Ausgabe 
26.2.1888
 
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kommandirt waren, sollte südlich der Donau, gegen Plewna hin, einige Meilen landeinwärts errichtet werden. Von Bukarest kommend, langten sie spät Nachmittags in Simnitza an der Donau an. Ihre Bemühungen, einen Wagen zur Weiterfahrt zu erlangen, waren ganz erfolglos, und so entschlossen sie sich, hier zu übernachten. Doch dies erwies sich als nahezu unmöglich. Das traurige Nest war angefüllt von Offizieren, Soldaten, von einer Menge jener problematischer Existenzen, welche der Armee folgten, um irgendwie Beute zu machen, Spieler, Händler, Marke⸗ tender und Glücksritter aller Art. Der einzigeGasthof des Ortes war ein niedriges, armseliges, einstöckiges Gebäude, in welchem den ganzen Tag über hohes Hazard gespielt wurde. Dabei flossen Schnaps, Champagner und erbärmliches Bier in Strömen, so lange der Wirth im Stande war, Getränke über⸗ haupt anzuschaffen; und eine halb betrunkene Menge wälzte sich ruhelos hin und her, in und vor dem Gasthof.

Indessen, da die Vorräthe und Geräthe zur Errichtung des neuen Spitals noch weit zurück waren, hatten die beiden Aerzte noch durchaus keine besonders große Eile. Ueberdies waren die beiden Brücken über die Donau den ganzen Tag über voll in Anspruch genommen durch ganze nachrückende Armee-Korps, so daß das Eintreffen der Wagen für das neue Spital wohl erst nach einigen Tagen erwartet werden konnte.

Maxim und Ossipow meldeten sich beim Kommandeur der Etappe, einem graubärtigen Oberst, der sie freundlich willkommen hieß. Er hatte sich in einem geräumigen Hause eingerichtet, das zwar nur bescheidenen Ansprüchen an Komfort genügen konnte, ihn aber doch in den Stand setzte, den durchreisenden Offizieren ein Unterkommen und eine, wenn auch nur feldkriegsmäßige Gastfreundschaft zu bieten.

Der Oberst führte seine Gäste in das große Vorderzimmer gleich beim Eingang. Sie trafen schon einige Offiziere darin an, welche theils nach Norden, theils nach Süden mit allen möglichen dienstlichen Aufträgen reisten und hier eine kurze Rast machten. Neue Ankömmlinge kamen hinzu, und die Unterhaltung wurde bald sehr belebt und interessant. Die unvermeidliche Thee maschine, der Samowar erschien, ein Schluck Cognac und eine Papierzigarre aus feinem türkischen Tabak ließen bald die Stra pazen der beschwerlichen Fahrt vergessen.

Gut, daß Sie kommen, rief ein junger Hauptmann vom Generalstab des Großfürsten Nicolaus, der in besonderem Auf trage nach Bukarest reiste.Unsere Spitäler vor Plewna können entfernt nicht mehr genügen. Wir sind zu schwach, um etwas Entscheidendes zu unternehmen, und bei den täglichen kleinen Gefechten verlieren wir nutzlos eine Menge Mannschaften.

Wie kommt es denn, fragte Maxim einen ruhig neben ihm sitzenden Rittmeister,daß wir überall zu schwach sind, am Lom Fluß, im Schipka-Paß und vor Plewna. Kann denn Rußland nicht mit Leichtigkeit dreimal so große Armeen stellen, als die Türkei? Und doch sind wir an den beiden ersten Punkten in der Defensive, und vor Plewna, wo eine rasche, kräftige Offensive nothwendig wäre, sind wir zu schwach.

Gewiß! antwortete der Angeredete freimüthig,aber wir bezahlen theuer für den Irrthum, daß nur wenige Armee-Korps nöthig wären, um die türkische Armee zu vernichten. Jetzt hat man auch die Garde und noch einige Armee-Korps mobil ge macht, um eine rasche Entscheidung herbeizuführen.

Und es ist keinen Augenblick zu früh, bemerkte ein Anderer, in Klein-Asien sind wir fast ganz aus dem Felde geschlagen.

Wissen Sie auch, rief ein junger Kapitän der Infanterie von Scobelew's Division,was wir beim letzten Sturm auf Plewna entdeckten? Ein Theil der Türken hatte Repetirgewehre. Veritable Repetirgewehre, bestätigte er, als er Zeichen von Zweifel bei den Zuhörern bemerkte.Bekanntlich hat die türkische Kavallerie Repetir-Karabiner. Diese gab sie an die Infanterie ab, welche die türkischen Schanzen vertheidigte. Nun denken Sie sich das Blutbad, wenn die Unsrigen gegen diese Schanzen auf

den Anhöhen anstürmen, welche mit Repetir-Gewehren vertheidigt

werden.

