Ausgabe 
18.1.1903
 
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Nr. 3.

Mitteldentsche Sonntags⸗Zeitung.

Seste 3.

8. Jult v. J. zwei anständigen Damen gegen⸗ über in der rüpelhaftesten Weise benommen. Als zwei Verkäuferinnen gegen 10 Uhr eine verkehrsreiche Straße entlang gingen, bot der Angeklagte den Mädchen mit zweideutigen Redensarten in der aufdringlichsten Weise seine Begleitung an. Die Damen verbaten sich dieses und wichen dem Angeklagten aus, letzterer verfolgte die Mädchen aber auf Schritt und Tritt und sagte schließlich:Bedenken Sie, ich bin ein Jurist, ich will einmal zeigen, was ich kann. Schließlich ver⸗ setzte er der einen Verkäuferin einen Schlag auf den Kopf, und als das Mädchen schrie: Mein Hut! entgegnete er:Der kostet doch nur 25 Pfg. Die beiden Mädchen schrien schließlich nach der Polizei, und als ein Polizist kam, besaß der junge Rechtsgelehrte noch die Frechheit, den beiden Mädchen zuzurufen: Wartet, Ihr Säue, wartet, da kommt ein Schutzmann, der soll Euch verhaften. Der Schutzmann befreite die beiden Mädchen und transportierte den gewaltsam Widerstand leistenden Angeklagten nach der Wache. Er suchte sich mit Betrunkenheit zu entschuldigen, es stellte sich aber heraus, daß er vollkommen nüchtern gehandelt hatte. Er erhielt ganze 230 Mk. Geldstrafel

Gleich nach diesem Falle wurde verhandelt gegen die vier Mitglieder des Töpfer verbandes Hippert, Stephan, Rohde und Pawlowski, die sich gegen§ 153 der Gewerbeordnung vergangen haben sollten. Die Angeklagten sind durchaus unbescholtene Arbeiter. Im August vorigen Jahres trat der Töpfer Taubert unter der Vorspiegelung, er sei Verbandsmitglied, in Arbeit. Er hatte, wie er in der Verhandlung zugeben mußte, seine Kollegen belogen, sie an⸗ gepumpt und verhetzt. Als die Angeklagten entdeckten, daß Taubert, den sie in der kolle⸗ gialsten Weise aufgenommen und behandelt hatten, gar nicht Verbands mitglied ist, forderten sie unter dem Hinweise, sonst die Arbeit einzustellen, Tauberts Entlassung. Fabrikant Böhme entließ Taubert auch sofort und die vier Angeklagten wurden deshalb nun zu je einer Woche Gefängnis ver⸗ urteilt. Als im August vorigen Jahres der Wagenfabrikant Lindner über 20 Metallarbeiter wegen ihre Zugehörigkeit zum Metallarbeiter⸗ Verband aussperrte, da lehnte der angerufene Staatsanwalt das Einschreiten gegen Lindner ab. Gegen die Töpfer wurde vor⸗ gegangen. Ja, wenn wenn zwei dasselbe tun, so ist es nicht dasselbe!

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Das Flugblattverteilen als groben Unfug zu erklären, hat ein sächsisches Gericht, das Schöffengericht in Zwickau, fertig gebracht. Es verurteilte zwei Genossen zu je 40 Mark Geldstrafe, weil ste in einem Dorfe Flugblätter verteilten. Trotzdem kein Beweis beigebracht werden konnte, wer sich über das Flugblatt geärgert hat, heißt es in der Urteilsbegründung, das Gericht habe als erwiesen angesehen, daß der Inhalt der Flugschrift sehr wohl geeignet set, öffentliches Aergernis zu erregen und Belästigung unter dem Publikum her⸗ vorzurufen. Außerdem sei diegehässige Schreibweise gut geeignet,(II) den Haß in die Bebölkerungsklassen hineinzutragen. Hierdurch schon sei der Tatbestand des groben Unfugs gegeben. Viele Leute werden der Ansicht sein, daß eine derartige Rechtsprechung selbst grober Unfug ist. 5

Eine weitere Illustration zur Rechtsprechung bietet ein Urteil des Augsburger Schöffen⸗ gerichts. Es sprach einen Fabrikanten frei, der einen ArbeiterRindvieh nannte. Der Arbeiter hatte bei seiner Entlassung eine Auseinandersetzung, wobei dergebildete Fabrikaut wiederholt äußerte:O Sie Rind⸗ vieh! Vor Gericht bestritt er, daß er den Arbeiter mit diesen Worten beleidigen wollte, und das Urteil lautete auf Freisprechung und Ueberbürdung der Kosten auf den beleidigten Arbeiter. Die Urteilsbegründung lautete, daß

die Absicht zu beleidigen nicht vorhanden war und e, daßSie Rindvieh eine

Beleidigung ist, brauche werde., da der Fabrikant in Wahrung berech tigter Interessen() gehandelt habe!

