arrangeure bedenklich Schiffbruch gelitten. In Magdeburg sowie in Stettin erklärten die Arbeiter in großen Versammlungen, daß sie die Ergebenheitsadressen nicht frei⸗ willig unterzeichnet hätten. In Magdeburg erklärte eine Versammlung der Arbeiter vom Grusowerk die Maßregelung ihrer Kameraden Andre und Kutzner als eine Schmach und Schande. Damit ist der Huldigungsschwindel gerichtet.
Ein Freiherr als Zuhälter.
Das Landgericht in München hat einen Freiherrn v. Leitner, der, Sohn eines kgl. Kämmeres, nach kurzem humanistischen Studium aus Not das Gewerbe eines Kellners erlernte, zu 1 Jahr 9 Monaten Gefängnis verurteilt, weil er den Zuhälter einer Prostituirten machte und von derem Erwerb lebte. Dieses Ver⸗ hältnis war von einer Verwandten Leitner's, einer Gräfin, begünstigt worden, und nach dem Nachrichtenbureau soll es nicht ausgeschlossen sein, daß gegen die Gräfin wegen Kuppelei vorgegangen wird.
In der Konitzer Mordsache
soll sich eine neue Spur gefunden haben. In Metz, bei dem Artillerie-Regiment Nr. 34 be⸗ findet sich unter den zuletzt eingestellten Re⸗ kruten ein Mann, der vorher in der französischen Fremdenlegion gestanden hat und von dort aus desertiert ist. Der Mann erzählt, daß er in einer Kompagnie mit einem Fleischergesellen zusammengewesen sei, welcher angiebt, bei dem Morde des Gymnasiasten Winter Beihilfe ge⸗ leistet zu haben. Von Gewissensbissen geplagt, habe dieser Fleischergeselle mehrere Male ge⸗ beten, verhört zu werden, sei aber von den vorgesetzten Behörden immer zurückgewiesen worden, da diese glaubten, er wolle auf diese Weise nur seine Entlassung erreichen. Der
Rekrut ist in Metz eingehend verhört worden
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und das Aktenmaterial wurde dem Staats⸗ anwalt zugesandt.—
Kleine Mitteilungen.
* Der General bevollmächtigte der Langsdorfer Spar- und Darlehenskasse Klee aus Orleshausen wurde vorige Woche von der Gießener Strafkammer wegen Unterschlagung ꝛc. zu 3 ¼ Jahren Zuchthaus verurtei t.
n Unfall bei der Arbeit. In der Ziegelet Müller bei Kinzenbach verunglückte der Ar⸗ beiter Stein müller aus Heuchelheim dadurch, daß er durch herabfallende Erdmassen verschüttet wurde. Schwer verletzt wurde er in die Klinik gebracht.
Beim Holzfällen in dem Gemeindewald von Fronhausen wurde ein Arbeiter durch ein zurück⸗ fliegendes Stück Holz schwer am Kopfe verletzt, so daß er ärztliche Hilfe aufsuchen mußte.
Die Leiche eines zwanzigjährigen Mädchens wurde am Montag unterhalb Wetzlar aus der Lahn geländet.
—
k Theaterbrand. Das Bühnenhaus des Stadt⸗ theaters in Dortmund wurde am Dienstag ein Rauh der Flammen. Das Feuer begann vor der Vorstellung. Der Theatersaal ist gerettet.
Partei-Nachrichten.
Ein hochbetagter Genosse Rechtsanwalt und Notar Ludwig Emil Putt⸗ rich in Leipzig, beging vor einigen Tagen sein fünfzigjähriges Bürgerjubiläum. Er ist ein alter Demokrat, der sich konseguent zum Sozialisten weiterentwickelt hat. Im Jahre 1879 wurde Puttrich in den sächsischen Land⸗ tag gewählt, wo er mit Liebknecht und dem Rechtsanwalt Freytag die sozialdemokratische Vertretung bildete. Wegen einer Augenkrank⸗ heit, die später zur Erblindung führte, mußte er sein Mandat niederlegen.
Wahlkreis Gießen⸗Grünberg⸗Nidda. Sonntag, den 15. Februar 1902, Vormittags 10 Uhr
RKreiskonferenz in Gießen, Lokal Orbig, Rittergasse 17.
Tagesordnung:
1. Vorstandsbericht und Neuwahl des Vertrauens⸗ mannes; 2. Organisation und Agitation im Kreise (Ref. Gen. Orbig); 3. Die bevorstehende Reichstags⸗ wahl(Ref. Gen. Krumm); 4. Maifeier(Ref. Beck⸗ mann). Die Parteigenossen aller Parteiorte im Kreise werden ersucht, für ihre Vertretung zu sorgen. Jeder Ort hat das Recht, bis zu drei Delegierten zu ent⸗ senden. Etwaige Anträge sind baldmöglichst einzureichen.
Der Vorstand des Kreiswahlvereins.
Versammlungskalender.
Genossen! Besucht regelmäßig Eure Versammlungen!
Samstag, den 17. Januar.
Gießen. Abends 9 Uhr Vortrag von Frau Dr. David im Lenz'schen Felsenkeller.
Wieseck. Soz.⸗dem. Wahlverein. Abends 9 Uhr Versammlung im Vereinslokal. T.⸗O.: 1. Abrech⸗ nung; 2. Vorstandswahl; 3. Kreiskonferenz.
Sonntag, den 18. Januar.
Gießen. Soz.⸗dem. Wahlverein. Nachmittags 3 Uhr Gene al⸗Versammlung bei Orbig.
Marburg. Gewerkschaftskommission. Vor⸗ mittags 10 Uhr Sitzung bei Hilberger, Hirsch⸗ berg 12.
Montag, den 19. Januar.
Gießen. Schneiderverband. Abends 9 Uhr Versammlung bei Orbig.
Sonntag, den 25. Januar. Lauterbach. Soz.⸗dem. Wahlverein. Nach⸗ mittags 3 Uhr Versammlung bei Wirt Kaut. Gießen. Glaser⸗Verband. Nachmittags 3 Uhr
Generalversammlung bei Orbig. Samstag, den 24. Januar.
Friedberg. Soz.⸗dem. Wahlverein. Abends
9 Uhr Versammlung in Stadt New-Nork.
Gießen. Jeden Dienstag, Abends punkt ½9 Uhr, Diskusstons⸗ und Unterrichtsstunde im„Wiener Hof“ bei Lö b(oberes Zimmer).
Briefkasten.
Bei Einsendungen bitten wir, möglichst schmales Papier zu verwenden und nur auf einer Seite zu schreiben. J. Villingen. Ohne nähere Kenntnis des Ehekontraktes ist die Frage nicht zu
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