Ausgabe 
19.2.1851
 
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16. gebr.

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0.

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Intelligenz-Vlatt

fuͤr die

Provinz Oberheſſen

im Allgemeinen, den Regierungsbezirk Friedberg

im Beſonderen.

M 15.

Mittwoch den 19. Februar

Der redliche Sohn. (Fortſetzung.) 4.

Dorothea ſaß in ihrem Kämmerchen. Es nachtete läͤngſt ſchon draußen, aber noch tiefdunkler als die Schwärze der Mitternacht war es in ihrem Gemüthe. Wie wär' es auch möglich zu ſchildern, was in ihrem Innern vor⸗ ging; wie wäre es möglich, auch nur im Schattenbilde zu zeichnen jenen Widerſtreit ſich feindlich begegnender Verhältniſſe, die den ſonſt lichten Traumhimmel ihrer Ju⸗ gendtage gewaltig erſchütterten. Qualerregend war ihr der Gedanke an den alten Vater im Schuldthurm, erhebend dann der Blick auf Guſtav und vernichtend die leiſeſte Er innerung an Vernet. Es war zuviel für das ſchwache Mädchen. Dorothea wollte weinen, aber der Thränenquell ſchien ausgetrocknet und verſagte ſeinen Troſt, und dabei beſaß ſie keinen vertrauten Menſchen im Dörfchen, in deſſen Bruſt ſie allen ihren Gram hätte ausſchütten konnen. Mit jedem Stundenſchlage ſtieg ihre Angſt, ob denn Guſtav komme, zur Rettung des Vaters. Einen Wunſch hegte ja nur ibr edles Herz, nämlich ihren geliebten Bruder wiederzuſehen und ihm vorzuführen in ungeſchminkter Er zählung die ganze Wüſte des häuslichen Elends und ihn anzuſpornen, daß er Mittel erſinne, welche auf rechtlichem Wege den armen Vater befreien. Aber wie wäre ſolches möglich, der Bruder hatte ja doch auch keinen Geldüber fluß. Das zerriß wieder den Blumenkranz ihrer Hoffnung, deren Schimmer gar oft täuſcht, wie das Irrlicht, welches die Augen blendet und den irren Wandler, der ihm nach⸗ folgt, in Moorgründe verſinken läßt. Wiederholt fühlte ſie den Drang in's Freie hinauszuſtürzen, um dort unter Gottes freiem Himmel ihr Leid auszuklagen und ihren Seelenſchmerz auszujammern.

Das Kämmerchen ward der guten Tochter gleichſam zu enge, zu dumpf. Ihr Geiſt war des Troſtes bedürftig. Wo und wie ſollte dem unglücklichen Weſen Ruhe werden, das vor dem ſehnſüchtigen Blick keine Ausſicht zur Rettung für den Vater hatte? Eben bemerkte ſie bei dem Schauen durch das Fenſter, wie ſo ſtill der Mond am Himmelsge wölbe heraufſchwamm. Der Friedhof lag gar friedlich im Dämmerſtrahle des Mondes. Stille waltete ringsum. Dorothea ſchaute hinaus und zurück und legte die Hand vor die glühende Stirn. Sie beſah den ſchmalen Pfad, der von ihrem Hausgärtchen gerade zu dem Gefilde der

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Todten führte, und plötzlich eilte ſie zu den Gräbern hin aus und ſtand auch ſchnell an dem Leichenſtein über der Gruft ihrer Großmutter und ihrer Mutter. Der weiße Leichenſtein glänzte wie das blaſſe Antlitz der Schwermuth im Mondlichte, und die goldene Inſchrift war vom Laub des Cypreſſenbaumes überweht, der um den ganzen Hügel ſeine Zweige verbreitete. Die Blumen, von Dorothea in die Mitte des Grabes hingepflanzt, als blühten ſie aus dem Herzen der Mutter hervor, waren benetzt von hell funkelnden Thautropfen. Alles war ſo ſchweigſam und nur die Trauerbäume ſchüttelten geiſterhaft ihre Aeſte, vom Hauche der Nachtluft hin und her bewegt.Süß muß die Ruhe der Todten ſein unter der Moosdecke hier! flüſterte Dorothea und nannte mit Andachtsbeben den Namen der guten Mutter. Sie bog ſich auf den Grabſtein nieder um den erbaulichen Spruch zu leſen, welchen Guſtav ehe deſſen für die verſtorbene Großmutter verfertigt hatte:

Dir auch hat vom Dulderherzen All' die Neſſeln ſcharfer Schmerzen, Die ſo ſchwer, ſo heiß gedrückt, Sanft der Tod nun abgepflückt!

Was dein Herz in frommen Stunden Oft erſehnt, haſt du gefunden; Freiheit von der Pilgerlaſt,

Nach den Kämpfen ſüße Raſt!

Weile drum, wo den Gerechten Gottes Engel Palmen flechten, Wo, entriſſen jeder Pein,

Leuchtet dir Verklärungsſchein!

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Ihre Thränen vermiſchten ſich mit den Thautropfen auf den Blüthenblättern umher. Dorothea betete für die Seele der Entſchlafenen und betete zu Gott für das Heil ihres ſo ſchwer heimgeſuchten Vaters; und als theile er mit ihr gleiche Gefühle, ſo ernſt ſah der Vollmondſchein herunter und verſilberte die Flur der Verweſung.

Das Gewieher eines Pferdes wurde vernehmbar und der heftigſte Peitſchenknall kuarrte durch die Lüfte. Dorothea fuhr zitternd auf vor Furcht und wagte mit halbem Blick nach der Gegend hinzuſpähen, aus welcher das Getöſe kam. Sie glaubte einen boͤſen Geiſt zu ſehen. Ein Reiter im dunkeln Mantel ſauſte daher; ſo ſchnell ſchießt kein Stern ſeine Lichter, als der mit ſeinem Rappen zu fliegen ſchien. Hellaufwiehernd bäumte ſich das Roß, von Schaum umſprudelt, und mit jedem Satze rief es das Echo der Gräber und der Bergklüfte hervor, welches dann hohl und ſchauerlich durch die nahe Waldung fort