Jean Jaureèes,

unser französtscher Genosse in der Deputierten kammer, wurde am Dienstag zum Vizepräst⸗ denten gewählt. Die Linke, an ihrer Spitze Minister Pelletan, applaudlerte stürmisch und beglückwünscht Jaures unter den Rufen: Es lebe der Sozialismus! Doch wurde auch ep fiffen und die Pfaffen und verkapyten onarchisten spektakelten.

In Marokko

hat sich die Lage noch ver wickelter und bedroh⸗ licher gestaltee. Der Sultan soll verloren haben. Er hätte seinen Bruder einkerkern lassen, worauf der Aufstand neu ausgebrochen sei.

Gewerkschaftl u. Arbeiterbewegung.

F Der Weberstreik in Meerane st beendet! Und zwar zu Gunsten der Ar⸗ beiter. Die Unternehmer sind zu der Einsicht gekommen, daß sie klüger handeln, wenn sie die Organisation der Arbeiter anerkennen und mit dieser verhandeln. Auf Veranlassung der Fabrikanten wurde der Verbandsvorsttzende Hübsch zur Unterhandlung herbeigezogen. Hätten die Fabrikanten diesen Standpunkt vor Beginn des Ausstandes eingenommen, so konnte dieser Streik vermieden werden. Die Meeraner Weber und Weberinnen haben mit der Auf⸗ bietung aller Kräfte von Anfang bis zu Ende geschlossen gekämpft. Dreizehn Wochen hielten sie ihre Phalanx fest geschlossen. Nicht ein volles Dutzend sind aus ihren Reihen geflüchtet. Durch diese mutvolle Ausdauer und durch ihre ruhige, besonnene Kampfesweise haben sich die Meeraner lee i die Sympathie der 9 gebildeten Welt erworben und erhalten.

ie deutsche Arbeiterklasse kann auf diesen Kampf stolz sein. Ste hat in diesem ihre Pflicht getan, indem sie ihre Brüder und Schwestern von Meerane in jeder Beziehung tatkräftig unterstützt hat. Sind doch allein zu der stattgefundenen Weinachtsbescherung über 12 000 Mk. deutscher Arbeitergroschen bei dem Gewerkschaftskartell eingegangen.

Noch am Tage vor der Verständigung wurde in der bürgerlichen Presse mitgeteilt, daß die i wiederum gescheitert seien, da die Unternehmer keine höheren Löhne bewilligten könnten. die Unternehmer doch nachgegeben. geht doch!

von Rah und Fern.

Hessisches. Aus dem Landtage.

Der Finanzausschuß der Zweiten Kam⸗ mer, welcher seit Anfang Dezember seine Sitz⸗ ungen abhielt, hat die Beratungen des Ordi⸗ nartiums des Etats soweit beendet. Dabei wurde in den Berichten auf die fortlaufenden roßen Steigerungen der Ausgaben in den etzten Jahren hingewiesen. Der Ausschuß war allseitig der Meinung, daß größte Sparsam⸗ keit im Staatshaushalt von Nöten sei, da sonst, um eine Gleichstellung der Ausgaben mit den Einnahmen herzustellen, eine Steuererhöhung von 20 Proz. eintreten müsse. Aus den Be⸗ willigungen set diejenige der geforderten nicht penstonsfahtgen Dienstalterszulagen für die Mitglieder der Großh. Hofmusik auf die Dauer eines Jahres herausgegriffen, welche nach längeren Debatten erfolgte. Man war im Ausschuß einstimmig der Ansicht, daß vor Allem die Großh. Kabinetsdirektion und die Stadt Darmstadt die Pflicht hätten, die Mitglieder der Hofmustk menschenwürdig zu bezahlen. Es ist immer die alte Geschichte: aus dem Leder der Landessteuern läßt sich at Riemen schneiden! Die zahlpflichtigen Stellen paren dabei ihr Geld; die armen Musiker aber 155 dabei wahrlich zu bedauern.

Nun haben Also es

nicht nachgewiesen!

Gießener Angelegenheiten.

r Vortrag, den Frau Dr. David⸗ Mainz diesen Samstag im Sack des Lenz'schen Felsenkellers hält, machen wir noch⸗ mals besonders aufmerksam. Das Thema des Vortrages lautet: Wie schützen wir uns bor der Verteuerung der Lebensmittel durch Ringe und Kartelle? Wir empfehlen ganz besonders den Frauen, diese Versammlung zu besuchen.

