— 382—
„O Mutter!“ verſetzte Camilla,„ein Jahr bei dem Theater verlebt, heißt eine zehnjährige Erfahrung gemacht zu haben. Ich bin dadurch mehr als mündig geworden.“
„Ueberlege wohl, was du thun willſt“— rieth die Mutter wohlmeinend—„und bevor du deine Stelle kün⸗ digſt. Tauſend Thaler jahrlich iſt ein ſchönes Geld und mancher ſtudirte Rath hat nicht mehr.“
„Dafür kann er auch nicht ſingen“— verſetzte Ca⸗ milla.„Doch ich muß fort. Lore! es fängt an, mich an den Hals zu fröſteln. Borge mir ein leichtes Seidentuch, jedoch dein allerbeſtes, damit es nicht zu ſehr gegen mei⸗ nen Anzug abſticht.“ 2 5
Eleonore ging und kehrte mit einem bunten Seideu⸗ tuche zurück, ihrem einzigen, welches ſie von dem Geſchenke Camilla's erkauft und bis jetzt noch nicht getragen hatte. Camilla ſchlang das Tuch um den Hals und ging. Mutter und Tochter ſchwiegen eine Weile. Endlich hob jene zu ihrer eifrig arbeitenden Tochter an: g
„Tauſend Thaler und noch nicht damit zufrieden! Lorchen, wie viel verdienſt du an dem großen Haufe Wäſche, den du da vor dir liegen haſt?“
„Ziemlich einen Thaler, Mütterchen!“— verſetzte Eleonore—„wenn ich meine Auslagen alle abgerechnet
abe.“ ö 5„Armes Kind!“ ſeufzte die Mutter—„und deine Schweſter erſingt ſich in 3 Stunden mehr wie 20 Thaler. Ach, warum verlieh nicht dir unſer Hergott Camilla's Stimme 2 Du würdeſt eine beſſere Wirthin und dankbarere Tochter ſein.“
„Wer weiß!“ entgegnete Eleonore beſcheiden.„Ich würde es vielleicht eben ſo treiben wie Camilla.“
„Lorchen!“— bat die Mutter—„warne du deine Schweſter vor jeder Uebereilung. Erinnere ſie an die Schauſpielerin, deren Denkmal im Dorfe Laubegaſt am Elbufer ſteht. Dieſe hatte mehr wie 2000 Thaler jahrlich Gehalt und ſtarb als Bettlerin auf dem Strohe, weil ſie in ihren glücklichen Tagen nicht geſpart hatte. Geh' noch heute zu Camilla! Thue mir den Gefallen.“
Eleonore ging, ihre Arbeit im Stiche laſſend. Vor der ſchweſterlichen Wohnung angelangt, ſah ſie deren Fen⸗ ſterreihe hell erleuchtet, vernahm ſie Geſang, Gelächter, Glaͤſerklang, erblickte ſie die wandelnden Schatten zahl⸗ reicher Gäſte. Da kehrte ſie heim, um zwei Tage ſpäter ihren Beſuch zu wiederholen. a
Da aber war der Vogel ausgeflogen und hatte ein leeres Neſt hinterlaſſen, in welchem eine Schaar Gläubi⸗ ger ſchimpfend, wehklagend und ſich herumſtreitend ſtand. Schuhmacher, Schneider, Putzmacherin, Modehändlerin, Kaufmann, Conditor, Hauswirth, Meubler, Juden und Chriſten hatten ſich mit ihren Schuldfor derungen eingefunden.
Unverdienten Vorwürfen zu entgehen, entfernte die erſchrockene Schweſter ſich ſchnell wieder. Auf der Treppe aber lief ſie dem Geſanglehrer Morelli in die Hände.
„Iſt's wirklich wahr?“ rief derſelbe ihr mit kreide⸗ weißem Antlitze entgegen.„Iſt Camilla fort? Ich armer geſchlagener Mann!“
Mit der Hofopernſängerin zugleich war auch Leut⸗ nant von Brandtner entwichen, daher der Letztere ſteck— brieflich verfolgt wurde.
Arme Mutter! Nur die treue Liebe deiner zweiten Tochter, der ſo oft gegen Camilla zurückgeſetzten, erhielt dich in deiner Noth noch aufrecht.
Der Fund.
