Ausgabe 
26.2.1888
 
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zu den

* Oberhessischen Uuchrichten. 1

Jeder Nachdruck aus dem Inhalt dieser Zeitschrift wird strafrechtlich verfolgt werden.

Gießen, den

XIII. Eine Spur.

Der Sturm bricht los! So klang es durch ganz Rußland, vom weißen Meer bis zur Donau. Die blutigen Gräuel, welche die Horden von Tscherkessen und Baschi-Bozuks in dem unglück lichen Bulgarien verübten, die niedergebrannten Dörfer, die grau sam gemordeten Weiber und Kinder, hatten die ganze zivilisirte Welt mit Entsetzen und Abscheu erfüllt. In Rußland wurde die bekanntlich ungewöhnlich träge öffentliche Meinung noch besonders scharf bearbeitet durch die Zeitungen, welche die Gelegenheit günstig fanden, um fürdie Vereinigung aller flavischen Bruderstämme unter Rußland's Schutz die große Trommel zu rühren.

Zu Anfang des Jahres 1877 wurde eine russische Armee in Bessarabien versammelt. Der Kaiser besuchte dieselbe, und aus den bei der denkwürdigen Revue bei Kischineff Anfangs April gesprochenen kaiserlichen Worten erfuhr die Welt, daß der Krieg beschlossen und unabwendbar sei.

Das russische Volk liefert vortreffliche Soldaten, ein vor zügliches, höchst ausdauerndes Material, gelehrig und anstellig, aber es liebt den Frieden, es ist von Natur nicht kriegerisch, nicht kriegslustig. Die Nachricht von der Kriegserklärung wurde von den Gebildeten mit Jubel, von der Masse des Volkes aber mit dumpfem Schweigen vernommen. Man erinnerte sich noch zu gut der entsetzlichen Opfer an Menschen, welche der große Krieg fast fünfundzwanzig Jahre früher gekostet hatte. Doch dem Ruf des Zaren mußte ohne Zaudern Folge geleistet werden.

Wie bei jedem Krieg, fehlte es auch hier wieder sehr an Aerzten. Maxim meldete sich freiwillig zum Dienst und wurde fofort angenommen. Sein Abenteuer bei den Nihilisten schien ganz unbekannt geblieben zu sein, und der schändliche Anschlag Semenows, der ihm das Leben gekostet hatte, mißlungen.

Maxim sollte mit einem der ersten Sanitäts-Züge abgehen, welchen die Gesellschaft des rothen Kreuzes eben ausrüstete. Diese entwickelte eine lebhafte Thätigkeit, welche in allen Schichten des Volks Beifall fand. Zahlreich meldeten sich freiwillige Arbeiterinnen in den Werkstätten der Gesellschaft, sowie auch freiwillige Kranken pflegerinnen für die Spitäler auf dem Kriegsschauplatz.

Nach einer unendlich langen Fahrt, welche fortwährend durch endlose Züge mit Ersatzmannschaften, mit Artillerie und Kavallerie unterbrochen wurde, langten Maxim und sein Freund Ossipow endlich in Bukarest an. Denn Ossipow hatte gleichfalls Dienst im Heere genommen und auf Bitten seiner Frau es so einzurichten gewußt, daß er immer mit Maxim vereint bleiben konnte, an welchen er sich nun auch sehr freundschaftlich und innig anschloß. In Bukarest war ihres Bleibens nicht lange, denn hier waren nur leicht Verwundete, welche den Transport bis dahin leicht

26. Februar.

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Vor dem Sturm.

Roman aus dem modernen russischen Leben von A. L. Berthoff.

(Fortsetzung.) ertrugen. Aber weiter südlich war ihre Anwesenheit sehr noth wendig. Dort, näher der Front, waren die Lazarethe furchtbar

überfüllt mit Kranken und mit Verwundeten, und die Aerzte waren nicht im Stande, die ihnen auferlegte furchtbare Arbeit auch nur nothdürftig zu bewältigen. Zwar wurden fortwährend große Transporte von Verwundeten, wenn sie nur irgend trans portabel waren, nur mit einem Nothverband versehen, nach rück wärts abgefertigt in die entfernteren, weit weniger in Anspruch genommenen Spitäler. Aber die täglich stattfindenden Gefechte lieferten so massenhaften Zuwachs, daß die vorhandenen ärztlichen Kräfte nicht ausreichten.

Während im Kriege von 1853 Omer Pascha die Russen Monate lang am Ueberschreiten der Donau verhindert hatte, war jetzt der Uebergang über den Strom überraschend schnell gelungen. Bei Simnitza wurden zwei Schiffbrücken geschlagen und durch rasches Vorgehen der russischen Avantgarde gesichert. Der Lieutenant, der zuerst das feindliche Ufer betrat, war von Geburt ein Deutscher. Alle die festen, fast uneinnehmbaren Stellungen der Türken auf dem rechten Donau-Ufer waren dadurch fast werthlos, ebenso auch die Festung Widdin am linken türkischen Flügel, Donauaufwärts. Rasch breiteten sich die russischen Armee-Korps auf dem ge wonnenen Terrain, in Bulgarien, aus bis zum Balkan-Gebirge. Sogar der berühmte Schipka-Paß über dasselbe war durch einen Handstreich mit geringen Streitkräften genommen worden. Aber Mehemet Ali Pascha stand mit einer starken Armee im Osten und mit Mühe und Anstrengung leisteten die schwachen Divisionen des Thronfolgers, jetzigen Kaisers, am Lom-Fluß einen hartnäckigen Widerstand. Trotzdem waren die wenigen Bataillone, welche sich im Schipka-Paß festgesetzt hatten, sehr bedroht und mußten zum Theil zurückgezogen werden. Doch der höchste Punkt in dem Passe, der Nicolaus-Berg, wurde von General Radetzky tapfer vertheidigt und blieb dauernd im Besitz der Russen. Vergebens verschwendete Suleiman Pascha, von Süden her vordringend, Ströme von Blut, Radetzky blieb fest.

Währenddem wurde aber auf dem westlichen Theil des Kriegsschauplatzes noch heftiger gekämpft. Osman Pascha hatte die türkischen Truppen der Donau-Linie gesammelt und war schnell und verwegen bis Plewna marschirt, wo er sich eine feste Stellung schuf, welche das Zentrum der russischen Hauptmacht unter Großfürst Nicolaus bedrohte. Die russischen Generale waren vollkommen überrascht dadurch, und versuchten vergebens mit einzelnen Divisionen die Türken zu vertreiben, eine Aufgabe, welche später auch mit ebenso vielen Armee-Korps nicht zu lösen war.

Ein neues großes Lazareth, für welches Maxim und Ossipow

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