Seite 4.

Mitteldeutsche Souutags⸗ Zeitung.

Nr. 3.

Arbeitslosigkeit soll in Gießen nach einer früheren Aeußerung des Gießener Anzeigers nicht vorhanden sein. Tatsächlich gibt es jetzt hier jetzt sehr viel Arbeitslose und was das Schlimmste ist, diese werden noch nicht einmal bei den Notstandsarbeiten ange⸗ nommen.

Nach einem Beschlusse der Stadtverordneten sollen nämlich die sogenannten Saisonarbeiter, Maurer, Zimmerleute, Dachdecker ꝛc. bei den Notstandsarbeiten nicht beschäftigt werden. Wir wissen nicht, welche Gründe für diesen Beschluß maßgebend waren, wir halten ihn aber für sehr bedauerlich. N 5

Es gibt hier eine ganze Anzahl Arbeiter, die schon seit 810 Wochen arbeitslos sind und infolgedessen sich mit ihrer Familie in schlimmster Notlage befinden. Wir meinen, es wäre Pflicht der Gemeindeverwaltung, hier ein⸗ zugreifen und den Leuten Arbeit anzuweisen.

Erschossen hat sich hier am Mittwoch auf der Bahnstrecke nach Wetzlar ein etwa 30⸗ jähriger Mann. Wie sich später herausgestellt hat, ist es der Wirker Otto Grenzdörfer aus Apolda. Der Selbstmörder ist nach den Berichten Frankfurter Blätter aus dem Heiliggeist⸗Hospital in Frankfurt entsprungen, wo er Aufnahme gefunden hatte. Vorher soll er auf der Frankfurter Polizeiwache schwer mißhandelt worden sein. 5

(Eingesandt.) Alle Parteigenossen und Gewerkschastsmitglieder, namentlich die jüngeren unter ihnen, möchte ich auf die Dis⸗ kussions⸗ und Unterrichts⸗Abende, die auf Beschluß des Wahlvereins eingerichtet wurden, aufmerksam machen. Diese finden jeden Dienstag im Lokale Löb(oberes Zimmer) statt. In diesen Unterrichtsstunden sollen die Teilnehmer mit dem Notwendigsten aus dem Gebiete der Politik, Volkswirtschaft, Litteratur ꝛc. bekannt gemacht werden. Ferner wird deutsche Sprache und später Buchführung durchgenommen werden. Hier ist also jedem Gelegenheit ge⸗ boten, seine Kenntnisse zu bereichern. Die beiden letzten Abende verliefen äußerst interessant und es wäre sehr erwünscht, wenn recht zahlreiche Beteiligung stattfände. Kosten erwachsen für den Teilnehmer nicht. Max Frenzel.

Aus dem Rreise gießen.

* Ein Denunziant? Aus Lich wird uns die Mitteilung, daß der dort wohnende Arbeiter Ledermann, der das Amt eines Totengräbers bekleidet, vor einiger Zeit einen Licher Einwohner wegen Majestätsbeleidi⸗ gung angezeigt haben soll, wegen welcher der Betreffende auch bestraft worden ist. Ebenso soll der dortige Bürgermeister wegen einer ge⸗ ringfügigen, wohl mehr aus Gefälligkeit be⸗ gangenen Amtsverfehlung auf Anzeige des Ledermann hin verurteilt worden sein. Wir haben von diesen Dingen s. Zt. keine Kenntnis bekommen, sonst würden wir uns selbstverständ⸗ lich damit beschäftigt haben, besonders, da Ledermaun als Sozialdemokrat angesehen wird. Gegenwärtig untersucht der Vorstand des Kreiswahlvereins diese Angelegenheit und wird sie der demnächst stattfindenden Kreis- konferenz zur weiteren Beschlußfassung unter⸗ breiten. Wir wollen der zuständigen Partei⸗ instanz nicht vorgreifen; soviel steht aber fest: wenn es sich herausstellt, daß Ledermann wirk⸗ lich solche verächtliche Handlungen begangen hat, die nicht blos jeber Sozialdemokrat, son⸗ dern jeder anständige Mensch verurteilt, wird sich die Konferenz bestens bedanken, ihn als Parteigenossen anzuerkennen. Unsere Partei hält es stets mit dem alten Spruch:

Der größte Lump im ganzen Land, Das ist und bleibt der Denunziant!