Ja, ja, meine Herren Doktoren, sagte ein vor Kurzem an-

gekommener Major von nicht unschönen Gesichtszügen, kurzer ge⸗ drungener Statur, aber mit unstätem lauerndem Blick,es ist dafür gesorgt, daß es Ihnen nicht an Arbeit fehlt. Denn noch

immer stehen die Türken fest auf ihren Bergen vor Plewna, ob⸗ gleich Scobelew schon mehr als ein Mal in ihre Schanzen ein⸗ gedrungen ist. Ein Teufelskerl, dieser Scobelew. Freilich brachte er das letzte Mal von den 9000 Mann, die seine Division noch hatte, kaum 5000 wieder in's Lager zurück. Aber was schadet das? So ein berühmter General kann sich schon auch ein Mal solche Scherze erlauben, er wird dadurch nur noch be⸗ rühmter. Der Major ließ ein kurzes höhnisches Lachen hören und beschäftigte sich damit, eine Papierzigarre anzuzünden.

Komm, sagte Maxim sich erhebend zu seinem Freunde, wir müssen fort, es muß dort entsetzlich viel zu thun geben für uns.

Bleibe doch, erwiderte Ossipow.Vor allen Dingen lautet unser Befehl nicht, zur Division Scobelew zu gehen, sondern wir haben bestimmte Instruktionen in Bezug auf das neu zu er⸗ richtende Spital, welche wir unbedingt befolgen müssen. Aber heute Abend können wir nicht mehr weiter, überdies sind unsere Fuhren noch weit zurück. Was sollen wir da machen, wenn wir mit leeren Händen kommen?

Wider Willen setzte sich Maxim wieder. Es war ihm schwer zu Muthe. Er hatte ein Vorgefühl, als ob ihm etwas Un⸗ erwartetes, Unerhörtes begegnen sollte.

Nun, bemerkte Ossipow,das Ende des Feldzuges kann trotzdem nicht zweifelhaft sein. Aber freilich, wir werden noch schwere Arbeit bekommen. Doch wir werden unsere Pflicht....

Er unterbrach sich unwillkürlich, als sein Blick zufällig auf Maxim gefallen war.

Was ist Dir denn? fragte er seinen Freund.

Der Major hatte ruhig seine Vorbereitungen zum Rauchen beendigt und ein silbernes Feuerzeug hervorgeholt, um seine Papyros in Brand zu stecken. Maxim, der ihm gegenüber saß, starrte ihn an, lautlos und regungslos mit dem Ausdruck des Entsetzens und namenloser Verwunderung.

Was ist Dir denn, Maxim? wiederholte Ossipow dringender, jedoch wieder, ohne eine Antwort zu erhalten.

Alle wurden aufmerksam und beobachteten neugierig das selt same Gebahren Maxims.

Plötzlich erwachte dieser aus seiner Erstarrung, griff nach dem Feuerzeug, welches vor dem Masor auf dem Tische lag, und nachdem er es einen Augenblick aufmerksam betrachtet hatte, sagte er, zu Letzterem gewendet:

Erlauben Sie zu fragen, Herr Major, wie Sie zu diesem eigenthümlich konstruirten Feuerzeug gekommen sind?

Der Major erblaßte, und befand sich einen Augenblick in rathloser Bestürzung, die er sich vergebens zu verbergen bemühte.

Nun, es ist mein, sagte er mit unsicherer Stimme,was haben Sie für ein Recht, darnach zu fragen?

Ich bitte Sie nochmals dringend, wiederholte Maxim mit vor Aufregung zitternder Stimme,mir mitzutheilen, wie dieses silberne Feuerzeug in Ihren Besitz gekommen ist. Es handelt sich um die Auffindung einer mir sehr nahestehenden Person, welche vor acht Jahren spurlos verschwunden ist.

Narrenpossen, erwiderte der Major trotzig, nachdem er sich vom ersten Schrecken erholt hatte.Belieben Sie, mich mit solchen Fragen nicht weiter zu behelligen.

In stummer Verwunderung sahen die Anwesenden der Ent wicklung des Räthsels entgegen. Räthselhaft waren ihnen nicht nur die dringlichen, fast ängstlichen Fragen Maxim's, sondern auch das trotzig ablehnende Verhalten des Majors.

Haben Sie wirklich keine andere Autwort für mich? Wollen Sie mir nicht sagen, wo Sie das Feuerzeug gefunden haben? wiederholte Maxim in dringendem, fast bittenden Ton.

Nun gut! erwiderte der Major,mit einem Wort, es hat von jeher mir gehört, ich habe es neu gekauft.

Das ist nicht wahr! rief Maxim aufspringend und unfähig, seine Aufregung länger zu bemeistern, nahm er das Feuerzeug vom Tische und hielt es mit der Hand in die Höhe.Dieses Feuerzeug gehörte meinem verunglückten Vater. Ich nehme Sie alle zu Zeugen, meine Herren! Hier unter diesem Schieber, welchen Niemand entdecken kann, der nicht die eigenthümliche

Arbeit schon vorher kennt, muß der Name meines Vaters zu lesen sein! Mit Anstrengung schob

Maxim den Schieber zurück, welcher

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