So iſt's gut; ſagte er grimmig. Geld noch heute und ich gehe noch heute fort.
N Das kann ich nicht, Jakob, ſagte die Alte, aber ich will ſehen, daß ich's bald bezahle. Uebrigens glaub' ich, daß ſich das alles gibt, wenn Ihr das, was ihr ſo viel Anſtoß gibt, laſſet. 5
Er gab keine Antwort und ging ſtumm und trotzig vor ihr weg und ſo raſch, daß er ſie weit hinter ſich ließ. Er brummelte immer halblaut vor ſich hin, das konnte ſie hören.
Aber der Alten wurde es ſo bang, ſo unheimlich, daß ſie's gar nicht aushalten konnte. Wo ſollte ſie das Geld herkriegen? Und ſchied er im Zorn, ſo mußte ſie es bezahlen, da war keine Rettung. In ihrem Schmerze beachtete ſie es gar nicht, daß ſie an der Clemeuskirche vorüberging, wo ſie allemal ein Kreuz zu ſchlagen pflegte und ein Ave betete. Das alles vergaß ſie. Aus alle dem Simuliren fand ſie endlich ſo viel heraus, daß ſie zu dem Schultheis gehen und den um die hundert Gulden bitten wollte, denn nun war's ab mit der Heirath, das ſah ſie ein.
Sie that das nach der Kirche, allein zu ihrem Schrecken ſagte der Schultheis, er könne im Augenblick nicht helfen, und noch troſtloſer kehrte ſie heim, wo Jakob bereits war. Mürriſch ſaß er bei Tiſche da und aß kaum halb ſo viel als ſonſt. Aerger und Grimm drückte ſich in ſeinen Mienen aus. 8
Als er aufſtand, fragte Mariechen: Jakob, bleibt Ihr heute Mittag daheim, ich möchte ins Dorf gehen?
Er bejahte die Frage und ging ins Thal hinauf ſpazieren.
Mariechen änderte indeſſen ihre Geſinnung, da die Mutter Beſuch von einer guten Freundinn in Aßmanns⸗ hauſen bekam und blieb in ihrer Kammer, wo ſie mancher— lei an ihren Kleidern poſſelte, Sie hörte Jakob in die Kammer nebenan gehen und hielt ſich ſtill.
Gegen vier Uhr mittags pfiff es unten. Sie lugte durch die blinden Scheiben ihres Fenſterleins und ſah den rothen Jörg ſtehen.
Als Jakob öffnete, fluͤſterte er: Sind wir ſicher?
Ja, ſagte Jakob halblaut. Die Alte hat Beſuch und das Mädchen iſt fort.
Kommſt du heut Abend? fragte Jörg.
Wozu?
Es gibt einen guten Fang!
Ich mag nicht!
Ei, ſeit wann biſt du denn ſo wähleriſch? Oder iſt's Blödigkeit? höhnte der unten.
Ich mag nicht! verſetzte mit Unwillen Jakob.
Denk' dir, ſagte Jörg, es kommt ein Weinhändler von Mainz, der geſtern in den vier Thälern Wein kaufte. Er hat einen Sack voll Geld. Sollen wir den Vogel fliegen laſſen?
Woher weißt du ſo gewiß, daß er kommt?
Weil ich's gehört habe, als er es ſagte, er müſſe heute noch nach Bingen, weil er morgen in Rüdesheim Wein kaufen wolle.
Machets alleine ab! ſagte Jakob.
Willſt du wirklich nicht? rief lauter Jörg. Iſt dir's
bange? Oder willſt du frei ausgehen? He! hat dir die Alte Flöhe in's Ohr geſetzt? Ich ſag' dir, du kommſt oder es geht dir nicht gut! Willſt du theilen, mußt du auch todtſchlagen helfen. Heut ſteckt alles im Wirthshaus und kein Menſch denkt, daß etwas geſchehen könne. Ich fahre mit dem Balthes nach Aßmannshauſen und ſetze bei Vauts⸗ berg und einer hält Wache auf der Burg, wo man weit ausſchauet, ſo lang es hell iſt. In der Clemenskirche er— wart' ich dich! Hörſt du! Kommſt du nicht, ſo iſt's aus
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Gebt mir mein
und ich halte das Maul nicht mehr länger!— Dann wird mir die Straf' erlaſſen und du und Balthes— du weißt ſchon!— Er ging. 8
Jakob ſchlug das Fenſter zu und rannte in dem Kämmerchen auf und ab wie ein Beſeſſener. Endlich ging er hinab und ſchlug bald darauf die Hausthüre zu.