Aus dem Nreise sriedberg⸗Püdingen.

r. Nationalliberale Versammlung in Friedberg. Am Sonntag fand eine vom national⸗ liberalen Wahlkomité einberufene Versammlung in dem HotelDrei Schwerter statt, in der Graf Oriola über seine Tätigkeit im Reichstage und den Zolltarif referirte. Es waren nur die bürgerlichen Parteien eingeladen,

Mahrscheinlich fürchteten die Oriola und Genossen, Pen Sozialdemokraten ihr Verhalten bei den werde. So schloß man einfach die

8 Verlag d

Sozialdemokraten von der Versummlung aus. Dadurch zeigte es sich aber deutlich, wie gering hier die An⸗ hängerzahl der Nationalliberalen ist; man kann sie bald an den Händen abzählen. Wären nicht aus den Nach⸗ barorten die Großbauern vertreten gewesen, se könnte man den Besuch der Versammlung kläglich nennen. Graf Oriola versuchte in einer/ stündigen Rede sein Verhalten bei der Beratung des Zolltarifs zu recht⸗ fertigen, wobei er in erster Linie die Obstruktion als das Karnikel darstellte, welches die Schuld trage, daß der Zolltarif, der eigentlich niemand besriedige(auch ihn selbst nicht), zu Stande gekommen sei. Zur Bekräftigung seiner diesbezüglichen Ausführungen stützte er sich auf die bekannten Artikel der Freisinnigen Zeitung. Komisch wirkten seine Ausführungen in Bezug auf einzelne sozial⸗ demokratischen Redner und ihre Obstruktions-Methoden und zwar deshalb, weil der Herr Graf sich bemühte, die Redner als Komödianten hinzustellen. Er hätte für noch höhere Gelreidezölle gestimmt,(natürlich, er hat ja Vorteil davon! D. R.) aber unte dem Einfluß der Obstruktion habe er sich entschlossen, das Mögliche zu erlangen.Sollte ich meinen Landwirten nichts mitbringen? so erklärte der Graf wörtlech,Besser ein halbes Ei, als eine leere Schale. Festgenaget sei hier auch die Bemerkung, die der Herr Graf in Bezug auf unsere Reichsfinanzen machte. Der Herr Graf sagte nämlich:Wo soll es hinführen, wenn dem Reiche die Einnahmen aus den Zöllen entzogen würden. Nach⸗ dem der Herr Graf sich bemüht hatte, den Arbeitern begreiflich zu machen, daß auch sie am Zolltarif ein Jalteresse ätten, indem die Konkurrenz der ausländischen Industrien durch denselben erschwert würde, ermahnte er die bürgerlichen Parteien zur Einigkeit der Sozialdemo⸗ kr tie gegenüber, und zwar mit einem Pathos, welches bei denkenden Menschen nur ein Lächeln hervorrufen konnte. Als der Herr Graf geendet, erklärte der Vo⸗ sitzende, Advokat Windecker: Wenn Jemand von den bürgerlichen Parteien eine Anfrage an den Herrn Grafen zu richten habe, so möge er sich zum Wort melden. Als sich hierauf Genosse Busold erhob, um nach den Gründen zu fragen, weshalb man keine Diskussion zu⸗ lasse, wurde ihm sofort bedeutet, daß auf Grund der Einladung, wonach nur Bürgerliche geladen seien, auch diese nur Anfragen stellen könnten. Dieses feige Aus⸗ kneifen machte die Blamage zu einer vollkommenen. Wenn die Herren so fortfahren, in der kommenden Wahlbe⸗ wegung der Kritik aus dem Wege zu gehen und die Oeffentlichkeit in ihren Versammlungen auszuschließen, dann liefern sie uns wertvolles Agitationsmittel.