Ueber zwei Jahre waren vergangen. An einem
rauhen Decemberabende ſaß Frau Niedner in ihrem war- men Stübchen und las in der Bibel. Das Feuer loderte
trommelnd im Ofen und warf einen leuchtenden Strahl in valhan durch das Zugloch der Thüre auf die Dielen hin. In der gar 1906 0
Röhre ſtand eine thönerne Kanne voll Kaffee, beſtimmt 10 für die von der Mangel heimkehrende Eleonore. 97 1b schlug an
Mit tiefer Empfindung las Frau Niedner de f Spruch ab: b 5 5. 9 1 kuf 11 „Des Vaters Segen baut den Kindern Häuſer; aber f. 2 1 der Mutter Fluch reißt ſie wieder nieder.“ 1 0 1* Die Leſerin hielt inne, ſeufzte tief und ſagte: 9 bieder 1 „Fluchen? Nein, Camilla, das werde ich dir nicht.„le ˖ Segnen aber, von Grund meines Herzens, will ich mein Mich bauer zweites Kind, meine Eleonore! Was wäre ich jetzt ohne buen e ſie? Du haſt mit mir gelitten, geduldet und für mich dich pillen“ geplagt. Gott ſegne dich, meine Tochter, hier und in Währen
Amen.“ zettchen aufz
Ewigkeit. f de— lies e
Jetzt ward die Hausthüre aufgeklinkt.
„Das wird ſie ſein“— ſprach Frau Niedner und„De K erhob ſich.„Schon ſorgte ich um ſie.“„Biſt du es,„Das k Kind?“ fragte die Mutter, die Stubenthüre öffnend. und ſeeh nun
Vor ihr ſtand eine Frau, mit einem Hebekorbe in das Kind auf den Händen, welche ſie mit den Worten anredete: ſt es bloß ein
„Frau Niedner! eine fremde Dame aus dem goldnen Eleonore
ſqus der Hand ziehen Sie d der Stimme Kinderzeug zen Engel.“
Engel, Zimmer Nr. 23 ſchickt mich mit dieſer Wäſche her. Sie möchte dieſelbe gern übermorgen wieder haben. Der Waſchzettel liegt dabei. Es iſt auch ein hübſches Stück Geld daran zu verdienen. Gute Nacht!“ n
„Aber“— entgegnete Frau Niedner—„ich weiß
nicht, ob meine Tochter“— 1 Wie „O es geht gewiß!“ unterbrach ſie das Weib— keine fremde „und wenn auch die Zeit nicht mit der Minute eingehal widerſetzte ten wird. Es iſt ja nicht viel Arbeit dabei. Ich habe Kindes an Eile— muß noch mehr beſorgen“— J.„das Das Weib trippelte fort und Frau Niedner ſetzte„Was kam
den mit einem Tuche überdeckten Wäſchkorb in einen Win⸗ kel. Bald nachher trat Eleonore herein, haſtig mit glühen du den Wangen und freudefunkelnden Augen. Sie fiel ſogleich Bekannt
ihrer 5 5 1 Hals, weinte und ſagte: 9
„Freuen Sie ſich mit mir, Mütterchen! Ich bi glücklich geweſen.“ 7 5 ie eee
„Welches Glück könnte uns heimſuchen wollen?“ Maine entgegnete die Mutter kopfſchüttelnd. e
„Hofleibwäſcherin bin ich geworden!“ jauchzte Eleo⸗ 613800 5 nore—„mit 17 Thalern monatlichen Gehaltes. Die 5 Arbeit iſt nicht ſehr anſtrengend, ſo daß ich nebenbei noch Meßen d. immer einige Thaler verdienen kann. Und wiſſen Sie, Der wem ich dieſes Glück zu danken habe? Dem alten Hof- theaterzettelträger Schindel! Er kennt mich noch von 5 Hofr Camilla her, wo ich ihn zuweilen traf und mit ihm ſprach. 11818) 2 Er hat mich bei dem Grafen Blendheim empfohlen, der gens um 11 vor kurzem Oberhofmarſchall geworden iſt. Nun können Tie Hofraith wir daran denken, des Vaters Schulden zu bezahlen, und Sagneders einen Leichenſtein laſſen wir ihm auch ſetzen. Das Holz— Anhane,
kreuz iſt unten ſchon ganz verfault und bricht vielleicht bei 1
dem erſten Sturm.“ „Mein Segen geht ſchon in Erfüllung“— ſprach Frau Niedner in großer Freude zu ſich ſelbſt. Sie holte die Kaffeekanne vom Ofen und ſchenkte die Taſſe voll, En
welche Eleonore mit Wohlbehagen auszutrinken begann. 41917) Ploͤtzlich entfiel die Taſſe ihrer Hand und ihre Lippen 1) die den riefen erſchrocken aus:. Wächt „Herr Jeſus!“ zuſtehe
Mit zi 8 s. i„ anſchla
Mit zitternden Füßen ſchritt Frau Niedner jetzt dem 2) die v vermeinten Wäſchkorde im Winkel zu. Kaum daß ihre drrdr Arme den Korb erfaſſen und auf den Tiſch heben konnten. berg it Nachdem Mutter und Tochter mit Haſt das Tuch Son
we
hinweggezogen hatten, zeigte ſich in dem Korbe ein Kind— don


