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augenscheinlich seit vielen Jahren nicht bewegt worden war, und es zeigte sich, in das Silber eingravirt, der Name„Victor Marlitzky.“
Bleich und zitternd saß der Major da. Er fühlte, wie die Blicke aller Anwesenden ihn trafen, und wagte nicht, die Augen aufzuschlagen. Vergebens rang er nach Fassung. Es war ihm unmöglich, eine Antwort zu finden. Die Katastrophe hatte ihn zu rasch, zu unvorbereitet getroffen.
„Lassen Sie mich Ihnen mittheilen, meine Herren,“ fuhr Maxim in heftiger Erregung fort,„welche Bewandtniß es mit diesem Feuerzeug hat, und helfen Sie mir, ich bitte dringend, zu weiterer Aufklärung.— Meine Jugend verlebte ich mit meinen Eltern und Geschwistern in Irkutsk. Nachdem mein Vater dort durch industrielle Thätigkeit zu Wohlstand gelangt war, beschloß er, nach Kiew, in seine Heimath, überzusiedeln, der Erziehung seiner Kinder wegen. Er verkaufte sein Besitzthum und sandte Frau und Kinder mit einer befreundeten Familie voraus, während er noch in Irkutsk zurückblieb, um seine Angelegenheiten zu ordnen. In Moskau sollten wir ihn erwarten. Wir trafen glücklich da— selbst ein, und erhielten auch nach wenigen Wochen Nachricht aus Irkutsk von unserem Vater, daß er Alles erledigt habe und am folgenden Tage bestimmt abreisen werde.
„Seitdem sind acht Jahre verflossen, doch nie haben wir den Vater wiedergesehen, noch das geringste Lebenszeichen jemals wieder von ihm erhalten. Wir warteten in Moskau Wochen, Monate lang in Sehnsucht und wachsender Angst. Wie wir uns an die schwindende Hoffnung anklammerten und mit Verzweiflung gegen die täglich stärker werdende Ueberzeugung ankämpften, daß dem Vater ein Unglück zugestoßen,— das ist unmöglich zu be— schreiben! Nur wer solche schwere Tage, solche lange, qualvolle Nächte selbst durchlebt hat, kann beurtheilen, was wir litten.“
Erschüttert durch die eigenen Erinnerungen mußte Maxim einen Augenblick innehalten, während die Anwesenden mit Theil— nahme und Spannung in ihren Mienen die weitere Entwicklung erwarteten.
„Die Mutter starb nach einem Jahre in bitterem Gram und
schwerer Sorge,“ fuhr Maxim fort.—„Ein Bekannter meines Vaters war edelmüthig genug, sich der Verpflichtungen zu er— innern, die er meinem Vater gegenüber zu haben glaubte. Er nahm uns Kinder auf und sorgte für unsere Erziehung. Ich hatte Lust zum ärztlichen Beruf, studirte in Petersburg und meldete mich zum Dienst bei der Armee, beim Ausbruch des Krieges. So bin ich hierher gekommen.“
„Und jetzt,“ fuhr Maxim mit gehobener Stimme fort,„nach acht Jahren finde ich endlich hier eine unzweifelhafte Spur,— dieses Feuerzeug, das mein Vater immer bei sich trug, das ihn nie verließ, das dazu führen könnte und führen muß, ihn wieder⸗ zufinden, wenn er noch unter den Lebenden ist.— Doch dieser Mensch hier, in dessen Händen ich meines Vaters Eigenthum wiederfand,— warum verweigert er jede Auskunft, wie er dazu gekommen ist, warum lügt er, wenn er ein reines Gewissen hat?“
„Es kann nicht anders sein,“ schrie Maxim in namenloser
b Wuth auf,„es ist ein Verbrechen geschehen, er hat es gestohlen,
geraubt,— er ist ein Mörder meines Vaters und meiner Mutter! Sein Blut muß ich haben! Er soll meine Rache fühlen, der Elende!“
Und blitzschnell aufspringend traf er den Major mit wuchtigem Faustschlag in's Gesicht, daß dieser zur Erde taumelte. Dann riß er ihm die Epauletten ab. Doch die Anwesenden hielten ihn von weiteren Gewaltthaten ab, und suchten ihn zu beruhigen, während der Major halb besinnungslos vor Zorn und Furcht mit blutigem Gesicht hinausgeführt wurde.
(Fortsetzung folgt.)
Eine SHommerfrische. Novelle von Georg Hartwig. Fortsetzung.) III. Am andern Morgen war Fräulein Mathilde ein wahrer Ausbund von guter Laune und freudiger Erwartung, ein Um⸗ stand, welcher, den ungerechten Verdacht des gestrigen Abends
dazu gerechnet, mir die Pflicht auferlegte, sie gewissermaßen brüderlich zu behandeln. Diese Schlange und Bruderliebe!