S. Vermißt wird seit Montag der Teil⸗ haber der Firma Schönberg und Strauß in Niederwöllstadt, Max Strauß, welcher seit längeren Jahren mit seiner Familie in Fried⸗ berg wohnt. Er hat in Frankfurt einen größeren Geldbetrag auf einem Bankhaus ausgeliefert und wollte von dort aus die Rückreise antreten, traf jedoch nicht zu Hause ein. Man vermutet, daß dem Manne ein Unglück zugestoßen ist.

Aus dem Rreise Alsfeld-Cauterbach.

J. Die Krupp⸗Affaire ist einem Alsfelder Gemeinderatsmitglied, dem Herrn Sattlermeister Berk in den Kopf gefahren. Derselbe äußerte kürzlich nach einer ziemlich langen Sitzung in einer hiesigen Restauration in Bezug auf den Fall Krupp, die Sozialdemokraten seien Lumpen⸗ bande. Bei der letzten Landtagswahl hat er sich aber von den Sozialdemokraten als Wahl⸗ mann wählen lassen. Der gute Mann scheint also erst vor Kurzem seine ordnungsparteiliche Gesinnung entdeckt zu haben. Na, lassen wir ihn schimpfen!

n. Aus Schotten schreibt man uns: Im Schottener Kreisblatt findet sich folgende Anzeige: Tüchtige Former und Gußputzer auf dauernde und lohnende Beschäftigung ge⸗ sucht. von Arnim'sches Eisenwerk Marienhütte Auheim b. Hanau. Diese Branche ist doch hier und in der Umgegend sehr wenig vertreten, es scheint, als sollten die Vogelsberger zu Lohndrückern benutzt werden. Wir möchten den Arbeitern nicht raten auf den Leim zu

gehen, jedenfalls giebts auch bei Hanau Arbeiter

genug.

Die Antisemiten sind doch recht unpraktisch e Leute. Richtet da Herr Hirschel eine Anfrage an die Regierung, worin er wissen will, ob die Zustände mit den Hütekindern im Vogelsberg wirklich so sind, wie sie ein Geist⸗ licher in der Frkftr. Ztg. schilderte. Warum fragt denn Kirschel seinen Parteigenossen Bin de⸗ wald nicht, der jetzt hier in der Umgegend schreibt man uns aus dem Vogelsberge seine Weisheit verzapft? Der prahlt doch immer

*

mit seiner Kenntnis der Verhältnisse, muß es also wissen. er sich mit solchen Kleinigkeiten nicht abgeben? Die Hauptbeschäftigung der Kleinen besteht im Viehhüten; vielfach werden sie auch zum Antreiben des Viehes beim Pflügen sowie bei der Ernte verwendet. Gewöhnlich werden die Kinder von solchen Bauern angenommen, die selbst keine Kinder im Alter von 1014 Jahren haben. Meistens sind es Kinder armer Indu⸗ striearbeiter, die froh sind, ein Mäulchen weniger am Tisch zu haben, obgleich es ihnen wehthut,

ein Kind in so zartem Alter schon zu harter Arbeit bei fremden Leuten anzuspannen. Als Bezahlung erhalten die Kleinen nur Kost und 9 einige Kleidung, höchstens bekommen die Eltern noch etwas Kartoffeln. Es geht auch nicht 9 ohne Unglücksfälle ab. Vor längerer Zeit hatte ein Bauer in E. den Sohn eines Knechtes angenommen. Beim Heuabladen, als der Bauer dem Kinde das Heu auf die Heubühne reichte, stieß sich der Knabe in die Heugabel, deren Zinken ihm durch das Auge in Kopf drang, wodurch der Tod des armen Jungen herbeige⸗ 1