Mariechen ſaß da wie eine Bildſäule. Das Ent⸗ ſetzen hätte ſie faſt ihrer Beſinnung beraubt. Mörder, ein Räuber war der Menſch, mit dem ihre Mut⸗ ter ſie zuſammenkuppeln wollte! Und heute noch ſollte ein Menſch hingemordet werden? Sie wollte aufſtehen und hinuntergehen, aber ſie konnte nicht von der Stelle. Wirre Gedanken jagten ſich in ihrem Kopfe. Was ſollte ſie thun, den Menſchen zu retten? Nach Trechtlingshauſen laufen? Das ging nicht, denn die Mörder mußten ſie ſehen, wenn ſie vorüberlief. Durch die Berge und Hecken auf Umwegen hinkommen, das ging nicht, denn die Buͤſche waren ohne Laub und verbargen nicht. Das Raſſeln im dürren Laube mußte ſie ja auch dem Verräther in die Hände liefern, der auf Vautsberg Wache hielt. Im Dun⸗ keln war's vollends lebensgefährlich. Und doch ſtand's feſt, den Menſchen mußte ſie retten! In der Angſt ihrer Seele warf ſie ſich vor dem zinnernen Cruzifix nieder, das an ihrem Weihwaſſerkeſſelchen hing, und betete mit großer Inbrunſt und lange um Hülfe und rechten Weg.
Allmählig begann's zu dämmern. Ein Entſchluß mußte gefaßt werden und er kam auch zu Stande und fre 9805 gefaßten Entſchluſſe wurde ihre Seele ruhig und reudig. 1
Sie ging hinab und ſagte ihrer Mutter, ſie wolle mit der guten Freundin nach Aßmannsauſen fahren und die Nacht drüben bleiben. Dagegen hatte ſie nichts einzu⸗ wenden und Mariechen fuhr mit hinüber. Die Frau hatte zwei wackre Söhne, auf die ſie ihr Vertrauen ſetzte. In⸗ deſſen kam noch ein andrer Gedanke während der Fahrt. Kaum aus dem Kahne geſtiegen, lief ſie zum Paſtor und offenbarte ihm alles, was ſie gehört, und beſchwor ihn, ihr zu helfen, daß ein Menſchenleben gerettet werde.
Der Paſtor ließ ſogleich den Schultheis rufen und ſetzte ihn in Kenntniß von allem. Dieſer ließ ſich von Mariechen noch einmal die Geſchichte erzählen und ſagte dann: Gottlob, daß wir einmal eine Spur haben, um den Strauchmördern an den Leib zu kommen! Meinen Plan, Herr Paſtor, will ich Ihnen ſagen. Sobald es dunkel iſt, fahre ich mit zehn bis zwölf geſunden Burſchen nach Trechtlingshauſen und paſſe dem Kaufmann auf. Kommt er, ſo begleiten wir ihn in einiger Entfernung und ſo muß es gelingen, der Hacke den rechten Stiel zu finden.
Er lief fort, das Nöthige zu beſorgen, und als die Dämmerung ſich auf das Thal und den Rhein gelegt hatte, glitt ein Kahn faſt unhöͤrbar von Aßmannshauſen den Rhein hinab und in dem Kahne ſaßen zwölf Burſche mit dem Schultheißen und Mariechen, die um keinen Preis zurückbleiben wollte.
Die in der Clemenskirche verſteckten drei Genoſſen des ſchrecklichen Planes ahneten nichts von dem, was vor— ging, ſo wenig der Reiter, der ſorglos und ſich auf ſein Pferd und ſeine Piſtolen verlaſſend, die ſcharf geladen waren, in die Nacht hineinritt. Mit den Aßmannshäuſern vereinigte ſich der Schultheis von Trechtlingshauſen und eine Anzahl braver Männer. Vier derſelben gingen voraus, um ſich jenſeits der Kirche zu verſtecken und den Mördern den Weg zu verlegen, wenn ſie zu entfliehen gedachten. Sie trugen Bündel und plauderten laut von ihrem guten Verdienſt, welchen ihnen der Nachtgang nach Bingen brächte. Die Verſteckten hörten das und blieben ruhig, obwohl ſie der Gedanke beängſtigte, der Reiſende könne
Alſo ein
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