Ausgabe 
4.1.1851
 
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ab, ließ mir dann nachgerade merken, daß ich der Ver⸗ ſuchung nicht widerſtehen könne, und ſetzte mich mit mei⸗ nem neuen Freunde, dem Ausländer zum Ecarté. Er geſtattete mir zu gewinnen, und als wir aufhörten, war ich um zehn Pfund Teufelshandgeld reicher. Merton ſaß bei den Würfeln und verlor ſtarke Summen, für welche er, als ſeine Kaſſe erſchöpft war, ſchriftliche Bekenntniſſe gab. Die Art, wie man ihn betrog, war faſt uberteck. Dennoch, ſtatt es zu bemerken, ſchien er nicht den leiſeſten Zweifel zu hegen, daß Alles in ſchönſter Ordnung ſei, und folgte blindlings den Rathſchlägen ſeines treuen Sand ford, welcher ſelbſt nicht ſpielte. Gegen ſechs Uhr Mor⸗ gens brach die liebenswürdige Kumpanſchaft auf. Jeder entfernte ſich einzeln durch eine Hinterthür und erhielt beim Fortgehen das Paſſirwort fur den nächſten Abend.

Wenige Stunden ſpäter wartete ich dem Obercom miſſär auf. Er bezeugte mir wegen meines Debut ſeine volle Zufriedenheit, mahnte aber wiederholt zu Geduld und Vorſicht. Im Beſitz des Paſſirwortes wäre es leicht ge weſen, noch denſelben Abend die Bande aufzuheben, dadurch jedoch unſer Zweck nur theilweiſe erreicht worden. Weil nämlich die Brüderſchaft im Verdacht ſtand falſche Bank noten auszugeben, kam es darauf an, Beweis zu ihrer diesfallſigen Ueberführung zu erlangen. Außerdem war es wünſchenswerth Merton zu ſeinem Eigenthume und zu den Verſchreibungen zu verhelfen, um die er geprellt worden.

Sieben oder acht Tage geſchah nichts das beſondere Erwähnung verdiente. gerieth Merton tiefer in Schulden. Auch die Juwelen ſeiner Schweſter, die er ſich heimlich zu verſchaffen gewußt, hatte er geſetzt und verloren, und jetzt ging er auf Sand ford's Rath damit um ſein Erbgut gegen eine möglichſt hohe Summe zu verpfänden, um nicht blos ſeine Ehren⸗ ſchulden einzuloͤſen, ſondern auch Mittel zu erhalten, ſeine Verluſte zurückzugewinnen. Ich ſah, daß ein neuer Be⸗ trug ſich vorbereitete. Merton hielt ſich für einen ausge zeichneten Ecartéſpieler. Alſo ſpielte man Ecarté mit ihm, ließ ihn gewinnen und ſtellte ſich darob ſehr ungeberdig. Genau in dieſelbe Schlinge war ich gefallen. Kein Wun⸗ der, daß ich den Plan durchſchaute und einen Hauptſchlag erwartete. Inzwiſchen war ich nicht müßig. Ich vertraute Sandford, daß ich in London ſei um einen Theil von Oheim Paßgrove's Vermächtniſſe, vier bis fünf tauſend Pfund, in Empfang zu nehmen, womit ich dann nach meinem lieben Yorkſhire zurückeilen wolle. Sie hätten ſehen ſollen, welche Teufelsfreude bei dieſer wie zufälligen Aeußerung in dem Schurken aufglühte. Er war ein pfiffiger abgeriebener Menſch, und doch ſo dumm zu glau ben, ein Mann, den er um ſein Vermögen gebracht, werde ihm das ſo leicht vergeſſen.

Die Entſcheidung nahte mit raſchem Schritt. Morgen ſollte Merton's Pfandſchilling und gleichzeitig, wie ich mir hatte entlocken laſſen, mein Mondſcheinlegat ausgezahlt werden. Faſt übermüthig durch ſeine Ecartégewinnſte und auf Anrathen Sandford's beſchloß Merton, ſeine in den Händen der Bande befindlichen Papiere nicht baar einzu löſen, ſondern das baare Geld dagegen im Ecarté zu ſetzen. Anfangs wurde dies unbedingt verweigert. Als jedoch Merton darauf beſtand und Sandford es eine ſach gemäße Conceſſion nannte, wollte man es ſich gefallen laſſen, daß die Hauptſchlacht in ſolcher Weiſe und in Ecarté geliefert würde. Der von beiden Theilen herbeigeſehnte Tag erſchien und mit Herzklopfen harrte ich des Abends. Nur die acht Führer der Bande ſollten anweſend ſein, außer mir kein Fremder, ich auf Grund meines Mond ſcheinlegats. Vorher hatte ich eine Gelegenheit benutzt, Merton aufmerkſam zu machen, wie es ſeinerſeits gut

Jeden Abend wurde geſpielt und

jeder Bruſt zu ſtocken.