ö

führt wurde.. Aus dem Nreise Wetzlar. a

N

h. Der Vortrag des Herrn Prof. Man n⸗ heimer war leider nicht stark besucht. Die kalte Witterung mochte wohl zum Teil mit schuld

sein. Die Zuhörer verfolgten aber die Aus⸗ führungen des Vortragenden mit gespannter Aufmerksamkeit. In kurzen Zügen schilderte Prof. Mannheimer den Entwickelungsgang unseres größten Volksdichters Schiller und

4 0

besprach dann eingehend das dramatische Erst⸗ lingswerk Schillers:Die Räuber. Dieses Werk bedeute eine soziale Tat; es sei ein Protest gegen Tyrannei und Bevormundung, der Freiheitsgedanke komme in ihm stark zum Ausdruck. Trotz einiger Mängel sei es ei Meisterwerk ersten Ranges. Mehrere Szenen, in denen die meisterhafte Zeichnung der Charaktere und der menschlichen Leidenschaften gan besonders hervortritt, wurden von den Schau⸗ spielern Herren Brosch und Becker aus Gießen in sehr exakter Weise vorgetragen. Alles in Allem war es ein sehr interessanter Vortrag und wir glauben, daß alle Zuhörer befriedigt waren. 1

r. Wie man Stimmpieh einfängt. Aus Haiger wird uns geschrieben: Amtsrichter Hoff⸗ mann, der Reichstagsabgeordnete für den V. nass. Wahlkreis hat der Schützengesellschaft in Haiger ein Reliefbild Bismarcks gestiftet, das in einem hiesigen Geschäfte ausgestellt ist. Herr Hoffman fühlt sich wohl veranlaßt, etwas für seine Wiederwahl zu tun, mit der es allerdings wackelig genug steht, sogar frühere Hauptstützen von ihm haben sich jetzt gegen seine Wahl ausgesprochen. In dem Begleitschreiben soll erwähnt gewesen sein, daß wie die Schützen stets in's Schwarze treffen,(So? D. R.) so habe auch Bismarck immer ins Schwarze getroffen. Ja, wenn es sich um die Geld⸗ sacks⸗Interessen handelte! Bezüglich des Herrn Hoff⸗ mann sind seine Wähler allerdings der Meinung, daß er bei Vertretung ihrer Interessen immer vorbeigeschosst hat und sie werden dieser ihrer Meinung durch Abg sozialdemokratischer Stimmzettel Ausdruck geben. A die Christlich⸗Sozialen haben ihren Unterhäuptling, d Rentier Dr. Burkhard hierher auf die Stimmenjagd geschickt, der den Stöcker⸗Kandidaten als den wahren Jakob anpreist und der Sozialdemokratie mit den be⸗ kannten Mitteln den Garaus machen will. Es wird. ihm schwer halten! Will man die Christlich⸗Sozialen kennen lernen, so braucht man nur hier und da ein Blick in ihr OrganVolk zu werfen. Da wird wenig christlicher Weise gehetzt, gegen Sozialdemo⸗ kraten, Juden und andere. Rühmt sich doch Häuptling Stöcker, den Kampf gegen das Judentum angefacht zu haben; Der Prediger des Wortes Gottes Liebe Deinen Nächsten wie dich selbst! reizt auf zu Haß und Verachtung gegen seine Mitmenschen; auf anderen Seite will man denHeiden die Religion Liebe beibringen. Pharisäer! Ihr seid erkannt; un Wahlkreis wird keinen Christlich⸗Sozialen wählen, mag noch soviel Apotheker Latein gesprochen werde Liest man die Berichte, die Dr. Burckhard über Versammlungen im Dillkreis schreibt und war selb der Versammlung, so muß man wirklich den Kt schütteln. Es wird immer so dargestellt, als habe Christlich⸗sozialer des Versammlungsortes den geschrieben, was nämlich eine gröbliche Täuse