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Intelligenz-Vlatt
fuͤr die
Provinz Oberheſſen
im Allgemeinen, den Uegierungsbezirk Friedberg
im Beſonderen.
M7.
Mittwoch den 22. Jauuar
1851.
Das Mühlcheu in der Morgenbach. Eine Begebenheit aus dem Jahre 1716. (Fortſetzung.)
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Der Hanf war aufgeſponnen, als ungewöhnlich frühe der Frühling in das Rheinthal und auch in das der Mor— genbach einzog.
Es war an einem ſonneulichten Sonntage gegen Ende des März, als die Reihe an Mariechen war, zu Hauſe zu bleiben und der Jakob mit der Mutter nach der Kirche ging. Er hatte in der Mühle noch vorher aufgeſchüttet und ein halbes Malter Korn in drei Stüm⸗ mel abgetheilt, damit Mariechen, wenn es ſchelle, ohne Mühe aufſchütten könne. Der erfahrne Müllerburſche wußte, daß er zurück ſei, wenn das noch lange nicht ge— mahlen ſein wurde.
Sie gingen ſtille nebeneinander hin. Als aber die Mühle weit genug im Rücken lag, hob der Jakob an ſich zu räuſpern, was er jedesmal that, wenn er eine längere Rede halten wollte, da er in der Regel ſehr einſylbig zu ſein pflegte.
Der Müllerin wurde es unheimlich, denn ſie kannte das Kapitel ſchon im voraus, das jetzt verhandelt werden ſollte, und ſie ſann auf das, was ſie ihm ſagen wollte, ohne doch eigentlich damit ſo weit ins klare gekommen zu ſein als es nöthig war. Jakob hatte lange geſchwiegen. Jetzt drängte ihn ſeine Leidenſchaft für das ſchöne Mäd— chen und der Wunſch nach Gewißheit zum Worte. Es ſind, hob er endlich an, als ſchon die Burg Vautsberg nahe war, nun drei bis vier Wochen wieder in das Land gegangen und ich weiß noch nichts was mir Gewißheit geben könnte. Ihr ſchweigt ſtockmäuschenſtille und das Mariechen ſieht euch an, wie die Spazzen den Puzzmann, der in den Erbſen ſteht. Soll's nichts werden, ſo ſagts klar heraus, gebt mir Lohn und Geld und ich gehe heim nach Schwaben und ſuche das Mariechen zu vergeſſen, ſo gut es gehen mag!
Mit der Sache, verſetzte die Alte, die ſo wichtig iſt, ſoll man nicht die Treppe herunterſtürzen. Vorgethan und nachbedacht hat manchen in groß Leid gebracht! Hat's denn ſo Eile?
Ei, ich denke, ich hab' lang genug herumgelöffelt, ſagte Jakob, um nun einmal an's Ende zu kommen. Ich ſteh' halt in den Jahren, wo man ſeinen feſten Sitz ſehen
möchte und auch ſollte. Drüben zu Tiefenbach, bei Sim— mern, iſt die Mühle feil, die kauf ich mir dann und wir ſind geſchiedene Leute. Eine Frau krieg' ich auch noch in der Welt und am Narrenſeile will ich mich nicht mehr lange führen laſſen.
Man mochte es dem Tone anhören, daß es ihm, wie man am Rheine ſagt, wurmte, daß man ihn ſo in die Länge hinhielt. Das glaub' ich recht gerne, Jakob, ſagte die Müllerin, aber mein Kind iſt noch gar jung und da will's noch nicht recht einwilligen. ö
Was Jugend? rief Jakob. Sie hat abgezahnt und mit achtzehn Jahren iſt den Kinderſchuhen das Quartier längſt niedergetreten. Sagt's mir rund heraus, ſie hat etwas gegen mich!
Was fällt Euch ein, Jakob? rief die Alte. Wenn ſie irgend etwas gegen Euch hätte, ſo wär's etwa das, daß Ihr gar manche Nacht nicht zu Hauſe ſeid und weg— ſchleicht, wenn Ihr glaubt, wir ſchliefen.
Der Alten war über der Rede der Kamm gewachſen, daß ſie ſo ohne Hehl herausreden konnte. Sie waren nun gegen Vautsberg über und blieben ſtehen.
Dieſe Bemerkung hatte den Jakob der Art betroffen gemacht, daß er, weiß wie Kreide und völlig ſtarr, ſtehen blieb und mit offenem Munde und ſtieren Blicken die Müllerin anſah. Endlich brachte er ſtotternd heraus: Wer ſagt das?
Ihr hörts ja, fiel kecker werdend die Alte ein, ich ſag' es!
Ihr ſeid belogen! Es iſt eine Verleumdung!
Wißt Ihr noch, Jakob, ſagte ſie, an dem und dem Tage nach Lichtmeß war't Ihr wieder fort; wartet einmal, ich glaub', es war an dem Tage, als an der Clemens— kirche—
Donner! ſchrie Jakob auf einmal mit brüllender Stimme, Ihr werdet am Ende mir nachſagen, ich hätte Theil an dem Verbrechen, das dort begangen wurde?
Daran hatte meine Seele nicht gedacht, ſagte die Alte, der es kalt über den Rücken lief; aber wie kommt Ihr darauf? Damals wart Ihr ſchlafen gegangen, aber als ich nachſah, weil ich nicht wußte wie's mit der Mühle ſtand, war Euer Bett völlig unberührt und Ihr fort. Daß dies Ausgehen und die Geſellſchaft, die Ihr in Trecht⸗ lingshauſen habt, Euer Spielen und dergleichen Euch bei Marie keinen Stein in's Brett ſetzt, könnt Ihr an Euern Fingern abzählen. Ich hab ihr ſehr zugeſetzt, aber ſie will nicht.