„Ich dachte nie, mein Fräulein,“ sagte ich, als wir zu Dreien, Luisen's Arm ruhte noch immer mit einer gewissen Herablassung in dem meinen, den hübschen Weg nach Nieder— Annendorf einschlugen,„ich dachte nie, daß Sie mit Ihren Lebensanschauungen soviel Interesse für altes Gemäuer empfinden könnten.“
„Wahre Größe wird immer verkannt!“ erwiderte sie lächelnd, und wäre ich nicht so strafwürdig harmlos gewesen, hätte mir ihr leuchtendes Auge und sein befremdender Glanz als ver— dächtig auffallen müssen.
So glaubten wir Beide, diese besondere Laune gälte dem Vergnügen, in romantischen Matthisson'schen Reminiscenzen schwelgen zu können. Da wir beschlossen hatten, in Nieder⸗ Annendorf ganz ländlich Forellen und frische Kartoffeln zu ver⸗ zehren, so schlenderten wir gemüthlich vorwärts und kamen gegen zwölf Uhr in bester Stimmung dort an.
Luisen's erste Frage war:„Wo ist die Ruine?“
„Gutes Kind,“ sagte ich zärtlich,„erst ruhst Du Dich aus. Ruinen, selbst uralte Heidentempel, laufen nicht weg.“
„Haben sie so lange auf uns gewartet,“ fiel Fräulein Irr— wisch lachend ein,„warten sie auch noch etwas länger!“
„Diesmal trafen Sie das Rechte,“ lobte ich die heuchlerische Schlange und gab meiner Luise einen kleinen Streifkuß.
„Im Garten blüht Goldlack!“ sagte Mathilde, als sie mich so glücklich beschäftigt sah.
Zehn Minuten später suchten wir sie vergebens. An Gefahr war garnicht zu denken. Nieder-Annendorf lag poesielos in einer einzigen Straße hingestreckt zwischen Wiesen und Wald, so daß mir das Vorhandensein einer malerischen Ruine auf diesem Unter⸗ tassenterrain plötzlich Staunen erregte.
„Strafe muß endlich sein,“ sagte ich energisch, nachdem die Forellen bestellt waren.„Wir gehen jetzt gleich an Ort und Stelle, später wird gegessen und nach dem Kaffee die Heimkehr angetreten. Kein Wort für die Perle“!“
Während wir langsam aus dem Hause gingen, fragte ich ein vor der Thür stehendes weibliches Individuum nach der be— rühmten Ruine, und welcher Weg dorthin führe.
Sie sah uns an, verzog den Mund anmuthig bis zu den Ohren, kicherte und sagte endlich:„Woas?“
„Man kommt, so viel ich weiß, doch nur hierher, um die Reste einer ehemaligen Burg oder sonstigen Baues zu betrachten,“ erwiderte ich mit unangenehm scharfer Betonung der einzelnen Silben.
Jetzt schien sie endlich zu begreifen, um was es sich handelte. „Ach so! Das wollen die Herrschaften sehen? Ja, denn man geradezu, auf das blanke Feld zu!“ ö
Luise wandte sich angewidert ab.„Dieses Volk! Hat das Schöne in nächster Nähe und versumpft in Unkenntniß! Die Leute ahnen garnicht, was ihnen so bequem zur Hand liegt!“
„Niederschmetternd!“ sagte ich bereitwillig einstimmend, obwohl mir, weiß Gott aus welchen Gründen, die Sache nicht ganz geheuer vorkam.„Wir hätten doch sollen noch Jemand Anderen befragen, Mathilde ist—“
„Georg, solche alten Raritäten sind mir am ehrwürdigsten, wenn man sie allein ungestört betrachten kann. Wer weiß, wie Viele sich gleich mit zu dem Genusse gedrängt hätten!“
Wir gingen also tapfer auf das„blanke Feld“ los, womit die Hebe des Gasthauses sicher die mit Geröll bedeckte Umgebung der Ruine gemeint hatte. Endlich ging der bezeichnete Weg zu Ende, aber die Aussicht blieb so flach wie ein Eierkuchen. Von Erhöhung oder Thurm, oder Mauerresten keine Idee. Dazu brannte die Sonne mit verzweifelter Glut auf unsere Köpfe nieder. Nichts zu sehen, nicht einmal ein Maulwurfshaufen.
„Sollte die alberne Person etwa mit dieser Brache das „blanke Feld“ gemeint haben?“ kam es grollend über meine Lippen.„Das wäre allerdings eine ebenso freie Uebersetzung, als mir die ganze Geschichte mit der Ruine auch zu sein scheint.“
„Dort!“ rief Luise plötzlich wie elektrisirt.„Oh, ein Grab! Ein halb abgetragenes Hünengrab! Welch' interessanter Fund! Ob man auf Leitern hinabsteigen kann?“
Sie eilte trotz Sonnenbrand und ihrer feinen Sohlen über
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