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das dürre, steinige Brachfeld bis an die Stätte, wo ein Riesen— leib einst seine Ruhe gefunden haben sollte. Ich todesmuthig und athemlos hinterdrein.
Da standen wir und sahen uns durchbohrend an. Wie? Was? Wo? Ein alter, tief gemauerter, halb zugeschütteter und von Schutt aller Art rings umgebener Ziehbrunnen, das war es, was vor unsern wißbegierigen Blicken lag.
„Ich wollte, der Sultan borgte mir eine seidene Schnur oder einen seiner Damensäcke!“ knirschte ich, mir den Schweiß von der Stirn trocknend.„Mathilde hat uns in den April
geschickt. Darum machte sie sich auch bei guter Zeit aus dem Staube. Aber warte, Fräulein Irrwisch,
diesmal rechnen wir anders ab!“
Oh, wie wenig streiften meine Gedan— ken noch die Wirklich— keit! Luisens nur zeit— weilig unterdrücktes Temperament gewann die Oberhand.„Ein alter, ausgetrockneter Brunnen! Wir müssen uns ja vor den Leuten schämen! Und deshalb habe ich mir die Haut braun brennen lassen wie ein Mohr?“ „Kennst Du„Schutt“ von Anastasius Grün?“ fragte ich mit Galgen— humor.
„Nein!“ sagte sie etwas verlegen.„Wes— halb?“
„Wenn wir den Band hier hätten, könnten wir uns da— mit an den Brunnen setzen und ihn lesen. Schutt genug ist vor— handen.“
Damit gingen wir klaftertief verstimmt nach unserm Gasthaus zurück. Auch jetzt noch keine Spur von Fräu lein Mathilde.
„Ich rühre keinen Fuß!“ rief ich zornig
aufstampfend. „Und ich bin müde zum Umfallen und
hungrig,“ sagte Luise und wies auf die uns soeben aufgetragenen dampfenden Forellen.
Wie sie spaͤterhin mit bewunderungswürdiger Offenherzigkeit eingestand, hatte Fräulein Mathilde seit ihrem Abenteuer als Wassernymphe keinen Augenblick Ruhe gefunden vor dem Ge— danken: Wer war der interessante Fremdling? Sehr natürlich verfiel sie auf den Einfall, in Nieder-Annendorf persönlich Er— kundigungen über ihn einzuziehen, und hierzu mußte die An— tiquitätenverehrung meiner Gattin den Köder abgeben. Sie hatte so lange und energisch in die taube Besenwalküre hinein— geredet und hineingefragt, bis diese endlich eingestand, so eine Art Scherbenhaufen in der Nähe des Dorfes zu kennen. Das war die interessante Ruine, auf welche mein eheherrlicher Ver— söhnungstrieb rettungslos hineinplumpste. Während meine Frau und ich uns die Augen darnach ausguckten, war Fräulein Mathilde hurtig die Dorfstraße hinabgeeilt und mitten in einen Haufen spielender Kinder gerathen. Da jedoch das Resultat
Der Porzellanthurm bei Peking.
ihrer Forschungen hier zu gering ausfiel, gesellte sie sich zu einer Gruppe schwatzender Weiber, welche vor der Thür mit Salatschneiden beschäftigt waren. Ohne Umstände erkletterte sie eine nicht allzu hohe Steinmauer, die den Garten von der Land⸗ straße trennte, kauerte sich darauf nieder, klatschte zum Beginn der Sitzung in die Hände und begann eine Art Kreuzverhör, in dessen Verlauf sie erfuhr, daß der bewußte Fremdling ein reicher Junggeselle sei, ein doppelter Fabrikbesitzer, und bis auf siene etwas schroffen Manieren auch ein ganz traitabler Mann.
„Und das muß ich am besten wissen,“ rief eine derbe Bäuerin peremptorisch dazwischen, denn in meinem Hause—“
Hier hörte Fräulein Mathilde hinter ihrem Rücken einen Ruf des Erstaunens laut wer—⸗ den, und gleich dar— auf flog sie wie eine Parforcereiterin mit beiden Füßen auf den Rücken der Mauer und rief laut lachend:
„Sie sehen, die Ele— mente gehorchen mir, Wasser und Luft! Kom— men Sie, bitte, zu mir herauf!“
In demselben Mo— ment schlug auf der Straße, vermuthlich in dem Glauben, eine Einbrecherin vor sich zu sehen, der wider— borstigste aller Phylaxe so laut und drohend an, daß Fräulein Ma— thilde jäh erschrak und mit einem kühnen Satz, halb freiwillig, halb unfreiwillig von der Mauer in den Garten hinabsprang.
Zum Glück war der Fremde schnell genug bei der Hand, ihre zierliche Gestalt in sei— nen Armen vor einem schmerzhaften Sturze zu bewahren. Und wie sie so sicher darin ruhte, sah er sie mit lächeln— dem und strafendem Blicke zugleich an und sagte:„Sie tamen zu mir hernieder.“
„Richtig,“ rief sie halb fröhlich, halb ver⸗ legen,„Sie sollten ja doch heraufkommen!“
„Haben Sie sich auch nicht weh gethan?“ fragte er besorgt, während er sie langsam freigab.„Oder nur erschreckt? Setzen Sie sich einen Moment auf jene Bank dort unter dem Nußbaum. Später führe ich Sie— ja, wohin denn?“ unterbrach er sich zögernd.„Sie erscheinen stets wie ein Räthsel, wie eine Luft⸗ spiegelung.“
„Wir sind nach Nieder-Annendorf gekommen, um Forellen zu essen und eine hier irgendwo sein sollende Ruine zu sehen,“ sagte sie erröthend.
„Ruine? Soll das etwa der Brunnen sein, der wegen Wassermangel eingegangen ist?“
Sie lachte ausgelassen.„Oh, die arme Luise! Na, da möchte ich das Gesicht des Herrn Doktors gesehen haben!“
„Bleiben Sie noch lange in Annendorf?“ fragte der Fremde, ihr goldbraunes, krauses Haar betrachtend.
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