ſein dürfe, vor Anfang des Spiels ſich zu überzeugen, daß nächſt ſeinen Verſchreibungen und Juwelen der Mehr⸗ betrag ſeiner zu riskirenden Summe in Gold oder Bank- noten aufgelegt würde, und er ſolches verſprochen. Da mit waren meine Vorbereitungen beendigt und kurz vor Mitternacht öffnete mir das Paſſirwort die Hausthür. Ich traf die Geſellſchaft in heftigen Wortwechſel. Merton

forderte, wie ich ihm geſagt, daß genau ſo viel aufgelegt

würde als er mitgebracht, und forderte das um ſo be ſtimmter, je gewiſſer er des Gewinnes zu ſein glaubte, je vollſtändiger er alle Verluſte zurück haben wollte und je mehr der Betrag der von den Gegnern vorgezeigten Papiere und Juwelen hinter ſeiner Baarſchaft zurückblieb. Ach, hier iſt Robert! rief Sandford bei meinem Ein⸗ treten:Der kann die fehlende Summe auf eine oder zwei Stunden vorſtrecken. Gegen eine Tantième /, flüſterte er mir zu.Ich bürge für die Rückzahlung.

Danke ſchön, antwortete ich kurz;ich will mein Geld nicht fortgeben, bis ich es verloren!

Ein ſpöttiſches Lächeln ſtreifte über Sandford's Zuge; aber er ſchwieg. Darauf wurde einer von der Brüderſchaft ausgeſendet das Manco zu holen, und kehrte nach Ver lauf einer halben Stunde mit einem Packet Banknoten zu⸗ rück. Was ich gewünſcht und gehofft, geſchah; die Noten waren falſche. Merton bemerkte es nicht, zählte ſie durch, erklärte die Summe für genügend, und das Spiel begann. Im Fortgange deſſelben erinnerte mich Alles ſo lebhaft an den Abend, welcher mein Unglück beſiegelt hatte, daß mir der Kopf ſchwindelte und ich ein Glas Waſſer nach dem andern trank, meine fliegenden Pulſe zu beruhigen. Glück licher Weiſe war die Bande zu ſehr in das Spiel ver⸗ tieft meine Aufregung zu beachten. Merkon verlor in Einem fort. Die Sätze wurden verdoppelt, verdreifacht, vervierfacht. Sein Hirn brannte. Er ſpielte oder verlor vielmehr mit der Tollheit eines Wahnſinnigen.

Was iſt das? rief plötzlich Sandford,hörte Keiner ein Geräuſch unten?

Ich hatte es gehört und hätte am beſten ſagen können was es geweſen. Alles war wieder ſtill.

Zieh die Signalglocke, Adolph, gebot Sandford dem nahe am Drücker Stehenden. Während alle der Ant wort lauſchten, ruhte das Spiel und ſchien der Athem in Die Antwort kam. Ein⸗, zwei⸗, dreimal ſchlug die Glocke an.Alles in Ordnung! lachte Sandford;nun weiter geſpielt; der Spaß wird ohnedies bald aus ſein!

Zu den von mir getroffenen Anſtalten gehörte, daß zwei Polizeidiener in Civilkleidung mittels des ihnen ge gebenen Paſſirwortes ſich das Haus öffnen laſſen, den Pförtner ergreifen und knebeln ſollten. Dies war alſo geſchehen und Urſache des Geräuſchs geweſen. Andere Dienerſchaft war zu Vermeidung möglichen Verraths nicht im Hauſe. Ferner hatte ich jene Beiden mit der Signal glocke bekannt gemacht und wie ſie dieſelbe zu beantworten hätten. Auch das war geſchehen. Endlich ſollten zwanzig Mann die mit dickem Teppich belegte Treppe heranſchleichen und unweit der Stubenthür ſtehen bleiben, bis ich ſie rufen würde, um die Bande zu faſſen. Ich durfte an⸗ nehmen, daß auch dies erfolgt, ebenſo daß meiner Anord nung gemäß die Hinterthür des Hauſes beſetzt ſei. Meine einzige Beſorgniß blieb daher, daß die Bande etwas merken und Zeit gewinnen möchte, die Lichter auszulöſchen, die falſchen Banknoten in's Feuer zu werfen und durch einen mir unbekannten Ausgang zu entſchlüpfen. Allein auch dieſer Beſorgniß glaubte ich mich überhoben, ſobald das Spiel wieder begonnen, verſicherte mich meiner Piſtolen, ſtand auf, ging langſam an die Thuͤr, öffnete ſie ein wenig,

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