Der sozialdemokratische Wahl! verein hält diesen Sonntag nachmittags 3 Uhr im Vereinglokale seine Generalversammlung ab. Die Mitglieder wollen recht zahlreich er⸗ scheinen; es stchen wichtige Punkte auf der Tagesorduung. Ueberhaupt ist jetzt eine regere politische Betättgung aller Genossen vonnöten, die Reichstagswahl rückt immer näher und es ist Pflicht eines jeden, soviel in seinen Kräften steht an dem Siege der Sozialdemokratie mit⸗ zuarbeiten!

e Wahl der Gewerbegerichts⸗ Beisitzer für das Gewerbegericht Gießen wird in nicht ferner Zeit stattfinden. Voraus⸗ sichtlich werden die bisherigen Beisitzer dem⸗ nächst in einer Gewerkschaftsversammlung Bericht über ihre Tätigkeit erstatten. Für die einzelnen Gewerkschaften erwächst die Auf⸗ gabe, schon jetzt zu der Wahl Stellung zu nehmen und besonders ihre Kaud daten zu be⸗ zeichnen, damit alle Berufe soweit dies möglich ist im Gewerbegericht vertreten sind. Die Arbeiter in den Orten der Um⸗ gegend Gießens sollten sich erneut an die Be⸗ hörde wenden, damit die örtliche Zuständigkeit des Gießener Gewerbegerichts auf die stark industriellen Orte ausgedehnt werde. Es kommen da natürlich ebenfalls viele Streitig⸗ keiten aus dem Arbeitsverhältnis vor, die dann vor dem Amtsgericht ansgefocht werden müssen, wodurch beiden Teilen höhere Kosten erwachsen, der Arbeiter manchmal gar nicht zu seinem Rechte kommen kann, weil er in vielen Fällen abreisen muß, ehe seine Sache erledigt ist.

So kam vorige Woche bei der hiesigen Zivilkammer als Berufungsinstanz die Streit⸗ sache eines bei Alsfeld wohnenden Arbeiters (Steinklopfers) zur Verhandlung. In dieser Sache hatte also das Alsfelder Amtsgericht schon entschieden, der Arbeitgeber hatte aber Berufung eingelegt. Das Gericht vertagte aber die Sache nochmals um noch Gutachten einzuholen. Der Prozeß kann also ungefähr ein halbes Jahr dauern. Dabei handelte es um ganze sechs Mark und zwei Rechtsan⸗ wälte bemühten sich darum, einer war sogar von Alsfeld zu dem Termin gekommen! In diesem Falle dürften die Kosten den Wert des Streitgegenstandes mindestens um das Zehn⸗ fache übersteigen. Die Arbeiter in Lollar, Wieseck, Alten- und Großen⸗Buseck, Leihgestern, Lich ꝛc. sollten daher beim Kreisamt vorstellig werden, damit die Zuständigkeit des Gewerbe⸗ Gerichts auf den ganzen Kleis Gießen ausge⸗ dehnt werde.

DieFreien Stunden, llustrirte Roman⸗ bibliothek, haben etzt ihren siebenten Jahrgang begonnen.

Der Erf lg, den sich diese Wochenschrift für das ar⸗ beitende Volk in der Zeit ihres Bestehens errungen hat, zeigt zur Evidenz, daß der von ihr betretene Weg der richtige ist und das Streben der Redaktlon die richtige Würdigung findet. Dle Schriftleitung derFreien Stunden geht wie bekannt, davon aus, daß die besseren Werke nicht allein der neueren, sondern auch der älteren Romanlitteratur Gemeingut der arbeitenden Bevölkerung werden sollen und bringt daher in geschickter Gruppie⸗ rung Werke der bekanntesten Autoren.

Der neue Jahrgang führt der Arbeiterschaft einen populären ungarischen Dichter vor. Von Maurus Jokai wird der RomanEin Goldmensch veröffentlicht, der sich durch reiche Phantaste und spannende Handlung, auszeichnet. Ferner werden wir mit dem elsässischen Schriftsteller⸗Paar Erckmmann⸗Chatrian in seiner zur Zeit der französischen Revolution spielenden Erzählung Frau Therese bekannt gemacht. Eine kurze Bio⸗ graphie von Jotai sowie allerhend Miscellen vervoll ständigen den Inhalt des ersten Heftes derFreien Stunden. Der billige Preis von 10 Pfg. für das all wöchentlich erscheinende Heft wird dazu beitragen, daß den alten Freund n dieser Zeitschrift viel neue hinzugefügt werden.

Alle Zeitungskolporteure 222 Expedition unseres Blattes nehmen Bestell ns Freien Stunden entgegen.

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