Dran
telligenz-Vlatt
fuͤr die 5
Provinz Oberheſſen
im Allgemeinen,
den Regierungsbezirk Friedberg
im Beſonderen.
M 6.
Sonnabend den 18. Jauuar
1831.
Das Mühlchen in der Morgenbach. Eine Begebenheit aus dem Jahre 1716. (Fortſetzung.)
Als nun die Frauen bei einander ſaßen und der „Schultheiß in der Wirthsſtube mit den Gäſten ein Spiel⸗ chen machte, ſprach die Gevatterin vertraulich: Nun, wirds denn bald mit deinem Mariechen und dem Jakob? Du haſt das doch ſchon lange vor?
Ja freilich, ſagte ſeufzend die Müllerin, aber denke dir, das dumme Ding will ihn abſolut nicht.
Das Mädchen iſt geſcheidter wie du, verſetzte die Schultheißin. Ich ſage dir, ich möchte ihn nicht und— wenn wir zweie auch allein auf der Welt wären, wie weiland Adam und Eva!
Ei ſieh' mal— was haſt du denn gegen ihn? rief ſcheinbar gereizt die Müllerin. Glaub's wohl, wenn er um dein Käthchen freite, du gäbſt ihm den Laufzettel; aber auf was will denn das arme Muͤllersmädchen hoffen? Es kommt kein Prinz und kein Graf und ein tüchtiger Müller iſt nicht zu verachten.
Einen, wie den, kriegte ſie noch, wenn ſie auch ſonſt keiner möchte, entgegnete die Wirthin. Warum eilſt du denn ſo? Iſt das Kind etwa ſchon altersgrau? Iſt ſie nicht bildhübſch?
Darum nicht, ſagte die Müllerin; aber ſiehſt du, der Jakob hat Vermögen, iſt Müller und Mühlaͤrzt und du ſelber ſagteſt, du habeſt nie beſſeres Mehl und gerollte Gerſte gehabt als die, die er mahlt und rollt. Guck, fuhr ſie fort, da hab' ich dir auch ein Pröbchen mitgebracht.
Die Schultheißin nahms dankbar an und ſagte da— rauf: das iſt ſchon alles recht gut; aber zwiſchen gutem Mahlen und Heirathen iſt ein großer Unterſchied. Wenn ich denn Kerl ſo anſehe, überläufts mich allemal. Sieht er nicht aus wie ein ausgeheckter Strauchmörder? Haſt du auch gehört, daß heut vor acht Tagen wieder eine Mord— that an der Clemenskirche verübt worden iſt?— Mein Mann hat einen Brief von Bingen gekriegt, der ihm be— fiehlt, den rothen Jorg und den Balthes im Aug' zu be— halten, weil man Verdacht auf ſie hat, daß ſie's gethan
hätten Die haben allen Potentaten gedient und mit denen geht der Jacob um! Sie ſitzen allemal bei einander. Sind ſie allein, ſo reden ſie eine Sprache, die der Teufel ver— ſteht. Sie ſpielen immer Landsknecht oder würfeln nach Soldatenart und um vieles Geld. Letzthin ſind ſie einmal
ſtreitig geworden. Da hat dein Jakob den rothen Jörg bei der Kehle gefaßt, daß er ſchier erſtickt iſt. Da rief der: Willſt du mir's machen wie dem Juden? Brich mir nur das Maul nicht auf! Und obgleich der Jakob vor— her noch ſchäumte vor Wuth, ſo war er doch auf dieſe Worte wie ein Lamm. Ich that, als ſchliefe ich, als der Jakob an dieſe Thüre kam, um zu ſehen, ob's niemand im Nebenſtübchen gehört hätte.
Der Müllerin ſträubten ſich die Haare zu Berge. Sie ſchwieg eine lange Weile und ſeufzte dann, weil ſie ſich erinnerte, daß ſie von dem Jakob hundert Gulden ge— liehen hatte und er darauf pochte, um Mariens Hand zu erhalten. Sie hatte von dem Geld dem Mädchen auch nichts geſagt, weil ſie durch die Heirath mit Jakob des Zurückbezahlens wäre überhoben worden. Jetzt fiel ihr das wie eine Centnerlaſt auf die Seele, zumal ſie ſelber zu Mariechen geſagt, das Mühlchen ſei ſchuldenfrei.
Du wirſt doch nicht glauben; der Jakob ſei ein Mör— der? fragte ſie endlich und das Entſetzen, das ſich ihrer bemeiſtert hatte, ſchien der Schultheißin mit dieſer Frage in Verbindung zu ſtehen.
Ich weiß es nicht; ſagte ſie kurz.
Ach du lieber Gott, rief die Muüllerin, der Jacob iſt der frommſte Menſch von der Welt, der...
Bleib mir damit vom Leibe fiel ihr die Gevatterin ins Wort. Oft ſind gerade die eifrigen Kirchenläufer und Roſenkranzbeter die allerſchlimmſten, die's dick hinter den Ohren haben.
Zum großen Bedauern der Müllerin kam der Schul— theis herein und ſetzte ſich zu ihnen. Die Frauen ließen ihr vertrauliches Geſpräch ſogleich fallen und der Schul— theiß ſuchte einen andern Stoff, der ihn mehr anſprach. Die Muͤllerin brach jedoch bald auf und lud nun den Schul⸗ theiß und ſeine Frau aufs dringendſte ein, doch auch einmal in der Mühle vorzuſprechenz wenn ſie auch keinen Kaffee habe, ſagte ſie, der zu armen Müllersleuten nicht komme, ſo wolle ſie doch einen Aepfelkuchen backen, der auch nicht zu verachten ſei, denn ſie habe noch Grünäpfel vom vori— gen Jahr, die ſo friſch ſeien, als kämen ſie eben von dem Aepfelbaum hinter der Mühle. Das komme daher, ver— ſetzte ſie, weil ſie etwas zu Rathe zu halten wiſſe, und ihr Keller ſei ganz unübertrefflich, weil er ganz im Felſen liege; auch könne ſie ein Glas Aepfelwein vorſetzen, der freilich kein Rießling ſei, aber ſich doch trinken laſſe. Sie ſollten's einmal probiren.


